JULI
Der Juli begann mit Hitze – und mit einer Front, die sich verfestigte.
In der Nacht zum 1. Juli war der Waffenstillstand vorbei. Poroschenko ließ die militärischen Operationen im Osten wieder aufnehmen. Im Fernsehen erschienen wieder die inzwischen vertrauten Namen: Slowjansk, Kramatorsk, Donezk, Luhansk. Orte, die vor wenigen Monaten einfach Städte gewesen waren, wurden nun fast nur noch zusammen mit Gefechten, Toten und Frontlinien genannt.
Auf der Krim begann gleichzeitig die Hochsaison.
Oder das, was davon übrig war.
Eigentlich hätte jetzt KaZantip begonnen, dieses riesige Festival, das über Jahre zu einem Symbol für einen ganz anderen Teil der Krim geworden war. Musik, Licht, Körper, Nächte am Meer, Freiheit bis zum Morgen. Es hatte nicht zu der sowjetischen Krim der Veteranen und Denkmäler gehört, sondern zu einer jungen, manchmal verrückten Halbinsel, auf der Dinge möglich waren, die anderswo undenkbar schienen.
Jetzt gab es KaZantip nicht mehr.
Man versuchte, das Festival nach Georgien zu verlegen. Unter anderem Namen, unter anderer Sonne.
Wo einst Lichter, Körper und Klänge die Küste gefüllt hatten, herrschte nun Ordnung.
Die Strände waren trotzdem nicht leer. Russische Gäste kamen, Autos mit russischen Kennzeichen standen auf den Straßen, Reisebusse brachten Urlauber über die Halbinsel. Die Fähre von Kertsch war überlastet, die Anreise kompliziert, aber der Sommer ließ sich davon nicht abhalten.
Am 5. Juli kam die Nachricht aus Slowjansk.
Die bewaffneten separatistischen Kräfte hatten die Stadt verlassen und sich in Richtung Donezk zurückgezogen. Auch Kramatorsk kam wieder unter ukrainische Kontrolle. Zum ersten Mal seit Wochen sah es aus, als könne die ukrainische Armee tatsächlich größere Gebiete zurückgewinnen.
Auf der Krim änderte das nichts.
Die Geschäfte öffneten morgens. Musik lief an den Stränden. Kinder aßen Eis. Menschen lagen in der Sonne.
Das Leben hatte gelernt, neben dem Krieg weiterzugehen.
Am 11. Juli wurden ukrainische Stellungen bei Selenopillja nahe der russischen Grenze massiv mit Raketen beschossen. Wieder Tote, wieder Verletzte, wieder Bilder zerstörter Fahrzeuge.
Drei Tage später wurde eine ukrainische An-26 abgeschossen. Die Maschine flog in großer Höhe, mehrere Besatzungsmitglieder konnten sich retten. In Kiew wurde offen darüber gesprochen, dass ein Abschuss aus Russland oder mit einem leistungsfähigeren Waffensystem erfolgt sein könnte.
Der Krieg veränderte sich.
Es waren nicht mehr nur Männer mit Sturmgewehren vor Verwaltungsgebäuden. Schwere Waffen, Flugabwehrsysteme und Raketen bestimmten zunehmend die Nachrichten.
Am 16. Juli verschärften die Vereinigten Staaten ihre Sanktionen gegen Russland und nahmen große Banken und Energieunternehmen ins Visier.
Dann kam der 17. Juli.
Malaysian-Airlines-Flug MH17 war auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur, als die Boeing über dem von Separatisten kontrollierten Teil des Donbas vom Himmel fiel.
298 Menschen starben.
Wir sahen die ersten Bilder.
Trümmer auf Feldern. Gepäck. Teile des Flugzeugs. Dinge, die wenige Stunden zuvor noch Menschen gehört hatten, die mit diesem Krieg nichts zu tun hatten.
Plötzlich sah die ganze Welt auf den Donbas.
