GRAUSAMKEIT
Es waren irgendwann nicht mehr die Bilder der Verletzten, die mich am meisten beschäftigten. Nicht einmal die Wunden oder das, was nach einem Angriff übrigblieb. Im Krieg erwartet man irgendwann das Schreckliche. Vielleicht ist schon das eine Veränderung.
Mich beschäftigte zunehmend der Weg dorthin. Vielleicht hatte ich bei der Grausamkeit zu spät angesetzt. Grausamkeit ist bereits die Tat, die Umsetzung. Davor liegt etwas anderes: Gewaltbereitschaft.
Sie muss sich nicht zeigen. Vielleicht sieht man sie einem Menschen überhaupt nicht an. Er kann freundlich sein, hilfsbereit, sogar fürsorglich. Solange das Verhältnis ausgeglichen ist, sagt das wenig darüber aus, was geschieht, wenn dieses Verhältnis kippt. Also interessierte mich eine andere Frage: Was begrenzt Gewalt?
Recht, Scham, Öffentlichkeit, Familie, Erziehung, die Vorstellung von Würde. Vielleicht vor allem die Gewissheit, dass auch der andere eine Grenze besitzt, die ich nicht überschreiten darf, selbst dann, wenn er mein Feind ist. Was aber geschieht, wenn diese Grenze schwächer wird?
Das Bild der russischen Armee trägt die Grausamkeit schon lange mit sich. Plünderungen, Gewalt gegen Zivilisten, Vergewaltigungen – aus verschiedenen Kriegen kehren ähnliche Berichte zurück. Es wäre zu einfach, daraus eine russische Eigenschaft zu machen. Interessanter ist etwas anderes: Immer wieder entstand ein Raum, in dem die Grenze fiel.
Dabei war die russische Armee keine Armee ohne Hierarchie. Im Gegenteil. Der Befehl konnte alles sein. Ein Offizier konnte einen Soldaten antreten lassen, bestrafen, versetzen, in den Kampf schicken. Warum sollte seine Macht ausgerechnet dort enden, wo der Stärkere den Schwächeren erniedrigte? Sie endete dort nicht. Sie wurde nur nicht eingesetzt.
Grausamkeit braucht nicht immer einen Befehl. Manchmal genügt das Ausbleiben eines Befehls: Hört auf. Lasst ihn. Fasst sie nicht an. Nicht plündern. Nicht schlagen. Ein paar Worte von demjenigen, dessen Worte sonst Gesetz waren. Wo sie ausblieben, entstand Raum. Hinter dem, der zuschlägt, steht dann derjenige, der es geschehen lässt, und hinter ihm vielleicht der nächste. So kann aus einer einzelnen Tat etwas werden, das die Ordnung nicht ausdrücklich verlangen muss, solange sie es trägt. Vielleicht war die Grausamkeit deshalb nicht immer nur ein Versagen der Disziplin. Sie konnte selbst Disziplin erzeugen.
Das kannte die russische Armee auch nach innen. Die Dedowschtschina, die Herrschaft der Älteren über die Jüngeren, Erniedrigung als Schule des Aushaltens. Wer heute unten stand, durfte morgen vielleicht selbst über jemanden verfügen. Der Ältere hielt den Jüngeren unten, der Offizier beide unter sich. Man sah weg, wie so oft. Angst ordnete, Erniedrigung band.
Vielleicht lag darin etwas, das ich lange gesehen hatte, ohne es miteinander zu verbinden: Russland setzt vieles ins Verhältnis und wenig in Beziehung.
Oben und unten, stark und schwach, Sieger und Besiegter, Zentrum und Provinz, Offizier und Soldat, Staat und Bürger, Russland und seine Nachbarn. Ein Verhältnis lässt sich vermessen. Eine Beziehung muss ausgehandelt werden. Im Verhältnis genügt es zu wissen, wer stärker ist.
Deshalb kann Gewalt von außen vollkommen sinnlos erscheinen und innerhalb dieses Verhältnisses dennoch einen Sinn besitzen. Warum jemanden schlagen, der bereits am Boden liegt? Warum einen Untergebenen erniedrigen, der längst gehorcht? Warum den eigenen Soldaten quälen, den man morgen an der Front braucht?
Weil Gewalt das Verhältnis herstellt: Ich bin oben, du bist unten.
Wer geschlagen wurde, weiß, wie man schlägt. Er muss es nicht tun. Aber er kennt die Sprache.
Vielleicht reicht dieses Verhältnis viel weiter, als ich zunächst dachte, bis in die Wohnung. Wo Schutz nicht selbstverständlich ist, wird er persönlich. Der Mann, der etwas regeln kann, jemanden kennt, jemanden anruft, bezahlt oder notfalls selbst vor die Tür geht, zeigt, dass er schützen kann. Dann bekommt auch das große Auto eine andere Bedeutung. Es ist nicht nur Luxus, sondern Blech um den Körper, Höhe über der Straße, Sichtbarkeit. Auch Geld wird sichtbar. Die Kreditkarte wird zur Visitenkarte: Gold, Platin, Schwarz.
