DIE KRIM – GESCHICHTE ALS RECHNUNG
Dass die Krim ein Zankapfel war, stand lange nicht wirklich zur Debatte. Hin und wieder gab es Stimmen, die die Zugehörigkeit in Frage stellten, eifersüchtige Blicke aus Moskau, alte Kränkungen, die man pflegte wie Erinnerungsstücke.
Aber ernsthaft stritt niemand. Selbst aus dem Kreml hieß es über Jahre hinweg mehrfach, man streite nicht darum. Die Krim gehöre der Ukraine – auch wenn man dort russisch sprach. Das wurde nicht nur gesagt. Es wurde bestätigt, unterschrieben, vertraglich festgehalten.
Was dabei meist unausgesprochen blieb: Diese Gewissheit bezog sich auf die jüngere Geschichte. Auf die Zeit nach dem Krieg, auf sowjetische Verwaltungsakte, auf Grenzziehungen innerhalb der Union. Die andere Geschichte der Krim – jene vor den Russen, vor dem Imperium – spielte in diesem Denken kaum eine Rolle. Sie wurde nicht bestritten. Sie wurde ausgeblendet.
Die offizielle Erzählung sprach von brüderlicher Freundschaft, von dreihundert Jahren Perejaslaw. Zu diesem Jubiläum gab es Gedenkmedaillen, Prägungen, Symbole – Geschichte in Metall gegossen. Ich hatte einmal eine solche Medaille in der Hand: schwer, glatt, endgültig. Eine Erzählung, die man anfassen konnte.
Daneben lief eine zweite Version, leiser. Sie stand nicht in Zeitungen, aber sie kursierte in Gesprächen – als Rechnung, die nicht vergessen war und irgendwann fällig werden sollte.
Die Krim war nach dem Krieg arm. Verwüstet, ohne Wasser, ohne Ernten. Felder verdorrt, Dörfer leer. Um dort wieder etwas wachsen zu lassen, musste der Nord-Krim-Kanal gebaut werden, der das Wasser des Dnipro bis auf die Halbinsel brachte. Ein Mammutprojekt, teuer an Geld, Material und Arbeitskraft. Geld, das Russland Anfang der fünfziger Jahre nicht hatte – auch politisch nicht übrig.
Die Ukraine hatte den Fluss, die Baukapazitäten, das unmittelbare Interesse. Russland dagegen besaß Kursk – ein Stück Erde mit dem größten Eisenerzvorkommen der Welt, schwer wie ein Schatz unter den Feldern. In Kiew hatte man nach dem Krieg durchaus erwogen, dieses Bergbaubecken der Ukrainischen Sowjetrepublik zuzuschlagen. Es lag nahe, wirtschaftlich verwandt mit dem Donbass. Die Entscheidung fiel anders. Kursk blieb, wo es war.
Und als Ausgleich, so erzählten es alte Funktionäre hinter vorgehaltener Hand, wanderte die Krim in die ukrainischen Bücher. Offiziell ein Liebesbeweis. In Wirklichkeit ein stiller Handschlag: Stahl gegen Sand, Erz gegen Küste, Wasser gegen Land.
Aus russischer Sicht war es ein politisch-taktischer Schachzug, bei dem man nur gewinnen konnte. Grenzen im Inneren zu verschieben, war kein Problem.
Sie liefen auf den Karten der Union wie mit weichem Bleistift gezogen, jederzeit radierbar. Ethnische Vermischungen gab es genug, Herkunft war ohnehin mehr Theorie als Wirklichkeit.
Die äußere Grenze blieb bestehen. Niemand verlor Land nach außen. Es war kein Fall wie Alaska, das man verkauft und damit unwiderruflich aus dem Imperium entlassen hatte. Hier tauschte man innerhalb des Hauses ein Zimmer – und das Schloss blieb in derselben Hand.
Für die Ukraine bedeutete es Arbeit. Und viel Geld. Der Nord-Krim-Kanal wurde gebaut, eine Schneise von mehr als vierhundert Kilometern, die das Wasser des Dnipro bis auf die Halbinsel führte. Ohne ihn wäre die Krim ein halbtrockener Landzipfel geblieben, gut für Weidegras, nicht für Felder. Die Kosten waren gewaltig – nicht nur in Rubeln, sondern in Menschen, Maschinen, Beton. Man nahm es auf sich. Weil die Anweisung aus Moskau kam. Und weil man damals nicht fragte, ob es sich lohnte.
Am Ende stand eine grüne Krim. Plantagen, Weingärten, Obstfelder. Bezahlt von der Ukraine, genutzt von allen. Und so lag sie da – wie ein unzerstörbarer Flugzeugträger, wie man sie gern nannte. Ein Zankapfel, den man lächelnd weiterreichte, ohne zu ahnen, wie schwer er einmal in der Hand liegen würde.
Was dabei selten ausgesprochen wurde: Die Krim war nie nur Landschaft oder Erholungsraum. Sie war militärischer Raum. Die Präsenz der russischen Armee gehörte zur Normalität, nicht zur Debatte. Sie war da, sie blieb da – und kaum jemand stellte ernsthaft in Frage, dass dies so sein sollte.
Die russische Armee war auf der Krim nicht einfach präsent, sie war stationiert – auf Pacht. Bis zu fünfundzwanzigtausend Mann, vertraglich geregelt.
Wenn Einheiten ihre Stützpunkte verließen, war eine Information der ukrainischen Behörden vorgesehen. Bewegungen wurden gemeldet, Geleitschutz angeordnet, Verfahren eingehalten. Doch es war eine Ordnung, die nicht als Kontrolle empfunden wurde, sondern als Formalität. Etwas, das man gestattete. Eine Vorschrift, die galt, weil sie galt – nicht, weil sie begrenzte.
In Moskau verstand man Zeit nicht als Verlust, sondern als Vorrat. Man stritt nicht, man drängte nicht, man ließ liegen. Jahrzehnte waren kein Problem. Rechnungen mussten nicht eingefordert werden, solange sie existierten. Was verschoben war, galt nicht als erledigt – nur als vertagt.
Jahrzehnte später schien alles geregelt. Sprache war kein Grund zum Streit. Man verstand einander. Erst 1997 öffnete in Simferopol das erste vollständig ukrainischsprachige Gymnasium – mehr Zeichen als Schule, entstanden aus Hartnäckigkeit, nicht aus staatlichem Drängen. Auch das gehörte zur Normalität.
Der Maidan war deshalb kein Bruch, sondern ein Signal. Nicht die Ursache, sondern der Moment, in dem etwas Altes wieder lesbar wurde. Plötzlich bewegte sich, was lange geruht hatte. Und wer gelernt hatte, in langen Linien zu denken, wusste: Jetzt beginnt die Rechnung.
Ich wusste, dass viele Tataren in Kiew waren. In Bussen und Autos, mit Essen, Decken, festen Schuhen. Sie standen nicht nur für Europa dort. Sie standen gegen die Rückkehr in das, woraus sie gerade erst gekommen waren. Ihre Geschichte war zu nah, um sie zu vergessen.
Auch auf der Krim sammelten sie sich. In Simferopol, auf dem Zentralplatz. Fahnen in Blau-Gelb, daneben das hellere Blau mit der goldenen Tamga. Reden, Lieder, Flugblätter. Nicht viele, aber sichtbar. Jeder wusste, dass Namen notiert, Gesichter gemerkt wurden.
Und doch blieben sie stehen.