Wir aßen noch und verabschiedeten uns von Yura, der fast Tränen in den Augen hatte. Er lebte hier wie ein Einsiedler. Zwar im Paradies – aber allein. Gäste hatte er selten, das spürte man.
In Simferopol mahnte Natascha zur Eile. Der Zug nach Kiew ging in 30 Minuten. Auf dem Parkplatz, direkt vor dem Bahnhof, erhob sich der große Turm mit rotem Stern und den imposanten Bögen, durch die wir mussten. Taxis, Marschrutkas, Passagiere. Eine Atmosphäre, die ich kaum greifen konnte.
Mit den Koffern vorbei an Babuschkas, die Sonnenblumenkerne, Zigaretten und Fisch verkauften, erreichten wir den Bahnsteig. Ein Mann kam auf uns zu, drückte uns die Tickets in die Hand und verschwand. Waggon 18 – ganz hinten. Wir zogen die Koffer, Meter um Meter, bis zum letzten Waggon von 24. Der Schaffner prüfte unsere Dokumente, wir stiegen ein.
Da erst begriff ich, wie schnell alles ging. Und dass es um Abschied ging.
Von Natascha. Von der Krim. Von dieser Wärme, dieser Herzlichkeit.
Und von ihrem Geruch, der mir blieb.
Eine Ansage, aus dem Lautsprecher gekrächzt, brachte nur ein Wort hervor, das ich verstand: „Kiew“. Valera und Slavik hievten unsere Koffer in den Waggon. Ich nahm Natascha bei der Hand, küsste sie flüchtig. Tränen. „Danke … für all das hier“, brachte ich noch hervor, als der Schaffner mahnend die Tür öffnete. Wir stiegen ein.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Durch die Tür, die der Schaffner mit der Hand verriegelte, sah ich sie noch im Dunkel. Der Abschied traf uns beide.
Zum ersten Mal saß ich in einem ukrainischen Zug – und er war besser, als ich erwartet hatte. Wir fuhren im „Firmeny Poisd“, einem Prestigezug.
In den billigeren Platzkart-Waggons schlief man offen mit Dutzenden, das war anstrengend. Im SW, den „Spezialwaggons“, gab es nur zwei Betten pro Abteil – teuer, leiser, bequemer. Unser Waggon aber war „Kupe“, die Mittelklasse.
Ich irrte durch den Gang, Schiebetüren teils offen, teils geschlossen. Christian und Galina hatten ihres bereits zugezogen. Beim dritten Abteil fand ich sie. Ich ließ mich auf die Bank aus braunem Kunstleder fallen. Oben waren die Liegen mit Gepäck vollgestellt, auf dem Tisch am Fenster lagen eingemachte Gurken, Wurst, Getränke.
„Woher hast du das?“, fragte ich Galina.
„Von Yura“, antwortete sie. „Er wusste von Natascha, dass wir heute mit dem Zug fahren.“
Wir aßen viel zu viel, einfach aus Langeweile. Die Stunden krochen dahin. Der Schaffner kam, bot Bettzeug an – gegen Kleingeld. Tee auch, frisch gekocht im Kesselwagen, den ich kurz später am Gang sah: ein Schaffner schaufelte Kohle, die Hitze stieg bis zu uns herauf.
Zwölf Abteile pro Waggon, rechnete ich, also 48 Leute. Bei 24 Waggons fast 1.200 Passagiere. Ein kleines rollendes Dorf. Am Gang lehnten Männer in Trainingsanzügen und starrten hinaus, als wir die Krim verließen.
Wir machten unser Bett, wurden müde, doch immer wieder riss jemand die Tür auf: „Zigaretten? Obst? Bier?“ Händler, die bei jeder Station einstiegen, den Zug durchliefen, und wieder ausstiegen. Nervig, aber fast Service.
Schlafen konnte ich kaum. Das gleichmäßige tak-tak, tak-tak des Zuges, das Wanken, die Hitze – alles hielt mich wach. In Dnepropetrowsk, gegen drei Uhr früh, stieg ich hinaus. Frische Luft, endlich. Raucher, Händler, sogar Kinder boten Waren an.
Zurück im Zug suchte ich eine Toilette. „Sanitärzone“ stand auf der Tür – gesperrt, solange der Zug im Bahnhof stand. Erst zehn Kilometer später entriegelte sie der Schaffner. Ich öffnete … und erstarrte. Gestank, Dreck. Mit allen Balancekünsten hielt ich mich aufrecht, während der Zug bremste und schaukelte. Ich brachte mein Geschäft hastig hinter mich, floh ins Abteil und ließ mich erschöpft auf die Pritsche fallen. Im Nebenabteil schnarchte jemand laut, und endlich schlief auch ich ein.
Am nächsten Morgen näherten wir uns Kiew. Weite Felder glitten am Fenster vorbei, endlos, und ich spürte die Größe des Landes. Wir frühstückten mit heißem Tee und den Resten von gestern, dann trat ich in den Gang. Frauen frisierten einander, Kinder liefen auf und ab, Männer in verschwitzten Leibchen standen vor den Toiletten. Galina kam zurück – sorgfältig zurechtgemacht, als wäre es selbstverständlich. Gepflegt zu sein schien Pflicht.
Neben mir drängten sich ein paar Männer, schwitzend, neugierig. Ich erklärte, Ausländer zu sein, und sie nickten anerkennend. Bald standen wir im Gespräch. Sie fragten, woher ich kam, und hörten aufmerksam zu, als ich von Russland, der Ukraine, der Krim erzählte. Einer reichte mir seine Visitenkarte, murmelte ein paar englische Worte und entschuldigte sich – für die Umstände, für den Zustand des Landes.
Dass sich Menschen für ihr Land entschuldigen, traf mich tief. Diese bescheidene Scham berührte mich. Für einen Augenblick begriff ich, was es hieß, in einem Land zu leben, das noch keines war. Und was es hieß, das Privileg zu haben, es jederzeit wieder verlassen zu können.
Und ehe ich begreifen konnte, was um mich geschah, wurde ich an einen Tisch in einem anderen Abteil geladen, wo auch Frauen saßen. Man verwöhnte mich mit eingemachten Tomaten, in Zeitungspapier gewickeltem Speck und allem, was heilig war. Absagen konnte ich nicht – und aussteigen auch nicht. Galina hatte sich zurückgezogen, sodass eine gewisse heitere, lockere Phrasendrescherei entstand. Mit Händen und Füßen erklärte ich, dass ich keinen Fisch essen konnte und wollte. Dreimal lief einer zu Galina und bat sie eindringlich, bis schließlich der Schaffner das rettende Wort sprach: Kiew.