EPILOG
Unlängst saßen Natascha und ich zusammen und sahen alte Fotos an.
Es waren keine besonderen Bilder. Geburtstage, Ausflüge, Schule, Garten, Kinderzimmer. Stella und Benno, manchmal allein, manchmal mit Freunden. Kinder, die in die Kamera grinsten, Grimassen schnitten oder gerade etwas viel Wichtigeres zu tun hatten, als fotografiert zu werden.
Bei manchen wussten wir die Namen sofort, bei anderen mussten wir überlegen. Dann blieb eines dieser Bilder länger auf dem Bildschirm. Kinder aus Simferopol, aus Saky, aus Jalta. Sechs, sieben, vielleicht acht Jahre alt.
„Was ist eigentlich aus denen geworden?“
Ich weiß nicht mehr, wer von uns die Frage stellte. Wir wussten es nicht.
Die Kinder auf diesen Fotos sind heute erwachsen. Sie studieren vielleicht, arbeiten, manche haben geheiratet, vielleicht selbst schon Kinder. Einige werden die Krim verlassen haben, andere sind geblieben. Manche leben vielleicht in Russland, manche in der Ukraine, andere irgendwo in Europa. Von vielen wissen wir nichts mehr.
Aber sie sind in einer anderen Welt erwachsen geworden als jener, in der diese Fotos aufgenommen wurden.
Als wir 2014 die Krim verließen, waren Stella und Benno noch Kinder. Für sie bestand die Welt aus Schule, Freunden, Geburtstagen, Spielsachen und der Frage, ob man jemanden am nächsten Nachmittag wiedersehen würde. Staaten waren etwas für Erwachsene, Grenzen ebenso. Dann änderte sich der Staat.
Zuerst kamen die Soldaten und die Fahnen, danach die Gesetze, die Pässe, die Schulbücher, das Geld und sogar eine andere Uhrzeit. Für uns Erwachsene war das ein Bruch. Für die Kinder wurde es irgendwann ihre Kindheit.
Vielleicht liegt darin eine der tiefsten Veränderungen, die zwölf Jahre bewirken können. Was für uns ein Davor und ein Danach hatte, wurde für diejenigen, die damals sechs Jahre alt waren, irgendwann normal. Ein Kind, das 2014 eingeschult wurde, ist heute erwachsen. Es hat beinahe seine gesamte Schulzeit unter russischer Verwaltung verbracht, lernte nach russischen Lehrplänen, mit russischen staatlichen Symbolen und mit einer anderen Erzählung darüber, was im Frühjahr 2014 auf der Krim geschehen war.
Vor der Annexion wurden auf der Krim noch fast 12.700 Schülerinnen und Schüler auf Ukrainisch unterrichtet. Bereits im ersten Jahr sank ihre Zahl drastisch, 2023 waren es nach Angaben der Vereinten Nationen nur noch 197. Das geschah nicht an einem einzigen Tag, aber erstaunlich schnell und keineswegs zufällig. Die Unterrichtssprache änderte sich, Klassen verschwanden, neue Lehrpläne und Bücher kamen. Irgendwann war eine Generation herangewachsen, für die das Ukrainische in der Schule kaum noch eine Rolle spielte.
Vielleicht saßen einige der Kinder auf unseren Fotos damals in solchen Klassen. Vielleicht nicht.
Wer sind sie heute? Was erzählen sie über 2014, und was haben ihre Eltern ihnen erzählt? Erinnern sie sich an ukrainische Fahnen, an Demonstrationen, an die Soldaten ohne Abzeichen, an jene Wochen, in denen Erwachsene plötzlich leiser miteinander sprachen? Oder erinnern sie sich an gar nichts davon?
Für ein sechsjähriges Kind sind zwölf Jahre beinahe ein ganzes Leben.
Es gab noch eine andere Frage, über die wir damals kaum nachdachten: Was würde die Ukraine eines Tages über diejenigen denken, die geblieben waren?
Ich tue mich mit einfachen Urteilen darüber schwer. Ich hatte lange genug auf der Krim gelebt, um zu wissen, dass viele Menschen russisch orientiert waren. Sie sprachen Russisch, sahen russisches Fernsehen, hatten Verwandte in Russland und empfanden die gemeinsame sowjetische Vergangenheit anders als Menschen in Lwiw oder Kiew. Manche wollten 2014 tatsächlich zu Russland, andere nahmen hin, was geschah, und wieder andere wollten genau das nicht.
