DAS BÖSE
Das Böse gab es immer. Niemand ist davor gefeit. Vielleicht liegt darin sogar etwas Beruhigendes, weil man es auf einzelne Menschen schieben kann: auf Täter, Sadisten, Fanatiker, Verrückte. Menschen, von denen man sich unterscheiden kann.
Schwieriger wird es dort, wo das Böse nicht mehr verborgen werden muss.
SS-Tätowierungen. Fahnen und Uniformen im großen Nationalen. Männer im Gleichschritt, die auftreten, als wäre nichts dabei. Sieg.
Und Frauen, die im Wald knien und beten, Wege entlangkriechen und die Hostie empfangen, während im liturgischen Gesang Herrschaft verkörpert wird und nicht weit davon entfernt getötet wird. Geistliche, Gesänge, Kreuze und Ikonen neben Krieg, Erniedrigung, Folter und Tod.
Kinder montieren Waffen, als wäre es ein Wettbewerb. Wer ist schneller, wer eifert mehr, wer will an die Front. Bücher und Lehren erklären ihnen, was wahr ist und wer recht hat.
Wenn kein Widerstand erlaubt ist, wohin führt das?
Man muss dieses Nebeneinander sehen, um zu begreifen, wie tief eine Gesellschaft sinken kann, ohne sich selbst als gefallen wahrzunehmen. Vielleicht ist das die eigentliche Degradation. Nicht, dass es das Böse gibt. Es gab es immer. Nicht einmal, dass Menschen ihm folgen. Auch das ist nicht neu.
Entscheidend wird, dass andere danebenstehen und es dulden. Dass sie ihm Namen geben, unter denen es erträglich wird: Notwendigkeit, Vaterland, Sicherheit, Geschichte, Glaube, Sieg.
Das Böse braucht dann keine Maske mehr. Es kann neben dem Guten stehen, mit ihm beten, ein Kreuz tragen und eine Waffe. Es kann segnen und zerstören, ohne dass der Widerspruch noch als Widerspruch empfunden wird.
Dante musste für seinen Abstieg noch durch Kreise gehen, einen nach dem anderen. Vielleicht ist das Entscheidende daran gar nicht die Hölle am Ende, sondern der Weg hinunter. Dass es eine Richtung gibt und jeder Kreis noch einen nächsten kennt.
Auch beim Einzelnen kann sich etwas verschieben. Er eskaliert, sucht den Exzess, vielleicht weil nur noch der Exzess stark genug ist, etwas in ihm auszulösen. Was gestern noch Grenze war, wird überschritten, und dahinter erscheint eine neue.
Vielleicht stürzen Gesellschaften auf ähnliche Weise nicht einfach ab. Sie steigen hinab. Langsam genug, um sich an jede neue Tiefe zu gewöhnen. Und während sie hinabsteigen, reißen sie andere mit: die eigenen Menschen, Fremde, Nachbarn. Irgendwann verliert selbst diese Unterscheidung an Bedeutung.
Dann geschieht etwas, das mich besonders beschäftigt. Das Innere wird nach außen getragen. Was im eigenen Land längst möglich geworden ist – die Verachtung des Einzelnen, die Unterordnung des Lebens unter eine Idee, die Gewöhnung an Gewalt –, überschreitet irgendwann die Grenze.
Vielleicht wird Krieg auch deshalb möglich. Nicht weil das Böse plötzlich erscheint, sondern weil es zu Hause längst seinen Platz gefunden hat.
Von oben braucht es dann nur noch die Rechtfertigung: Wir werden zerstören. So wie wir es immer getan haben. Mit fürchterlicher Gewalt. Und vor allem zu Recht.
Man könnte fragen, wo die letzte Grenze dessen liegt, was ein Mensch tun kann, wenn man ihn lässt. Doch vielleicht ist selbst diese Frage irgendwann überholt. Die Grenze wurde nicht auf einmal beseitigt. Sie wurde erfahren, verschoben und erneut überschritten, bis aus dem Außergewöhnlichen Möglichkeit und aus der Möglichkeit Gewohnheit wurde.
Vielleicht ist das der Hades, den man nicht erst betreten muss.
Man trägt ihn längst in sich.
Und das eigentlich Verstörende ist nicht einmal derjenige, der dort angekommen ist.
Es sind die anderen, die zusehen und nicken.