HAMMER UND SICHEL
Während der Annexion der Krim sah ich sie plötzlich wieder.
Rote Fahnen. Hammer und Sichel.
Natürlich waren sie nie ganz verschwunden. In Russland sah man sie am 9. Mai, bei Aufmärschen, bei Gedenkveranstaltungen. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, es wurden mehr. Oder vielleicht sah ich sie nur anders.
Auf der Krim jedenfalls standen sie plötzlich neben den russischen Fahnen. Hier bei uns!
Das irritierte mich. Hier wurde gerade behauptet, etwas kehre nach Russland zurück. Und ausgerechnet dabei tauchte das Symbol eines Staates auf, den es seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gab.
Mehr als Embleme des Kommunismus. Man kann in ihnen zwei einfache Bewegungen sehen: Arbeit und Ernte. Der Hammer verändert etwas. Die Sichel bringt ein, was gewachsen ist. Der Mensch arbeitet. Etwas entsteht.
Eigentlich eine erstaunlich unmittelbare Verbindung.
Nur war es genau diese Unmittelbarkeit, die im System immer weniger existierte.
Zwischen Arbeit und Ertrag schob sich ein immer größerer Raum, den der Staat beherrschte. Nicht nur als Eigentümer, sondern als Verteiler. Er bestimmte, was produziert wurde, wohin es ging, was es kostete und wer darüber verfügen durfte.
Damit entstand ein Raum, den Hammer und Sichel nicht zeigten.
Der Raum dazwischen.
Dort wurde geplant, verteilt, zugeteilt, genehmigt und verweigert. Dort saßen Verwaltungen, Direktoren, Parteisekretäre, Behörden. Dort entschied sich, wer etwas bekam, wer warten musste und wer jemanden kannte, der eine Tür öffnen konnte. Je größer dieser Raum wurde, desto weniger entschied allein die Leistung darüber, was jemand bekam.
Etwas anderes gewann an Bedeutung: Zugang:
Zugang zu Waren. Zu Wohnungen. Zu Positionen. Zu Entscheidungen. Zu Menschen, die entscheiden konnten.
Wo etwas knapp war, wurde derjenige wichtig, der darüber verfügte. Wo der offizielle Weg nicht funktionierte, derjenige, der einen anderen kannte.
Damit war Korruption noch nicht erklärt. Und schon gar nicht zwangsläufig. Aber etwas war entstanden, das sie begünstigte: Der Wert verlagerte sich vom Geschaffenen auf den Zugriff darauf.
Hammer und Sichel verschwanden von Fahnen, Gebäuden und Ämtern. Und dann tauchten sie wieder auf.
Vielleicht war genau das der Grund, warum mich diese Fahnen auf der Krim so irritierten. Nicht weil die Sowjetunion zurückgekehrt wäre. Das war sie nicht.
Aber etwas, das sie hinterlassen hatte, war nie wirklich verschwunden. Der Raum dazwischen. Dort lag etwas, das weniger sichtbar war als Hammer und Sichel und beide überdauerte: Korruption.
Bestechung ist eine Tat. Korruption ist ein Klima. Das eine ist ein Umschlag, ein Gefallen, ein Anruf, eine Unterschrift. Das andere beginnt dort, wo niemand mehr überrascht ist, wo man weiß, wen man fragen muss, wem man etwas schuldet und welcher Weg zwar offiziell existiert, aber besser nicht benutzt wird. Korruption ist dann kein Ausrutscher mehr, sondern eine Ordnung neben der Ordnung.
Ihre eigentliche Kraft liegt nicht nur im persönlichen Vorteil. Sie ersetzt Vertrauen durch Abhängigkeit. Wer profitiert, wird verwundbar, und wer verwundbar ist, wird berechenbar. Jeder weiß etwas, jeder schuldet etwas, jeder könnte irgendwann etwas verlieren. Das System muss deshalb gar nicht ständig offen zuschlagen. Die gegenseitige Erpressbarkeit seiner Teilnehmer kann wirksamer sein.
Der Kommunismus beseitigte diese Mechanik nicht. In vieler Hinsicht gab er ihr neue Räume. Privateigentum wurde eingeschränkt oder abgeschafft, doch der Wunsch nach Besitz, Vorteil und Sicherheit verschwand nicht. Wo Dinge knapp waren, bekam der Zugang zu ihnen einen eigenen Wert. Wer Wohnungen, Autos, Waren, Reisen, Posten oder Genehmigungen verteilen konnte, verfügte über etwas, das manchmal wertvoller war als Geld.
Besitz wurde beschränkt, Zugang wurde zur Währung. Macht hatte, wer Knappheit verwaltete. Gleichheit wurde gepredigt, während Beziehungen darüber entschieden, wer etwas bekam. Unter der offiziellen Ökonomie entstand eine zweite, informelle. Korruption war damit nicht bloß Verrat am System. Sie wurde Teil seines Alltags.
