22 DIFFUSION

DIE KRIM – Raum, Licht, Bewegung

Sie war und ist etwas Besonderes.

Nicht nur wegen der Geografie, nicht nur wegen des Klimas – sondern weil sie wie eine Insel im Meer der Geschichte liegt.

Eine Halbinsel, die nur im Norden einen schmalen Landzugang hat, zur Ukraine hin, alles andere umspült vom Schwarzen Meer. Ein Wasser, das wärmer schmeckt als jedes andere, salzig und weich, mit diesem tiefen Blau, das am Horizont in Weiß zerbricht.

Das Meer trägt Geschichten an die Küsten, aus allen Richtungen. Von den Türken, die den Norden kannten, von den Georgiern aus dem Osten, von Bulgaren und Moldawen, die den Wind rochen, bevor sie ihn sahen.

Wer hinausfährt, mit einem kleinen Boot oder einer Yacht, trifft fast immer auf Schwarzmeerdelfine – dunkel glänzend, flink wie Pfeile, neugierig genug, das Boot zu begleiten. Sie springen, tauchen, tauchen wieder auf, als wollten sie prüfen, ob der Mensch an Bord auch lächeln kann.

Die Küsten sind Gegensätze in sich. Flach und sandig bei Jewpatorija, wo das Meer in langen, silbrigen Wellen kommt. Steil und scharfkantig weiter südlich, wo Felsen ins Wasser stürzen und das Licht der Nachmittagssonne an den Klippen klebt. Dort riecht es nach Thymian, nach heißem Stein, nach Salz, das der Wind aus den Schaumkronen schlägt.

Abends färbt sich das Meer violett, und die Berge im Süden legen sich wie ein dunkler, beschützender Arm um die Buchten. Fischerboote kehren zurück, Möwen ziehen ihre Kreise, und irgendwo schlägt eine Welle gegen die Mole, gleichmäßig, wie ein Herzschlag. Die Krim ist ein Ort, an dem Landschaft und Erinnerung so eng ineinandergreifen, dass jeder Blick mehr enthält, als er zeigt.

In der Luft mischen sich das Harz der Pinien und das Salz des Meeres – zwei Gerüche, die sich nicht vermengen, sondern abwechseln, je nachdem, wie der Wind steht. Das Schwarze Meer riecht salzig und kühl, offen wie Tiefe; das Asowsche dagegen flach, schwerer, fast süßlich – nach Schlamm, Wärme und stehender Zeit. Dazwischen, vor allem im Landesinneren, liegt der süße, leicht gärende Atem der Obstgärten, als würde der Sommer selbst etwas zurücklassen wollen.

Im Norden beginnt die Steppe. Weit, trocken, gelb. Der Horizont flimmert, als hätte ihn jemand mit heißem Glas überzogen. Mittendrin Dschankoi, der Knotenpunkt der Straßen und Schienen, durch den fast jeder muss, der auf die Krim kommt oder sie wieder verlässt.

Im Westen Jewpatorija, ruhig, offen, weit. Weiter südlich Sewastopol, schwer von Marine, von grauen Kriegsschiffen und steinernen Festungen, die in den Hafen blicken. Im Osten Kertsch, Industrie, Wind, Hafen, das flachere Asowsche Meer. Und im Süden Jalta – geschützt von Bergen, weich im Licht, fast mediterran.

Stellt man sich die Krim wie eine Uhr vor, von oben betrachtet, dann liegt Jalta fast bei sechs Uhr, Sewastopol bei sieben, Jewpatorija zwischen acht und neun. Drei Uhr gehört Kertsch, vier Uhr Feodossija. Und fast im Zentrum, knapp über sechs, liegt Simferopol – das Herz der Insel ohne Insel, von dem die Straßen sternförmig in alle Richtungen laufen.

Ein Land, das sich wie eine Insel anfühlt – vom Wasser umarmt, vom Festland nur mit einem schmalen Band gehalten. Reich an Bildern und Gerüchen, an Geschichten, die im Wind hängen. Mit Orten wie Hursuf, wo die Berge ins Meer tauchen, Sudak mit seinen Festungsmauern, Alupka unter Palmen und Marmor, Koktebel mit dem Duft von Wein und Staub, Bachtschyssaraj im Hinterland, und Starij Krym, wo jede Straße nach Geschichte riecht.
Hier blühen die Weine in langen, geordneten Reihen. Nicht auf wenigen Feldern, sondern über abertausende Hektar hinweg, ein grüner Saum, der sich wie der Mantel eines Fürsten über die Hügel legt. Pinien stehen über den Uferwegen, Bienen summen, und das gleichmäßige Atmen der Wellen legt sich darunter. Eine Brise streicht über das Gesicht, salzig und kühl, wie ein flüchtiger Gruß des Meeres.

Ganz anders im Norden, wo die Luft steht, staubig und schwer. Zwei Landschaften auf einer Halbinsel. Bewegung zwischen ihnen.

Im Sommer wird die Krim zur Bühne. Millionen kommen, Jahr für Jahr. Familien aus der Ukraine, aus Kiew, Charkiw, Dnipropetrowsk, mit Autos voller Taschen, Fahrräder auf dem Dach, Kühltaschen im Kofferraum.

Aus Russland endlose Züge und Flüge aus Moskau und St. Petersburg, aus Krasnodar und Rostow. Dazu kleinere Gruppen aus Belarus und vereinzelt Fremde von weiter weg.

Die Saison beginnt im Juni, wenn das Meer endlich warm ist, und endet im September, wenn die Strände leerer werden und nur noch Einheimische barfuß durch den nassen Sand gehen. Jalta, Aluschta, Sewastopol, Jewpatorija, Feodossija – überall Handtücher in der Sonne, Musik aus tragbaren Radios, Kinder mit aufgeblasenen Tieren. Dahinter die großen, weißen Sanatorien, gefüllt mit Menschen, die hier Luft holen, Knochen wärmen, Zeit verlieren.

So liegt sie da – offen, zugänglich, scheinbar selbstverständlich.
Eine Insel im Fluss der Geschichte.
Und niemand ahnt, wie schwer sie einmal werden wird.