DEGRADATION & SABOTAGE

Man musste nur beobachten. Auf der Straße, in einem Büro, auf einer Bank, in einem Betrieb, in der Armee, manchmal genügte ein Wohnzimmer. Fast überall konnte dieselbe Bewegung auftauchen: Von oben kam Druck, und unten kam er nicht zum Stillstand. Er wurde weitergegeben.

Der Vorgesetzte konnte den Untergebenen erniedrigen, der Untergebene den Nächsten. Der Beamte ließ den Antragsteller warten, der Polizist den Autofahrer spüren, wer entscheiden durfte. In der Armee setzte sich die Hierarchie vom Offizier bis unter die Soldaten fort, im Betrieb vom Chef zum Meister und vom Meister zum Arbeiter. Manchmal reichte die Bewegung bis nach Hause.

Nicht jeder tat es und nicht immer. Aber das Muster war schwer zu übersehen. Degradation konnte wie eine Kaskade funktionieren. Erniedrigung blieb nicht dort, wo sie entstand. Wer sie nicht nach oben zurückgeben konnte, gab sie mitunter nach unten weiter. So wurde aus Macht eine Kette, in der derselbe Mensch Opfer und Träger einer Ordnung sein konnte. Dafür musste er selbst nicht mächtig sein. Es genügte, für einen Augenblick mächtiger zu sein als jemand anderes.

Vielleicht erklärt das, wie tief Hierarchie in den Alltag eindringen konnte. Sie brauchte keinen großen Apparat mehr, sobald sie sich vervielfältigte. Jeder kleine Abstand konnte genügen: Rang, Alter, Amt, Geld, Uniform, Zugang, ein Schalter, ein Stempel, eine Tür, zu der nur einer den Schlüssel hatte.

Doch dort begann auch eine Gegenbewegung. Wer nicht widersprechen konnte, konnte verzögern. Wer nicht Nein sagen durfte, konnte später sagen. Wer einen Befehl erfüllen musste, konnte ihn langsamer oder schlechter erfüllen, gerade so, dass man ihm schwer vorwerfen konnte, ihn nicht erfüllt zu haben. Sabotage musste dabei weder geplant noch bewusst sein. Sie konnte einfach darin bestehen, nur noch so viel von sich in eine Sache zu legen, wie unbedingt notwendig war.

Das Formular wurde ausgefüllt, der Bericht geschrieben, der Auftrag ausgeführt, die Arbeitszeit abgesessen. Formal war alles geschehen, und trotzdem fehlte das Ergebnis. Das System funktionierte und arbeitete dabei gegen sich selbst.

Was von oben verlangt wurde, kam unten verändert an. Verantwortung wurde weitergereicht, Zuständigkeit verschoben. Niemand wollte der Letzte sein, bei dem etwas liegen blieb. Ein Problem wanderte von Schreibtisch zu Schreibtisch, eine Entscheidung von Abteilung zu Abteilung. Der Chef verwies auf die Verwaltung, die Verwaltung auf eine Vorschrift, die Vorschrift auf eine Zuständigkeit und die Zuständigkeit auf jemanden, der gerade nicht da war. Fast immer war jemand anderes zuständig.

Auch darin lag eine Form der Sabotage: nicht etwas bewusst zu zerstören, sondern dafür zu sorgen, dass man selbst es nicht tragen musste. Je weniger funktionierte, desto mehr wurde geregelt. Von oben kam mehr Kontrolle, weil unten zu wenig geschah; unten verlangte man nach Anweisungen, weil eigene Entscheidungen Verantwortung bedeuteten. Für jede Störung entstand eine Vorschrift, für jede Vorschrift eine Unterschrift und für jede Unterschrift eine neue Zuständigkeit.

Wer entschied, konnte schuld sein. Wer nur ausführte, hatte einen Vorgesetzten.

So beantwortete die Ordnung ihr eigenes Nichtfunktionieren mit noch mehr von sich selbst. Degradation erzeugte passive Sabotage, diese erzeugte neue Kontrolle, und die zusätzliche Kontrolle verstärkte wiederum jene Mechanismen, die sie eigentlich beseitigen sollte.

Mit der Zeit sank dabei auch der Maßstab. Man gewöhnte sich an die Straße mit den Löchern, an den Schalter, vor dem man wartete, an den Betrieb, in dem immer etwas fehlte, und an Häuser, die langsam mit ihren Bewohnern verfielen.

