Ludmilla erzählte, sie habe jahrelang in einem Eisenbahnwaggon gehaust, bevor sie über Beziehungen eine Wohnung erhielt. Ludmilla hatte Glück.
Ihre Wohnung war wenigstens warm. Strom war da. Ihr Charme und die Geschäftigkeit aller hielten meine Laune aufrecht. Der Tisch wurde gedeckt, ich saß vor dem Fernseher, beobachtete das Treiben.
Dann wurde es still. Jelzins Ansprache erschien. Es war 23 Uhr. Moskau-Zeit. Das russische Jahr begann eine Stunde früher. Feuerwerk, Ballett, Gesang im Fernsehen. Reden, Trinksprüche, mir zu Ehren. Man glaubte kaum, dass ich es ernst meinte, hier zu sein.
Eine Stunde später feierten wir erneut.
Das ukrainische Neujahr. Krimsekt wurde eingeschenkt, während Präsident Kutschma gratulierte. Draußen explodierten Feuerwerke. Dazwischen das trockene Knallen von Pistolen, manchmal Gewehren. Niemand zuckte zusammen.
Der Tisch blieb noch Tage halb voll. Drei Tage aßen wir von dem, was für diesen Abend gekocht worden war. Es war der größte Feiertag. Und doch fand ich keine wirkliche Ausgelassenheit. Es war ein Fest der Familie. Des Beisammenseins. Kein Aufbruch.
Ich fragte mich, wie viele Millionen Menschen in Russland, der Ukraine, in Kasachstan, Belarus diesen Tag auf dieselbe Weise verbrachten. Drinnen, am Tisch. Der Luxus, nach Jalta zu fahren, blieb wenigen vorbehalten.
Die Ansprachen von Jelzin und Kutschma ließen mich nicht los. Man hörte ihnen zu wie Gästen, die man eingeladen hatte. Höflich. Ohne Erwartung. Erst langsam begriff ich: Die Grenze zwischen Ukraine und Russland war etwas anderes, als ich gedacht hatte. Jahrzehntelang hatte sie nur auf dem Papier existiert. Jetzt war sie da – und doch unfertig. Mehr Gedanke als Linie.
Neues Jahr, neues Glück. Ein Jahr mehr in Erwartung. Warten auf ein Morgen, das besser wird.
„So wie du das neue Jahr triffst, so wird das neue sein“, sagte man. Also feierte man. Aß. Trank. Und lebte mit dieser Hoffnung.
Nun auch ich. 1996.
Die Aufgabe der kommenden Monate war klar: Russisch lernen. Natascha bot mir einen Kurs an. Ich lehnte ab. Lieber Praxis. Autodidakt. Und es schien zu funktionieren. Um mich herum war nur Russisch. Keine deutsche Zeitung. Kein englischer Sender. Kein Internet. Alles Russisch.
Natascha, ausgebildete Philologin, hatte Geduld.
Und bald verstand ich die ersten Wörter.
Vieles lernte ich Stück für Stück. Vor dem Fernseher.
Russisch. Ukrainisch.
Ironisch daran: Fünfzehn Jahre früher hätte ich an der Uni Russisch als Freifach wählen können. Statt Englisch. Niemand kam auf die Idee. Der Eiserne Vorhang stand fünfzig Kilometer entfernt, und doch schien Russland unendlich weit weg. Fremd. Unnötig. Wie man sich täuschen kann.
Am schwersten waren die Buchstaben. Das Kyrillische. Und die Erfahrung, dass man anders sprach, als man schrieb. Worte klangen weich und hart zugleich, verschoben sich, rutschten. Ukrainisch hörte sich anders an, heller, mit einem eigenen Rhythmus. Auf der Krim aber sprach man Russisch. Fast ausschließlich.
Der Fernseher rückte mir die Sprache näher. Ich zappte durch die Kanäle. Filme liefen oft im Original, nicht synchronisiert, nur überlagert von ein, zwei Stimmen, die alle Rollen sprachen. Befremdlich für mein Ohr. Aber hilfreich. Ich kannte die Geschichten und hörte plötzlich Wörter heraus. Betonungen. Wiederholungen.
Serien kamen hinzu. Kommissar Rex lief regelmäßig. Ein Blick in eine andere Ordnung, weit weg von den endlosen Banditengeschichten. Ungeschlagen aber blieb Santa Barbara. Millionen sahen zu. Die Straßen leerten sich. Tränen flossen. Wie einst bei Dallas.
