DIE ÖKONOMIE DES TODES
Gerade aus den armen Regionen kamen sie, aus Dörfern ohne Arbeit, ohne Ziel, ohne Weg. Aus Gegenden, aus denen über Jahrzehnte Rohstoffe abgezogen worden waren – Gold, Kohle, Holz, Uran –, ohne dass daraus vor Ort eine Zukunft entstanden wäre. Zurück blieben Orte, aus denen selbst das Fortgehen schwierig geworden war, weil auch Fortgehen Geld kostet.
Dann kam der Krieg, und plötzlich gab es Arbeit. In den Fabriken, aber auch an der Front.
Soldat auf Vertrag. Egal wo, egal wofür. Entscheidend war zunächst die Unterschrift. Sie brachte Geld, Sold und Prämien, Summen, gegen die ein gewöhnliches Einkommen aus manchen dieser Regionen beinahe lächerlich wirkte. Wer bisher Monat für Monat kaum über die Runden gekommen war, sah plötzlich Zahlen, die sein Leben verändern konnten. Vielleicht zum ersten Mal das Dorf verlassen, fremdes Land sehen, vielleicht sogar jemand sein.
Es konnte beinahe nach Abenteuer klingen. Gefährlich, aber bezahlt. Safari fast.
Also hin. Ins Nachbarland.
Dafür brauchte es nicht einmal immer eine Kaserne. Manchmal genügte ein Plastiktisch in oder bei einer Metrostation. Menschen gingen zur Arbeit, nach Hause, zum Einkaufen. Dazwischen standen ein Tisch, ein Plakat, Formulare und ein Kugelschreiber. Man konnte auf dem Heimweg am Krieg vorbeikommen und unterschreiben.
Vielleicht ist gerade dieses Bild so verstörend, weil nichts daran verstörend aussieht.
Ein Plastiktisch. Der Krieg als Angebot.
Wer arm war, bekam Geld. Wer Schulden hatte, dem wurden Entlastungen und Erlasse in Aussicht gestellt. Wer Bedeutung suchte, bekam ein Wort: Held. Und wer hinter Gittern saß, bekam etwas noch Wertvolleres angeboten: Freiheit.
Hier die Zelle, dort der Krieg. Wer vor einer langen Haftstrafe stand oder bereits verurteilt war, konnte zwischen Jahren hinter Mauern und einem Vertrag wählen, der Straferlass oder Freiheit versprach. Auch das war eine Unterschrift, auch das konnte man Freiwilligkeit nennen. Man musste nur die beiden Türen betrachten. Hinter der einen lag ein großer Teil des verbleibenden Lebens in einer Zelle, hinter der anderen möglicherweise der Tod.
Der Krieg musste gar nicht attraktiv sein. Das Leben daneben musste nur unattraktiv genug sein.
Ein Mann musste Putin nicht lieben und die Ukraine nicht hassen. Er musste nicht einmal glauben, dass er zurückkommen würde. Dem Armen fehlte Geld, dem Verschuldeten Entlastung, dem Gefangenen Freiheit, dem Bedeutungslosen Bedeutung. Für jeden ließ sich ein anderer Preis finden. Für den Staat entstand daraus immer dasselbe: ein Soldat.
Mit der Unterschrift begann die nächste Rechnung.
In einem Interview erzählte ein russischer Soldat von einem Neuankömmling. Der Mann sei gerade erst gekommen und habe noch kein Sturmgewehr in der Hand gehalten, die Einmalzahlung für seinen Vertrag sei aber bereits auf seinem Konto gewesen.
Das Geld war schneller bei ihm als der Krieg.
Der Mann, der eben noch kaum etwas besessen hatte, war plötzlich Geld wert. Rubelmillionär. Und genau das, berichtete der Soldat, konnte zur Gefahr werden. Neuankömmlinge seien aufgefordert worden, Geld abzugeben. Wer zahle, könne besonders gefährlichen Einsätzen entgehen, wer nicht zahle, werde vorgeschickt. In seiner eigenen Division, erzählte er weiter, hätten Offiziere sogar Soldaten erschossen, weil diese ihren PIN-Code nicht herausgaben. Die Offiziere seien später verhaftet worden.
Ob und wie verbreitet solche Fälle waren, lässt sich aus einer einzelnen Aussage nicht ableiten. Aber der Vorgang selbst blieb in meinem Kopf hängen. Ein Mann war noch kaum Soldat geworden, und schon ging es nicht um den Feind oder den Standort, sondern um den PIN-Code.
Der Staat hatte seine Unterschrift bezahlt. Andere sahen das Geld auf seinem Konto. Kleidung, Schutz oder Medikamente musste er womöglich selbst beschaffen, und irgendwo dazwischen konnte sogar die Frage, wie weit vorne er eingesetzt wurde, einen Preis bekommen.
Im Feld fragte einer der Frischlinge nach der Gefahr.
„Du wirst es spüren“, hieß es. „Du wirst es wissen.“
„Warum?“
„Du wirst bezahlt.“
Geld sagte ihm, was sein Körper wert war.
Dann ging er.
Er ging noch weiter.
Ein paar Schritte.
Obwohl der linke Fuß
nur noch in Fetzen hing.
Ehe er fiel.
Und noch einmal
eine traf.
Minen halt.
Auf der Karte war das kaum etwas. Ein Punkt, eine Linie, vielleicht zwei Kilometer Geländegewinn. Dazu Bilder, Berichte, Pfeile.
Die Front hatte sich um zwei Kilometer verschoben. Das klingt nach Geographie. Aber jemand musste diese zwei Kilometer gehen.
