DER GRASCHDANIN
Für mich ist es ein Muss. Nachrichten, Videos, Blogs. Irgendwann wird man zum Zombie. Nach einer gewissen Zeit wird es leichter. Man weiß, wem man trauen kann. Wem man zuhören sollte.
Vox Veritatis ist so ein YouTube-Kanal. Chatroulette heißt das Format: Zufällige Gesprächspartner werden einander zugeschaltet. Vitaly ist Geschichtslehrer. Er spricht dort mit Russen über ihre Geschichte und über unsere. Für viele Ukrainer ist das wahrscheinlich fast wie Brot. Nicht darum, Recht zu bekommen. Eher um Genugtuung. Ehe der Russe sich meist verzieht.
Man sieht Vitaly dabei zu, wie er Behauptungen und Mythen auseinandernimmt, die seit Jahren mit einer Selbstverständlichkeit wiederholt werden, als wären sie Tatsachen.
Auch das braucht Kraft.
Und dann kam dieses Gespräch.
Ein Russe erklärte, er kümmere sich um sein Geschäft. Der Krieg gehe ihn eigentlich nichts an. Das sei oben. Deren Sache. Deren Spiel.
Vitaly hörte ihm zu. Ich verstehe, sagte er. Du bist also kein Bürger.
Der andere verstand nicht. Wieso?
„Weil du nicht für deinen Staat einstehst und dein Staat nicht für dich.“
Ich weiß, warum mir dieser Satz so auffiel. Wegen des Wortes. Bürger. Bürgerschaft.
Ein vollkommen unscheinbares Wort. Eines dieser Wörter, die man auf Formularen erwartet. Staatsbürgerschaft. Nationalität. Geburtsdatum. Ein Kästchen, das man ausfüllt, ohne darüber nachzudenken: Russe.
Natürlich war der Mann Russe. Er hatte einen russischen Pass. Er lebte in Russland. Er führte dort sein Geschäft. Er zahlte wahrscheinlich dort seine Steuern.
Nur Bürger war er nicht.
Wie absurd. Ich bin Russe, aber kein Bürger.
Vitaly erklärte es ihm. Ihr habt angegriffen. Ihr greift auf alles an, was sich bewegt. Kinderkrankenhäuser. Werften. Fabriken. Schulen. Einkaufszentren. Ihr werft Bomben und manchmal ein zweites Mal auf denselben Ort.
„Aber das hat mit dir nichts zu tun.“
Der Krieg war oben. Die Bomben waren oben. Die Toten waren oben. Unten war sein Geschäft.
Der andere fragte, ob es in der Ukraine denn anders sei. Und was das gebracht habe.
Vitaly antwortete beinahe beiläufig. „Bei uns ist das schon die dritte Revolution. 1990. Dann 2004. Dann 2013. Wir richten es uns. Weil wir eine Zivilgesellschaft sind. Mit Bürgern.“
Da war es wieder. Dieses unscheinbare Wort.
Bürger. Bürgerschaft.
Ich hatte darüber nie so nachgedacht.
Darin liegt eine ungeheure Entlastung: Ich bin Russe. Aber was der russische Staat tut, hat mit mir nichts zu tun.
Diese Entlastung muss nicht einmal von oben angeboten werden. Sie entsteht auch unten. Vor allem unten.
Der Staat wird zu etwas, das andere betreiben. Die Regierung regiert. Die Armee führt Krieg. Die Polizei verhaftet. Irgendjemand entscheidet. Man selbst führt sein Geschäft.
Es ist nicht einmal Ohnmacht.
Ohnmacht hieße: Ich würde gern etwas ändern, aber ich kann nicht.
Hier ist es etwas anderes.
Es geht mich nichts an.
Und irgendwann sogar: Es hat mich auch nichts anzugehen.
Damit verschwindet nicht nur die Verantwortung. Es verschwindet der Anspruch. Wer sich für das Handeln seines Staates nicht zuständig fühlt, verlangt von diesem Staat auch nichts Politisches mehr. Man lebt in ihm, aber man bildet ihn nicht.
Genau dort verschwindet etwas, ohne dass jemand bemerkt, dass es verschwunden ist.
Die Bürgerschaft.
Bürgerpflicht und Bürgerrecht.
Nur in dem Verhältnis, das Bürgerschaft eigentlich ausmacht, ist er es nicht.
Und plötzlich wirkt dieses ganze Föderationsgetue merkwürdig hohl. Denn wer föderiert sich da eigentlich mit wem? Wer gibt wem Rechte? Wer schuldet wem etwas?
Der Mann hatte darauf seine Antwort längst gegeben.
Das ist oben. Deren Sache. Deren Spiel.
Die Degradation eines Staates beginnt nicht erst damit, dass seine Institutionen verschwinden. Sie beginnt dort, wo der Mensch sagen kann: Ich bin Russe. Und im nächsten Satz: Was Russland tut, geht mich nichts an.
Das Absurde daran hatte ich nie gesehen.
Ich bin Russe.
Aber ich bin kein Bürger.
Die Steuern, die er zahlt: sein Recht zum Aufenthalt? So klingt es fast.
Die Frage stellte sich mir augenblicklich:
Bürger wovon, wenn Bürgerschaft weder verlangt noch gelebt wird?
Was ist ein Staat, der keine Bürger braucht?
Ein Staat?
…
Djakuju, Vitaly.