SUDBA?

Es wirkt wie Schicksal.

In Russland lässt sich beobachten, wie daraus ein Zustand werden kann. Nicht als Ausnahme, sondern als Form. Was, wenn Menschen nicht deshalb zustimmen, weil sie überzeugt sind, sondern weil sie gelernt haben, dass Widerspruch nichts verändert? Weil Teilhabe sicherer erscheint als Abstand, irgendwann sogar beim Krieg und bei dem, was man rechtfertigen muss, um es ertragen zu können?

Dann verschiebt sich langsam die Grenze zwischen dem, was man selbst tut, und dem, was man lediglich hinnimmt. Zustimmung muss dabei gar nicht ausdrücklich erfolgen. Es genügt, dass Widerspruch seine Wirkung verliert. Man beteiligt sich, weil Abstand nichts mehr schützt, man schweigt, weil Reden nichts verändert, und irgendwann wird aus all diesen einzelnen Anpassungen etwas, das von außen sogar wie Begeisterung aussehen kann.

Vielleicht erklärt das jene eigentümlichen Momente kollektiver Erregung, die sich bis zur Hysterie steigern können. Nicht jeder, der darin mitgeht, muss überzeugt sein. Manchmal trägt sich eine Bewegung einfach deshalb weiter, weil es schwieriger geworden ist, aus ihr herauszutreten. Selbst Panik löst diesen Zustand nicht unbedingt auf. Sie kann ihn sogar verengen. Je größer die Bedrohung erscheint, desto weniger Möglichkeiten bleiben denkbar.

Und damit verändert sich auch die Bedeutung einer Niederlage.

Solange ein Krieg geführt wird, kann Verantwortung vertagt werden. Man kann auf das Ziel verweisen, auf den Sieg, auf die Notwendigkeit durchzuhalten. Man kann Verluste mit dem erklären, was noch erreicht werden soll. Eine Niederlage dagegen würde diese Bewegung unterbrechen. Plötzlich wäre der Blick nicht mehr nach vorne gerichtet, sondern zurück.

Dann kämen andere Fragen. Was war das Ziel? Was wurde erreicht? Was hat es gekostet? Wer hat entschieden? Wer hat ausgeführt, wer gerechtfertigt, wer geschwiegen und wer einfach weitergemacht?

Vielleicht liegt darin ein Grund, weshalb der Sieg irgendwann seine ursprüngliche Bedeutung verlieren kann. Er ist dann nicht mehr nur das Ziel des Krieges. Er wird zur Bedingung dafür, dass bestimmte Fragen nicht gestellt werden müssen.

Nicht weil der Sieg noch erreichbar sein muss, sondern weil die Alternative schwerer auszuhalten wäre.

Damit verändert sich auch die Rechnung der Kosten. Verluste werden nicht mehr daran gemessen, was mit ihnen erreicht werden kann, sondern an dem, was verhindert werden soll. Solange der Krieg weitergeht, bleibt auch seine Rechtfertigung offen. Jeder weitere Verlust kann noch mit einem zukünftigen Ergebnis verrechnet werden. Erst das Ende würde die Bilanz schließen.

Vielleicht entsteht gerade daraus jene eigentümliche Notwendigkeit des Weitergehens. Nicht unbedingt, weil jemand noch an den ursprünglichen Sieg glaubt, sondern weil Stillstand bedeuten würde, sich dem bereits Geschehenen zuzuwenden. Was zunächst Entscheidung war, beginnt dadurch wie Notwendigkeit zu erscheinen.

Und darin liegt auch das Problem der Verantwortung. Sie verschwindet nicht, aber sie verteilt sich. Der eine entscheidet, der andere führt aus. Einer rechtfertigt, einer schweigt, einer profitiert, einer hat Angst und einer versucht lediglich, sein Leben weiterzuführen. Diese Unterschiede sind entscheidend; Verantwortung lässt sich nicht gleichmäßig über eine Gesellschaft verteilen.

Aber sie verschwindet auch nicht dadurch, dass sie sich verteilt.

Vielleicht führt genau das zu der unangenehmen Frage, die nach einem solchen Krieg irgendwann gestellt werden muss: Wo endet Verantwortung?

Beim Handelnden?

Oder auch bei dem, der bleibt und mitträgt?