Nach 1991 änderten sich die Begriffe schneller als die Gewohnheiten. Eigentum kehrte zurück, Märkte entstanden, Unternehmen wurden gegründet und Vermögen verteilt. Aber dort, wo Recht und Institutionen schwach blieben, blieb die alte Frage bestehen: nicht nur Was gehört mir?, sondern wer garantiert, dass es morgen noch mir gehört?
Die Antwort lag häufig nicht im Vertrag, sondern in der Position. Aus Parteiverbindungen wurden Netzwerke, aus Genossen Geschäftspartner, aus administrativem Zugang wirtschaftlicher Zugriff. Wer richtig eingebettet war, konnte aufsteigen. Wer seine Stellung verlor, entdeckte mitunter sehr schnell, wie relativ Eigentum sein konnte.
Damit bekam Korruption verschiedene Gesichter. Unten konnte sie Überlebensstrategie sein: eine Zahlung, damit etwas überhaupt geschah, ein Geschenk, damit eine Behandlung möglich wurde, ein Gefallen, damit ein Amt tat, wofür es eigentlich zuständig war. In der Mitte wurde sie zum Instrument der Bindung durch Posten, Aufträge, Schutz und Genehmigungen. Ganz oben veränderte sie ihre Natur. Dort ging es nicht mehr nur darum, wer stahl, sondern zunehmend darum, wer stehlen durfte.
An diesem Punkt hört Korruption auf, bloß wirtschaftlich zu sein. Macht selbst wird zur Währung. Wer über die Regeln verfügt, muss sie nicht mehr brechen. Er entscheidet, für wen sie gelten. So kann Korruption trotz ihrer offensichtlichen Ineffizienz erstaunlich stabil sein. Ökonomisch vernichtet sie Wert, politisch erzeugt sie Abhängigkeit. Für ein System, das Abhängigkeit höher bewertet als Effizienz, ist das kein Widerspruch.
Gerade darin liegt ihre politische Stärke. Jeder findet irgendwie einen Weg, und gerade deshalb entsteht so selten ein neuer. Wo Entscheidungen von Beziehungen abhängen, wird Unabhängigkeit gefährlich. Denn wer niemanden mehr braucht, ist auch schwerer zu kontrollieren.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Annexion der Krim noch einmal anders betrachten. Nicht als Folge von Korruption – das wäre zu einfach. Aber nach der militärischen und politischen Aneignung begann auch die Einbindung in ein bestehendes System von Zugriff, Abhängigkeit und Loyalität. Eigentumsverhältnisse änderten sich, Märkte wurden neu ausgerichtet, staatliche Gelder flossen, neue Eliten entstanden, andere verschwanden.
Dabei wurde nicht nur Territorium eingegliedert. Es wurde Verfügbarkeit hergestellt.
Dieses Wort verbindet für mich die verschiedenen Ebenen. Der Beamte muss verfügbar sein, der Unternehmer, der Richter, der Gouverneur, das Vermögen und am Ende sogar das Territorium. Wer verfügbar ist, kann eingesetzt werden; wer unabhängig ist, entzieht sich dem Zugriff.
Damit wird auch verständlicher, weshalb Freiheit in einer solchen Ordnung nicht automatisch wie ein Geschenk wirken muss. Sie bedeutet nicht nur, tun zu dürfen, was man will. Sie bedeutet auch, ohne jene Beziehungen auszukommen, die einen bisher geschützt haben. Wer lange in Abhängigkeiten gelebt hat, kann Unabhängigkeit zunächst als Unsicherheit erleben.
Die Ukraine ist dabei kein sauberes Gegenbild. Korruption gab und gibt es dort in erheblichem Ausmaß. Gerade deshalb wäre eine moralische Gegenüberstellung zu einfach. Interessanter ist der Streit darum. Korruption kann öffentlich benannt, journalistisch aufgedeckt, politisch bekämpft, vor Gericht gebracht und bei Wahlen zum Thema werden. Das garantiert keinen Erfolg. Aber solange um sie gestritten wird, ist noch nicht entschieden, dass sie selbst die Ordnung sein darf.
Dort verläuft eine entscheidende Grenze: nicht zwischen korrupt und unkorrupt, sondern zwischen einem System, in dem Korruption die Ordnung verletzt, und einem, in dem sie selbst Ordnung erzeugt.
Was sich dabei ausdehnt, ist deshalb nicht einfach ein Imperium im alten Sinn. Es ist auch ein Modell davon, wie Sicherheit entsteht, Loyalität hergestellt, Besitz geschützt und Macht verteilt wird: nicht allein durch Gesetz, sondern durch Nähe und Verstrickung; nicht durch Unabhängigkeit, sondern durch Verfügbarkeit.
Hammer und Sichel können verschwinden.
Das Geflecht bleibt.