MEDIEN
Wir wollen daran glauben.
Vielleicht beginnt es schon damit. Wir suchen nicht nur nach Informationen. Wir suchen nach Kanälen, die zu uns passen, nach Stimmen, die unser Weltbild bestätigen, nach Menschen, die aussprechen, was wir ohnehin vermuten. Wir abonnieren, kommentieren und empfehlen weiter und bemerken irgendwann nicht mehr, wie klein die Welt geworden ist, in der wir uns bewegen.
Titel wie Die Wahrheit über Russland oder Die Wahrheit über die Ukraine sind dafür beinahe vollkommen. Sie versprechen keine Sichtweise, keine Recherche und kein Argument. Sie versprechen Wahrheit und behaupten damit zugleich, dass außerhalb dieser Wahrheit die Lüge beginnt. Das Merkwürdige daran ist, dass wir genau das beklagen. Wir klagen darüber, belogen zu werden, über Propaganda, Manipulation, gelenkte Medien und verschwiegene Tatsachen. Wir fürchten, dass andere unsere Wirklichkeit konstruieren, und beginnen deshalb, sie selbst zu konstruieren.
Vielleicht liegt darin eine eigentümliche Umkehr. Weil wir wissen, wie leicht wir selbst auswählen, weglassen, glauben und verwerfen, unterstellen wir dasselbe allen anderen. Wenn ich mir meine Wahrheit zusammensuche, werden die anderen es wohl genauso tun. Dann steht nicht mehr eine Behauptung gegen eine andere, die sich prüfen ließe, sondern meine Wirklichkeit gegen deine. Die überprüfbare Wirklichkeit verschwindet dabei nicht. Wir verlieren nur die Bereitschaft, uns ihr auszusetzen.
Wir sollten ohnehin vorsichtig sein mit der Behauptung, ein Land, eine Gesellschaft oder gar ein Volk verstanden zu haben. Selbst die Menschen, die in Russland leben, verstehen Russland nicht auf dieselbe Weise. Wie sollten wir es dann nach zwanzig Videos, hundert Kommentaren und drei selbstgewählten Kanälen verstehen? Und dennoch sind wir erstaunlich schnell fertig mit unserem Urteil. Im Netz lässt sich Gewissheit leichter verkaufen als Zweifel. Wer sagt, dass etwas kompliziert ist, verlangt uns etwas ab. Wer sagt, wie es wirklich ist, nimmt uns etwas ab.
Vielleicht liegt das eigentliche Problem aber noch tiefer. Wir suchen Bestätigung nicht nur, weil sie angenehm ist. Wir brauchen sie auch, weil sie uns entlastet. Zwischen dem, was wir sehen, und dem, was daraus für uns folgen könnte, liegt eine Spannung. Je eindeutiger eine Wirklichkeit wird, desto schwieriger wird es, sich ihr gegenüber neutral zu verhalten. Also beginnen wir, sie wieder uneindeutig zu machen.
Dafür eignet sich ausgerechnet der Zweifel. Zweifel ist notwendig, weil ohne ihn keine Prüfung möglich ist. Aber er kann seine Richtung verändern. Wir zweifeln dann nicht mehr, um genauer zu erkennen, sondern um uns nicht festlegen zu müssen. Wir finden historische Zusammenhänge, strategische Interessen, Fehler der anderen Seite, Widersprüche in der Berichterstattung und für beinahe alles ein Aber. Jede einzelne dieser Fragen kann berechtigt sein. Erst ihre Funktion verändert sich. Das Aber wird zum Schutzschild, hinter dem das Urteil immer weiter aufgeschoben werden kann.
Vielleicht ist das eine Form der Gedankenlosigkeit, die gerade deshalb so schwer zu erkennen ist, weil sie voller Gedanken steckt. Wir lesen, vergleichen, argumentieren, recherchieren und erklären. Wir sind nicht gedankenlos, weil wir zu wenig denken. Wir können es werden, weil wir unser Denken in eine bestimmte Richtung lenken: fort von jener Stelle, an der es gegen uns selbst gerichtet werden müsste.
Dummheit wäre dafür beinahe das falsche Wort. Ein intelligenter Mensch kann darin besonders geschickt sein. Er findet mehr Gründe, mehr Zusammenhänge, mehr Widersprüche und bessere Argumente. Er kann jede Tatsache in einen größeren Kontext stellen, bis sie darin beinahe verschwindet. Vielleicht besteht Dummheit manchmal gerade darin, intelligent genug zu sein, für alles eine Erklärung zu finden, und nicht mehr klug genug, eine Erklärung auch gegen sich selbst gelten zu lassen.
