21.FEBRUAR

Ich schlief länger als gewöhnlich, innerlich getroffen, erschöpft von Bildern, die keinen Schlaf kannten. Es war einer dieser trügerischen Vormittage, an denen nichts Besonderes zu geschehen scheint – und gerade das macht sie gefährlich. Die Sonne fiel flach durch die Vorhänge, der Kaffee roch in der Küche, irgendwo lief das Radio. Ein Alltag, der so tat, als hätte es die letzten Tage nicht gegeben.

Dann riss mich das Telefon aus dieser Ruhe.

Die Nachrichten überschlugen sich. In Kiew war etwas geschehen. Die Sicherheitskräfte zogen sich zurück.

Nach Wochen der Kämpfe, nach Feuer, Barrikaden und Blut auf dem Pflaster: ein Durchbruch. Janukowytsch hatte ein Abkommen mit der Opposition unterzeichnet. Auf dem Maidan feierten sie, weinten, knieten, sangen. Manche nannten es einen Sieg, andere ein faules Zugeständnis. Niemand wusste, ob es ein Ende war oder nur eine Pause.

Während ich im Internet versuchte, das Geschehen zu ordnen, schaltete ich den Fernseher ein. Ja, es stimmte. Die Sicherheitskräfte zogen sich tatsächlich zurück, Schilde senkten sich, Reihen lösten sich auf. Ein Gefühl von Gerechtigkeit machte sich breit, nicht laut, nicht triumphal, eher wie ein vorsichtiges Aufatmen. Stundenlang liefen die Bilder, immer dieselben Einstellungen, immer dieselbe Bewegung: Rückzug. Und in ihnen lag eine trügerische Botschaft, als wäre eine Etappe erreicht und alles andere würde sich nun fügen.

Natascha kam zu mir ins Arbeitszimmer, legte ihre Hand auf meine und erzählte, was sie wusste. Sie lächelte und sagte, es sei vorbei. Nicht überzeugt, eher hoffend, als müsste man diesen Satz aussprechen, um ihm Gewicht zu geben.

Auch Babuschka wirkte verändert. Selbst das Mittagessen schmeckte plötzlich besser. Sie sagte wenig, aber in ihrer Stimme lag etwas, das wir lange nicht gehört hatten: Erleichterung. Als hätte jemand ein Gewicht von unseren Schultern genommen, ohne dass wir überhaupt bemerkt hatten, wie schwer es geworden war.

Und doch blieb etwas zurück. Nicht Angst. Nicht Freude. Eher diese seltsame Wachsamkeit, die sich in den vergangenen Wochen eingeschlichen hatte. Man hatte gelernt, dass Ruhe nicht Frieden bedeutete. Manchmal war sie nur eine Pause.

Dann klingelte das Telefon erneut.

Und wieder.

Und wieder.

Freunde aus Kiew. Kollegen. Bekannte. Menschen, von denen ich seit Wochen nichts gehört hatte. Manche hatten Tränen in der Stimme. Einer begann zu erzählen und hörte kaum noch auf. Was er gesehen hatte. Wo er gewesen war. Wer neben ihm gestanden hatte. Ein anderer sprach so schnell, dass ich kaum folgen konnte. Dann wieder jemand, der mitten im Satz schwieg.

Es waren nicht einmal richtige Gespräche.

Viele wollten nichts von mir wissen.

Sie wollten erzählen.

Als müssten sie es loswerden.

Als müsste da am anderen Ende jemand sein, der einfach nur zuhörte und bestätigte: Ja. Ich höre dich. Ja, das ist wirklich geschehen.

Manche erzählten dieselben Dinge zweimal. Andere sprangen von einem Gedanken zum nächsten. Einer weinte plötzlich und entschuldigte sich dafür. Ich wusste oft nicht, was ich antworten sollte. Also hörte ich zu.

So viele Stimmen an diesem Tag.

Erschöpfte Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Stimmen, die plötzlich brachen.

Und zwischen ihnen immer wieder dieser eine Satz:

Es ist vorbei.

Aber niemand sagte ihn so, als wäre er sich sicher.

Dann kamen die Anrufe aus Donezk. Der Ton war ein anderer. Misstrauischer, abwartender. Was passiert jetzt? Was macht Janukowytsch? Wer hat überhaupt noch die Kontrolle?

Und schließlich klingelte das Telefon wegen der Krim.

