Die Wochen, in denen die Krim den Besitzer wechselte, habe ich an anderer Stelle in der „Annexion“ erzählt. Tag für Tag, beinahe Stunde für Stunde, so wie wir sie damals erlebten.

Hier interessiert mich etwas anderes.

Was war eigentlich geblieben, nachdem die Soldaten verschwunden waren, die Fahnen gewechselt hatten und aus einem Ereignis eine neue Wirklichkeit geworden war?

DAS RESULTAT

Es gab viele Gründe.

Zum Teil war es die Enttäuschung über Kyjiw. Dieses Gefühl, das Regionen am Rand wohl immer kennen: zu weit weg zu sein von denen, die entscheiden. Die Krim war weit weg von Kyjiw, nicht nur in Kilometern. Andererseits hatte sich auch die lokale Politik und Verwaltung nicht gerade darum bemüht, diese Entfernung kleiner zu machen. Es war einfach, Kyjiw für vieles verantwortlich zu machen.

Da waren die Ewiggestrigen, die sich nach einer Vergangenheit zurücksehnten, die in ihrer Erinnerung besser geworden war, als sie vermutlich jemals gewesen war. Da waren Russen, die nach 1991 auf der Krim geblieben waren und für die Russland nie ganz Ausland geworden war.

Andere dachten an Geld. An höhere Pensionen, höhere Gehälter, an einen stärkeren Staat. Manche hatten juristische Probleme mit der Ukraine oder wirtschaftliche Gründe, sich von einer neuen Ordnung etwas zu versprechen. Und dann gab es jene, die einfach ein neues Dach suchten. Eines, von dem sie glaubten, es sei größer, stärker und vielleicht auch sicherer als das alte.

Und Russland bedeutete Geld. So jedenfalls die Erwartung. Wenn Russland kam, würde investiert werden. Straßen, Aufträge, Bauprojekte, Verwaltung, neue Strukturen. Und wo viel Geld in kurzer Zeit verteilt wird, lässt sich auch schnell etwas verdienen. Das war kein neues Prinzip. Im Gegenteil. Es war eines der ältesten, die wir kannten.

Vielleicht würde unter einem neuen Dach manches sogar einfacher werden.

Wieder andere spürten vermutlich nur instinktiv, dass es besser sein könnte, mit Russland zu sein als gegen Russland.

All das gab es.
Enttäuschung, Erinnerung, Herkunft, Geld, Hoffnung, Berechnung, Angst.

Aber dafür?
Wirklich dafür?
Davon hatte ich vorher wenig gespürt.
Warum auch?

Warum sollte ein Mensch, der gestern noch in seinem Land gelebt hatte, am nächsten Morgen plötzlich den Wunsch verspüren, in einem anderen aufzuwachen?

Aus Angst vor wem?

Vor Kyjiw? Vor dem Maidan? Vor den Faschisten, von denen fast nur das Fernsehen immer häufiger sprach? Vor einer ukrainischen Sprache? Vor einem Staat, der vieles schlecht machte, aber gestern noch unser Staat gewesen war?

Vielleicht war genau das der Punkt.

Man musste die Menschen nicht alle zu überzeugten Anhängern Russlands machen. Es genügte, ihnen genügend Gründe zu geben, nicht dagegen zu sein.

Und irgendwann sah das aus wie Zustimmung.

Eine hohe Zustimmung allein beweist nichts. Das wusste ich. Auch sechzig, siebzig oder achtzig Prozent sind möglich. Aber eine Gesellschaft besteht aus unterschiedlichen Interessen, Erfahrungen, Hoffnungen und Ängsten. Je geschlossener ein politisches Ergebnis erscheint, desto mehr interessiert mich deshalb die Frage, wo der Widerspruch geblieben ist.

Denn genau diesen Widerspruch hatte ich auf der Krim erlebt.

Die Krim, die ich kannte, war nicht eindeutig. Sie war kein monolithischer russischer Block. Sie war russisch und ukrainisch, sowjetisch und tatarisch, nostalgisch und pragmatisch, manchmal alles gleichzeitig.

Vielleicht lag ein Teil davon auch an den Millionen Menschen, die jedes Jahr als Touristen auf die Halbinsel kamen. Wer viele Fremde empfängt, wird mit der Zeit zwangsläufig vielfältiger. Andere Sprachen, andere Gewohnheiten, anderes Geld und andere Vorstellungen vom Leben hinterlassen etwas.

Solche Orte werden pluralistischer. Toleranter sogar.
Aber selten eindeutiger.
Und die Krim war vieles, aber eindeutig war sie nie.

Da waren Menschen, die Russland wollten, andere, die sich etwas davon versprachen, Menschen, denen es gleichgültig war, solange ihr Leben weiterging, und solche, die Russland nicht wollten.

Genau diese Krim kannte ich.

Und auf dieser Krim sollten es plötzlich 96,77 Prozent gewesen sein.

Eine Zahl, die all diese Widersprüche verschwinden ließ.