Ich habe den Jubel gesehen, die russischen Fahnen, Autokorsos und das Feuerwerk, Menschen, die überzeugt davon waren, endlich nach Hause gekommen zu sein. Dieser Jubel war echt. Aber er war bei weitem nicht die ganze Krim.
Ich hatte auch die anderen gesehen. Die Menschenkette zwei Tage vor dem Referendum, Krimtataren mit ihren Fahnen, Ukrainer, Armenier, Demonstranten vor dem Parlament, Nachbarn, die plötzlich vorsichtig wurden mit dem, was sie sagten. Menschen, die nicht wählen gingen oder später die Halbinsel verließen, und viele, von denen ich bis heute nicht weiß, was sie wirklich dachten.
Die Krim war 2014 nicht eine Meinung.
Vielleicht ist gerade das in den Jahren danach verloren gegangen: die Erinnerung daran, dass es diese andere Krim ebenfalls gab.
Ich selbst hatte eine Möglichkeit, die viele nicht hatten. Ich war Europäer. Ich war früh auf die Krim gekommen und hatte dort fast zwei Jahrzehnte gelebt. Als es notwendig wurde, konnte ich gehen. Aber irgendwann bedeutete dieses Können auch, dass ich gehen musste.
Für andere war es komplizierter. Manche konnten nicht gehen, manche wollten nicht, manche wussten nicht wohin. Dort stand ihr Haus, dort war ihr Betrieb, dort lebten ihre Eltern und Freunde. Andere glaubten schlicht nicht, dass die Veränderung endgültig sein würde. Vielleicht warteten sie darauf, dass alles irgendwann wieder so werden würde wie vorher.
Zurück blieben Familien und Freunde. Verwandte lebten weiterhin in Kiew, Odessa, Charkiw oder irgendwo anders in der Ukraine, während andere auf der Krim blieben. Mit den Jahren verlief die neue Grenze nicht mehr nur über Landkarten. Sie ging durch Familien, durch Gespräche und irgendwann auch durch das Denken.
Und die Kinder?
Sie hatten nicht abgestimmt, keine Fahne über ein Parlament gehängt und keine Soldaten gerufen. Sie gingen morgens zur Schule und wollten nachmittags mit ihren Freunden spielen. Heute sind sie erwachsen. Vielleicht tragen sie russische Pässe, sprechen kaum noch Ukrainisch oder haben ihre gesamte Schulzeit mit russischen Schulbüchern verbracht. Einige von ihnen werden die Krim heute tatsächlich für Russland halten.
Aber wann hätte ihre eigene Entscheidung begonnen? Mit dem ersten russischen Schulbuch? Mit dem Pass? Mit achtzehn? Oder einfach dadurch, dass ihre Eltern geblieben waren?
Ich weiß darauf keine Antwort.
Auch die Pässe kamen damals erstaunlich schnell. Freunde diskutierten darüber, ob man den ukrainischen behalten könne, ob man einen russischen nehmen müsse und was geschehen würde, wenn man es nicht tat. Damals klang das manchmal noch wie eine bürokratische Frage. Heute erscheint mir das anders. Ein Pass entscheidet darüber, wohin ein junger Mensch reisen kann, wo er studieren und arbeiten kann, welcher Staat ihn als seinen Bürger betrachtet und welche Pflichten dieser Staat von ihm verlangt. Die Kinder auf unseren Fotos hatten darüber nicht entschieden. Die Entscheidung war für sie getroffen worden.
Auch wirtschaftlich veränderte sich die Krim. Natürlich wurde nach 2014 investiert. Straßen wurden gebaut und erneuert, Kraftwerke entstanden, die Brücke über die Straße von Kertsch wurde errichtet. Das war sichtbar.
Investitionen gab es allerdings auch vor 2014. Die Krim war keine wirtschaftlich leere Halbinsel. Sie hatte Tourismus, Landwirtschaft, Industrie, Häfen und Unternehmen. Menschen verdienten Geld, bauten Häuser, eröffneten Geschäfte, nahmen Kredite auf und investierten. Wir selbst hatten dort ein Unternehmen aufgebaut. Dass Straßen erneuert, Infrastruktur modernisiert und neue Projekte verwirklicht werden sollten, war nichts, was erst mit Russland auf die Krim gekommen wäre.