Ob ich etwas wüsste. Ob wir etwas wüssten. Die Automaten gäben kein Geld mehr aus, sagten sie. Die Leute stünden Schlange.

Weißt du, was los ist?

Ich wusste es nicht.

Während in Kiew Menschen anriefen, weil sie loswerden mussten, was sie erlebt hatten, begannen die Menschen hier anzurufen, weil sie wissen wollten, was ihnen bevorstand.

Vielleicht war das der Moment, in dem mir zum ersten Mal auffiel, wie verschieden derselbe Tag erlebt wurde.

In Kiew Erschöpfung, Tränen, Erleichterung.

Auf der Krim die ersten Schlangen vor den Banken.

Ich zog mir eine Jacke über und ging hinaus.

Vor den Bankfilialen hatten sich Menschen versammelt. Manche hielten ihre Karten in den Händen, als ließe sich damit noch etwas erzwingen. Andere starrten auf die Bildschirme der Automaten.

Kein Bargeld verfügbar.

Man sah einander an. Fragend. Einer probierte es noch einmal, obwohl derjenige vor ihm gerade dasselbe versucht hatte. Dann der nächste. Auch wir hatten seit Jahren fast nur noch mit Karten bezahlt. Für uns war das ein Zeichen von Normalität gewesen, etwas Selbstverständliches. Jetzt fühlte sich dieses Vertrauen plötzlich wie eine Falle an.

Wir hatten noch etwas Bargeld im Haus. Nicht viel. Niemand wusste etwas Konkretes. Nur Gerüchte. Selbst unser VIP-Service bei der Privatbank hatte keine richtige Antwort.

„Kein Bargeld, aber nur vorübergehend“, hieß es.

Es sollte beruhigen.

Tat es aber nicht.

Ringsum dasselbe Bild. Blockierte Auszahlungen, leere Automaten. Kiew habe die Geldversorgung gestoppt, erzählten die Leute. Geldlieferungen seien ausgesetzt worden. Andere sagten, es sei nur ein Schutzmechanismus.

Niemand wusste es.

Und genau darin lag das Problem.

Der Maidan, der eben noch weit weg auf unseren Bildschirmen gewesen war, stand plötzlich mitten in unserem Alltag. Nicht mehr als Barrikade, als Feuer oder als Menschenmenge. Sondern als Frage am Bankautomaten.

Warum bekommen wir kein Geld?

Und fast unmittelbar folgte die zweite:

Wer ist schuld?

War es eine Reaktion aus Kiew – auf den Maidan, auf die Gewalt, auf Berkut, auf all das, was dort geschehen war? Eine späte Rechnung? Oder begann hier etwas anderes, leiser, wirksamer, noch ohne Namen?

Solche Gedanken wurden kaum ausgesprochen. Aber sie waren da.

Unsere Nachbarin kam verstört zu uns und bat um etwas Bargeld. Ihre Hände zitterten, sie sprach hastig, fast atemlos, als müsse sie sich selbst überzeugen, dass alles noch gut ausgehen könne.

Er sei doch noch im Amt, sagte sie, und schon funktioniere nichts mehr. Gestern habe es noch geheißen, alles sei stabil. Heute stehe man stundenlang vor dem Automaten und bekomme keine Hrywnja.

„Wenn er fällt, bricht alles zusammen. Zuerst die Banken, dann wir.“

Sogar Babuschka, sonst die Ruhigste von allen, konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen.

Geld gehöre ins Haus, meinte sie trocken.

„Wie viel denn?“, fragte ich, halb spöttisch, halb trotzig.

Wir lebten schließlich im 21. Jahrhundert, warf ich ein, als wäre Fortschritt ein Schutzschild gegen alte Ängste.

Aber die Antwort blieb mir im Hals stecken.

Denn bald klingelte es wieder.

Erst Nachbarn, dann Bekannte, schließlich Menschen, die wir kaum kannten. Immer dieselbe Frage. Ob wir ein wenig Bargeld hätten. Nur ein bisschen. Bis es wieder funktioniere. Man sage, es sei nur vorübergehend. Vielleicht schon morgen.

Und plötzlich standen Menschen vor unserer Tür und baten um ein paar Scheine.

Nicht irgendwelche Menschen irgendwo in einer Krise.

Unsere Nachbarn.

Leute, denen wir gestern noch im Treppenhaus begegnet waren, mit Einkaufstaschen, Kindern, Autoschlüsseln in der Hand. Menschen, die arbeiten gingen, Rechnungen bezahlten, Termine machten und glaubten, ihr Leben einigermaßen unter Kontrolle zu haben.