Auch die russischen Sender berichteten. Fast sofort begann die Suche nach Erklärungen. Karten wurden gezeigt, Flugrouten diskutiert, Möglichkeiten genannt und Schuldzuweisungen zurückgewiesen. Kiew beschuldigte die Separatisten und Russland, Moskau wies jede Verantwortung zurück.
Ich hörte irgendwann nicht mehr richtig zu.
298 Menschen.
Sie waren morgens in ein Flugzeug gestiegen.
Das war alles.
Für uns hatte dieser Juli längst eine andere Bedeutung bekommen.
Wir würden gehen.
In den letzten Wochen hatten wir vorbereitet, verkauft, überschrieben und organisiert. Letztlich war es ein: Wir hatten zu gehen.
Es gab keinen einzelnen Morgen, an dem Natascha und ich aufgestanden wären und gesagt hätten: Jetzt verlassen wir die Krim.
Die Entscheidung war gewachsen, bis sie keine Entscheidung mehr war.
Kurz vor unserer Abreise gingen wir noch einmal durch Simferopol. Nicht aus Neugier. Aus Gewohnheit. Alle zusammen, samt Hund.
Man tut das, bevor man einen Ort verlässt, selbst dann, wenn man es noch nicht ganz begreifen will.
Die Straßen waren sauber. Fast übertrieben sauber. Russische Fahnen hingen aus Fenstern, manche neu, andere bereits vom Wind verzogen. Vor einem Kiosk lief leise Musik aus einem kleinen Radio. Der Verkäufer nickte uns zu, als gehörten wir dazu.
Vielleicht taten wir es noch.
Vielleicht schon nicht mehr.
Nichts sah aus wie nach einem Umbruch. Die Häuser standen, die Straßen waren heil, die Geschäfte geöffnet. Es gab keine Trümmer und keine ausgebrannten Ruinen, an denen man hätte erkennen können, dass etwas Unwiderrufliches geschehen war.
Nur Ordnung.
Zu viel Ordnung.
Eine Ordnung, die nichts mehr erklärte.
Vor einer Schule standen ein paar Kinder und rauchten heimlich. Sie lachten. Einer trat gegen eine Dose, ein anderer erzählte etwas, das die anderen zum Grinsen brachte.
Sie waren einfach da.
Vielleicht war gerade das so schwer zu begreifen.
Die Krim war nicht zerstört worden.
Sie stand noch.
Unsere Wohnung stand noch. Unsere Firma existierte. Das Meer war dasselbe, der Salgir floss durch dieselbe Stadt, die Straßen führten noch dorthin, wohin sie immer geführt hatten.
Und trotzdem gingen wir.
Am Abend packten wir die letzten Dinge, die wir im Zug mitnehmen konnten.
Keine großen Diskussionen mehr. Dafür war es zu spät. In den vergangenen zwei oder drei Wochen hatten wir getan, was noch zu tun war. Autos, Wohnungen und Grundstücke waren im Notverkauf verkauft, überschrieben oder rechtlich vorbereitet worden. Firmenpapiere und Vollmachten mussten organisiert werden. Inzwischen galten russische Gesetze, also brauchten wir russische Notare.
Wir prüften die Versandscheine für das, was wir bereits nach Kiew vorausgeschickt hatten.
Bettwäsche und Lego.
Bürotechnik und Stempel.
Küchengeschirr.
Dinge, über die man normalerweise nicht nachdenkt, weil sie einfach da sind. Nun standen sie auf Listen.
Ein Leben als Frachtgut.
Wir waren müde.
Der Abschied lag schon lange auf uns, bevor wir ihn aussprachen. Diese Halbinsel war mehr als ein Ort gewesen. Sie war unser Leben gewesen, unsere Arbeit, unsere Familie. Hier waren unsere Kinder aufgewachsen. Hier hatten wir Freunde, Erinnerungen und Pläne.