Fast alle dafür.
So einfach.

Vielleicht war es gerade diese Einfachheit, die ich nicht glauben konnte.

Dabei spielte bald kaum noch eine Rolle, was dieser Abstimmung vorausgegangen war. Ob sie überhaupt legal gewesen war. Ob eine Abstimmung unter der Anwesenheit fremder Soldaten noch ausdrücken konnte, was die Menschen tatsächlich wollten. Ob diejenigen, die dagegen waren, überhaupt zur Abstimmung gingen.

Es hieß nur noch: Sie haben doch gewählt.

Als wäre schon die Tatsache, dass irgendwo eine Urne stand, ausreichend. Als würde ein Stimmzettel alles aufheben, was vorher geschehen war.

Am 27. Februar hatten bewaffnete Männer ohne Hoheitszeichen das Parlament und den Ministerrat besetzt. Danach kamen die Flughäfen, die blockierten ukrainischen Kasernen, die Fernsehsender, die verschwanden oder durch russische ersetzt wurden. Am 6. März wurde das Referendum auf den 16. März angesetzt.

Zehn Tage.
Zehn Tage für eine Entscheidung darüber, zu welchem Staat mehr als zwei Millionen Menschen künftig gehören sollten.

Dann standen die Urnen da.
Und am Ende stand eine Zahl.
96,77 Prozent.

In Russland konnte diese Zahl noch etwas anderes bewirken.

Begeisterung.

Wir sind nicht allein. Sie wollen es auch. Wenn unsere Nachbarn so eindeutig für Russland stimmen, dann können wir nicht falsch liegen. Dann sind es Freunde. Menschen, die zu uns gehören wollen und die man nicht im Stich lassen darf.

Die Zahl bestätigte nicht nur das Ergebnis auf der Krim. Sie bestätigte Russland selbst.

Wir sind auf dem richtigen Weg.

Denn wenn die Menschen außerhalb der eigenen Grenzen dasselbe wollen, wenn sie sich Russland zuwenden und Russland um Hilfe bitten, dann musste an diesem Russland doch etwas richtig sein.

Plötzlich war Russland nicht mehr derjenige, der gekommen war. Sondern Russland war derjenige, der gerufen worden war.

Das machte einen gewaltigen Unterschied.

Wer gerufen wird, muss sich nicht fragen, ob er eindringt. Er kommt zu Hilfe. Er nimmt nichts, er gibt etwas zurück. Aus einer Annexion konnte in dieser Erzählung eine Unterstützung werden, beinahe eine Verpflichtung.

Und aus Nachbarn wurden Freunde, die man unterstützen musste.
96,77 Prozent waren dafür eine beinahe perfekte Zahl.

Nicht nur auf der Krim.
Auch in Russland.

Später hörte ich dort immer wieder dieselbe Logik. Man wähle doch. Es gebe Stimmzettel, Wahllokale und Ergebnisse. Was solle daran falsch sein? Bei euch werde gewählt, bei uns werde gewählt.

Und über neunzig Prozent?

Auch dafür gab es eine Antwort. In manchen Regionen Russlands seien solche Ergebnisse doch ganz normal.

Damit war für sie die Sache erklärt. Für mich erklärte es etwas anderes.

Eine Urne erzählt nichts darüber, was vor ihr geschehen ist. Ein Stimmzettel macht die Wochen davor nicht ungeschehen. Und eine Zahl, sei sie noch so groß, löscht die Umstände nicht aus, unter denen sie entstanden ist.

Vielleicht störte mich deshalb nicht einmal am meisten, dass eine Mehrheit für Russland gestimmt haben könnte. Das hielt ich durchaus für möglich. Ich hatte genügend Menschen erlebt, die Russland wollten, und noch mehr, die zumindest nichts dagegen hatten.

Was ich nicht wiedererkannte, waren diese 96,77 Prozent.
Nicht dass so viele dafür gewesen sein sollten.

Sondern dass plötzlich fast niemand mehr dagegen gewesen sein sollte.

Vom besetzten Parlament bis zum Referendum waren keine drei Wochen vergangen. In dieser kurzen Zeit war aus einer Halbinsel voller Widersprüche eine Zahl geworden.

Und danach genügte ein Satz:

Sie haben doch gewählt.
Ja.
Sie hatten gewählt.

Aber was war eine Wahl unter fremden Waffen noch wert?

Irgendwann fragte ich mich, ob diese Zahl vielleicht gerade deshalb so hoch sein musste.

Was wäre ein Ergebnis von sechzig zu vierzig gewesen?

Sechzig Prozent hätten ebenfalls gewonnen. Aber vierzig Prozent wären geblieben. Sichtbar, zählbar, beinahe die Hälfte. Eine relevante Gruppe, die auch am nächsten Morgen noch hätte sagen können: Wir sind da. Wir wollten das nicht.

Bei 96,77 Prozent gab es diese Gruppe praktisch nicht mehr.
Nicht auf dem Papier.

