VIERUNDACHTZIG TAGE
Im Frühjahr 2014 erschienen auf der Krim viele Texte, Artikel und Essays, in denen sich die Ereignisse innerhalb erstaunlich kurzer Zeit neu sortierten.
Gegenüber den Bildern im Fernsehen und der täglichen Nachrichtenflut fielen sie kaum auf. Sie wurden von einer kleinen, eher intellektuellen Öffentlichkeit gelesen. Und doch findet man in ihnen erstaunlich früh fast das gesamte Vokabular dessen, was später zur allgemeinen Erzählung werden sollte.
Aus dem Maidan wurde ein Staatsstreich, aus der neuen Regierung in Kyjiw eine Junta, aus ukrainischem Nationalismus Faschismus, aus russischen Soldaten Beschützer und aus einer Annexion eine Heimkehr. Wer diese Texte heute liest, begegnet Begriffen und Argumenten, die später so oft wiederholt wurden, dass man leicht vergisst, wie jung sie damals waren.
Auffallend waren darunter die alten Kommunisten.
Ich hatte mich oft gefragt, wie es sein musste, eine Ideologie über den Untergang jenes Staates hinaus zu bewahren, der sie hervorgebracht hatte. Die Sowjetunion war verschwunden. Viele ihrer Überzeugungen waren es nicht.
Einige dieser Menschen kannte ich. Auch Leonid Iwanowitsch Gratsch, den früheren kommunistischen Spitzenpolitiker der Krim. Er wohnte vielleicht dreihundert Meter von uns entfernt. Manchmal trafen wir uns mit den Hunden und gingen ein Stück miteinander.
Wir plauderten über dies und das, und irgendwann landeten wir bei der Politik. Ost und West.
Für Gratsch war die Sache ziemlich klar. Hinter dem Maidan stand der Westen. Die Amerikaner. Die Angelsachsen.
Ich fragte ihn, warum eigentlich immer der Westen dahinterstehen musste. Warum konnten die Ukrainer nicht selbst auf die Straße gehen, weil sie etwas nicht mehr wollten?
Er sah mich an, als wäre schon die Frage falsch gestellt.
Sinngemäß war seine Antwort, dass: „Natürlich konnten sie auf die Straße gehen. Aber jemand musste dahinterstehen. Jemand musste sie organisieren, finanzieren, lenken. So etwas entstand nicht einfach von selbst.“
„Warum nicht?“
„Weil es so nicht funktioniere. Die Amerikaner seien weit weg. Die Angelsachsen hätten uns nie verstanden. Sie verstünden Russland nicht, sie verstünden die Ukraine nicht, sie hätten ihre eigenen Interessen“
Wir gingen weiter. Die Hunde liefen vor uns.
Damals nahm ich es als eines jener politischen Gespräche, die man auf der Krim ständig führte. Erst später verstand ich, was mich daran eigentlich gestört hatte.
Natürlich war der Westen schuld. Irgendwie war er es immer. Vielleicht musste er es sogar sein. Denn die Alternative wäre für dieses Denken viel schwerer zu ertragen gewesen: dass ein Nachbar sich aus eigenem Willen auflehnen konnte, ohne gelenkt, gekauft oder verführt worden zu sein.
Das hätte bedeutet, ihm einen eigenen Willen zuzugestehen.
Und damit Gleichwertigkeit.
Ende Februar 2014 erklärte derselbe Leonid Gratsch noch, die Krim werde Teil der Ukraine bleiben. Die Grenzen stünden nicht zur Disposition. Rund zwei Wochen später unterstützte er das Referendum vom 16. März. Danach nahm er die russische Staatsbürgerschaft an und schloss sich den russischen „Kommunisten Russlands“ an. Gratsch war kein Einzelfall.
Einer jener Männer, an denen sich dieser Übergang noch genauer beobachten lässt, war Aleksander Andrejewitsch F.
Ausgerechnet er trug einen Familiennamen, der ukrainischer kaum hätte klingen können. Es war eine jener kleinen Ironien, an denen diese Jahre nicht arm waren. Auch er kam aus der alten kommunistischen Welt.
Ich war ihm nie begegnet. Man kannte ihn von Auftritten im Fernsehen, von Eröffnungen, und wenn man in der Sauna saß und über Politik sprach, nickte man, wenn sein Name fiel. Er war nicht wichtig genug, um Entscheidungen zu treffen.
Aber wichtig genug, um sie zu erklären.
Am 6. Februar 2014 trat er im ukrainischen Fernsehsender 112 auf, als Politologe, Co-Vorsitzender der Vereinigung der Politologen der Krim und Vorsitzender des Experten-analytischen Rates beim Ministerrat der Autonomen Republik Krim. Die Lage in Kyjiw war angespannt, der Maidan dauerte an, und auch auf der Krim wurde bereits darüber gesprochen, Russland um Schutz zu ersuchen.
