AUF TEUFEL KOMM RAUS
Früher hieß es noch: die ganze Ukraine.
Als Kriegsziel. Als Spezialoperation. Als Z.
Kyjiw in drei Tagen. Die Faschisten besiegen. Die Banderisten. Entnazifizierung, Entmilitarisierung, ein Regime, das verschwinden müsse. Cherson, Saporischschja, Odessa.
Die Ukraine sollte nicht nur Gebiete verlieren.
Sie sollte gebrochen werden.
Kyjiw in drei Tagen. Die Faschisten besiegen. Die Banderisten. Entnazifizierung, Entmilitarisierung, ein Regime, das verschwinden müsse. Cherson, Saporischschja, Odessa. Die Ukraine sollte nicht nur Gebiete verlieren. Sie sollte gebrochen werden.
Fünf Jahre später klingt das Kriegsziel bescheidener.
Gebt uns den Donbass.
Die Krim natürlich auch, im Nachhinein anerkannt. Dazu eine Ukraine, deren militärische Möglichkeiten möglichst weit reduziert werden. Fast bis auf Null. Kein NATO-Beitritt. Neuwahlen. Keine Reparationen. Sicherheitsgarantien für Russland. Und was sich sonst noch aus einem Krieg herausholen lässt, dessen ursprüngliche Ziele offensichtlich größer waren als seine militärischen Möglichkeiten.
Interessant ist dabei weniger, dass sich Kriegsziele verändern. Das tun sie in Kriegen. Interessant ist, wie sich mit ihnen die Begründung verändert.
Heute kann man den Donbass als Sieg verkaufen. Man steht dort. Man kontrolliert große Teile davon. Man kann sagen: Dafür haben wir gekämpft. Dafür sind unsere Soldaten gestorben. Dafür waren all die Jahre notwendig.
Nur: Was genau ist dieser Donbass?
Russland verlangt nicht irgendeine organisch gewachsene Grenze zwischen einer russischen und einer ukrainischen Welt. Es verlangt im Kern die vollständigen ukrainischen Verwaltungsgebiete Luhansk und Donezk. Grenzen also, die innerhalb der Ukraine gezogen wurden und nie dafür gedacht waren, Völker, Sprachen oder Zivilisationen voneinander zu trennen.
Und genau hier wird die Begründung merkwürdig.
Nehmen wir für einen Moment die russische Erzählung ernst. Nehmen wir an, dieser Krieg sei tatsächlich notwendig gewesen, um russischsprachige Menschen vor ukrainischen Nationalisten zu schützen. Nehmen wir sogar die Behauptung ernst, man habe dort „Nazis“ vertreiben müssen.
Dann stellt sich eine erstaunlich einfache Frage:
Was geschieht fünf Meter hinter der Verwaltungsgrenze?
Endet dort die russischsprachige Bevölkerung?
Endet dort der angebliche ukrainische Nationalismus?
Darf dort plötzlich niemand mehr Russisch sprechen?
Sind die „Nazis“, die angeblich eine existentielle Gefahr dargestellt haben, auf der anderen Seite einer ehemaligen ukrainischen Oblastgrenze plötzlich kein Problem mehr?
Natürlich nicht.
Menschen, Sprache, Familien, Biographien und politische Einstellungen halten sich nicht an Verwaltungsgrenzen. Der russischsprachige Raum der Ukraine endet nicht an der Grenze der Oblast Donezk. Russisch wurde und wird in Charkiw gesprochen, in Saporischschja, in Cherson, in Odessa und weit darüber hinaus.
Gerade deshalb verrät die heutige Grenzforderung etwas über das Kriegsziel.
Die Grenze folgt nicht der Begründung.
Die Begründung folgt der Grenze.
Oder genauer: Sie folgt inzwischen dem, was militärisch und politisch noch erreichbar erscheint.
Cherson konnte nicht gehalten werden. Saporischschja wurde nicht eingenommen. Odessa blieb unerreichbar. Kyjiw erst recht. Also schrumpft der Raum, der angeblich unbedingt geschützt, befreit und entnazifiziert werden musste.
