PROVOKANT?
Der Russe an sich ist feige.
Ein ungeheuerlicher Satz. Vielleicht sogar ein dummer. Und doch kam er mir manchmal in den Sinn.
Warum braucht ein so großes Land so viele erklärte Feinde? Warum diese ständige Bedrohung, diese Vorführung von Stärke? Und warum schien etwas davon besonders dort hervorzutreten, wo der Einzelne im Verband stand – in der Armee, im Staat, in der Masse?
Allein begegnete mir derselbe Mensch oft ganz anders. Unsicher manchmal, verloren, aber ebenso freundlich, hilfsbereit, ein guter Freund. In der Masse konnte sich etwas verändern. Als fände er dort eine Größe, die ihm allein fehlte.
Vielleicht fiel mir deshalb auf, welchen eigentümlichen Respekt ukrainische Angriffe auf russische militärische Ziele mitunter selbst bei Russen hervorrufen konnten. Keine Zustimmung, schon gar keine Sympathie. Eher dieses kurze Staunen: Sie tun es wirklich. Sie greifen an. Sie wehren sich.
Der andere wagte etwas. Er widersetzte sich einer Macht, vor der man sich selbst eingerichtet hatte. Und plötzlich war diese Macht verwundbar.
Vielleicht war also schon mein erster Satz falsch. Vielleicht ging es weniger um Feigheit als um die Frage, welche Bedeutung persönlicher Mut in einer Ordnung überhaupt haben konnte, die lange etwas anderes besaß: Raum, Menschen und die Macht über beides.
Russland hatte die Weite. Wenn der Feind kam, konnte man zurückweichen. 1812 vor Napoleon, später unter völlig anderen Bedingungen vor der Wehrmacht. Man konnte Raum verlieren und dadurch Zeit gewinnen, Städte und Land preisgeben und den Gegner tiefer hineinziehen. Was anderswo bereits Niederlage bedeutet hätte, konnte hier Teil der Verteidigung sein.
Auch der einzelne Soldat musste nicht immer aus eigenem Entschluss mutig sein. Gerade unter Stalin konnte der Rückzug selbst zur Gefahr werden. Befehle, Strafandrohungen und die eigene militärische Ordnung engten die Möglichkeit ein, sich dem Kampf zu entziehen. Wo das Bleiben erzwungen wird, lässt sich schwer sagen, wo Mut endet und Zwang beginnt.
Danach ließ sich aus dem Gefallenen ein Held machen. Der Tote musste nicht mehr erzählen, ob er mutig gewesen war, Angst gehabt hatte, kämpfen oder fortlaufen wollte. Sein Tod genügte, um aus einem Menschen eine Geschichte zu machen.
Vielleicht eignete sich der Märtyrer dafür sogar besser als der Held. Ein Held handelt und entscheidet, und darin bleibt etwas Eigenes, womöglich sogar Unberechenbares. Ein wirklicher Held könnte schließlich auch entscheiden, nicht zu gehorchen. Der Märtyrer dagegen erleidet. Er opfert sich oder wird geopfert und kann danach vollständig in die größere Erzählung eingehen.
Der einzelne Mensch musste also nicht unbesiegbar sein. Ein System konnte seine Angst einkalkulieren und selbst den Tod noch in Größe verwandeln.
Leibeigenschaft, Zarismus, Revolution, Terror, Kommunismus, KGB und wieder Geheimdienst: Herrscher, Fahnen und Systeme wechselten. Eine Erfahrung konnte dennoch bleiben. Wer sich allein gegen die größere Ordnung stellte, musste damit rechnen, dass diese Ordnung gewann.
Irgendwann musste die Macht dafür nicht mehr jeden bestrafen. Es genügte, dass man wusste, was geschehen konnte.
Doch diese Erklärung entlastet zu leicht. Man kann nicht jahrhundertelang erklären, weshalb der Einzelne schweigt, ohne irgendwann zu fragen, was dieses Schweigen selbst bewirkt. Einzelne, die widersprachen, gab es immer. Sie demonstrierten, schrieben, gingen ins Gefängnis oder ins Exil, manche starben. An persönlichem Mut fehlte es ihnen nicht. Was häufig fehlte, waren genügend andere, die gleichzeitig stehen blieben.
Vielleicht liegt darin der wichtigere Unterschied. Millionen Menschen, die jeweils für sich wissen, dass etwas nicht stimmt, ergeben noch keine Zivilgesellschaft. Sie entsteht erst dort, wo einer darauf vertrauen kann, dass der andere ebenfalls nicht weicht.
