DIE BÜCHER UND DIE ERINNERUNG
Man sagt, Geschichte wiederhole sich, weil Menschen vergessen. Aber was, wenn sie nicht vergessen? Was, wenn die Bücher noch da sind?
Vielleicht gibt es kaum eine Literatur, die so viel über Krieg geschrieben hat wie die russische. Nicht nur über Siege, sondern über den Krieg selbst: über Angst, Hunger, Gehorsam, Verstümmelung und Tod, über schlechte Befehle und Menschen, die sie ausführen müssen, über den Einzelnen, der in einer großen Idee verschwindet.
Tolstoi schrieb darüber, wie wenig diejenigen beherrschen, die glauben, Geschichte zu machen. Bei ihm marschieren oben die Pläne, unten die Menschen. Schon dort zerfällt die Vorstellung, Krieg ließe sich so führen, wie er beschlossen wurde. Später schrieb Nikolai Nikulin auf, was von solchen Entscheidungen unten ankommt, beim Soldaten, dort, wo aus Strategie Befehl und aus Befehl Wirklichkeit wird. Wo Menschen nicht mehr über Geschichte sprechen, sondern in ihr liegen.
Astafjew ging noch weiter. In Verflucht und getötet beginnt die Zerstörung nicht erst beim Feind. Sie sitzt schon im eigenen Apparat, im Hunger, im Befehl, in der Gleichgültigkeit gegenüber dem Einzelnen. Eine Armee kann Menschen verbrauchen, während sie vorgibt, sie zum Sieg zu führen.
Das alles wurde geschrieben. Nicht irgendwo, sondern in Russland. Das Wissen war da.
Vielleicht beginnt genau hier der Widerspruch. Kaum etwas wird im heutigen Russland so häufig angerufen wie die Geschichte. Mit ihr werden Grenzen erklärt, Ansprüche, Größe, Verlust und Krieg. Geschichte soll beweisen, wem etwas gehört, wer mit wem verbunden ist, wo etwas begonnen hat und warum etwas zurückkehren müsse. Sie wird zum Fundament.
Aber was ist mit dem, was geschrieben wurde? Warum gelten die alten Karten mehr als die alten Bücher? Warum wird aus Geschichte ein Anspruch auf Territorium, aber kein Anspruch an sich selbst?
Denn auch das ist Geschichte: was Tolstoi über die Illusion wusste, Krieg beherrschen zu können; was Nikulin davon unten beim Soldaten wiederfand; was Astafjew über einen Apparat schrieb, der die eigenen Menschen verbraucht. Auch das wurde hinterlassen, vielleicht sogar genauer als manche Karte. Wer aus der Geschichte Rechte ableitet, kann ihre Warnungen nicht aus derselben Geschichte streichen.
Und doch scheint genau das möglich geworden zu sein. Man nahm aus der Geschichte den Anspruch und ließ die Warnung im Regal.
Was Größe begründet, bleibt. Was Anspruch begründet, bleibt. Was Opfer in Sieg verwandelt, bleibt. Was beweist, dass man durchgehalten hat, bleibt. Aber auch das andere steht dort: was dieses Durchhalten gekostet hat, was ein schlechter Befehl kostet, was Gehorsam anrichten kann und was mit Menschen geschieht, wenn ihr Leben gegenüber dem Ziel klein wird.
Die Bücher widersprechen der Geschichte nicht. Sie gehören zu ihr. Man kann sich nicht auf Geschichte berufen und nur ihre Landkarten meinen. Geschichte besteht auch aus denen, die später aufgeschrieben haben, was hinter den Pfeilen auf diesen Karten geschah.
Und inzwischen stehen andere Bücher daneben. Neuer, glatter, manche übersetzt.
Vielleicht liegt die eigentliche Veränderung aber nicht darin, was erinnert wird, sondern was aus der Erinnerung gemacht wird. Aus der Erinnerung daran, was Krieg Menschen antut, wird die Erinnerung daran, was Menschen im Krieg ausgehalten haben. Aus dem Wissen um das Leiden wird der Beweis der eigenen Leidensfähigkeit, aus der Katastrophe eine bestandene Prüfung.
Damit verändert sich die Lehre. Aus dem Gedanken, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe, kann ein anderer werden: Wir haben es schon einmal geschafft. Vielleicht sogar: Wir können es wieder.
Dann wird das Leid nicht geleugnet. Es wird gebraucht. Je größer das Opfer, desto größer muss im Rückblick das gewesen sein, wofür geopfert wurde. Sonst bliebe irgendwann nur die Frage, warum so viele sterben mussten.
Die Millionen Toten zerstören die Erzählung dann nicht. Sie können sie sogar vergrößern. Aus dem Leiden wird Größe, aus dem Überleben Stärke, aus dem Erinnern die Gewissheit, wieder ertragen zu können. Nicht die Erinnerung ist verschwunden. Ihre Richtung hat sich verändert.
Die Bücher stehen noch immer da, und ihre Sätze haben sich nicht verändert. Astafjews Tote sterben noch immer, Nikulins Soldaten leiden noch immer, Tolstoi hat nicht umgeschrieben. Verändert hat sich, was man aus ihnen braucht.
Man kann Tolstoi verehren und wieder glauben, Geschichte lenken zu können. Man kann Nikulin lesen und wieder Menschen in Entscheidungen schicken, die weit über ihnen getroffen wurden. Man kann Astafjew kennen und erneut erwarten, dass Menschen aushalten. Dann hat die Literatur nicht versagt. Sie hat gesagt, was sie sagen konnte. Man musste es nicht erst erfahren. Man hätte es lesen können.
Eine Gesellschaft muss ihre Geschichte nicht verlieren. Sie kann sich auf sie berufen, sie feiern, Denkmäler bauen und aus ihr Ansprüche an die Gegenwart ziehen. Und trotzdem kann das geschriebene Wissen immer leichter werden. Die Warnung verliert gegen den Mythos, das Zeugnis gegen den Anspruch, das Geschriebene gegen die Erzählung.
Vielleicht liegt darin die letzte Verschiebung. Die eigenen Bücher erzählen, was Krieg aus Menschen macht. Die neuen erzählen wieder, wie man ihn führt.
Vielleicht braucht man die alten deshalb gar nicht mehr. Man schreibt neue.
Nur diesmal werden sie übersetzt.
Vielleicht aus dem Chinesischen.