Dabei geht etwas verloren, das grundlegender ist als die richtige Meinung. Wir verlieren die gemeinsame Welt. Menschen können dieselbe Wirklichkeit vollkommen unterschiedlich beurteilen. Das ist nicht ihr Zerfall, sondern eine Voraussetzung von Politik. Wir können darüber streiten, warum etwas geschah, wer verantwortlich ist und welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollen. Aber dieser Streit setzt voraus, dass etwas geschehen sein darf, bevor wir es interpretieren. Wenn bereits die Tatsache selbst nur noch danach beurteilt wird, welchem Lager sie nützt, gibt es keinen gemeinsamen Gegenstand des Streits mehr. Es gibt nur noch Zugehörigkeiten.
Dann wird auch Propaganda einfacher. Sie muss uns nicht mehr unbedingt davon überzeugen, dass eine bestimmte Geschichte wahr ist. Es kann genügen, uns davon zu überzeugen, dass ohnehin niemand wissen kann, was wahr ist. Man muss eine Lüge nicht glauben, damit sie funktioniert. Es kann genügen, Wahrheit für grundsätzlich unerkennbar zu halten. Aus „Ich weiß es nicht“ wird „Man kann es nicht wissen“, aus „Ich kann wenig tun“ wird „Man kann nichts tun“, und aus „Es ist kompliziert“ wird die Behauptung, niemand könne mehr urteilen.
Vielleicht ist genau dieses Urteil das Problem. Solange ich nicht urteile, bleibe ich frei von seiner Konsequenz. Wenn ich aber irgendwann sage: Nein, das ist geschehen, und ich halte es für Unrecht, habe ich mich festgelegt. Nicht darauf, einen Krieg zu führen, einen Gefangenen zu befreien oder eine Regierung zu stürzen. Verantwortung beginnt viel früher. Ich kann mein weiteres Denken nicht mehr redlich so organisieren, als hätte ich dieses Urteil nie gefällt.
Vielleicht braucht Unrecht deshalb viel weniger überzeugte Anhänger, als wir glauben. Es braucht nicht immer Begeisterung und nicht einmal Zustimmung. Es kann von Menschen profitieren, die zweifeln, erklären, relativieren, sich für unzuständig halten und weitermachen. Das Außergewöhnliche kann sich auf sehr gewöhnliche Verhaltensweisen stützen.
In einer Diktatur kann dieser Rückzug erzwungen werden. Menschen schweigen aus Angst, Informationen werden unterdrückt, Medien kontrolliert und Widerspruch bestraft. Das darf man nicht mit einer freien Gesellschaft gleichsetzen. Aber gerade deshalb stellt sich in einer freien Gesellschaft eine andere Frage. Was machen wir mit einer Freiheit, die uns niemand abnimmt? Wir dürfen suchen, vergleichen, widersprechen, schreiben, demonstrieren, wählen und fragen. Und wir können ausgerechnet diese Freiheit dazu benutzen, uns eine Wirklichkeit zu bauen, in der wir möglichst wenig von uns selbst verlangen müssen.
Ich habe das bei der Ukraine vielleicht früher verstanden, weil sie für mich nie nur ein Gegenstand der Nachrichten war. Wenn über dieses Land gesprochen wurde, sprach man über eine Wirklichkeit, in der ich viele Jahre gelebt hatte. Ich hörte historische Erklärungen und Forderungen nach Realismus. Die Ukraine müsse nachgeben, Gebiete abtreten, die Wirklichkeit anerkennen. Man konnte darüber diskutieren, als läge auf dem Tisch eine Karte und nicht das Leben anderer Menschen.
Mich beschäftigte dabei weniger, ob jeder Vorschlag falsch war, als die Leichtigkeit, mit der eine Tatsache hinter ihrer Erklärung verschwand: Ein Land war angegriffen worden. Das musste nicht jede weitere Frage beantworten. Aber es durfte auch nicht erst dann gelten, wenn uns die Antwort auf alle weiteren Fragen gefiel.
Ein Einzelner kann einen Krieg nicht beenden. Menschen können aus Angst schweigen oder tatsächlich nicht wissen, was sie tun sollen. Die Frage ist, ob wir unser Urteil verändern, weil wir nicht handeln können, oder ob wir es verändern, damit wir uns zu nichts mehr verhalten müssen.
Dort beginnt für mich die Degradation des Denkens. Nicht beim Irrtum und nicht beim Zweifel. Sondern dort, wo Zweifel dazu dient, die Bindung durch das eigene Urteil aufzulösen. Wir prüfen nicht mehr, was an unserer Auffassung falsch sein könnte. Wir suchen so lange nach einem weiteren Aber, bis uns die Wirklichkeit nicht mehr erreicht.
Wir lesen, analysieren und erklären. Nur lassen wir unser Denken genau dort enden, wo es beginnen würde, uns selbst zu verpflichten.