02 DIFFUSION

Die Wohnung war groß: fünf Zimmer, hohe Räume, Parkett, schöne, wenn auch alte Möbel. Es fühlte sich an wie bei meinen Großeltern. Sie gehörte einem Pensionisten, früher General, erklärte Galina. Das saß. Da saßen wir also beim großen Unbekannten – in seiner Wohnung.

Ich betrachtete die Fotos an der Wand, wollte Galina in der Küche helfen. Sie wies mich lächelnd zurück: Das sei nicht Männersache; ich solle fernsehen. Bald stünden Teller am Tisch. Ich schaltete durch: drei Sender, kein Wort verstanden. Am Tisch fiel mir ein Gegenstand mit eingeprägten Ziffern auf. „Der Preis“, sagte Galina erstaunt über meine Unwissenheit. „50 K – 50 Kopeken. Kostet immer so.“

Ich konnte es kaum fassen: ein Produkt, dessen Preis jahrzehntelang gleichblieb. Man versteht es erst mit der Geschichte des Landes. Rätsel gab es genug.

Galina brachte Krimsekt, Kaviar und Fisch, als müsse sie etwas beweisen. Ich, der weder Fisch noch Alkohol mochte, war für dieses Land scheinbar nicht gemacht. Doch sie winkte ab: teuer sei das nicht. Ich blieb bei belegten Broten, duschte, legte mich auf das von Galina hergerichtete Sofa. Dass sie sich in dieser Nacht hörbar ein Zubrot mit Christian verdiente, störte mich nicht – und ging mich nichts an.

Am nächsten Tag mussten wir weiter: nach Jekaterinburg. Diesmal von Wnukowo aus, dem Flughafen für Inlandsflüge. Tickets hatten wir noch nicht; Buchung unmöglich.

Alexander, unser Chauffeur, trug die Koffer zum Auto – heute freundlicher, als wären wir alte Freunde. Er wuchtete die Taschen in die schwarze Wolga und grinste so breit, dass seine Goldzähne aufblitzten. So viel Gold im Kiefer hatte ich noch nie gesehen.

Moskau wirkte milder. Alexander plauderte, Galina übersetzte. Er sei Ingenieur für Hochfrequenztechnik, Spezialist für Laser. Früher in einem unaussprechlichen Institut, jetzt Taxi – wegen der Familie. Stolz zeigte er Fotos, lud uns ein, ihn bei nächster Gelegenheit zu besuchen. Im Stau raste ein Konvoi mit Blaulicht über die Sperrlinie. „Nicht Regierung“, sagte er. „Mafia.“

Ich musste zugeben: Angesichts des Staus war ich neidisch.
Nach zwei Stunden erreichten wir den Flughafen. Wir verabschiedeten uns von Sascha und gaben ihm 100 USD. „Zu viel?“ fragte ich Galina. „Warum? Er hat uns sicher hergebracht“, sagte sie – und damit war jede Buchhaltungseinwendung dahin. Sascha war froh, wir waren froh, Galina auch: Wie sich später zeigte, erhielt sie die Hälfte als Vermittlungsprovision – schwarz.

Am Flughafen Wnukowo verloren wir jede Übersicht. Türen geschlossen, andere sperrangelweit offen, Schilder ins Nichts. Galina fragte auf unsere dringende Bitte alles ab, doch wir fielen in ein Loch. Eiskalt. Schneewehen bliesen durch schlecht schließende Aluminiumtüren tief in die Halle. Eine davon führte direkt aufs Flugfeld. Keine Bewachung. Kein Hindernis.

Am Aeroflot-Schalter erfuhren wir: Der Flug steht am Plan – heute. Wann? Weiß niemand. Tickets mussten sofort bezahlt werden: ein 10×10 cm großer Zettel, von Hand ausgefüllt. Auf Sitzbänken aus alten Kinosesseln, tief in Mäntel gehüllt, warteten wir drei Stunden; die Tür quietschte, gab den Blick aufs Flugfeld frei. Heiße Getränke? Fehlanzeige. Warmer Ort? Auch nicht. Marmorverkleidung, Bilder aus früheren Zeiten. Ein verlassener Ort.

Irgendwann, es war bereits dunkel, krächzte der Lautsprecher: Einchecken. Wo? Unklar. Galina – nun fast hysterisch – klärte es, wir stapften mit Koffern über das schneeverwehte Feld zum Flugzeug. Eine IL-86. Ein Monstrum. Drei-Drei-Drei-Bestuhlung; ich rechnete: gut 400 Passagiere. Der Andrang gab mir recht.

Die Stewardess half beim Platzfinden – Platznummern gab es nicht. Wir saßen beisammen; die einzigen Europäer. Niemand zog Mantel oder Jacke aus. Unser Gepäck, beruhigte Galina, werde gerade verstaut. Die Triebwerke liefen, Wärme kroch in die Kabine. Dann die Durchsage: Man brauche dringend ein Ersatzteil, bitte um eine Sammlung unter den Passagieren. Die Kapitänsmütze ging reihum. Galina übersetzte. Ich glaubte es nicht – bis die Stewardess vor uns stand und uns mit strengem Blick ansah. Wir gaben 20 Dollar.

Aeroflot sei vor kurzem zerschlagen worden, erklärte die Stewardess später. Viele kleine Firmen, keiner traue dem anderen; alles koste Geld, daher überall Vorkasse. Die Triebwerke gingen wieder aus, es wurde kalt. Nach zwanzig Minuten kam tatsächlich ein Techniker an Bord, mit einem Teil in der Hand – unserem Teil. Niemand regte sich auf; stattdessen Applaus und „Spasibo!“. Russisch wollte ich schon immer fliegen.

Der Flug selbst: ereignislos. Ich schlief, bis ein russischer Schwarzweiß-Kriegsfilm lief. Als ich mich erneut zusammenkauerte, spürte ich Druck auf der linken Hand: die Stewardess mit einem Tablett. Huhn in Folie, unappetitliches Geschirr. Ich winkte ab.

„We are a civilized airplane. You have to eat“, sagte sie.

Sprachlos stellte ich das Tablett ab – und rührte es nicht an. Verwöhnter Europäer hin oder her; es war mir in diesem Moment egal.

Nach drei Stunden Flug wurde mir bewusst, dass wir „nur“ nach Jekaterinburg geflogen waren – und wie groß dieses Land sein musste.

Der Flughafen wirkte wie ausgestorben. Nur für uns schaltete man das Licht ein. Eine digitale Uhr zeigte rot aufleuchtend Datum und Temperatur: minus 27 Grad. Der Ural.

Ein paar Armeeangehörige, offenbar aus Moskau, wurden von salutierenden Fahrern abgeholt. Die restlichen Taxis, fast alle Wolga, warteten mit laufenden Motoren. Wir ergatterten das vorletzte, für 50 USD im Voraus – endlich einmal eine andere Summe als 50 Kopeken oder 100 USD.

Wir fuhren los. Dreimal rechts, viermal links, dann geradeaus. Kaum hatte ich mir die erste Zigarette angezündet, waren wir schon da. Ein fünfzehnstöckiges Gebäude baute sich vor uns auf. Der Fahrer hielt höflich, öffnete den Kofferraum. Wir nahmen das Angebot an und betraten fluchend das Ausländerhotel – um 1.30 Uhr nachts.