12 DIFFUSION

„In der kurzen Zeit kann ich nicht alles zeigen“, erklärte sie. „Auch in vielen Jahren nicht. Evpatoria kommt nicht in Frage – so alt es ist. Auch Feodossia oder Belogorsk nicht. Der Zeitplan ist zu eng.“

Mir wurde bewusst, wie verdichtet meine Eindrücke bereits waren.

„Wir sehen immer nur die Gegenwart unserer Familie“, meinte Juri, der neben dem Kamin saß, in eine Zeitung vertieft. Ohne aufzusehen, warf er Holz nach, achtete zugleich auf mich. Dann stand er auf.

„Alles Schwachsinn!“
Galina, die gerade vorschlug, Alupka, Sewastopol und Foros zu besuchen, verstummte.
„Schwachsinn?“
Ich fragte es nicht laut. Aber da war etwas in seinem Ton, das mehr versprach als Widerspruch. Und ich wollte es hören.

Ich bat Juri, weiterzusprechen. Juri, der noch Hausmeister unter Breschnew gewesen war und ihn persönlich gekannt hatte, wusste sicher mehr.
Wir legten uns leichte Decken um die Schultern und folgten ihm in den Park.
Und so – wie ein Eingeweihter, mit ruhiger, rauer, leiser Stimme – begann er zu erzählen. Fast im Crescendo. Ohne jede Scheu vor Überwachung.
„Es ist frischer hier“, sagte er laut, deutete auf seine Ohren und bat mich um eine Zigarette.
„Amerikanische?“
„Nein, aus Österreich.“
„Egal. Sie schmecken besser als unsere.“

Er zog kräftig, machte ein paar Züge, umriss mit den Händen eine weite Bewegung – als wolle er die Krim in der Luft nachzeichnen – und begann.
„Wenn wir uns die Krim ansehen – geografisch“, sagte Juri,
„liegt sie auf der Höhe von Verona. Mit seltener, langer Küste. Vom Meer aus gut zu erreichen – ohne Ozeane, ohne große Wasserflächen zu überqueren.“
Er machte eine kurze Pause.

„Also: ideal für Eroberer.“
Wieder eine Pause.
„Und vor allem: Früher war sie eigentlich nie zu verteidigen. Die heutige Krim ist nicht wirklich russisch. Sie passt nur ideal ins russische Konzept. Vielmehr wurde sie zur russischen gemacht.“

Seine Stimme wurde ernster.
„Die Tataren – zu Hunderttausenden weggeschafft. Reiche Russen kamen. Und um das Defizit an Männern und Frauen auszugleichen, versetzte man Parteikonforme hierher.“
Er sah mich kurz an.

„Sie können sich vorstellen, dass Betriebe in Russland, der Ukraine, Kasachstan, Georgien und anderswo nicht gern ihre besten Traktoristen schickten – sondern die am Ende der Liste.“

Er zog den Satz nicht hoch, ließ ihn liegen.
„So stellte man sicher, dass die Politoffiziere die Kontrolle hatten. Und darauf konnte man bauen.“

Er atmete schwer aus. Es klang wie ein Seufzen. „Die Krim sucht sich eigentlich noch selbst.“
Dann, nach einer Weile: „Vor drei Jahren – 1991 – war es fast so weit. Sie wollte sich emanzipieren. Endlich. Und zu Recht.“
Er schnaubte leise.
„Was dann kam, war wie ein Dampfhammer. Gefährlich. Aber – das alles können Sie selbst nachlesen.“
Sein Ton blieb ruhig. Logisch. Und doch lag etwas Drängendes darin, das nachhallte.
„Was ich Ihnen aber erzählen möchte“, begann Juri,
„ist, dass die Krim de facto bereits in den zwanziger Jahren verkauft wurde.“

Er machte eine kurze Pause, strich sich durchs Haar.
„Stalin hatte die Idee, hier ein neues Jerusalem aufzubauen. Die Krim – nur für Juden. Er wollte sich so einen einflussreichen Nachbarn zueignen. Und zugleich wären die Juden der beste Schutz gegen die arabische Welt.“
Er schwieg einen Moment.

„Juden wurden tatsächlich angesiedelt. Über hundert Kolchosen gab es bereits. Und dafür bekam Stalin Geld – günstig.“
Er sah ins Dunkel.

„Ein Fonds, so hörte ich, kreditierte ihn sogar mit zehn Milliarden Dollar. Eine unglaubliche Summe für damals.“

Noch leiser:
„Als Sicherheit: die Krim. Und auch Gebiete um Cherson, im Südosten der Ukraine.“
„Es ging sogar so weit“, fuhr er fort, „dass die Deportation der Tataren genau darauf zurückzuführen sei. Sie mussten weg – damit Juden hierher konnten.“
Er senkte die Stimme.

„Dann aber starb Josef Stalin überraschend. Und Nikita Chruschtschow – der Stalin hasste – wusste sich gegen das eingeforderte Pfand nur so zu helfen: Er schrieb die Krim, die damals zu Russland gehörte, einfach der Ukraine zu. Und erklärte sich für nicht mehr zuständig.“
Ein Moment Stille.

Juri blickte hinaus aufs Meer, schüttelte langsam den Kopf.
Dann sagte er leise:
„Leonid Iljitsch Breschnew hat mir das selbst erzählt.“

Mir fiel auf, dass Breschnew hier anders genannt wurde – mit Vor- und Vatersnamen. Es verwunderte mich. Erst später verstand ich: Es war ein Ausdruck von Respekt.
Seine Stimme klang plötzlich weich, fast sehnsüchtig – als berühre er eine Zeit, die größer gewesen war als er selbst.
Niemand sagte etwas. Wir sahen einander an. Unsicher, ob er scherzte. Oder ob er es wirklich glaubte.

Konnte das stimmen?

Jahre später – im Internet, auf YouTube – konnte man darüber lesen. Aussagen wichtiger Leute hören. Aber wie so oft in Russland: Gerüchte sind meist wahrer als die Wahrheit selbst.

Am nächsten Morgen war die Stimmung heiter. Noch im Nachhall des Abends. Wir sprachen über das Gehörte. Vieles blieb offen. Und doch schien es, als hätte etwas geantwortet.

Freilich, man konnte meinen, es sei Mythos. Frei erfunden.
Und nichts hält sich hartnäckiger als ein Gerücht – gerade in einer Welt, in der Information streng verschlossen bleibt. Aber ich vertraute Juri.
So, wie er es erzählte, wirkte es nicht erfunden. Und Leonid Iljitsch Breschnew musste es ja wissen.

„Auf nach Sewastopol.“

Wieder fuhren wir im Konvoi. Zwei Stunden, bis wir an einem KPP ankamen – einem Kontroll-Propusk-Punkt, der den Weg sperrte. Damals, 1994, war Sewastopol eine gesperrte Stadt. Nur mit Ausweis und Papieren zu erreichen.
Valera sprang aus dem Auto, reichte zwei Schachteln Zigaretten, eine Flasche Wodka.
Ich sah Natascha an.
„Das glaube ich jetzt nicht“, sagte ich leise.

„Eine gesperrte Stadt? Das wusste ich nicht einmal. Und dann das.“
Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern.
„Man muss wissen, wie man wo mit wem durchfährt.“

Dann winkte Valera uns durch.
Der Soldat ließ ihn passieren, blickte uns nach, senkte den Schlagbaum.
Kaum hatten wir den Posten hinter uns, sah ich das Schild: Inkerman. Tiefster Punkt der U-Boot-Bucht.