Ich sah Wohnblöcke, in denen irgendwann niemand mehr reparierte. Oft fehlte tatsächlich das Geld. Manchmal fehlten Material oder Zuständigkeit, manchmal schlicht die Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. Also blieb die feuchte Wand feucht, der Putz fiel weiter, der Schimmel kam zurück, das Fenster zog. Man lebte darin.

Interessanter wurde es dort, wo durchaus Geld vorhanden war. Hinter einer Wohnungstür konnte plötzlich eine andere Welt beginnen: eine neue Küche, Tapeten, Parkett, Fernseher, ein renoviertes Badezimmer. Alles sauber, warm und gepflegt. Man sparte, investierte, baute um.

Doch vor der Wohnungstür endete diese Welt. Der Gang blieb dunkel, das Stiegenhaus roch nach Feuchtigkeit, der Putz bröckelte, das Geländer wackelte. Unten war die Eingangstür beschädigt, davor der Asphalt aufgerissen.

Als verliefe durch die Wohnungstür eine unsichtbare Grenze: Hier bin ich zuständig, dort nicht mehr.

Vielleicht war das eine der sichtbarsten Folgen dieser Ordnung. Das Eigene konnte gepflegt werden. Das Gemeinsame gehörte allen und damit sehr schnell niemandem. Warum sollte ich den Gang streichen oder die Lampe ersetzen? Dafür gibt es jemanden. Nur dieser Jemand kam nicht. Und wenn er kam, konnte auch er auf einen anderen Zuständigen verweisen.

So konnte ein frisch renoviertes Wohnzimmer hinter einem verfallenen Stiegenhaus liegen, ohne dass darin noch ein Widerspruch empfunden wurde. Das Private begann an der Tür, und dort endete auch die Verantwortung.

Das war wichtiger als die sichtbare Armut. Armut erklärt, warum etwas nicht repariert wird. Sie erklärt aber nicht vollständig, warum Menschen Geld in ihre Wohnung investieren und zugleich seit zwanzig Jahren durch einen verfallenden Eingang gehen. Dafür braucht es noch eine andere Erfahrung: dass das Gemeinsame nicht wirklich das Eigene ist.

Genau dort trafen sich Degradation und Sabotage. Von oben hieß es, dafür seien wir zuständig. Von unten kam die Antwort: Dann macht es. Oben geschah nichts, unten ebenfalls nicht, und das Ergebnis stand dazwischen: ein verfallenes Stiegenhaus.

Jeder Einzelne konnte erklären, warum er nichts getan hatte. Der Bewohner zahlte schließlich dafür. Der Hausmeister hatte keinen Auftrag und verwies auf die Verwaltung. Die Verwaltung hatte kein Geld, die Behörde war nicht zuständig, irgendwo fehlte eine Unterschrift. Jede Erklärung konnte stimmen.

Und trotzdem zerfiel das Haus.

Darin liegt vielleicht die vollkommenste Form einer solchen Ordnung: Niemand muss sich verantwortlich fühlen, weil jeder einen Verantwortlichen über sich hat. Druck wird nach unten weitergegeben, Verantwortung nach oben. Dazwischen kann derselbe Mensch behindert und behindernd, Opfer und Teil des Systems sein.

Und irgendwann wird aus dem Ergebnis selbst ein Beweis: Seht doch, wie wir leben. Die Straße ist kaputt, der Lohn reicht nicht, das Haus verfällt, der Betrieb funktioniert nicht, das Krankenhaus fehlt.

Der Satz ist nicht falsch. Im Gegenteil. Nur verschwinden in ihm die vielen kleinen Übergaben, durch die dieser Zustand mitentstanden ist. Jeder hat etwas weitergereicht: einen Befehl, eine Verantwortung, eine Zumutung, eine Entscheidung. Und fast jeder kann auf jemanden über sich zeigen.

Meistens sogar zu Recht.

Genau das macht die Kaskade so wirksam. Niemand muss das System bewusst sabotieren. Es genügt, gerade so viel zu tun, dass die Verantwortung nicht bei einem selbst liegen bleibt. So entsteht eine Ordnung, die sich selbst trägt und sich dabei selbst beschädigt.

Dazwischen steht das verfallene Stiegenhaus, durch das jeden Tag dieselben Menschen gehen.

Seht doch, wie wir leben.