Tag für Tag lernte ich neue Wörter. Zahlen. Phrasen. Auf der Straße jedoch blieb ich oft stumm. Ich brauchte Natascha. Nur bei Zigaretten wagte ich es allein. Eines Abends, gegen zehn, ging ich zum Kiosk. Viereckig, blau, vergittert. Eine kleine Öffnung, kaum größer als ein Blatt Papier, durch die man sich bücken musste. Dahinter saß eine sehr dicke Frau. Sie aß. Sie schaute fern. Santa Barbara.
Ich bat um Zigaretten. Eine ganze Packung. Das war fast schon ein Großauftrag. Wortlos reichte sie sie mir, den Blick auf den Bildschirm geheftet.
Dann bat ich um Chips.
Keine Reaktion.
„Chips“, wiederholte ich.
Wieder nichts.
Zehn Sekunden vergingen. Langsam wandte sie sich mir zu. „Was?“
„Chips“, sagte ich noch einmal. Leiser. Bittender. Sie verstand nicht.
In meiner Verzweiflung deutete ich auf den Fernseher, führte die Hände zum Mund, machte Kau- und Krachgeräusche.
Sie nickte.
„Ah. Chips? Kartofelnyje Chipsy?“
„Ja! Chips! Haben Sie?“ sagte ich erleichtert. Nichts ist besser als ein erster Sieg.
Ihre Antwort kam ruhig, sachlich, endgültig:
„Njet.“
Ich betrat diesen Kiosk nie wieder.
Es zeigte sich schnell: Man brauchte Fantasie, um sich ohne Sprache durchzuschlagen. Auf Bildung oder Englisch im Kiosk zu hoffen, war sinnlos.
Man musste anders vorgehen.
In meinen ersten Versuchen Russisch zu sprechen, machte ich den typischen Fehler: Ich übersetzte Wort für Wort aus dem Deutschen. Anders ging es nicht. Erst mit der Zeit begann ich, Russisch zu denken. Und ebenso schnell wurde mir klar: Russisch zu sprechen heißt noch nicht, Russisch zu denken. Und Russisch zu denken, heißt noch lange nicht, Russisch zu sein. Dazwischen lagen Welten.
Was mir auffiel: Es gab viele deutsche Wörter. Eingewandert, übernommen, angepasst. Maschine. Schlagbaum. Butterbrot. Schacht. Spritze. Schokolade. Buchhalter.
Wenn mir das russische Wort fehlte, sagte ich es deutsch. Oft genügte das.
Vorsicht war geboten bei den falschen Freunden. Krug war kein Bierkrug. Kran kein Kran. Prostota keine Prostata. Man lernte schnell – oder peinlich.
Bis heute spreche ich mit Akzent. Viele hielten mich deshalb für einen Balten.
Es störte mich nicht.
Was ich lernte: Aus Defiziten lassen sich Gewinne machen. Wenn man wenig versteht, schärfen sich andere Sinne. Man achtet auf Körper, Gestik, Pausen. Auf das, was nicht gesagt wird. Man beginnt, Menschen anders zu lesen – nicht an Worten, sondern an Bewegung, Haltung, Blicken.
In dieser Zeit fiel vieles aus. Wasser. Heizung. Strom. Von warmem Wasser ganz zu schweigen.
Im siebten Stock stellte man sich darauf ein. Lavoirs. Fünf-Liter-Flaschen. Doch keine heiße Dusche? Das akzeptierte ich nicht. Ein Elektroboiler musste her. 150 Liter. Montiert – und kaum hing er an der Wand, floss plötzlich heißes Wasser durch die Leitungen.
Auch die Kälte war ein Thema. Also ein Gasofen. Türkisch. Flaschenbetrieb. Gekauft, hingestellt – es wurde warm. Wenige Monate später waren auch die Heizkörper wieder heiß.
So ging es weiter. Produkte fehlten – also ein neuer Kühlschrank. Geld war knapp – also ein Safe. Zu viele Reisen – also ein Auto. Ich verstand die Logik nicht. Aber sie funktionierte.
Alles war neu für mich. Bis ich bemerkte, dass mein Sechs-Monats-Visum ablief. Ich musste nach Wien. Über Borispol bei Kiew.
Der alte Flughafen. Erster Stock. Ein riesiger Saal. Überkuppelt, kühl, fast leer. Wenige Passagiere, die meisten Ausländer. Ich ging umher, sah sie an.
Und zum ersten Mal spürte ich etwas Unerwartetes: Ruhe.
Sie waren zu Besuch.
Ich nicht.
Ich war angekommen.
Der Rest ist Geschichte – in Waggons wie diesen erzählt.