Bis er ungefähr dort endet, wo die russische Armee steht.
Das ist vielleicht die bemerkenswerteste Veränderung dieses Krieges. Nicht nur Frontlinien haben sich verschoben. Auch die Bedeutung des Wortes Sieg hat sich verschoben. Und was jenseits des neuen Kriegsziels liegt, wird deshalb nicht plötzlich verschont. Die Bomben fliegen weiter dorthin.
Aus der Unterwerfung einer Ukraine wurde ihre Neutralisierung. Aus Entnazifizierung wurden territoriale Forderungen. Aus dem großen historischen Anspruch wurde die Forderung nach zwei vollständigen ukrainischen Verwaltungsgebieten.
Man könnte auch sagen:
Das Kriegsziel wurde nicht erreicht.
Also wurde das Erreichte zum Kriegsziel.
Schon wieder Degradation.
Denn vielleicht muss man am Ende gar nicht fragen, was Russland bekommen hat. Man müsste fragen, wo Russland nach fünf Jahren Krieg steht.
Die Ukraine sollte demilitarisiert werden. Stattdessen wurde Europa aufgerüstet.
Die NATO sollte zurückgedrängt werden. Stattdessen traten Finnland und Schweden bei. Mit Finnland kamen mehr als 1.300 Kilometer neue NATO-Grenze unmittelbar an Russland heran.
Die Krim sollte Russland zur beherrschenden Macht im Schwarzen Meer machen. Stattdessen verlor die Schwarzmeerflotte einen erheblichen Teil ihrer Schiffe und musste wesentliche Kräfte von der Krim abziehen. Ein Land ohne nennenswerte eigene Kriegsmarine hat ihr die Bewegungsfreiheit im westlichen Schwarzen Meer weitgehend genommen.
Russland wollte seine Stellung als Großmacht sichern. Stattdessen lebt es unter Sanktionen, hat einen wesentlichen Teil seines europäischen Energiemarktes verloren und seine wirtschaftliche Orientierung nach Osten verschoben. China wurde dabei nicht zum kleineren Partner Russlands. Russland wurde zum kleineren Partner Chinas.
Und militärisch?
Bis Mitte 2026 schätzte CSIS die russischen Verluste auf etwa 1,4 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste, darunter möglicherweise 400.000 bis 450.000 Gefallene.
Wofür?
Vor 2014 lebten in den Oblasten Donezk und Luhansk zusammen rund 6,6 Millionen Menschen.
Wenn Russland am Ende tatsächlich Donezk und Luhansk vollständig erhält und dies zum Sieg erklärt, dann steht einem Gebiet mit ursprünglich 6,6 Millionen Einwohnern eine Größenordnung von 1,4 Millionen eigenen militärischen Verlusten gegenüber.
Ein russischer Soldat außer Gefecht für nicht einmal fünf Menschen, die dort vor diesem Krieg lebten.
Und selbst diese Rechnung ist eigentlich falsch. Denn diese Menschen wurden nicht gerettet. Millionen haben die Region verlassen. Städte wurden zerstört. Familien auseinandergerissen. Ein Teil derjenigen, deren Schutz Russland zur Begründung seines Handelns machte, lebt heute nicht mehr dort.
Hinzu kommen eine militarisierte Gesellschaft, eine auf Krieg ausgerichtete Wirtschaft und eine außenpolitische Welt, die bemerkenswert klein geworden ist. Nordkorea liefert Munition und Soldaten, Iran lieferte Drohnentechnologie, China hält Russland wirtschaftlich den Rücken frei. Das sind Beziehungen. Aber es ist eine eigentümliche Bilanz für ein Land, das mit diesem Krieg seinen Anspruch als eine der bestimmenden Mächte der Welt demonstrieren wollte.
Vielleicht ist deshalb die Frage falsch gestellt.
Nicht: Hat Russland den Donbass gewonnen?
Sondern: Was hat Russland ausgegeben, um am Ende den Donbass als Gewinn bezeichnen zu können?