Es geht dann nicht zuerst darum, wer jemand ist, sondern wo er steht.
Vielleicht gehört auch jene Form von Weiblichkeit dazu, die mir immer wieder auffiel: das Aufhübschen, die Betonung von Schönheit, Körper, Kleidung und Jugend. Man könnte es als Eitelkeit oder russischen Geschmack belächeln. Vielleicht erfüllt es aber eine Funktion. Der Mann zeigt Stärke, die Frau Schönheit, der Reiche Geld, der Mächtige Nähe zur Macht. Man zeigt, was man besitzt und worauf man sich verlassen zu können glaubt.
Vielleicht wird dieses Verhältnis nirgends deutlicher als in der Ehe. Nicht in jeder, natürlich nicht. Aber dort, wo der eine Schutz, Einkommen, Stellung und Zugang verspricht und die andere Schönheit, Familie, Zuhause und Anerkennung, entsteht nicht nur Gemeinsamkeit. Es kann Abhängigkeit entstehen. Dann stellen sich sehr konkrete Fragen: Wer verdient? Wem gehört die Wohnung? Wer kann gehen, wer muss bleiben, wer hat Angst vor wem?
Vielleicht liegt deshalb die häusliche Gewalt gar nicht so weit von meiner Frage entfernt, wie es zunächst scheint. Hier gibt es keinen Feind, keine Front, keine feindliche Armee und keine Propaganda, die erst erklären müsste, wen man hassen soll. Gewalt kann sich gegen den Menschen richten, den man zugleich zu schützen behauptet. Gerade das macht sie wichtig, denn plötzlich lässt sich nicht mehr sagen, der Krieg habe die Gewalt hervorgebracht.
Das Verhältnis war vorher da.
Auch hier stellt sich dieselbe Frage: Was geschieht, wenn einer erkennt, dass der andere nicht zurückschlagen kann, nicht gehen kann oder glaubt, nicht gehen zu können? Dann wird Schutz zu Macht. Und Macht kann sichtbar werden, indem man sie gebraucht.
Vielleicht erklärt das auch etwas an jenem russischen Wort, das immer wieder auftaucht: aushalten. Schlechte Behandlung, Mangel, Kälte, Entfernung – was nicht geändert werden konnte, musste ertragen werden. Nicht Armut macht grausam. Aber das Aushalten kann verändern, was man für Stärke hält. Wir brauchen euren Komfort nicht. Ihr habt mehr, aber wir halten mehr aus.
Auch deshalb passten Männer aus Gefängnissen so erschreckend gut in diese Ordnung. Freiheit gegen Krieg, Straferlass gegen Dienst. Das Gefängnis musste ihnen die Gewalt nicht beibringen, die Armee ebenfalls nicht. Vielleicht genügte, dass beide dieselbe Grammatik kannten: oben und unten, stark und schwach, gehorchen und überleben.
Damit führt der Weg zurück zur Gewalt und zu einer viel unscheinbareren Frage: Wie kann ein Konflikt überhaupt enden? Einer gibt nach, unterwirft sich, verliert oder verschwindet. Dann ist Gewalt nicht mehr das Scheitern der Konfliktlösung. Sie wird zu einer Möglichkeit, den Konflikt zu lösen.
Der Krieg erschafft diese Sprache nicht. Er macht sie lauter. Er gibt ihr eine Uniform, einen Befehl, einen Feind und manchmal sogar eine Auszeichnung.
Vielleicht begann das Verhältnis dieses Krieges sogar früher, noch bevor einer dem anderen gegenüberstand. Denn der Gegner war nicht nur zum Feind erklärt worden. Er war bereits schwach gemacht worden, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der Vorstellung. Die Ukraine werde zusammenbrechen. Der Staat sei künstlich. Die Führung werde fliehen. Die Armee werde kaum kämpfen. Die Bevölkerung werde die russischen Soldaten vielleicht sogar begrüßen.
Kyjiw in drei Tagen.
Ich weiß nicht, wie viele diesen Satz tatsächlich glaubten. Wichtiger ist vielleicht, wie leicht er geglaubt werden konnte. Denn er versprach nicht nur einen schnellen Sieg, sondern beschrieb ein Verhältnis: Hier die große Armee, dort ein Gegner, der eigentlich keiner war. Man zog nicht gegen einen Gleichstarken. Man zog gegen jemanden, dessen Unterlegenheit bereits feststand.
Bis der andere nicht tat, was von ihm erwartet worden war. Er lief nicht weg, ergab sich nicht. Kyjiw fiel nicht. Charkiw fiel nicht.
Plötzlich stimmte das Verhältnis nicht mehr.
Vielleicht liegt darin ein Teil jener Wut, die danach sichtbar wurde. Nicht als Erklärung für Butscha, Irpin, Mariupol und all die anderen Orte, schon gar nicht als Entschuldigung. Dafür waren Entscheidungen, Befehle, Einheiten und konkrete Täter verantwortlich. Aber als Frage danach, was geschieht, wenn eine erwartete Unterlegenheit sich als Täuschung erweist.