Ein Erdbeben hätte uns vielleicht nicht vertrieben.
Man hätte neu aufgebaut.
Hier gab es nichts aufzubauen.
Alles stand noch.
Gerade deshalb war es so schwer.
Wir wussten inzwischen, was wir nicht wollten. Wir wollten nicht bleiben, wenn der Preis dafür Schweigen und Anpassung war. Wir wollten unsere Meinung sagen können – wem auch immer und wann auch immer.
Es war kein heroischer Entschluss.
Wir sahen nur keine andere Möglichkeit mehr.
Benno fragte, ob er sein Buch mitnehmen dürfe. Ein altes, zerlesenes Buch.
„Natürlich.“
Alles, was ihm wichtig war.
Später, als die Wohnung fast leer war, blieb ich noch einen Moment am Fenster stehen.
Simferopol lag ruhig unter mir.
Kein Jubel mehr, kein Zorn.
Nur die Lichter der Stadt.
Am nächsten Morgen würden wir gehen.
19. Juli
Wir fuhren mit dem Taxi zum Bahnhof.
Die Kinder hatten gehofft, vorher noch einmal zu McDonald’s zu gehen. Etwas Alltägliches zum Abschied. Pommes, Burger, vielleicht ein Happy Meal.
Sie wussten nicht, dass McDonald’s seine Filialen auf der Krim bereits Anfang April geschlossen hatte.
Es gab kein McDonald’s mehr.
Also fuhren wir weiter.
Am Bahnhof wartete der Zug nach Kiew.
Noch fuhren Züge.
Er roch nach Eisen, Staub und Sommer. Mit Hund, Katze, zwei Kindern, Natascha, ihrer Mutter und ein paar Koffern stiegen wir ein.
Mehr nahmen wir nicht mit.
Der Zug war bis auf den letzten Platz voll.
Irgendwann setzte er sich in Bewegung.
Ich sah aus dem Fenster.
Simferopol verschwand.
Dann die Vororte.
Die Landschaft.
Die Krim.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir fuhren, bis wir den Übergang erreichten. Dort sahen wir Panzer und anderes Militärgerät, eilig errichtete Unterstände, Hochstände und eingegrabene Stellungen.
Der Zug hielt.
Wir warteten.
Dann warteten wir noch einmal.
Russische Beamte und Militär kamen durch die Waggons und kontrollierten die Passagiere.
Jemand wurde abgeführt.
Es wurde laut. Fast Geschrei.
Dann kamen sie zu uns.
Pässe wurden genommen, angesehen, weitergereicht. Einer stutzte. Man beriet sich. Wir waren Ausländer, dazu Natascha, Babuschka, die Kinder, Hund und Katze.
Schließlich sah einer der Männer auf den Hund.
„Und der Hund?“
Benno antwortete sofort.
„Ein russischer Toyterrier.“
Der Mann sah ihn an.
„Na dann. Doswidanja.“
Wir durften weiter.
Wieder warten.
Dann die ukrainische Kontrolle.
Neue Uniformen, neue Blicke. Wieder unsere Pässe.
Einer sah hinein.
„Ein Ausländer dabei?“
Kurze Beratung.
„Schon gut“, sagte schließlich einer.
Dann fiel sein Blick auf den Hund.
„Und der Hund?“
Benno sah zu ihm hoch.
„Ein ukrainischer Toyterrier.“
Der Mann grinste.
„Na dann ist ja alles okay. Laskavo prosymo.“
Der Zug fuhr an, langsam und gleichmäßig. Draußen lag das Land in der Sonne.
Selbst jetzt schauten wir noch zurück, als könnten wir durch die hinteren Waggons hindurchsehen, zurück auf die Krim, auf den Ort, an dem unser Leben gewesen war.
Irgendwann war sie nicht mehr zu sehen.
Den Stempel von diesem Tag habe ich noch heute in meinem alten Pass.
Und ich erinnere mich an den kalten Schweiß.