Jetzt standen sie vor unserer Tür und brauchten Bargeld.

Da begriff ich, wie schnell Normalität verschwinden konnte.

Nicht wegen des Geldes selbst.

Wegen der Geschwindigkeit.

Gestern hatten wir noch Pläne gemacht, Termine vereinbart, Zukunft entworfen. Heute gingen wir im Kopf bereits durch, wie viel Bargeld wir hatten und wie lange es reichen würde.

Noch am selben Tag begann das Rechnen.

Nicht laut, nicht gemeinsam, sondern jeder für sich.

Wie viel haben wir noch?

Für wie viele Tage?

Wo liegt noch etwas?

Wir gingen Schubladen durch, Umschläge, alte Jackentaschen. Nichts Dramatisches, noch nicht. Aber etwas hatte sich verschoben.

Geld war wieder etwas, das man sehen, anfassen, zählen musste.

Vor den Wechselstuben bildeten sich Schlangen. Dollar, Euro, alles, was nicht Hrywnja war. Die Kurse änderten sich ständig. Manche tauschten aus Angst, andere aus Gewohnheit, wieder andere, weil sie gehört hatten, dass jemand gehört habe, dass es bald zu spät sein könnte.

Niemand wusste etwas Sicheres.

In den Geschäften griff man öfter zu, als nötig gewesen wäre. Mehl, Öl, Zucker, Konserven.

Nicht aus Panik, sagten die Leute.

Aus Vorsicht.

Nur ein paar Tage überbrücken. Für den Fall.

Die Kassiererinnen arbeiteten stiller als sonst. Auch sie hörten zu. Jeder hörte jedem zu. Ein Satz wanderte von der Kasse zum Parkplatz, vom Parkplatz ins Treppenhaus, vom Treppenhaus ins Telefon.

Das komme aus Kiew, sagte jemand.

Man habe uns den Hahn zugedreht.

Das sei Strafe.

Andere widersprachen sofort. Nein, das sei Schutz, damit niemand plündere.

Wieder andere sagten nichts mehr.

Sie nickten nur.

An den Automaten standen Menschen länger als nötig, auch wenn längst klar war, dass nichts kommen würde. Einer schimpfte laut. Eine Frau weinte leise.

Dann sagte jemand:

„So fängt es an.“

Niemand fragte, was genau.

Die Schuld war noch nicht fest verteilt. Sie lag in der Luft und wechselte die Richtung, je nachdem, mit wem man sprach. Mal war es Kiew, mal der Westen, mal „die da oben“. Man sprach von Verrat, von Dummheit, von Chaos.

Und immer öfter von Ordnung.

Als wäre Ordnung etwas, das von irgendwoher kommen müsse.

Das erschreckte mich mehr als das Gerede selbst. Wie schnell sich der Ton veränderte. Wie aus einer technischen Frage – warum gibt der Automat kein Geld aus? – innerhalb weniger Stunden eine politische geworden war.

Wer hat uns das angetan?

Und daraus fast unmerklich eine andere:

Wer bringt wieder Ordnung?

Noch war das keine Entscheidung.

Noch stand niemand mit Fahnen vor unserem Haus.

Noch gingen wir einkaufen, kochten, brachten die Kinder zur Schule. Das Leben lief weiter.

Aber alles hatte einen zweiten Sinn bekommen.

Einkaufen war nun auch Vorsorge.

Bargeld war Sicherheit.

Eine Nachricht konnte ein Vorbote sein.

Ein Gerücht eine Erklärung.

Und irgendwo zwischen den Tränen aus Kiew, den leeren Geldautomaten und den ersten Vorräten begann sich etwas zu verschieben.

So begann es.

Nicht mit Soldaten.

Nicht mit Fahnen.

Nicht einmal mit Russland.

Sondern mit Wechselkursen, mit Vorräten, mit leeren Geldautomaten und mit dem leisen Gedanken, dass jemand schuld sein müsse.

Und dass dieser Jemand nicht hier war.

22.FEBRUAR

Die Bilder schlugen ein wie Blitze. Die Stunden nach Janukowytschs Flucht vergingen wie in Zeitlupe. Nachtaufnahmen: Janukowytsch mit Taschen und Akten, wie er in einen Hubschrauber stieg – und verschwand. Nur Stunden später tauchten Dokumente auf. Listen. Garagen voller Luxus. Verrat ohne Boden. Jedes neue Detail wirkte grotesker als das vorige. Seine Residenz: Gold. Noch mehr Gold. Als hätte jemand die Gier selbst vergoldet.