Territorium lässt sich auf einer Karte einfärben. Man kann eine Grenze ziehen, einen Vertrag unterschreiben und anschließend von Sieg sprechen.
Aber man müsste die Rechnung danebenlegen.
Menschen. Schiffe. Märkte. Wohlstand. Internationale Stellung. Sicherheit. Zukunft.
Und auch Geld.
Nimmt man für die direkten und indirekten Belastungen dieses Krieges eine Größenordnung von einer Billion Dollar an und stellt ihnen die rund neun Millionen Menschen gegenüber, die vor 2014 in Donezk, Luhansk und auf der Krim lebten, ergibt sich eine groteske Relation:
mehr als 100.000 Dollar pro Einwohner.
Natürlich hätte man dieses Geld niemals einfach verteilen können. Darum geht es auch nicht.
Es zeigt nur die Größenordnung dessen, was aufgewendet wurde.
Und dann wird aus der Frage nach dem Kriegsziel eine andere:
Wenn das der Sieg wäre – wie hätte dann eine Niederlage ausgesehen?
Und noch eine Frage stellte ich mir während dieses Krieges immer wieder:
Was wäre gewesen, wenn Russland ihn nicht begonnen hätte?
Wo stünde Russland heute?
Was wäre geschehen, hätte man nur einen Teil jener ungeheuren Summen, die dieser Krieg verschlungen hat, nicht in Panzer, Raketen, Soldaten, Entschädigungen und Rüstungsfabriken gesteckt, sondern in Einfluss?
In die Ukraine.
In Wirtschaft. Infrastruktur. Unternehmen. Energie. Kultur. Medien. Beziehungen. Vielleicht sogar ganz banal in bessere Lebensbedingungen dort, wo Russland behauptete, die Menschen fühlten sich ihm ohnehin näher.
Russland besaß all diese Instrumente einmal. Sprache, gemeinsame Geschichte, Familien, Handel, Energie, Medien, persönliche Beziehungen. Millionen Ukrainer lebten mit einem Teil ihrer Biographie in Russland und mit einem anderen in der Ukraine. Die Grenze verlief nicht nur zwischen Menschen. Sie verlief manchmal durch Familien, manchmal sogar durch einen einzelnen Menschen.
Hätte Russland diese Ukraine für sich gewinnen können?
Vielleicht.
Hätte es sie politisch spalten können?
Möglicherweise.
Wir werden es nie erfahren.
Aber Russland entschied sich für das Instrument, das eine andere Entwicklung immer unwahrscheinlicher machte: Gewalt.
Es wollte verhindern, dass die Ukraine sich von Russland entfernt, und führte einen Krieg, der diese Entfernung größer machte, als sie vorher jemals gewesen war.
Vielleicht liegt darin die größte Ironie dieses Krieges.
Russland wollte die Eigenständigkeit der Ukraine relativieren und half dabei, sie stärker sichtbar zu machen als je zuvor.
Denn es entstand etwas, das vorher keineswegs selbstverständlich gewesen war:
eine Ukraine, die Russland nicht mehr braucht, um zu wissen, wer sie ist.
Und nicht nur die Ukraine weiß es heute.
Die Welt weiß es auch.
Vor diesem Krieg wussten Millionen Menschen kaum, wo die Ukraine lag. Für viele war sie irgendein Land im Osten Europas, eine ehemalige Sowjetrepublik, irgendwo zwischen Russland und Europa. Kyjiw vielleicht. Tschernobyl. Die Klitschko-Brüder. Mehr nicht.
Heute kennt die Welt ihre Städte.
Kyjiw. Charkiw. Cherson. Mariupol. Odesa. Butscha.
Menschen, die früher Mühe gehabt hätten, die Ukraine auf einer Landkarte zu zeigen, kennen heute den Donbass und wissen, wo die Krim liegt. Sie haben ukrainische Fahnen gesehen, ukrainische Flüchtlinge aufgenommen, ukrainische Namen gelernt.
Keine Werbeagentur der Welt hätte das leisten können.
Ausgerechnet Russland hat es getan.
