16 DIFFUSION

Es waren diese kleinen Momente, diese hellen Blitze in dunkler Nacht. Es waren nur wenige Berührungen, aber sie dominierten meine Wahrnehmung, die an Größe und Schärfe zugenommen hatte.

18 Stunden Zug. Verschwitzt, übel riechend, teils wankend stieg ich aus – und sah Schnee. Dennoch war es diese typische Bahnhofsluft, wie ich sie noch oft erleben sollte: ein Gemisch aus Staub der Bremsbacken, Kohle der Kessel, undichten Toiletten und schlechten Zigaretten, die immer geraucht wurden. Als ich auf die Uhr blickte, erkannte ich, dass wir pünktlich waren – was bei 1000 Kilometern schon bemerkenswert war.

Fremde Leute bildeten kleine Trauben und nahmen Päckchen, Kuverts oder anderes an sich, das während der Fahrt in den Stationen gegen kleines Entgelt dem Schaffner übergeben worden war, erklärte mir Galina, als sie meine Beobachtung bemerkte. „Das beste und schnellste Transportsystem – zumindest hier“, fügte sie stolz hinzu und lachte.

Wir waren bereits am neunten Tag unserer Reise und innerlich müde. Trotzdem mussten wir weiter – und waren hoch erfreut, als sich am überdachten Bahnsteig zwei Männer winkend zeigten, die Christian offensichtlich kannten. Und zu übersehen war Christian gewiss nicht. Ein Zwei-Meter-Mann, wuchtig wie zwei.

Einer der Männer, um die 55, in sichtbar teurer Lederjacke, begleitet von einem kräftigen Begleiter, kam auf uns zu, küsste Christian nach russischer Sitte wie einen alten Freund, gab mir die Hand, nickte Galina kurz zu – und wies leise seinen Mann an, unsere Koffer an sich zu nehmen.
Galina reagierte trotzig. Mit einem Schlag stand sie nicht mehr im Zentrum, während sich tausend Leute auf dem Bahnsteig drängten, ihr offensichtlich kalt war und sie Schritt halten musste mit den schweren Stiefeln der Männer. Vielleicht hatte sie in dieser Zugnacht schlecht geschlafen.

Robert, wie er mir im Auto vorgestellt wurde, war Wolgadeutscher – ein Begriff, mit dem ich damals wenig anzufangen wusste. Er war Direktor eines Werkes, eines jener Joint Ventures, die damals so in Mode waren. Irgendwo in Lugansk. Doch völlig überraschte mich, dass er mich auf Deutsch ansprach – mit Akzent zwar, aber doch flüssig – und fragte, wie mir hier alles gefalle.

Ich wusste nicht recht, was ich antworten sollte, erinnerte mich aber an einen Witz, den mir Yura in der Breschnjew-Datscha erzählt hatte: Eine chinesische Delegation, von Breschnjew eingeladen, kam nach drei Monaten Reise durch die Sowjetunion zurück. Breschnjew fragte sie, wie es ihnen gefallen habe. Die Chinesen antworteten auf ihre Weise: „Kinder habt ihr schöne, aber was ihr mit den Händen macht – das verstehen wir nicht.“
So antwortete ich Robert: „Dedtje u was krasiwa, nu sto wi delatje is ruka – u nas eta prosta ne panjanta.“
Er lachte laut und nickte anerkennend. Ich lehnte mich erleichtert zurück in den weichen Sitz – und blickte durch die Scheiben unseres Volvos auf das Kiew, das vor mir lag.

Kiew war anders. Nicht so dicht. Andere Häuser. Älter, weniger imposant als in Moskau. Der Verkehr floss ruhig, und trotz Schnee, schlecht geräumter Straßen und mancher spiegelglatter Stelle brachte uns der Fahrer sicher zu einem fünfstöckigen Haus, in dem ein Büro samt Übernachtungsmöglichkeit eingerichtet war. „Stabquartier“, wie es hieß.

Wir stiegen aus, der Fahrer blieb im Wagen. Fahrer hatten damals einen gewissen Sonderstatus – das sollte ich noch oft beobachten. Sie manövrierten ihre Direktoren durch tausende Kilometer abenteuerlicher Straßen und Situationen und erlangten dadurch eine enorme Vertrauensstellung. Dennoch blieben sie immer drei Schritte hinten.

Stundenlang warteten sie im Auto, nicht überall willkommen, und wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkte, reagierten sie fast betroffen. Es war kein Beruf, es war eine Profession – mit einem vergleichsweise guten Einkommen. Hundert Dollar vielleicht. Und das war viel zu jener Zeit. Wenn es hieß, zwei Nächte durchzufahren, dann fuhr man.

Unser Fahrer, oder besser: der von Robert, schien das gewohnt. Er zog sich in seine „zweite Wohnung“ zurück – den Wagen – während wir in Roberts Wohnung geleitet wurden. Dort erwartete uns eine junge Frau, hübsch, mit freundlichem Lächeln. Sie bot Kaffee und Tee an, dazu ein paar Leckereien, ehe sie uns ins Büro bat: schwarze Ledercouch, schwarze Kästen, schwarze Tische. Offensichtlich Mode und Ausdruck von Erfolg. Vielleicht gab es auch einfach keine andere Farbe. In einem Land, in dem selbst Toilettenpapier Mangelware war, durfte man sich über Möbelfarben nicht wundern.

Wir nahmen Platz, und während Christian sich mit Robert persönlich austauschte, beobachtete ich ihn. Er war einer, der sich behaupten konnte – im Chaos, das man hinterließ und bewusst förderte. Gleich sprach er die Wahl von Kutschma an, die Erwartungen an den neuen Präsidenten. Da Robert Deutsch sprach, verstand ich jedes Wort.

Kutschma, meinte er, sei ein alter Fuchs – bekannt für seine prorussische Haltung. In Westeuropa wussten wir kaum etwas über ihn, in der Presse fehlte jede tiefere Analyse seiner Geschichte und der möglichen Folgen. Umso aufmerksamer hörte ich zu. Robert schien ihn zu kennen, schien die Auswirkungen zu begreifen. Manchmal dachte ich jedoch: Er übertreibt. Wie konnte er wissen, wohin sich die Politik entwickeln würde? Vielleicht war er voreingenommen.
Doch als er von der Neuausrichtung der Partnerschaft mit Russland sprach, von Ost und West der Ukraine – nicht geteilt, aber verschieden, getrennt – war es mir zu viel. Politik, Einflüsse, Analysen. Ich klinkte mich aus. Meine Gedanken glitten zurück zu Natascha und zur Krim.

Erst Jahre später begann ich zu verstehen, was Robert uns damals eigentlich sagen wollte. Nicht alles, aber genug. Wo Linien verliefen, die man nicht sah. Wo Spannungen lagen, die längst da waren, auch wenn sie noch nicht offen zutage traten. Und dass dieses Land nie so leicht gewesen war, wie es sich manchmal gab.