Nach der Annexion floss viel russisches Geld auf die Halbinsel. Wer daran wie viel verdiente, sei dahingestellt. Großprojekte haben Auftragnehmer, Subunternehmer, wirtschaftliche und politische Interessen. Die Höhe einer Investition allein sagt wenig darüber aus, was davon beim einzelnen Menschen ankommt.
Auch russische Renten und Gehälter kamen und wirkten mit ihren zunächst höheren Beträgen auf viele beeindruckend. Doch irgendwann entscheidet nicht mehr die Zahl auf einem Lohnzettel oder Rentenbescheid, sondern das, was man dafür kaufen kann. Die Preise stiegen, Lieferwege veränderten sich, der ukrainische Markt fiel weitgehend weg, Sanktionen kamen hinzu. Manche Waren verschwanden, andere kamen über Russland. Aus Hrywnja wurden Rubel, aus ukrainischen Banken russische, internationale Unternehmen verschwanden oder kamen gar nicht erst.
Was die Ukraine in diesen zwölf Jahren aus der Krim gemacht hätte, weiß niemand. Vielleicht hätte sie mehr investiert, vielleicht weniger. Manche Projekte wären möglicherweise nie entstanden, andere schon. Vielleicht hätte Kiew Fehler gemacht, vielleicht auch nicht. Diese Geschichte hat nicht stattgefunden.
Deshalb lässt sich aus einer neuen Straße, einer Brücke oder einem höheren nominellen Einkommen im Nachhinein weder die Notwendigkeit noch die Richtigkeit dessen ableiten, was 2014 geschehen war. Die Krim war nicht gerettet worden, weil vorher nichts da gewesen wäre.
Es war vorher etwas da.
Unser Leben zum Beispiel.
Auch der Tourismus war da. Jahr für Jahr kamen Millionen Menschen auf die Halbinsel, sehr viele von ihnen aus der Ukraine. Familien fuhren ans Schwarze Meer, mieteten Zimmer, lagen an den Stränden von Jalta, Jewpatorija, Aluschta oder Sudak. Russen kamen ebenfalls. Der Sommer gehörte zu dieser Halbinsel wie das Meer.
Nach 2014 änderten sich vor allem die Besucher und die Wege, auf denen sie kamen. Ukrainische Touristen wurden weniger, internationale Verbindungen brachen weg, dafür kamen Millionen Menschen aus Russland. Später brachte die Brücke noch mehr Autos auf die Halbinsel. Die Hotels blieben, die Strände blieben und das Meer ohnehin.
Vielleicht liegt darin ein Teil der Erklärung dafür, warum manche Menschen auf der Krim später nicht verstanden, weshalb die Ukraine das Geschehene nicht einfach hinnahm. Simferopol stand noch. Unsere Häuser standen, die Geschäfte öffneten, die Busse fuhren, Kinder gingen zur Schule und im Sommer kamen wieder Touristen. Man hatte nicht gekämpft und die Stadt war heil geblieben.
So konnte man es sehen. Und es stimmte.
Für mich hatte die Geschichte, die schließlich dorthin führte, allerdings schon früher begonnen.
Auf dem Maidan.
Dort hatten Menschen etwas getan, dessen Bedeutung ich selbst erst langsam begriff. Sie hatten sich einer Macht widersetzt, von der sie glaubten, dass sie über ihre Zukunft entschied. Sie blieben, nachdem man sie auseinandergetrieben hatte, kamen zurück, nachdem Menschen geschlagen worden waren, und blieben schließlich auch, als geschossen wurde.
Sie hatten erfahren, dass Widerstand möglich war und Macht nicht unantastbar. Eine Regierung konnte daran zerbrechen.
Was danach auf der Krim geschah, erschien mir im Rückblick immer stärker auch als Machtbeweis. Bewaffnete Männer besetzten Gebäude, ukrainische Soldaten wurden eingeschlossen, Institutionen übernommen, ein Referendum organisiert und innerhalb weniger Wochen eine Grenze verschoben. Es geschah fast ohne Schüsse und ohne den offenen Krieg, den viele von uns fürchteten.
