DAS BILD

Bleiben wir dabei: Die Russische Föderation einfach Russland zu nennen. Das tun ohnehin fast alle. Es ist kürzer, vertrauter, selbstverständlicher. Und vielleicht beginnt das Bild schon dort. Denn was sehen wir, wenn wir Russland sagen?

Sehen wir auf eine Weltkarte, ist die Antwort zunächst gewaltig. Russland reicht von Europa bis an den Pazifik, über elf Zeitzonen, fast wie ein eigener Kontinent. Neben ihm wirken andere Staaten klein. Fläche wird zu Größe, Größe zu Bedeutung, Bedeutung zu Macht. Dabei haben wir noch nichts gesehen als eine Karte. Sobald wir Russland nicht mehr als Fläche, sondern als bewohnten und wirtschaftlichen Raum betrachten, verschieben sich die Verhältnisse. Die Fläche bleibt dieselbe, nur das Bild verändert sich. Territoriale Ausdehnung ist nicht wirtschaftliche Stärke, Rohstoffreichtum nicht Wohlstand, Zerstörungsfähigkeit nicht militärische Überlegenheit. Und Größe ist nicht automatisch Macht.

Vielleicht ist Russland weniger eine Konstruktion als eine Imitation. Nicht weil nichts vorhanden wäre, sondern weil das Vorhandene eine Bedeutung erhält, die größer ist als das Vorhandene selbst. Eine vollkommen erfundene Kulisse würde niemand glauben. Russland besitzt eine Armee, hält Wahlen ab, hat Parlamente, Gerichte und eine Verfassung. All das existiert. Die Kulisse besteht aus wirklichem Material. Und gerade deshalb funktioniert sie.

Die interessantere Frage ist also nicht nur, warum Russland dieses Bild erzeugt, sondern warum wir so bereit sind, es zu sehen. Es in gewisser Weise sogar schützen wollen. Vielleicht weil wir es kennen. Wir im europäischen Westen haben diese Vorstellung von Macht nicht nur betrachtet, wir haben sie selbst einmal gemalt. Jahrhundertelang bedeutete Größe auch bei uns Fläche, Armee, Einfluss und Sieg. Russland verwendet eine Bildsprache, die uns nicht fremd ist. Und sie besitzt einen Vorteil: Sie ist einfach.

Demokratische Macht ist verteilt, langsam, widersprüchlich und oft schwer zu erkennen. Sie verhandelt, wird begrenzt, scheitert, korrigiert sich und muss Entscheidungen begründen. Autoritäre Macht ist leichter zu sehen. Ein Präsident. Eine Armee. Eine Entscheidung. Eine Rakete. Eine Grenze. Konzentrierte Macht sieht nach Macht aus. Vielleicht haben wir Russland deshalb manchmal für mächtiger gehalten, als es war. Nicht nur, weil Russland seine Macht inszenierte, sondern weil wir wussten, wie dieses Bild zu lesen ist.

Doch irgendwann geschieht etwas Entscheidendes. Russland imitiert nicht mehr nur die Formen, mit denen wir Macht, Wohlstand und Staatlichkeit verbinden. Es beginnt, sein eigenes Russlandbild zu imitieren: das Bild des mächtigen, souveränen, geschlossenen, historisch großen Staates. Dann genügt es nicht mehr, dieses Bild zu zeigen. Die Wirklichkeit selbst muss ihm ähnlich werden. Nicht das Bild wird an die Wirklichkeit angepasst, sondern die Wirklichkeit an das Bild.

Damit verändert sich auch die Geschichte. Sie erklärt nicht mehr nur, wie Russland geworden ist, sondern liefert Material dafür, wie Russland sich heute sehen soll. Was gestern im Schatten lag, wird heute angestrahlt. Was verschwunden war, kann wieder zum Gründungsmythos werden. Die Vergangenheit bleibt. Nur das Licht wird anders gesetzt.

Für ein solches Bild braucht es zwei: einen, der es erzeugt, und einen, für den es funktioniert.

Aber selbst das reicht nicht. Denn manche sehen die Größe Russlands vielleicht nicht nur. Sie brauchen sie. Ein großes Russland erfüllt eine Funktion. Es steht als Gegenbild zu jenem Westen bereit, von dem erzählt wird, er zerstöre die eigene Lebensform. Wer diese Erzählung übernimmt, braucht etwas, das groß genug erscheint, ihm entgegenzutreten. Und dort steht Russland: riesig auf der Karte, bewaffnet, rohstoffreich, unnachgiebig.

Nicht unbedingt die russische Wirklichkeit wird bewundert, sondern das Bild einer Gegenmacht. Vielleicht wollen manche gar nicht selbst so sein. Vielleicht genügt ihnen, dass irgendwo jemand so ist und dass seine Macht eines Tages auf ihrer Seite stehen könnte. Dann wird Macht nicht mehr danach beurteilt, wie sie begrenzt wird, sondern danach, gegen wen sie sich richtet. Man will sie nicht kontrollieren. Man will sie auf seiner Seite.

Dafür muss Russland niemanden davon überzeugen, dass seine Gesellschaft besser funktioniert. Es genügt, wenn man glaubt, dass seine Macht groß genug ist. Wer auf einen Schutzwall hofft, fragt irgendwann nicht mehr so genau, was hinter dessen Mauern geschieht. Er fragt, ob sie hoch genug sind.

Ein Bild muss nicht geglaubt werden, um zu funktionieren. Auch innerhalb Russlands kennen viele den Abstand zwischen Darstellung und Wirklichkeit. Das System funktioniert nicht nur dort, wo Menschen seiner Darstellung glauben. Es funktioniert auch dort, wo sie sich mit ihr arrangieren, obwohl sie es besser wissen.

Das erklärt das eine der bemerkenswertesten Eigenschaften russischer Propaganda. Sie verschweigt vieles von dem, woran Russland leidet, gar nicht. Sie verlegt es. Korruption gibt es – dort. Oligarchen gibt es – dort. Faschismus gibt es – dort. Der moralische Verfall – dort. Die Begriffe sind vorhanden. Man besitzt die Sprache für die eigenen Widersprüche. Nur die Adresse wird geändert.

Man muss das, was dem eigenen Bild widerspricht, nicht leugnen. Man kann es auslagern. So wird die Imitation permanent. Die Wirklichkeit darf widersprechen, solange der Widerspruch dem anderen gehört.

Vielleicht ist das eine besonders vollkommene Form der Degradation: Eine Gesellschaft verliert nicht die Fähigkeit, Wirklichkeit zu erkennen. Sie verliert die Fähigkeit, das Erkannte auf sich selbst anzuwenden.