Aleksander F. widersprach. Er könne mit Sicherheit sagen, erklärte er, dass sich das Krim-Parlament damit nicht befassen werde. Nicht am 19. Februar und wahrscheinlich auch in den folgenden Monaten nicht – solange Hoffnung bestehe, dass sich die Lage in der Ukraine stabilisiere.
Das war kein Bekenntnis zur Ukraine. Aleksander stand seit Langem in einer stark russisch und sowjetisch geprägten politischen Tradition der Krim und hatte bereits 1991 zu den Initiatoren des Referendums über die Wiederherstellung ihrer Autonomie gehört.
Aber am 6. Februar existierte die Ukraine in seiner Argumentation noch als politischer Raum, dessen Stabilisierung möglich war. Er warnte sogar davor, dass jeder Konflikt auf der Krim sehr schnell eine ethnische Komponente bekommen könne. Daran, sagte er, könne weder die russischsprachige Mehrheit noch könnten die Krimtataren ein Interesse haben.
Drei Wochen später besetzten Bewaffnete das Parlament und den Ministerrat der Krim. Am 10. März sprach Aleksander F. wieder im ukrainischen Fernsehen. Jetzt klang es bereits anders. Die ukrainische Regierung treibe mit ihren Maßnahmen die Krimbewohner geradezu in Richtung Russland. Russische Soldaten, erklärte er, besetzten die Krim nicht. Sie retteten sie vor einer Aggression, die aus Kyjiw kommen könne.
Am 18. März erklärte Russland die Krim zu seinem Staatsgebiet. Und am 1. Mai schrieb Aleksander F. einen Artikel mit dem Titel Die Wissenden sprechen nicht, die Sprechenden wissen nicht.
Darin war die Transformation beinahe vollständig. Die Krim war nicht annektiert worden. Sie war, wie Aleksander F. schrieb, „historisch nach Russland geflohen“.
Flucht. Nicht Annexion, nicht Besetzung, nicht einmal Anschluss. Die Krim war geflohen.
Zwischen seinem Fernsehauftritt vom 6. Februar und diesem Satz lagen vierundachtzig Tage.
Natürlich war in diesen vierundachtzig Tagen nicht plötzlich entstanden, was sich nun zeigte. Auch Aleksander F. war nicht innerhalb weniger Wochen aus dem Nichts entstanden. Gerade seine Biografie zeigt das.
Geboren wurde er 1946 in der Oblast Schytomyr, weit entfernt von der Krim. Zum Studium kam er nach Simferopol; 1969 schloss er dort das Pädagogische Institut als Lehrer für Geschichte und Gesellschaftskunde ab.
Damals war daran nichts Besonderes. Schytomyr und Simferopol lagen in derselben Ukrainischen SSR – und zugleich in derselben Sowjetunion. Ein junger Mann konnte aus dem Norden der Ukraine auf die Krim gehen, dort studieren, bleiben und seine politische Laufbahn beginnen, ohne sich entscheiden zu müssen, welche dieser Zugehörigkeiten einmal die wichtigere sein würde.
Erst im Rückblick bekommen solche Lebenswege Grenzen, die sie damals nicht hatten.
Aleksander F. verbrachte sein Berufsleben in den Institutionen jener Systeme, die auf der Halbinsel einander ablösten: Komsomol, Gesellschaft „Wissen“, Kommunistische Partei. Von 1988 bis 1991 arbeitete er im Krim-Gebietskomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine, zuletzt als Sekretär für Ideologie. Dann verschwand die Sowjetunion. Aleksander F. nicht.
Er fand seinen Platz in der nächsten Ordnung, wurde stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats der Autonomen Republik Krim, arbeitete später im Apparat des Krim-Parlaments und schließlich als Vorsitzender eines Expertenrates beim Ministerrat. Die Ukraine hatte ihn keineswegs ausgeschlossen. Sie hatte ihm Ämter, Einfluss und Auszeichnungen gegeben.
Er hatte nicht neben diesem Staat gelebt. Er war Teil von ihm.
Und nach dem März 2014 blieb er wieder.
Politiker, Beamte, Experten und Journalisten fanden sich nach dem Machtwechsel in einer neuen politischen Ordnung wieder. Manche hatten sie gewollt, manche an ihrer Entstehung mitgewirkt, manche passten sich an, andere verschwanden aus den Institutionen oder verließen die Krim. Die Biografien waren unterschiedlich. Gemeinsam war vielen, dass innerhalb kürzester Zeit eine Sprache zur Verfügung stand, mit der sich die neue Wirklichkeit nicht nur erklären, sondern auch mit der eigenen Vergangenheit versöhnen ließ.