Wer einen Wehrlosen erwartet und auf Widerstand trifft, erlebt nicht nur Widerstand. Er erlebt eine Kränkung seines Verhältnisses. Derjenige, der unten sein sollte, weigert sich, unten zu sein.
Und wo Menschen tatsächlich wehrlos wurden – in besetzten Orten, Kellern, Gefängnissen, Verhören, Gefangenschaft –, war die alte Ordnung plötzlich wieder da.
Einer oben. Einer unten.
Die Kriegsgefangenschaft zeigte diesen Unterschied in seiner vielleicht reinsten Form. Russische Gefangene in ukrainischer Hand, ukrainische Gefangene in russischer. Natürlich gibt es keinen sauberen Krieg und keine Gefangenschaft, die sich aus einzelnen Berichten vollständig beschreiben ließe. Aber irgendwann waren es zu viele Berichte, zu viele zurückgekehrte Körper, zu viele Erzählungen über Folter, Hunger, Schläge und Erniedrigung, als dass man nur noch von einzelnen Exzessen sprechen konnte.
Warum einen Menschen quälen, der bereits besiegt ist? Er hat keine Waffe mehr, greift niemanden an. Er wartet auf Essen, Wasser, einen Arzt, darauf, schlafen zu dürfen. Selbst der Gang zur Toilette kann ihm erlaubt oder verweigert werden. Das Verhältnis könnte eindeutiger kaum sein.
Ich hatte lange geglaubt, Grausamkeit müsse aus Hass entstehen. Man hasst den anderen so sehr, dass man ihm Schmerzen zufügen will. Im Krieg wäre dafür Erklärung genug vorhanden. Aber Hass erklärt nicht alles. Denn Grausamkeit scheint sich besonders dort zu entfalten, wo Gegenwehr nicht mehr möglich ist.
Vielleicht ist der entscheidende Augenblick deshalb nicht jener, in dem ein Mensch grausam wird, sondern jener, in dem er erkennt, dass er es sein darf. Dass ihm nichts geschieht. Dass der andere schwächer ist.
Und vielleicht kann man genau das lernen.
Wer lange in einer Gesellschaft lebt, in der Hierarchie fast überall spürbar ist, muss Verhältnisse lesen können. Wer steht über mir? Wer kann mir schaden? Wem sollte ich besser nicht widersprechen? Man braucht dafür keine Tabelle. Man lernt es im Amt, in der Schule, bei der Polizei, in der Armee, am Arbeitsplatz, vielleicht schon in der Familie. Gegenüber dem Stärkeren wird man vorsichtig, wartet, passt sich an, schweigt vielleicht und weiß, wann ein Wort zu viel ist.
Aber was geschieht, wenn sich das Verhältnis umkehrt und plötzlich ich derjenige bin, der entscheidet? Nun habe ich den Schlüssel, trage die Uniform, halte die Waffe. Vor mir steht jemand, der nichts davon hat.
Nicht jeder wird deshalb grausam. Das wäre zu einfach. Menschen widersetzen sich solchen Verhältnissen, manche gerade dann, wenn sie Macht bekommen. Auch deshalb lässt sich daraus keine russische Natur machen.
Aber vielleicht lässt sich etwas anderes erkennen: eine eingeübte Aufmerksamkeit für Schwäche. Nicht nur dafür, wer stärker ist als ich, sondern auch dafür, wer schwächer ist.
Grausamkeit beginnt dann möglicherweise viel früher als mit Folter. Beim Essen, bei der Decke, beim Schlaf, bei der Frage, ob jemand sitzen darf oder stehen muss, ob er warten muss oder wann er zur Toilette darf. Kleine Entscheidungen, wenn man selbst entscheiden darf. Für den anderen sind sie nicht klein. Man zeigt ihm damit nicht nur, dass man Macht besitzt, sondern dass er keine besitzt.
Die Folterkammer wäre dann nicht der Anfang. Sie wäre die äußerste Verdichtung eines Verhältnisses.
Vielleicht muss man deshalb von ihr wieder zurückgehen: in die Wohnung, in die Ehe, in die Schule, ins Amt, zur Polizei, in die Kaserne, ins Gefängnis. Überall dorthin, wo Menschen lernen, dass viel davon abhängt, auf welcher Seite eines Verhältnisses sie gerade stehen.
Ich hatte immer geglaubt, der Unterlegene lerne dort vor allem eines: sich zu fügen, den Kopf einzuziehen, zu warten und den Stärkeren nicht herauszufordern.
Vielleicht hatte ich nur die Hälfte gesehen.
Denn wer ständig gezwungen ist, seine eigene Unterlegenheit zu erkennen, lernt dabei sehr genau, woran man Unterlegenheit erkennt.
Auch beim anderen.
Und wenn sich das Verhältnis eines Tages umkehrt, braucht ihm niemand zu erklären, was geschehen ist. Er erkennt es sofort und nutzt es vielleicht bis zum Äußersten. Nicht weil jeder, der sich einmal unterwerfen musste, grausam wird, sondern weil er die Sprache des Verhältnisses längst beherrscht.
Er hat sie sein Leben lang gelernt.
Nur von unten.