Aus einer politischen Minderheit wurde ein statistischer Rest. Aus Widerspruch wurde Bedeutungslosigkeit. Wer danach noch dagegen war, konnte leicht den Eindruck bekommen, allein zu sein – obwohl er es vielleicht nie gewesen war.

Und vielleicht lag genau darin die eigentliche Macht dieser Zahl.
Sechzig zu vierzig hätte einen Sieger hervorgebracht.

96,77 Prozent brachten etwas anderes hervor.
Auf der Krim erzählte diese Zahl: Fast alle wollten es. In Russland: Sie wollen zu uns. Und der Welt: Sie haben doch gewählt.

Vielleicht brauchte man deshalb nicht einfach eine Mehrheit. Man brauchte eine Zahl, die keinen Widerspruch mehr erkennen ließ.

Dass es dabei wie eine Farce wirken konnte, war vielleicht gar nicht entscheidend. Bewaffnete Männer, ein besetztes Parlament, ein innerhalb weniger Tage angesetztes Referendum und schließlich ein Ergebnis, in dem beinahe jeder Widerspruch verschwunden war.

Vielleicht lag gerade darin der Trick.

Es musste gar nicht jeder daran glauben. Die Zahl musste nur groß genug sein, um eine neue Wirklichkeit zu behaupten.

Vielleicht lag gerade darin eine der merkwürdigsten Kräfte jener Tage.

Gerade die multipolare Krim, paradoxerweise eine Vielschichtigkeit, die Russland selbst mit hervorgebracht hatte, konnte für einen Moment zu einer gefühlten Einheit verschmelzen. Vielleicht war sie gerade deshalb empfänglich für diesen Rausch, für die Vorstellung einer neuen Krim, in der die alten Gegensätze plötzlich aufgehoben schienen – selbst um den Preis, dafür in andere Hände zu fallen.

Man konnte diesen Moment als Aufbruch und Selbstbestimmung erleben, während gleichzeitig die Verfügung über das eigene Land verloren ging.

Vielleicht erklärt das auch etwas von der schwer begreiflichen Euphorie jener Tage. Sie musste nicht gespielt sein. Der Rausch konnte echt sein, ohne dass deshalb alle dasselbe wollten. Jeder konnte etwas anderes in diesen Augenblick hineinlegen und sich dennoch als Teil desselben Aufbruchs empfinden.

Die Geschichte kennt solche Momente. Ein Ereignis, eine Bedrohung, ein Versprechen oder nur das Gefühl, gemeinsam an etwas Großem teilzunehmen, kann Unterschiede überdecken, die eben noch unüberwindbar schienen. Sie verschwinden nicht. Sie werden für einen Moment bedeutungslos.

Fahnen, Musik, Fernsehbilder, Menschen auf den Straßen, die Gewissheit, Geschichte nicht nur zu erleben, sondern selbst Teil von ihr zu sein – all das kann sich zu einem Gefühl verdichten, das stärker wird als die Frage, warum man eigentlich dort steht. Wer gestern noch aus völlig anderen Gründen unzufrieden gewesen war als sein Nachbar, konnte heute neben ihm stehen und dasselbe rufen.

So entstand aus unterschiedlichen Hoffnungen, Erinnerungen, Ängsten und Interessen für einen kurzen Augenblick etwas, das sich wie ein gemeinsamer Wille anfühlte.

Ein kollektives Hurra.
Das Hurra war gemeinsam. Was jeder darin hörte, war es nicht.

Vielleicht liegt darin eine der großen Täuschungen solcher historischen Augenblicke. Im gemeinsamen Jubel hört man nicht mehr, dass jeder etwas anderes meint. Für einen kurzen Moment konnte es aussehen, als hätte die Krim ihre Widersprüche überwunden und etwas gefunden, das sie miteinander verband.

Doch der Moment dauerte nicht lange.

Schon wenig später konnte es aussehen, als kämen die einen von einer Hochzeit und die anderen von einer Beerdigung. Was für die einen Heimkehr bedeutete, war für die anderen Verlust. Was die einen Befreiung nannten, empfanden die anderen als Besetzung.

Das gemeinsame Ereignis hatte keine gemeinsame Bedeutung.

Die alten Gegensätze waren nicht verschwunden. Der Rausch hatte sie nur für einen Augenblick überdeckt. Danach traten sie schärfer hervor als zuvor. Nun verlief zwischen den Menschen nicht mehr nur eine unterschiedliche Vorstellung von Herkunft, Sprache oder Zugehörigkeit. Dazwischen lag etwas Neues: die Erfahrung von Sieg und Niederlage.

Die einen hatten bekommen, was sie wollten. Die anderen hatten etwas verloren, ohne je gefragt worden zu sein, ob sie es verlieren wollten.

Die gefühlte Einheit jener Tage ließ sich nicht bewahren.
An ihre Stelle trat Macht.
Sie musste nun zusammenhalten, was sich für einen kurzen Augenblick selbst als Einheit empfunden hatte.