Der Satz von der „historischen Flucht“ leistete genau das.
Wenn Russland die Krim annektiert hatte, dann hatten Menschen wie Aleksander F. eine Entscheidung getroffen. Sie hatten einem Staat gedient und dienten nun einem anderen. Dafür konnte es viele Gründe geben: Überzeugung, Herkunft, Angst, Opportunismus, Hoffnung, vielleicht von allem etwas.
Wenn die Krim dagegen nach Russland geflohen war, verschwand diese Entscheidung. Nicht der Mensch hatte die Seite gewechselt. Das Land unter seinen Füßen hatte es getan.
Die neue Ordnung verlangte von vielen Menschen gar nicht, sich selbst als Überläufer zu verstehen. Sie bot ihnen eine Geschichte an, in der sie geblieben waren, wo sie immer gewesen waren. Nicht sie hatten die Vergangenheit verlassen. Die Vergangenheit war zu ihnen zurückgekehrt. Was geschehen war, erschien damit nicht mehr als Bruch, sondern als Korrektur eines historischen Fehlers.
Ich weiß nicht, was Aleksander F. am 1. Mai 2014 tatsächlich glaubte. Vielleicht jedes Wort. Vielleicht hatte er vieles davon schon lange geglaubt. Vielleicht hatte die Annexion lediglich Überzeugungen freigelegt, die während der ukrainischen Zeit vorhanden gewesen waren. Gerade auf der Krim wäre es falsch, aus einem Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit automatisch einen Wechsel persönlicher Identität abzuleiten.
Interessanter ist etwas anderes: die Geschwindigkeit, mit der sich die Grenzen dessen verschoben, was ausgesprochen und als selbstverständlich behauptet werden konnte.
Die neue Wirklichkeit besaß bereits ein nahezu vollständiges Vokabular. Dieses Vokabular hatte eine bemerkenswerte Eigenschaft: Es kehrte Ursache und Wirkung um. Russische Soldaten hatten ukrainische Einrichtungen auf der Krim übernommen, doch nun war die Krim das Objekt ukrainischer Aggression. Die Einstellung der Wasserversorgung über den Nord-Krim-Kanal wurde zum „Wasserkrieg“, Probleme der PrivatBank wurden Teil eines „psychologischen Krieges“, hinter alldem stand die ukrainische Führung und hinter dieser wiederum der Westen.
Vielleicht besteht die wirksamste Rechtfertigung einer Aggression gar nicht darin, die Aggression zu leugnen. Es genügt, sich selbst zum Angegriffenen zu erklären. Wer sich verteidigt, muss nicht mehr erklären, warum er angreift.
Beim Lesen dieses Textes, Die Wissenden sprechen nicht, die Sprechenden wissen nicht, fällt heute noch etwas auf. Vieles klingt, als wäre es erst nach dem 24. Februar 2022 geschrieben worden: die Ukraine als gescheiterter Staat, ukrainischer Nationalismus als existenzielle Bedrohung, der Westen als eigentlicher Akteur, Russland als gezwungener Verteidiger und ukrainische Staatlichkeit als Problem, das einer grundlegenden Neuordnung bedürfe.
Aleksander F. haderte mit Poroschenko, mit dem Medschlis, mit der PrivatBank, mit der Regierung in Kyjiw und, wie fast zwangsläufig, mit dem Westen. Für beinahe jedes Problem fand sich ein Akteur, der es verursacht, verschärft oder zumindest gewollt hatte.
Beim Medschlis kam noch etwas anderes hinzu. Man war sich durchaus bewusst, welche internationale Wirkung Mustafa Dschemilew besaß. Er war kein Politiker, der erst mit dem Zerfall der Sowjetunion aufgetaucht war. Seine Geschichte reichte tief in die sowjetische Dissidentenbewegung zurück. Petro Grigorenko, sowjetischer General, Dissident und 1976 einer der Gründer der Ukrainischen Helsinki-Gruppe, hatte sich schon zu Sowjetzeiten für die Rechte der Krimtataren und für Dschemilew eingesetzt. Menschenrechtsbewegung und krimtatarische Nationalbewegung berührten sich hier unmittelbar.
Das verlieh Dschemilew eine Autorität, die weit über die Krim hinausreichte. Sein Name wurde sogar im Zusammenhang mit dem Friedensnobelpreis genannt. Das war nicht nebensächlich. Ausgerechnet jene politische Kraft, die sich der russischen Übernahme der Krim besonders entschieden widersetzte, verfügte mit ihm über eine Stimme, deren Biografie sich nur schwer als Produkt Kyjiws oder des Westens abtun ließ.
