VITA PASSIVA

Russland ist eine akademische und moralische Provinz.

Ein harter Satz für ein Land mit großen Universitäten, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Musikern und Ingenieuren. Vielleicht sogar ein ungerechter. Und doch kam mir dieser Gedanke immer wieder. Denn Provinz ist nicht dort, wo wenig gewusst wird. Provinz kann auch dort entstehen, wo Wissen seine Folgen verliert.

Man weiß viel. Man liest, diskutiert, kennt Geschichte, Literatur, die Fehler der anderen und oft genug die eigenen. Man kann erstaunlich präzise erklären, warum etwas geschieht, wer dahintersteht, welche Interessen wirken. Und trotzdem entsteht aus dieser Erkenntnis eigentümlich selten Bewegung.

Darin liegt etwas, das mich an Russland immer wieder beschäftigt hat: nicht fehlendes Wissen, sondern seine Entkopplung vom Handeln.

Man weiß, dass gelogen wird. Man weiß, dass gestohlen wird. Man weiß, dass Gewalt geschieht. Man kennt die Korruption, die Willkür, die Bereicherung, die absurden Widersprüche der Propaganda. Man macht Witze darüber, erzählt sich Geschichten, verdreht die Augen.

Man weiß schließlich um sich selbst.

Und bleibt.

Nicht jeder freiwillig, nicht jeder aus Angst und nicht jeder aus Überzeugung. Gerade das macht es so schwer zu begreifen. Zwischen Zustimmung und Widerstand liegt ein riesiger Raum, in dem sich ein großer Teil des Lebens abspielt. Man könnte ihn Passivität nennen. Aber auch das greift zu kurz. Denn passiv zu sein setzt noch voraus, dass eine Handlung möglich erscheint und unterlassen wird. Was aber, wenn Handlung irgendwann aus dem Denken verschwindet? Wenn man einen Zustand nicht mehr danach beurteilt, ob man ihn verändern kann, sondern nur noch danach, wie man in ihm überlebt?

Dann wird aus Passivität eine Lebensform.

Das Volk ist deshalb kein Mörder im unmittelbaren Sinn. Aber es sieht zu. Es arrangiert sich, arbeitet weiter, bringt die Kinder zur Schule, kauft ein, fährt in Urlaub, lacht, liebt und hilft dem Nachbarn, während anderswo getötet wird. Gerade darin liegt etwas Verstörendes. Das Böse erscheint nicht ständig böse. Es kann von einer eigentümlichen Wärme umgeben sein.

Ich habe diese Wärme selbst erlebt. Menschen konnten einem Fremden helfen, großzügig sein, ihn bewirten, ihm das letzte Stück Brot geben und gleichzeitig eine Ordnung hinnehmen, die weit entfernt Menschen vernichtete. Der Widerspruch musste nicht aufgelöst werden. Beides konnte nebeneinander bestehen.

Vielleicht funktioniert deshalb auch die Elite so dauerhaft. Sie herrscht nicht nur trotz des Wissens der Menschen. Sie kann auch deshalb herrschen, weil aus diesem Wissen so selten Konsequenz entsteht.

Nicht Angst allein hält das System aufrecht. Nicht Propaganda allein. Sondern auch die Entkopplung von Erkenntnis und Konsequenz.

Das ist etwas anderes als Unwissenheit. Der Unwissende kann erfahren, was geschieht. Der Getäuschte kann die Lüge erkennen. Der Ängstliche kann irgendwann seine Angst verlieren. Aber was geschieht mit einem Menschen, der längst weiß? Was soll man ihm noch zeigen?

Darin liegt das Problem jeder Hoffnung, Aufklärung allein werde Russland verändern. Man veröffentlicht Beweise, zeigt Villen, Konten, Tote, Gefängnisse, Folter und Lügen. Dahinter steht die Erwartung, irgendwann müsse die Menge der Erkenntnis eine Bewegung erzeugen.

Aber Wissen plus Wissen ergibt noch keine Handlung.

Dazwischen fehlt etwas: das Gefühl, dass die eigene Handlung überhaupt eine Folge haben könnte.

Vielleicht erklärt das auch etwas an jenem russischen Stolz, der so häufig beschworen wird. Russland ist groß. Russland ist stark. Russland hat gewonnen. Russland wurde gefürchtet. Russland wird wieder gefürchtet werden. Die Größe wird so oft ausgesprochen, dass sich irgendwann die Frage stellt, weshalb sie ständig bestätigt werden muss.

Wer seiner Größe sicher ist, muss sie nicht jeden Morgen neu behaupten.

Dahinter liegt womöglich weniger Stolz als der Abstand zwischen dem, was Russland sein möchte, und dem, was es geworden ist. Zwischen der Erinnerung an Größe und der Erfahrung des eigenen Stillstands.

Manchmal wirkt es, als warte das Land auf den nächsten Zusammenbruch. Nicht weil die Menschen ihn wollen, sondern weil der Zusammenbruch eine Aufgabe übernimmt, die niemand selbst übernehmen muss.

Er entscheidet.

Das Alte zerfällt, die Verantwortung verliert ihre Adresse, man beginnt neu. Danach kann man sagen: Es ging nicht anders. Auch darin steckt eine Form der Passivität. Nicht verändern, sondern überleben, bis die Veränderung von selbst kommt.

Man wartet darauf, dass die Mauern einstürzen, statt die Tür zu suchen.

Dazu passt eine eigentümliche Verehrung des Aushaltens. Ertragen wird zur Tugend, Leiden bekommt Würde, Aushalten Größe. Was andernorts als unerträglicher Zustand erscheinen könnte, wird zur Prüfung, die man übersteht. Und irgendwann ist selbst das Überleben ein Beweis:

Wir sind noch da.

So bleibt Russland in ungewöhnlichem Maß eine Erzählung über sich selbst. Ein Raum aus historischen Sehnsüchten, Niederlagen, Siegen und Ersatzgrößen, der immer wieder neu beschrieben werden kann. Wo Wirklichkeit und Erzählung nicht übereinstimmen müssen, lässt sich die Erzählung fortsetzen. Heute anders als gestern, morgen anders als heute.

Doch darunter bleibt etwas bestehen.

Die Kenntnis.

Man weiß.

Das ist vielleicht das Beunruhigendste. Nicht eine Gesellschaft, die nichts weiß, sondern eine Gesellschaft, die vieles weiß und gelernt hat, mit diesem Wissen zu leben.

Irgendwann wird deshalb nicht nur die Frage bleiben, welche Geschichte man sich danach erzählt. Es wird eine unangenehmere geben:

Wenn wir es wussten – warum sind wir geblieben?

Dann beginnt die wirkliche Auseinandersetzung. Nicht mit Putin, nicht mit dem Westen und nicht mit der Geschichte.

Mit sich selbst.

Vita passiva.