KONTROLLE UND WIRKUNG
Es ist bemerkenswert. Ich hatte Kontrolle in Russland lange falsch verstanden. Als den immer herrschenden KGB, der später FSB hieß. Natürlich wusste ich, dass das so nicht stimmte. Die Dienste hatten andere Namen, andere Aufgaben, andere Strukturen. Aber in meinem Kopf blieb dieses Bild: Da sitzt jemand. Da laufen die Fäden zusammen. Einer sieht, einer weiß, einer kontrolliert.
Vielleicht war das schon der Fehler.
Da waren diese Videos. Ein Mensch stellte sich irgendwo auf einen Platz und hielt ein Schild hoch. Manchmal stand etwas darauf, manchmal war es leer. Ein paar Minuten geschah nichts. Menschen gingen vorbei, Autos fuhren, dann kamen Polizisten und führten ihn ab.
Kontrolle, dachte ich.
Aber was war daran eigentlich Kontrolle? Zunächst wurde nur jemand entfernt. Dafür musste niemand wissen, was dieser Mensch gestern gedacht hatte oder morgen denken würde. Man musste seine Freunde nicht kennen, seine Wohnung nicht beobachten. Er stand dort. Das genügte.
Interessanter wurde für mich der Polizist. Warum kam er? Natürlich konnte er einen Auftrag haben. Vielleicht hatte ihn jemand gerufen. Vielleicht wusste er genau, was zu tun war. Aber womöglich wusste er auch nur, dass später jemand fragen konnte: Warum haben Sie ihn stehen lassen? Warum haben Sie nicht reagiert?
Das kann genügen. Keine große Theorie. Eher alltägliche Vorsicht. Lieber handeln, als später erklären zu müssen, warum man nichts getan hat. Verantwortung blieb ungern dort liegen, wo man sie selbst tragen musste. Man gab sie weiter. Nach oben zur Entscheidung, nach unten zur Ausführung, zur Seite an den nächsten Zuständigen. Hauptsache, sie blieb nicht bei einem selbst.
Aber auch das war noch nicht das, was ich suchte.
Ich hatte Kontrolle immer als Überwachung verstanden. Einer beobachtet einen anderen. Dabei musste man gar nicht alles kontrollieren. Es genügte, die wichtigen Stellen zu kontrollieren.
Der Zugang zu einer Wahl war Kontrolle. Nicht erst die Stimme in der Kabine. Wer durfte überhaupt antreten? Welche Partei wurde zugelassen? Wer bekam Öffentlichkeit? Auch Fernsehen war Kontrolle. Nicht weil jeder glauben musste, was dort gesagt wurde, sondern weil entschieden wurde, was überhaupt ein großes Publikum erreichte. Dasselbe galt für Genehmigungen, Aufträge, Kredite, Positionen.
Man musste nicht jeden Menschen führen. Es genügte, jene Stellen zu beherrschen, durch die er hindurchmusste.
Kontrolle war weniger ein Auge als eine Tür. Entscheidend war, wer den Schlüssel hatte.
Dahinter konnte erstaunlich viel Freiheit herrschen. Menschen konnten Geschäfte machen, reisen, verdienen, verlieren, streiten und über den Staat schimpfen. Niemand musste sich in jede Bewegung einmischen. Es genügte, dass an bestimmten Punkten Schluss sein konnte.
Bis hierher. Nicht weiter.
Und wer selbst von anderen abhängig war, konnte zugleich über andere entscheiden. Der Direktor über seine Mitarbeiter, der Beamte über den Antragsteller, der Vorgesetzte über den Untergebenen. Wer kontrolliert wurde, kontrollierte meistens mit.
Vielleicht lag darin die eigentliche Besonderheit. Nicht die Kontrolle selbst – kontrolliert wird überall –, sondern die Art, wie sie weitergegeben wurde. Über mir entschied jemand, und bekam ich selbst eine Position, entschied ich über jemand anderen. Derjenige, der gestern vor einer Tür gewartet hatte, saß morgen vielleicht selbst dahinter. Und er schaffte die Tür nicht ab.
Darin lag auch eine ältere Spur. Über Generationen hatte jemand darüber entschieden, wer etwas bekam und wer nicht: eine Wohnung, einen Arbeitsplatz, einen Studienplatz, eine Reise. Wer etwas zu vergeben hatte, hatte Macht, und wer etwas brauchte, wusste das. Bekam man irgendwann selbst einen Schlüssel, wusste man ebenfalls, was sich damit anfangen ließ. So konnte aus dem Kontrollierten ein Kontrolleur werden. Nicht aus jedem, nicht immer, aber oft genug.
Manchmal war das vollkommen plump, im Betrieb, in einer Behörde oder in der Armee. Ein Vorgesetzter sagte, was geschehen sollte:
Ihr stimmt so ab.
Totschka.
Da musste niemand etwas deuten. Anderswo brauchte es diesen Befehl gar nicht. Man kontrollierte die Auswahl, bevor gewählt wurde, den Zugang, bevor jemand eintrat, die Öffentlichkeit, bevor jemand gehört wurde. Es genügte, die Schlüsselstellen zu kontrollieren.