Natascha und ich sprangen zwischen Kanälen, Telefonaten und Gerüchten hin und her, als ließe sich der Wirklichkeit so näherkommen. Selbst meine Schwiegermutter, sonst zwischen Kochtopf und Gebeten, trug das Tablet wie eine Reliquie durch die Wohnung. Beim Rühren der Suppe stand es neben dem Herd, als hinge alles davon ab – als würde das Schicksal des Landes zwischen Linsen und Lorbeer entschieden.

„Hast du das schon gesehen?“

Wir nickten, noch bevor sie es zeigen konnte. Jeder hatte es gesehen. Und doch reichte es nie. Immer noch ein Bild, noch ein Ausschnitt, noch eine Enthüllung. Als müsse die Wahrheit erst vollständig werden, bevor sie wirken dürfe.

Was folgte, war kein Triumph. Es war eine Mischung aus Erleichterung und Scham. Erleichterung darüber, dass etwas zu Ende gegangen war. Scham darüber, wie lange man es hatte geschehen lassen. Man sah sich um und fragte sich, wie viel davon man selbst mitgetragen hatte – durch Schweigen, durch Wegsehen, durch das tägliche Weitermachen.

Auf den Straßen feierten manche. Andere blieben stehen, unschlüssig. In den Nachrichten sprachen sie von einem Neubeginn. Von Verantwortung. Von der Chance, alles anders zu machen. Worte, die wir kannten. Worte, die wir zu oft gehört hatten.

Und während in Kiew die Tore geöffnet wurden und die Menschen durch das Gelände der Residenz gingen wie durch ein Museum der Scham, fühlte sich hier alles merkwürdig leer an. Kein Jubel. Keine Erleichterung. Nur ein stilles Nachhallen. Als hätte jemand einen schweren Deckel gehoben – und darunter nicht Freiheit gefunden, sondern einen Abgrund, den nun niemand mehr schließen konnte.

Ich dachte an die Automaten. An die Schlangen. An die Sätze vom Vortag.

An Ordnung. An Schuld. An das leise Kippen.

Der Mann war weg.

Das System war es nicht.

Und irgendwo zwischen Gold und Gerüchten, zwischen Hubschrauberbildern und Küchenlicht, begriff ich zum ersten Mal: Dies war kein Ende. Es war ein offener Moment. Einer von jenen, in denen Geschichte nicht entscheidet, sondern fragt – und in denen jede Antwort zu spät kommen kann.

Wir reichten uns die Handys im Minutentakt weiter, als liefen sie heiß.
Euphorische Anrufe aus Kiew trafen ein, Worte wie ein Feuerwerk. Für Freunde dort war es ein Etappensieg, ein Moment zum Feiern. Für uns war es Erleichterung – aber eine, die sich nicht löste. Kein Jubel. Eher ein Zittern. Wir hatten Kinder.

Dann kam es. Nicht eine Nachricht, sondern Hunderte. Bilder, Dokumente, Tonaufnahmen, Berichte. Sie prasselten auf uns ein wie ein Hagelsturm: wie er lebte, wovon er umgeben war, was er sich genommen hatte.
Wir klickten, lasen, hörten, sahen, bis Worte und Bilder ineinander verschwammen. Der Bildschirm wurde zur Schleuse, durch die sich Geschichte in unser Wohnzimmer drängte.

Zunächst wirkten die Bilder wie ein Beweis. Als könne man endlich zeigen, was man immer geahnt hatte. Doch kaum hatte sich der erste Schock gelegt, begann sich etwas zu verschieben. Dieselben Aufnahmen, dieselben Dokumente, dieselben Villen wurden anders gelesen. Nicht mehr als Anklage gegen einen Einzelnen, sondern als Spiegel eines ganzen Landes.

„So sind sie alle“, sagte jemand am Telefon.
Nicht wütend. Feststellend.

Und plötzlich richtete sich der Blick nicht mehr nach oben, sondern zur Seite. Auf Nachbarn. Auf Bekannte. Auf sich selbst. Wer hatte davon profitiert? Wer weggesehen? Wer schwieg, weil es bequem war? Die Empörung kippte. Aus Erleichterung wurde Müdigkeit. Aus Müdigkeit Misstrauen.