Damals war ich darüber vor allem erleichtert. Ich wollte nicht, dass ukrainische Soldaten schossen, und ich wollte nicht erleben, was geschehen würde, wenn Russland zurückschoss. Niemand von uns wollte sehen, wie aus unseren Straßen ein Schlachtfeld wurde. Vielleicht war es in diesem Augenblick sogar vernünftig, nicht zu schießen.
Aber Geschichte endet nicht in dem Augenblick, in dem man erleichtert aufatmet.
Der Konflikt verlagerte sich in den Donbas. Dort gelang nicht mehr alles so geräuschlos wie auf der Krim. Es gab Widerstand, der ukrainische Staat begann sich zu wehren, Waffen und Soldaten kamen, Menschen starben. Städte, die vorher kaum jemand außerhalb der Ukraine gekannt hatte, wurden zu Namen eines Krieges.
Acht Jahre später folgte der große Angriff. Diesmal ging es nicht mehr um eine Halbinsel und nicht nur um Teile des Donbas. Russische Truppen überschritten von mehreren Seiten die ukrainische Grenze, kamen aus Russland, aus Belarus und von der Krim und rückten auf Charkiw, Cherson, Mariupol und Kiew vor.
Diesmal wehrte sich die Ukraine.
Damit bekam Widerstand eine andere Bedeutung als auf dem Maidan. Es ging nicht mehr um Barrikaden, Fahnen und Menschen auf einem Platz, sondern um Soldaten und Artillerie, um zerstörte Häuser, Tote und Flüchtlinge, um Städte, von denen irgendwann kaum mehr etwas übrig war.
Mariupol. Bachmut. Awdijiwka.
Simferopol wurde kein Grosny und kein Aleppo. Die Stadt steht bis heute. Die Ruinen, die ihr erspart geblieben waren, entstanden später anderswo.
Das ist kein Vorwurf an die Menschen auf der Krim, die 2014 keinen Krieg wollten. Ich wollte ihn ebenso wenig. Vielleicht liegt gerade darin die Tragik: Was auf der Krim zunächst wie die Vermeidung eines Krieges aussah, hatte ihn nicht verhindert.
Vielleicht verstehen manche Menschen auf der Krim bis heute nicht, warum die Ukraine später nicht ebenso nachgab, warum Menschen in Cherson, Charkiw oder Mariupol Widerstand leisteten, obwohl dieser Widerstand einen entsetzlichen Preis hatte. Die Krim konnte ihnen als Gegenbeweis erscheinen: Wir haben nicht gekämpft, und unsere Städte stehen.
Auch das kann ich verstehen.
Was ich nicht mehr glaube, ist, dass Nachgeben Frieden garantiert.
Der Krieg kam trotzdem. Zuerst anderswo und schließlich auch zurück auf die Krim.
Seit 2022 ist die Halbinsel nicht mehr nur Urlaubsort und annektiertes Gebiet. Sie ist Aufmarschgebiet, Militärstützpunkt und Teil des Krieges. Flugplätze wurden angegriffen, Explosionen waren zu hören, und die Brücke über die Straße von Kertsch, die als Symbol der Verbindung mit Russland gefeiert worden war, wurde selbst zum Angriffsziel.
Trotzdem liegen Menschen am Strand, Kinder schwimmen im Schwarzen Meer, Restaurants servieren Essen und Autos stehen im Stau. Das ist vielleicht schwer zu verstehen, wenn man nicht lange dort gelebt hat. Aber das Leben hört nicht auf, nur weil Geschichte geschieht.
Das hatte ich schon 2014 gelernt. Wir gingen einkaufen, während Soldaten Kasernen umstellten, kauften Torten zum Weltfrauentag, während Schiffe versenkt wurden, und die Kinder machten Hausübungen, während im Fernsehen über Grenzen gesprochen wurde.
Menschen gewöhnen sich an erstaunlich vieles, sogar an Dinge, die ihnen kurz zuvor noch unvorstellbar erschienen wären.
Inzwischen hört und liest man von Touristen, die Reisen abbrechen oder gar nicht erst kommen, wenn die militärische Lage gefährlicher wird. Andere fahren weiterhin auf die Krim. Urlaub und Krieg existieren nebeneinander.
