DIE REISE/ DER UMZUG AUF DIE KRIM
Es war der 22. Dezember. 1996.
In Wien hatte es leicht geschneit, dieser dünne Schnee, der mehr verspricht, als er hält. Freunde brachten mich zum Flughafen. Wir standen zu lange beieinander, sagten zu viel und doch nicht das, was man eigentlich meint, wenn etwas endet und noch niemand weiß, wie endgültig es ist. Umarmungen, ein letztes Lachen, dann das Wegdrehen – immer zuerst der, der geht.
Ich checkte mit 180 Kilo Gepäck ein. Angemeldet bei der AUA, verrechnet wurden siebzig. Ich sagte nichts. Man lernt schnell, dass Schweigen manchmal die beste Strategie ist. Ich hoffte nur, dass alles gutgehen würde.
Nach kaum anderthalb Stunden lag Kiew unter mir. Auch hier Schnee, aber härter, grauer, mehr Last als Zierde. Ich dachte an den Anschluss nach Simferopol. Und an all die Gründe, warum er vielleicht nicht funktionieren würde.
Der Zoll, vor dem ich den größten Respekt gehabt hatte – zu viele Bücher, CDs, Geschenke, Kleidung, dazu 8.000 Dollar Bargeld –, ging schneller vorbei, als mir lieb war. Der Beamte sah kurz auf meine Unterlagen, dann direkt in meine Augen. Kein Lächeln, kein Misstrauen. Nur ein Blick, der abwog, entschied, beendete. Er winkte mich durch.
Am Ausgang stand Evgeny. Sein alter Simca knatterte wie ein Relikt, das man nicht restauriert, sondern überlebt. Für hundert Dollar Fahrtspesen umarmte er mich mit einer Wärme, als hätten wir uns nach hundert Jahren wiedergefunden. Die Straßen waren glatt, die Stadt dunkel, das Licht schien müde. Er fuhr schnell, konzentriert, wortkarg.
Der Inlandsflughafen Guliani lag mitten in Kiew. Klein, ungeheizt, schales Licht. Die Aluminiumtüren quietschten bei jedem Öffnen, als müssten sie sich erst überwinden. Und doch war hier Bewegung. Valuta wechselte die Hände, Stimmen mischten sich, kurze Absprachen wurden getroffen. Ein Treffpunkt für Übergänge.
Vor den wenigen geöffneten Schaltern stand nie jemand allein. Immer schob sich ein zweiter Kopf ins Sprechfenster, stellte Fragen, die nicht an der Reihe waren. Als gäbe es keine Zeit, keine Geduld, keine Ordnung. Privatsphäre existierte nicht einmal als Idee.
Auch Evgeny mischte sich ein. Wir wussten ja nicht einmal, ob der Flieger gehen würde. Ticket ist gut. Ticket mit Flugzeug besser. Anzeigetafeln gab es keine. Nur Durchsagen, undeutlich, auf Russisch und Ukrainisch, aus einem Lautsprecher, der mehr krächzte als sprach.
Einheimische fragten sogar mich nach den Flügen. Ich hob abwehrend die Hände. „No Russki.“ Das reichte. Mehr Erklärung erwartete niemand.
Zwei Stunden vergingen. Niemand wusste etwas. Evgeny rannte hinaus, rauchte meine österreichischen Marlboro, kam wieder herein, verschwand erneut. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, der Schnauzbart zuckte, als wartete er auf ein Kommando, das ich ihm nicht geben konnte. Er brachte keine Nachrichten. Niemand brachte welche.
Es war deprimierend. Und zugleich aufregend – dieses Gefühl, dass alles möglich war, auch das Scheitern.
Dann endlich, aus dem Lautsprecher: „Simferopol.“
Ich schleppte mein riesiges Gepäck durch enge Korridore, bis es mir plötzlich entrissen wurde. Hoffentlich von Evgeny.
Der Bus zum Flugzeug war ein Abenteuer für sich. Ein Fahrzeug aus den Fünfzigern, quietschend, und dort, wo der Feuerlöscher sein sollte, steckte eine leere Coca-Cola-Flasche. Ukrainisches Know-how. Die Passagiere musterten mich, ich musterte sie. Und wir alle wussten: Ich war der Ausländer. Man erkennt das irgendwann. Am Gang. An der Kleidung. An der Frisur.
Mein Ticket war ein graugelber Zettel, kaum zehn mal zehn Zentimeter groß, Aeroflot-Aufdruck. Damit stand ich nun vor einer AN-24, einer kleinen Propellermaschine. Die Passagiere hievten ihre Koffer selbst in eine seitliche Luke, auf anderthalb Meter Höhe. Ich stand ratlos da, griff in die Tasche, bot Zigaretten an. „Baschalsta.“
Fünf Stück wechselten den Besitzer. Mein Gepäck verschwand im Bauch der Maschine. Manchmal ist es gut, Raucher zu sein.
Auf der schmalen Stiege fragte ich die Stewardess, wo ich sitzen sollte. Ihre Antwort, unbeirrbar im Englisch: „Where you like.“
Drinnen brummte die Antonov. Turboprops, asynchron, wrrrrummm–wrrrrummm. Monoton. Fast beruhigend. Nach der Sicherheitseinweisung in Russisch, Ukrainisch und Englisch schlief ich ein. Zwei Stunden später landeten wir in Simferopol.
Jahre danach, als ich selbst einmal am Steuer einer AN-24 saß, wusste ich es endgültig: Ich liebe das Fliegen. Und noch mehr mit dieser Maschine. Ein Arbeitstier. Ein Flugzeug, das man mit dem ganzen Körper spürt. Sein Charme stammt aus einer Zeit, in der Technik noch keine Angst vor Nähe hatte.
In Simferopol geschah für mich Unerwartetes. Niemand stand auf, als die Antonov zum Stillstand kam. Alle blieben sitzen. Erst als sich die Cockpittür öffnete und Pilot, Kopilot, Maschinist und Navigator den Gang entlanggingen, sich leicht verbeugten und das Flugzeug verließen, erhoben sich die Passagiere und folgten – leicht gebückt – dem Vorbild der Mannschaft.
Am Ausstieg hoffte ich, Slavik hätte einen VIP-Transport organisiert. Wer ihn kennt, weiß: eine Hoffnung ohne Grundlage. Beim kleinsten Nein gab er auf. Nach Lösungen suchte er nicht.
Ich blieb also auf dem Rollfeld zurück. Gab wieder fünf Zigaretten, damit man mir mein Gepäck auf den Beton stellte. Dann fuhr der Bus weg. Das Flugzeug wurde abgesperrt. Ich stand allein im eisigen Wind. Minus fünfzehn Grad. Schneeflocken im Gesicht. Ein Österreicher auf ukrainischem Asphalt. Alles bestens.