Es wollte die Eigenständigkeit der Ukraine bestreiten und zwang Millionen Menschen rund um den Globus, sich überhaupt erst mit dieser Eigenständigkeit zu beschäftigen.
Nur der Preis dafür war entsetzlich.
Spätestens 2014 begann sich dieses Fenster zu schließen. Nach dem Maidan, nach der Krim, nach den ersten Toten im Donbas ließ sich jene Nähe, die über Jahrzehnte selbstverständlich gewesen war, nicht mehr einfach mit billigem Gas, Krediten und wirtschaftlichen Versprechen zurückholen. Russland hatte begonnen, eines seiner wertvollsten politischen Instrumente zu zerstören: die Bereitschaft eines erheblichen Teils der ukrainischen Gesellschaft, Russland überhaupt noch als etwas Eigenes, Verwandtes oder zumindest Nahes zu betrachten.
Anstatt diesen Verlust aufzuhalten, setzte Russland schließlich auf Panzer.
Und offenbarte sich damit zum wiederholten Male.
Das Muster war nicht neu, auch wenn es immer andere Formen annahm. Im Inneren hatte Tschetschenien gezeigt, wie weit Russland gehen konnte. Georgien und Moldau waren andere Fälle, Belarus noch einmal ein anderer. Mal war es Krieg, mal ein eingefrorener Konflikt, mal militärische Präsenz, wirtschaftliche Abhängigkeit oder politische Bindung.
Die Mittel unterschieden sich.
Das Verhältnis dahinter weniger.
Nähe durfte sein.
Eigenständigkeit wurde schwieriger, sobald sie bedeutete, sich auch gegen Russland entscheiden zu können.
Und genau hier bekommt die Rechnung eine zweite Bedeutung.
Was hätte Russland mit nur einem Bruchteil jener Summen erreichen können, hätte es sie nicht in Krieg investiert, sondern in die Menschen jener Gebiete, die es angeblich für sich gewinnen wollte?
Nicht in Separatisten. Nicht in Soldaten. Nicht in Raketen.
In Menschen.
Wir werden auch das nie erfahren.
Wir wissen nur, wofür Russland sich entschieden hat.
Es gab möglicherweise mehr Geld dafür aus, die Ukraine als Feind zu gewinnen, als es jemals gekostet hätte, sie als Freund zu behalten.
Vielleicht wäre selbst die Frage nach der NATO eine andere gewesen. Ein Russland, von dessen Nähe die Ukraine wirtschaftlich und politisch profitiert hätte, wäre jedenfalls schwerer als jene existentielle Bedrohung wahrgenommen worden, vor der man Schutz suchen musste.
Vielleicht hätte sich die Ukraine trotzdem dem Westen angenähert. Vielleicht auch der NATO. Niemand kann wissen, welchen Weg ein Land genommen hätte, dessen Geschichte anders verlaufen wäre.
Aber Russland hätte etwas besessen, das heute fast vollständig verloren ist:
Vertrauen.
Nicht nur in der Ukraine.
Auch andere Nachbarn hätten ein anderes Russland gesehen. Eines, das seine Größe nicht dadurch beweist, dass es kleineren Staaten etwas wegnehmen kann, sondern dadurch, dass es für sie von Vorteil ist, neben ihm zu leben. Ein Russland, dessen Einfluss daraus entsteht, dass andere seine Nähe suchen – und nicht daraus, dass sie seine Entfernung fürchten.
Vielleicht lag genau darin das Problem.
Denn diese Form von Macht verlangt etwas, das dem russischen Staatsverständnis immer wieder schwerfiel: den anderen entscheiden zu lassen.
Man hätte die Ukraine an sich binden müssen, ohne sie zu besitzen.
Man hätte akzeptieren müssen, dass Freundschaft keine Unterwerfung ist und Einfluss kein Eigentumsrecht.
Stattdessen griff man auf das ältere Verständnis von Macht zurück.
Was man nicht an sich binden kann, versucht man festzuhalten.
Was sich nicht festhalten lässt, versucht man zu zwingen.
Und was sich auch dann noch entzieht, nimmt man sich.
Auf Teufel komm raus.