Auch danach hörte die Rechnung nicht auf. Verwundung bedeutete Entschädigung, Tod bedeutete Auszahlung. Dafür musste der Tod allerdings festgestellt werden. Wer vermisst blieb, war auf dem Papier nicht tot, und ohne bestätigte Todesnachricht fehlte auch die Grundlage für entsprechende Zahlungen an die Hinterbliebenen.
Der Körper bekam damit einen letzten, beinahe absurden Wert: Er musste zurückkommen oder wenigstens der Beweis seines Todes.
Es gab Menschen, die Dokumente Gefallener einsammelten und nach Hause schickten, damit dort überhaupt nachgewiesen werden konnte, was geschehen war. Andere ließen sich das bezahlen.
Und dann war da dieser Funkspruch.
Man habe nicht genug Platz.
Nur die Köpfe mitnehmen.
Man liest den Satz und sucht beinahe automatisch nach einer anderen Bedeutung. Es gibt keine.
Der Mensch war mit Geld angeworben worden. Seine Schulden konnten verschwinden, seine Freiheit gegen Frontdienst getauscht werden, sein Konto hatte einen Wert und sein Körper wurde militärisch gebraucht. Nun hatte er noch eine letzte Funktion: seinen Tod zu beweisen. Dafür musste nicht mehr der ganze Mensch zurück. Es genügte, was ihn identifizierbar machte.
Lebend war er Soldat, verwundet bedeutete er Entschädigung, tot Auszahlung. Vermisst wurde er zum Problem und geborgen schließlich zum Beweis.
Doch selbst damit war die Rechnung nicht zu Ende. Es gab schnelle Eheschließungen vor dem Fronteinsatz. Noch eine Unterschrift, diesmal nicht unter einem Militärvertrag, sondern unter einer Heiratsurkunde. Dann fuhr er, sie blieb. Wenn er fiel, war sie Witwe, und eine Witwe konnte Ansprüche haben.
Natürlich macht das nicht jede schnelle Ehe zum Geschäft. Nicht jede Witwe wartet auf Geld und nicht jede Familie rechnet. Gerade deshalb wäre es falsch, Menschen zu Karikaturen zu machen. Aber es gab Gespräche und Podcasts, in denen genau darüber gesprochen wurde: über den Tod als Geschäftsmodell.
Der Mann lebte noch, und sein Tod konnte bereits einen wirtschaftlichen Wert besitzen.
Sind das noch Menschen?
Natürlich sind es Menschen. Das ist das Erschreckende. Es braucht keine Monster. Es genügt, wenn jeder innerhalb seiner kleinen Rechnung einen Grund findet. Der Mann braucht Geld, der Verschuldete will seine Schulden loswerden, der Gefangene aus der Zelle. Eine Frau sucht vielleicht Sicherheit oder einfach Babki. Die Familie muss nach dem Tod weiterleben, der Offizier braucht Männer, der Staat Soldaten.
Jeder rechnet für sich, und irgendwann verschwindet der Mensch aus der Summe.
Dann sah man die Häuser. In Burjatien und anderen armen Regionen entstanden neue Dächer und Fassaden, Autos standen vor Häusern. Geld aus Frontprämien und Zahlungen an Hinterbliebene floss in Orte, in denen zuvor kaum etwas angekommen war.
Das Geld kam zurück. Der Mann nicht.
Da war das alte Haus. Dann ging der Sohn in den Krieg, starb, und irgendwann bekam das Haus ein neues Dach.
Nicht weil Eltern ihren Sohn gegen ein Dach getauscht hätten. Das wäre eine grausame und dumme Behauptung. Sie liebten ihn nicht weniger, weil sie nach seinem Tod das Geld annahmen. Sie mussten weiterleben, bezahlten Schulden, reparierten das Haus, kauften vielleicht ein Auto oder halfen den Kindern.
Vielleicht hing sein Bild jetzt an der Wand. Darunter Blumen. Daneben das neue Fenster.
Yuri.
So getauft.
Als Unbekannter verscharrt.
Nicht einmal die Fahne versteht,
weiß, blau, rot,
wer gefallen ist.
Draußen sah der Nachbar das neue Dach. Er kannte vielleicht die Summe. Sein eigenes Einkommen kannte er auch.
Dort schloss sich der Kreis. Der Krieg nahm einen Mann aus einem armen Ort und schickte Geld zurück. Je länger er dauerte, desto sichtbarer wurde dieses Geld. Das Auto stand auf der Straße, die Fassade war gestrichen, das Dach glänzte zwischen den alten Dächern. Der Tote lag auf dem Friedhof.
Beides gehörte zur selben Rechnung.
Ausgerechnet der Krieg brachte damit etwas in manche Regionen, was Jahrzehnte ziviler Entwicklung nicht gebracht hatten: Geld. Aber es war ein Wohlstand ohne Zukunft, eine Entwicklung, die ihre eigene Grundlage verbrauchte. Der Krieg beseitigte die Armut nicht. Er machte sie nutzbar.
Das Geld blieb, während der Mensch verschwunden war. Das neue Dach war wirklich da, die bezahlte Schuld auch, das Auto vor der Tür ebenso. Vielleicht konnte all das dem Tod sogar nachträglich einen Sinn geben. Er hatte für uns gesorgt. Er hatte etwas hinterlassen. Er war nicht umsonst gestorben.
Niemand musste diese Sätze befehlen. Die Rechnung konnte beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Das Geld schuf nicht automatisch Loyalität, aber es konnte Bindung erzeugen. Der Staat hatte die Unterschrift bezahlt, die Schuld konnte verschwinden, die Zelle sich öffnen, Verwundung und Tod bekamen einen finanziellen Wert. Die Familie bekam Geld, das Haus ein neues Dach.
Und der Nachbar sah es.
Irgendwo saß wieder jemand an einem Plastiktisch. Vor ihm ein Formular, daneben ein Kugelschreiber.