Die Gefahr lag nicht im Nobelpreis selbst. Sie lag in der moralischen Autorität, die eine solche Auszeichnung sichtbar gemacht hätte.
Anderes ließ sich leichter einordnen. Wasser wurde zum „Wasserkrieg“, wirtschaftliche Schwierigkeiten zum „psychologischen Krieg“, politische Gegnerschaft zur Bedrohung.
Das Bemerkenswerte daran war weniger, mit wem Aleksander F. haderte. Kritik an Poroschenko, an ukrainischen Banken oder an der Politik Kyjiws war weder ungewöhnlich noch illegitim. Bemerkenswert war, wie sich die einzelnen Konflikte zu einem geschlossenen Bild verbanden. Es gab kaum noch Zufall, kaum eigenes Versagen, kaum widersprüchliche Interessen. Hinter dem Sichtbaren stand immer noch etwas Größeres: hinter Kyjiw der Nationalismus, hinter dem Nationalismus der Westen, hinter dem Westen schließlich jene Macht, die Russland und die Krim schon immer habe schwächen wollen.
Natürlich war der Westen schuld.
Da war sie wieder, jene Logik, die mir Leonid Gratsch bei unseren Spaziergängen erklärt hatte.
Nur war sie inzwischen keine beiläufige politische Überzeugung mehr. Sie wurde zu einem System der Erklärung. Und ein solches System besitzt einen großen Vorteil: Es kann fast nichts mehr widerlegen. Jede Sanktion bestätigt die Feindschaft, jeder Widerstand die Bedrohung, jede ukrainische Gegenmaßnahme die ursprüngliche Behauptung, man habe sich verteidigen müssen.
Aber der Text stammt nicht aus dem Jahr 2022.
Er stammt vom 1. Mai 2014.
Acht Jahre später musste die Erzählung nicht neu erfunden werden.
Sie musste nur vergrößert werden.
Aleksander F. ging mit ihr weiter. Bereits 2014 wechselte er in die Institutionen der nun russisch kontrollierten Krim, später wurde er Vorsitzender ihrer Gesellschaftskammer. Auf ukrainische Auszeichnungen folgten russische. 2022 sprach er nicht mehr nur darüber, warum die Krim russisch geworden war. Nun erklärte er, auch andere Teile der Ukraine könnten Bestandteil Russlands werden.
Aus der Ausnahme Krim war ein Prinzip geworden.
Man könnte darin die Geschichte eines Opportunisten sehen. Aber Opportunismus erklärt einen Menschen. Er erklärt nicht, warum solche Übergänge gesellschaftlich funktionieren.
Systeme brauchen nicht Millionen überzeugte Ideologen. Sie brauchen genügend Menschen, die bereit sind, die neue Wirklichkeit mit Begriffen zu versehen, in denen sie plausibel erscheint. Journalisten schreiben sie auf, Experten erklären sie, Beamte verwalten sie, Politiker wiederholen sie. Irgendwann verliert sich die Frage, wann genau aus einer Behauptung eine Selbstverständlichkeit geworden ist.
Vielleicht wechseln Systeme ihre Eliten seltener aus, als wir glauben. Manchmal genügt es, wenn die Eliten ihr Vokabular wechseln. Und vielleicht liegt genau darin eine Form von Degradation, die schwerer zu erkennen ist als Korruption, Gewalt oder offene Lüge. Sie geschieht selten plötzlich. Eine Institution verliert etwas Autorität, eine Regel etwas Verbindlichkeit, ein Wort etwas Bedeutung. Man gewöhnt sich an den nächsten Widerspruch, die nächste Verschiebung, die nächste kleine Umdeutung. Jeder einzelne Verlust scheint verkraftbar. Das System funktioniert schließlich noch.
Bis es das nicht mehr tut.
Dann kann sehr schnell gehen, was sehr lange vorbereitet wurde. Nicht die Degradation beschleunigt sich plötzlich. Ihre Folgen tun es. Was über Jahre an Bindung verloren hat, kann innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen. Und was gestern noch erklärt werden musste, erscheint morgen bereits selbstverständlich.
Aleksander F. hatte seinen Artikel überschrieben: Die Wissenden sprechen nicht, die Sprechenden wissen nicht. Vielleicht hatte er mit diesem Titel mehr recht, als ihm bewusst war. Er selbst sprach viel. Am 6. Februar wusste er noch, dass eine Stabilisierung der Ukraine möglich war.
Vierundachtzig Tage später wusste er bereits, wie alles gewesen war.
So wenig Zeit hatte genügt, damit sichtbar wurde, was lange zuvor begonnen hatte.