Auf den russischen Kanälen änderte sich der Ton binnen Stunden. Aus Enthüllung wurde Häme. Aus Kritik Verachtung. Man zeigte dieselben Bilder – aber mit einer anderen Pointe. Seht her, hieß es nun, so ist dieses Land. Unfähig. Korrupt. Nicht regierbar. Und man spürte, wie diese Lesart verfing. Leise. Giftig. Sie brauchte keine Lüge. Sie benutzte die Wahrheit.

Wir saßen da, zwischen Telefonen und Tassen, zwischen Nachrichten und Kinderstimmen aus dem Nebenzimmer, und merkten: Der Raum, in dem entschieden wurde, hatte sich verschoben. Es ging nicht mehr um Janukowytsch. Es ging um Deutung. Um Richtung. Um das Recht zu sagen, was diese Bilder bedeuteten.

Draußen wurde es dunkel. Drinnen flackerte das Licht der Bildschirme.
Und irgendwo in diesem Flackern lag die Ahnung, dass sich die Frage verändert hatte.

Nicht mehr: Was ist geschehen?
Sondern: Wer erzählt jetzt, was daraus folgt?

Dann hieß es, Janukowytsch sei in Donezk. Dann wieder in Charkiw. Andere sagten, sie hätten gehört, er sei auf der Krim. In einem Konvoi. Inkognito.

Niemand wusste etwas Genaues. Es waren Gerüchte, die schneller die Runde machten, als man sie überprüfen konnte.

Erst viel später erfuhren wir, wie nah manches davon an der Wahrheit gelegen hatte. Janukowytsch war tatsächlich auf die Krim gelangt. Und Putin hatte längst entschieden, ihm zu helfen. Russische Kräfte brachten ihn schließlich von dort außer Landes.

Damals wussten wir davon nichts.

Wir wussten nur: Der Präsident war verschwunden.

Aus einem gestürzten Präsidenten wurde – in russischen Nachrichten und auf einigen ukrainischen Kanälen – ein Beleg dafür, dass man Kiew nicht trauen könne.

Dass dort alles faul sei. Dass Ordnung dort nie möglich wäre.

Die Bilder blieben dieselben, aber ihre Richtung änderte sich.
Sie zeigten nicht mehr, was überwunden worden war,
sondern wovor man sich schützen müsse.

So begann die Umdeutung.

Leise. Ohne Befehl. Ohne Parolen.

Was eben noch Empörung ausgelöst hatte, wurde nun zur Warnung. Nicht vor Machtmissbrauch, sondern vor Veränderung. Nicht vor dem alten Regime, sondern vor dem Neuen.

Während in Kiew Menschen glaubten, ein Kapitel geschlossen zu haben, begannen hier die gleichen Bilder, eine andere Geschichte zu erzählen.
Eine, in der der Sturz nicht Befreiung bedeutete, sondern Chaos.
In der Enthüllung keine Reinigung war, sondern der Beweis des Verfalls.
Eine Geschichte, die nicht erklärte – sondern vorbereitete.

Aus dem Ausland rief niemand an.

Kein Kommentar. Keine Frage. Kein Rat.

Als wäre das, was hier geschah, zu weit entfernt – oder zu unbequem, um es wahrzunehmen. Vielleicht auch zu nah, um es auszuhalten.
Stille als erste Reaktion des Schocks.

So standen wir da: zwischen Erleichterung und Fassungslosigkeit,
mitten in einem Moment, der größer war als wir selbst.

Hier auf der Krim blieb der Jubel verhalten.

Das zeigte sich sofort. Die Anhänger Janukowytschs wurden stiller, manche zogen sich zurück. Andere fragten sich plötzlich, was nun aus ihnen werden würde. Was würde in Kiew geschehen? Was bedeutete das für die Krim?

Aber die meisten Menschen, denen wir begegneten, wirkten vor allem erleichtert.

Erleichtert, dass das Töten aufgehört hatte. Erleichtert, dass diese furchtbaren Tage vielleicht endlich vorbei waren. Selbst Menschen, die mit dem Maidan wenig anfangen konnten, schienen froh darüber, dass Janukowytsch weg war.

Es war kein Jubel wie in Kiew. Keine Revolution auf den Straßen.

Eher ein kollektives Aufatmen.

Als hätte man nach Wochen der Anspannung für einen Moment geglaubt, das Schlimmste liege hinter uns.