Irgendwann begriff ich, dass selbst Geld in diese Ordnung gehörte. Der Lohn einer Krankenschwester konnte absurd niedrig sein. Gleichzeitig waren Wohnung und Kommunalkosten lange so bemessen, dass man irgendwie durchkam. Auch das band. Nicht weil jemand beschlossen haben musste, Menschen schlecht zu bezahlen, damit sie gehorchten. Das wäre zu einfach. Aber wer wenig hatte, hatte wenig Spielraum. Er nahm, was verfügbar war: die Wohnung, die Arbeit, den Platz, die Möglichkeit.
Nicht: Was möchte ich? Sondern: Was gibt es?
Freiheit bedeutet schließlich nicht nur, dass mir niemand etwas verbietet. Ich brauche auch eine andere Möglichkeit. Wenn es nur eine Arbeit gibt, bleibt man eher dort. Wer auf sein Gehalt angewiesen ist, erscheint morgen wieder, und wer Schulden hat, kann noch schwerer gehen. Schulden verändern den Radius des Nein, denn wer zahlen muss, braucht sein Einkommen, wer sein Einkommen braucht, braucht seine Arbeit. Und wer seine Arbeit braucht, überlegt genauer, wann er widerspricht.
Darin lag eine größere Kontinuität. Man musste nicht mehr an den Kommunismus glauben. Die Parolen verschwanden, die Grenzen öffneten sich, westliche Waren kamen. Man konnte reisen, den Westen bewundern, über Russland schimpfen, über Beamte, Korruption und Rückständigkeit. Interessant wurde es erst, wenn aus Meinung Verhalten wurde. Wenn einer nicht mehr mitmachte, aus Kontakt Unterstützung wurde, aus Kritik Widerspruch und aus Widerspruch Verweigerung.
Dort verlief die Grenze. Kontrolle musste nicht erreichen, dass alle dasselbe glaubten. Es genügte, dass sie im entscheidenden Augenblick loyal waren. Du kannst denken, was du willst, solange deine Gedanken keine Folgen haben. Du kannst kritisieren, solange aus der Kritik keine Entscheidung wird. Es ging nicht mehr unbedingt darum, das Richtige zu glauben, sondern im entscheidenden Augenblick auf der richtigen Seite zu stehen.
Nur war diese Grenze nicht fest. Was gestern belanglos war, konnte morgen interessant werden: ein Kontakt, eine Organisation, eine Überweisung, ein Wort. Und damit kam die Unsicherheit zurück. Warum haben Sie das genehmigt? Warum haben Sie das nicht gemeldet? Warum haben Sie ihn stehen lassen?
Der Beamte prüfte deshalb nicht nur den Bürger, sondern dachte auch an sich selbst. Der Direktor sah nicht nur seinen Mitarbeiter, sondern überlegte, ob dessen Verhalten irgendwann auf ihn zurückfallen konnte. Wer nichts tat, musste es womöglich später erklären. Wer meldete, war die Entscheidung zunächst los.
So konnte ein System langsam, widersprüchlich und korrupt sein und trotzdem Kontrolle erzeugen. Wo ein Befehl genügte, gab es einen Befehl. Wo keiner nötig war, reichte die Erwartung. Und wo niemand genau wusste, was richtig war, wurde die Entscheidung weitergegeben.
Das hatte eine merkwürdige Folge. Je mehr Menschen nach oben meldeten, was dort vermutlich gehört werden wollte, desto weniger kam oben an, was unten tatsächlich geschah. Der Mitarbeiter meldete, was ihm nicht schadete, der Vorgesetzte, was er vertreten konnte, die Behörde Erfolg und die Armee die Eroberung eines Dorfes. So konnte ein System immer mehr kontrollieren und gleichzeitig immer weniger über sich selbst wissen. Kontrolle erzeugte Information, Angst veränderte sie.
Dann dachte ich wieder an den Menschen mit seinem leeren Schild. Er stand dort, ein Polizist kam und führte ihn ab. Ich hatte darin den kontrollierenden Staat gesehen. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Der Polizist konnte einen Auftrag gehabt haben. Vielleicht wollte er aber auch nur nicht derjenige sein, der später erklären musste, warum er nichts getan hatte.
Der Mann mit dem Schild wusste nicht, was geschehen würde, und der Polizist vielleicht auch nicht ganz. Aber beide wussten, dass etwas geschehen konnte.
Darin lag womöglich die Kontrolle, die ich so lange an der falschen Stelle gesucht hatte. Sie musste nicht alles sehen und nicht alles verbieten. Es genügte, die wichtigen Stellen zu besetzen, über Zugänge zu entscheiden, den Raum für ein Nein zu begrenzen und Loyalität zu verlangen, wenn es darauf ankam. Und demjenigen, der selbst kontrolliert wurde, blieb oft ein kleiner Bereich, in dem nun er bestimmte.
Die Ordnung hielt deshalb nicht nur, weil von oben Druck kam. Sie hielt auch, weil ein Teil dieses Drucks nach unten weitergegeben wurde. Und wenn das nicht genügte, blieb immer noch der Befehl:
Ihr macht das so.
Totschka.