Die Krim sei besonders geduldig, wandte sie ein, fast so, als habe sie es in diesem Moment selbst erst begriffen. „Wir haben Platz für viele. Und wir kümmern uns nicht um jedes Detail. Wir leben am Meer – da sieht man die Welt etwas seichter. Außerdem müssen wir uns um die Gäste kümmern.“
Und sie deutete lachend auf uns.
„Anders ist es in Sewastopol,“ fuhr sie fort und zeigte auf Lenin. „Dort würdest du viel mehr Blumen am Sockel sehen. Sewastopol – das ist bis heute ein Stück Sowjetunion geblieben. Eine Heldenstadt, voller Erinnerung und Pathos. Und natürlich: stationiertes Militär, russische Flotte, russisches Denken – bis heute wie unter einer Art Konklave.“
„Aber Sewastopol gehört doch zur Ukraine?“ fragte ich.
„Formal ja,“ entgegnete sie sofort. „Aber der Zerfall der Sowjetunion war nie ein völliger Bruch. Für Jelzin war es sogar die Rettung: Er ließ die Republiken ziehen – und konnte Russland so stabilisieren, bevor es implodierte.“
„Und Gorbatschow?“ hakte ich nach – fast wie ein Stichwort, das alles Russische in Frage stellen konnte.
„Ach,“ stöhnte sie, „wie sehr wir doch alle angelogen und betrogen wurden. Klar ist nur: Es war die Idee einer Ideologie, die die alte ersetzen sollte. Neu und neu verteilt. Das habe ich selbst erst vor ein paar Jahren verstanden.“
Ich schwieg, ging neben ihr her und lauschte.
„Sewastopol zum Beispiel,“ sagte sie, „hat sogar eigene Gesetze. Es wird direkt von Kiew regiert. Aber letztlich ist es Russland. Das muss man sich bewusst machen.“
In Gedanken versunken, erlebte ich Jalta wie ein Auslageschild der Sowjetunion – überquellend von Schönheit, fast wie Schaufensterware.
Als wir am Hotel Jalta ankamen, einem riesigen Komplex mit fünfzehn Stockwerken in Form eines Segels, meinte Natascha: „Eigentlich hätte ich euch hier unterbringen sollen. Für Ausländer gibt es hier immer Zimmer. Vor zehn, fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahren hätten wir als normale Bürger aber niemals hierherkommen können. Das war nur für Parteifunktionäre. Oder privilegierte Kommunisten. Fabriksdirektoren.“
„Wirklich?“ hakte ich nach.
„Das meiste, was du hier siehst – die Sanatorien rundherum – war nur für die Kommunisten.“
„Ja, aber die Kommunisten, das Volk, die Genossen,“ betonte ich, bewusst ironisch.
Sie lachte laut. Ich wurde stumm – angesichts meiner Naivität.
Nach fünf Minuten, allen Mut zusammengenommen, stellte ich die Frage, die mich seit Beginn meiner Reise beschäftigte:
„Warum hat man die Kommunisten 1989/90 nicht einfach erschossen? Als alles niederging, klar wurde, unter welcher Lüge man gelebt hatte – und dass die Funktionäre immer alles besaßen, während das Volk zwar nicht verhungerte, aber doch wenig, bis nichts hatte?“
„Als wir das erlebten,“ begann sie, „saßen wir alle sprachlos vor dem Fernseher. Stück für Stück verlor sich alles vor unseren Augen. Alles war gelogen. Alles Propaganda. Selbst die Geschichte, die wir gelernt hatten, war falsch.“
Sie erzählte, wie sie 1989 zum ersten Mal in Wien war – und begriff, was die Kommunisten der Gesellschaft angetan hatten.
„Aber wir mussten weiter. Geld verdienen. Uns durchbringen. Die Werke sperrten, Gehälter wurden kaum ausgezahlt. Und was man kaufen konnte, war so teuer, dass ein Gehalt nicht reichte. Wir waren so mit Überleben beschäftigt – und mit dem Erlernen des Neuen –, dass wir uns darum nicht kümmern wollten. Vielleicht auch aus Selbstschutz. Sonst wäre Blut geflossen.“
„Die alten Kommunisten? Tot. Nur Pensionisten, vielleicht Veteranen, glauben noch daran. Die sterben bald aus. Andere Kommunisten haben sich schnell in der neuen Regierung eingerichtet. Sie legten ihre Parteibücher ab – und sitzen heute an der Macht. Unter neuer Flagge berichten sie, auch sie seien Opfer gewesen.“
Ich dachte: Zum Teil mag das stimmen. In einem geschlossenen System war Widerstand sinnlos. Die Ideologie existierte ohne Kompromiss, konnte keine zulassen.
Das verstand ich erst viele Jahre später: Das System war erdacht – und gnadenlos umgesetzt. Weil es Nutzen brachte.
Im Russischen gibt es ein geflügeltes Wort: Kamu wigodna – „Wem bringt es etwas? Wer zieht Nutzen daraus? Cui bono.“
Sie sah mich ernst an: „Wenn man Russland aus dieser Position versteht, wirkt alles anders. Der erzielbare Nutzen – das ist der Kern. Er erklärt das Denken. Er erklärt auch die Entbehrungen. Und zum Trotz holt man sich jetzt zurück, was einst gestohlen wurde.“
„Die jahrzehntelangen Seilschaften bestehen also noch heute,“ warf ich ein.
„Und wie,“ erwiderte Natascha. „Heute sind sie Geschäftsleute, Beamte. Alle wirken zusammen, heftig miteinander. Die Ukrainer haben ihre Grenzen, die Russen ihre.“
„Aber offiziell ist der Kommunismus tot?“ fragte ich.
„Vielleicht die Ideologie. Nicht aber die Männer. Und Funktionäre. Viele trauern bis heute der Zeit nach, baden sich in Nostalgie. Sie sehnen die Zeit vor zwanzig Jahren zurück. Sie sind damit aufgewachsen – und kommen mit dem Chaos heute nicht zurecht. Aber in ein paar Jahren wird sich das ändern.“
Ich musste das erst einmal verdauen – und ließ die schweren Themen ruhen. Wir waren schließlich in Jalta.
Die nächsten Tage waren schlicht beeindruckend. Mit welchen architektonischen Höchstleistungen hier Paläste und Parks gebaut wurden – unbegreiflich.
Die Straßen führten uns von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Ich erlebte es wie im Traum.
Allein die Trasse von Jalta nach Sewastopol: breit, gut gebaut, entlang der Küste. Rechts die massiven Berge, stolz bis 1.500 Meter hoch – mit Weltruf bei Alpinisten. Links das Meer, weit hinaus Schiffe. Dort Gurzuf. Dort Alupka.
Und herrliche Villen, im Wald versteckt, nur an ihren kräftigen Dächern zu erkennen.