Die Halbinsel war schließlich eine Hochburg der Partei der Regionen, der Partei Janukowytschs. So wie Donezk. So wie Jenakijewe, seine Heimatstadt. Hier hatte er seine stärksten Wahlergebnisse erzielt, hier saßen seine Leute in Politik und Verwaltung, hier hatten viele jahrelang auf seine Partei gesetzt.

Nur eine Minderheit bekannte sich offen zum Maidan – und damit zu dem, was in Kiew geschehen war. Der lokale Euromaidan wurde rasch eingekesselt und eingeschüchtert, hörte man.

Unser Nachbar Rustjem, fünfundachtzig Jahre alt, Krimtatar, ehemaliger Schachmeister, fuhr dennoch regelmäßig dorthin. Was er sah, weckte Kräfte in ihm, als wäre er wieder fünfzig. Abends erzählte er von müden, mutigen Gesichtern, von Versammlungen seiner Leute. Er sprach leise, nicht wütend, sondern verletzt – als ginge es um Züge auf einem Schachbrett. Jede Geschichte war Warnung und Hoffnung zugleich.

Er sagte, dass die Straßen für die Tataren leerer wurden, die Plätze stiller. Nur kleine Gruppen blieben.

In der Schule hieß es: „Alles wird gut.“

Eine Gelassenheit, die gespielt wirkte.

Und doch spürten alle: Das war nicht das Ende.  Es war der Anfang von etwas, dessen Namen noch niemand auszusprechen wagte.

Ich fragte mich oft, warum wir weitermachten, als sei nichts geschehen. Warum wir weiter einkauften, den Müll hinunterbrachten, die Kinder zur Schule begleiteten – während sich vor unseren Fenstern ein Staat auflöste und ein neuer geboren wurde. Vielleicht war es Selbstschutz. Vielleicht Trotz. Vielleicht nur ein uralter Instinkt.

Der Mensch klammert sich an das Vertraute, wenn das Unbekannte zu nah rückt. Der Gang zum Markt, das Kochen der Suppe, das Zubettbringen der Kinder werden zu kleinen Akten des Widerstands gegen eine große Verschiebung. Solange diese Rituale bestehen, kann man sich einreden, dass nichts verloren ist. Selbst dann, wenn man längst weiß, dass es eine Lüge ist.

Dann rief Aleksander an – von der Miliz. Hoch im Rang. Sehr sogar.

Ich hätte ihn in diesem Moment nie selbst angerufen. Höchstens seine Frau. Ich wusste zu gut, dass sein Telefon abgehört wurde.

Seine Worte ließen keinen Zweifel: Die Entscheidung war gefallen. Der Südliche Militärbezirk stand in voller Gefechtsbereitschaft. Auf der Krim begannen Polizei und Geheimdienst, sich der Kontrolle Kyjiws zu entziehen. Seit Janukowytschs Flucht galt nicht mehr das Wort der Regierung, sondern dass jener, die längst auf eine andere Zukunft setzten.

„Sie glauben wirklich daran!“, schrie er, fast hysterisch.
„O Gospodi …“

Dann erzählte er mir mehr, als ich erwartet hatte. Die ersten Vorboten, sagte er, seien bereits um den 20. Januar aufgetaucht. Lastwagen ohne Kennzeichen. Männer mit Waffen, aber ohne Abzeichen. Gestalten, die später als die „grünen Männchen“ bekannt werden sollten.

Gleichzeitig hätten sich unter dem Deckmantel sogenannter „Selbstverteidigungseinheiten“ russische Kosakenverbände formiert.

„Seitdem kippt die Stimmung“, sagte er leise. „Ja, das Land selbst. Die Lage hier wird von Tag zu Tag instabiler.“

„Militär?“, fragte ich.

Das Wort kam mir selbst übertrieben vor.

„Das kann doch nur kurz dauern“, sagte ich. „Irgendein Einsatz.“

Natascha saß neben mir und hatte mitgehört. Sie wurde kreidebleich.

Wir kannten Aleksander gut. Wir waren ihm nahe. Und wir wussten, dass er keiner war, der Gerüchte weitertrug oder Dinge größer machte, als sie waren. Wenn er so mit uns sprach, mussten wir es ernst nehmen.

Ich bat ihn eindringlich, mich weiter auf dem Laufenden zu halten. Er versprach es – im vollen Bewusstsein der Gefahr. Und er hielt Wort.