Der Verband löst dieses Problem auf seine eigene Weise. Er schützt nicht nur, er verleiht Größe. Allein fürchtet man die Macht, in der Masse wird man ein Teil von ihr. Die eigene Bedeutung kann sich dann aus der Bedeutung des Ganzen beziehen: Russland ist groß, also gehöre ich zu etwas Großem.
Auch der Feind bekommt darin eine Funktion. Er bedroht, aber er verbindet zugleich. Millionen einzelner Ängste erhalten eine gemeinsame Richtung. Das erinnert an die Logik der Mafia: Gefahr bedroht das Geschäft und begründet zugleich den Schutz. Ohne Gegner verliert Gefolgschaft einen Teil ihres Sinns.
Gewalt muss dafür nicht überall stattfinden. Es genügt, wenn sie glaubwürdig ist. Einer wird bestraft, damit viele wissen, was geschehen könnte. Einer wird getötet, damit andere zurückweichen. Irgendwann trägt die Angst einen Teil der Ordnung selbst.
Dann sah ich diese anderen Bilder. Menschen in Russland blickten zum Himmel, während Drohnen kamen und Explosionen zu hören waren. Manche filmten, kreischten, wirkten beinahe begeistert.
Natürlich konnte das Sensationslust sein, Nervosität, dieses merkwürdige Hochgefühl, wenn etwas geschieht, das bisher nur im Fernsehen existiert hatte. Trotzdem erinnerte mich ihre Reaktion an das frühere Staunen über ukrainische Angriffe.
Etwas, das unberührbar gewirkt hatte, war es plötzlich nicht mehr.
Vielleicht galt das Staunen weniger dem Angreifer als diesem Riss. Der Krieg, der bisher vor allem anderswo stattgefunden hatte, erreichte die eigene Wirklichkeit. Die Macht, die nach außen schlug, konnte selbst getroffen werden.
Damit entstand für mich eine unangenehme Frage: Kann eine Gesellschaft einen Krieg mittragen und zugleich eine Niederlage ersehnen, die sie selbst niemals herbeiführen würde?
Nicht bewusst und sicher nicht bei allen. Vielleicht nicht einmal als Wunsch, den man sich eingestehen könnte. Aber als dunkle Möglichkeit.
Gerade die Ukraine machte diese Frage noch schwieriger. Wenn der eigentliche Feind die NATO war, warum wurde ausgerechnet ein Land zum existenziellen Gegner, das 2022 nicht Mitglied dieses Bündnisses war?
Die Ukraine war nah. Man kannte Menschen dort, verstand die Sprache, teilte Geschichte. Und trotzdem widersprach sie. Vielleicht lag gerade darin etwas Bedrohlicheres als in einem vollkommen Fremden: Jemand, der ähnlich genug war, entzog sich der gemeinsamen Ordnung.
Putin und die Menschen um ihn entschieden diesen Krieg. Nicht „Russland“ als abstraktes Wesen. Aber auch Macht kann sich in ihrer eigenen Erzählung verfangen. Wer über Jahre immer weniger Widerspruch hört, Sieg, Größe und Unfehlbarkeit beschwört, kann irgendwann an einen Punkt gelangen, an dem Rückzug nicht mehr wie eine politische Möglichkeit erscheint, sondern wie die Zerstörung der eigenen Stellung.
Darin berührten sich vielleicht zwei verschiedene Tragödien. Die Macht konnte nicht mehr zurück, und viele unter ihr waren nicht imstande, sie von ihrem Platz zu bringen.
Was blieb, war womöglich die Hoffnung, dass etwas von außen geschah.
Nicht weil man sein Land verlieren wollte. Vielleicht gerade weil man keinen anderen Weg mehr sah, eine Ordnung zu verlieren, vor der man sich selbst längst eingerichtet hatte.
Dann bekamen auch die Reaktionen auf die Ukraine einen anderen Klang. Der Ukrainer erschien nicht nur als Feind. Er konnte zugleich derjenige sein, der etwas tat, was man selbst nicht vermochte: widersprechen, sich widersetzen, Nein sagen.
Vielleicht erklärte das jenes merkwürdige Kreischen unter dem russischen Himmel. Keine Freude über den Krieg und vielleicht nicht einmal über den Feind. Nur für einen Augenblick der sichtbare Beweis, dass etwas, das unverrückbar schien, doch bewegt werden konnte.
Dass die Macht verwundbar war.
Und dass jemand es wagte.