Ob diejenigen, die im März 2014 jubelten, heute noch genauso denken, weiß ich nicht. Manche vermutlich ja, andere vielleicht nicht mehr. Man hört inzwischen auch Stimmen, die sagen, es sei ein Fehler gewesen. Aber auch daraus möchte ich keine neue Mehrheit machen.
Ich habe 2014 erlebt, was geschieht, wenn jemand behauptet, für eine ganze Halbinsel sprechen zu können. Diesen Fehler möchte ich nicht wiederholen.
Ein Wort aber hörten wir damals immer wieder: Sicherheit. Russland müsse die Menschen auf der Krim schützen, vor Chaos, vor Nationalisten, vor einem Krieg.
Zwölf Jahre später ist die Halbinsel selbst Teil dieses Krieges.
Ich sah wieder auf die Fotos. Stella und Benno, ihre Freunde, Kinder aus Simferopol, Saky und Jalta. Gesichter aus einer Welt, die damals selbstverständlich gewesen war. Keines dieser Kinder hatte über geopolitische Interessen nachgedacht, über Russland, die NATO, die Schwarzmeerflotte oder territoriale Integrität. Sie wollten spielen.
Heute sind sie erwachsen. Einige werden Russland für ihre Heimat halten, andere die Ukraine, manche vielleicht keines von beiden. Einige sind geblieben, andere gegangen. Manche werden überzeugt sein, dass 2014 richtig war, andere vielleicht nicht.
Wir wissen es nicht.
Dann erschien das nächste Foto. Wieder Stella und Benno, danach wieder Kinder aus Simferopol. Wir kannten ihre Namen, von vielen aber ihre Geschichten nicht mehr.
Und während ich diese Bilder betrachtete, fragte ich mich, was eigentlich aus meiner Krim geworden war.
Ich kann erklären, abwägen und versuchen zu verstehen. Ich kann von russisch orientierten Menschen erzählen und von jenen, die ukrainisch dachten, von Menschen, die jubelten, und von anderen, die schwiegen oder gingen. Ich kann versuchen, niemandem eine Überzeugung zuzuschreiben, die ich nicht kenne.
Aber manchmal will ich das alles nicht.
Was eine Annexion mit einem Land macht, lässt sich in Grenzen, Gesetzen, Pässen und Statistiken beschreiben. Was sie mit einem Leben macht, viel schwerer.
Babuschka kann heute nicht einfach zum Grab ihres Mannes fahren. Das Grab, das jahrzehntelang zu ihrem Leben gehörte, liegt noch immer dort, wo es immer lag. Nur sie kommt nicht mehr hin.
Für Natascha ist es ihre Heimat. Ihre Krim. Dort ist sie aufgewachsen, dort liegen ihre Erinnerungen, dort kennt sie die Straßen, die Gerüche, das Licht und das Meer. Wir haben dort unsere Kinder großgezogen, gearbeitet, Freunde gefunden, gestritten, gefeiert und gehofft. Ein großer Teil unserer gemeinsamen Geschichte liegt auf dieser Halbinsel.
Heute können wir sie nur noch von außen erzählen.
Vielleicht ist das das Merkwürdigste an Heimatverlust. Die Orte verschwinden nicht. Simferopol steht noch, Jalta steht noch, das Meer ist noch da. Die Straßen führen weiterhin dorthin, wo sie immer hingeführt haben. Nur für uns führen sie nicht mehr dorthin.
Manchmal erzählt Natascha von der Krim und sagt noch immer „bei uns“. Ich tue es auch. Vielleicht wird das nie aufhören.
Denn es war unsere Krim. Nicht im politischen Sinn und nicht, weil sie uns gehörte. Es war unsere Krim, weil dort ein Teil unseres Lebens lag, den niemand zurückgeben kann.
Wenn ich all die Erklärungen und Rechtfertigungen beiseitelasse, wenn ich nicht mehr versuche zu verstehen, wer damals was wollte, wer jubelte, wer schwieg und wer ging, bleibt manchmal nur Wut.
Babuschka kann nicht mehr zum Grab ihres Mannes. Natascha kann nicht nach Hause. Unsere Kinder können nicht einfach an die Orte ihrer Kindheit zurückkehren.
Und ich kann über meine Krim nur noch schreiben.
Manchmal denke ich dann auf Russisch, in der Sprache, in der wir dort gelebt haben:
За что? Какого хрена вы пришли?
Ende