MAI
Der Mai begann mit zwei Welten unter einem Himmel. Und eigentlich war es die Zeit für die ersten Touristen.
Normalerweise veränderte sich die Krim um diese Jahreszeit. Die Sonne bekam Kraft, die Tage wurden länger, an der Südküste bereitete man sich auf die Saison vor. Hotels, Pensionen, Restaurants, Taxifahrer, Händler – für viele begann jetzt die Zeit, in der das Geld für den Rest des Jahres verdient wurde.
Nur wusste diesmal niemand, wer überhaupt kommen würde.
Die Ukraine war abgeschnitten, Flugverbindungen hatten sich verändert, auf den Straßen standen Kontrollen, und aus einem Ferienziel war innerhalb weniger Wochen ein international umstrittenes Gebiet geworden. Trotzdem schien die Sonne. Die Märkte waren voll, die Cafés stellten ihre Tische hinaus, und die Krim tat, was sie jedes Frühjahr getan hatte: Sie bereitete sich auf den Sommer vor.
Am 1. Mai wurde gefeiert. Rote Fahnen und Luftballons, Musik, Veteranen, Transparente zum Tag der Arbeit. Vieles erinnerte an die Sowjetunion, nur dass diese Vergangenheit nun nicht mehr wie Folklore wirkte. Sie war zurückgekehrt in eine Gegenwart, die sich ihrer Bilder bediente.
Einen Tag später brannte Odessa.
Wir sahen die Bilder im Fernsehen. Zuerst die Straßenschlachten zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Gruppen, dann das Gewerkschaftshaus. Feuer in den Fenstern, schwarzer Rauch über dem Gebäude, Menschen davor, Menschen darin. Am Ende waren achtundvierzig Menschen tot.
Die russischen Sender fanden schnell eine Sprache dafür.
Massaker.
Faschisten.
Odessa wurde zum Beweis für alles, wovor Russland die Krim angeblich gerettet hatte.
Ich sah die Bilder und dachte an die Wochen zuvor. An all die Warnungen vor Nationalisten, Faschisten und einem angeblich bevorstehenden Angriff aus Kiew. Jetzt gab es Tote. Echte Tote. Bilder, die sich nicht wegdiskutieren ließen und die sich deshalb umso leichter benutzen ließen.
Was genau in Odessa geschehen war, wer begonnen hatte, wer geschossen hatte, warum die Polizei versagt hatte und weshalb so viele Menschen in diesem Gebäude sterben mussten, verschwand hinter den Bildern.
Das Feuer genügte.
In den folgenden Tagen nahm der Krieg im Osten immer deutlichere Formen an. Um Slowjansk und Kramatorsk wurde gekämpft, ukrainische Hubschrauber wurden abgeschossen, Straßensperren wurden zu Stellungen. Was im April noch wie eine Folge bewaffneter Besetzungen ausgesehen hatte, ließ sich immer schwerer als politische Krise bezeichnen.
Am 7. Mai meldeten die Nachrichten etwas Merkwürdiges.
Putin forderte die Separatisten in Donezk und Luhansk auf, ihre für den 11. Mai angekündigten Referenden zu verschieben.
Sie taten es nicht.
Auf der Krim ging währenddessen das Leben weiter. Vielleicht war gerade das so schwer zu begreifen. Während im Fernsehen geschossen wurde, beschäftigten wir uns mit Schule, Arbeit, Einkaufen und Papieren. Wir versuchten herauszufinden, was mit unseren Dokumenten geschah und welche Regeln inzwischen galten. Fast jeden Tag kam etwas Neues hinzu.
Dann kam der 9. Mai.
Der Tag des Sieges war auf der Krim immer wichtig gewesen. Schon lange vor der Annexion hatten Veteranen ihre Uniformen angezogen, Menschen Blumen getragen und Familien der Toten gedacht. Der Krieg war hier nie nur Geschichte gewesen. Zu viele Familien hatten jemanden verloren.
Diesmal war alles anders.
Putin kam nach Sewastopol.
Es war sein erster Besuch auf der Krim seit der Annexion, und er kam ausgerechnet am Tag des Sieges. Über der Stadt flogen Militärflugzeuge, Schiffe der Schwarzmeerflotte lagen im Hafen, Menschen standen mit russischen Fahnen an den Straßen. Im Fernsehen verschmolzen die Bilder miteinander: der Sieg von 1945, Sewastopol, Russland, die Flotte und die Rückkehr der Krim.
Man musste nichts erklären.
Die Bilder erklärten sich selbst.
Was im März mit Soldaten ohne Hoheitszeichen begonnen hatte, stand nun in einer Erzählung, die viel älter war. Russland hatte nicht erobert. Russland war zurückgekehrt. Nicht Annexion, sondern Heimkehr. Nicht Gegenwart, sondern Geschichte.
Ich begriff langsam, wie wichtig diese Verschiebung war.
Über die Gegenwart konnte man streiten.
Über einen Sieg wurde nicht gestritten.
Zwei Tage später, am 11. Mai, fanden in Donezk und Luhansk die angekündigten sogenannten Referenden statt. Sie entsprachen weder ukrainischem Recht noch anerkannten internationalen Wahlstandards. Trotzdem wurden am Abend Zustimmungswerte von weit über neunzig Prozent gemeldet.
Wieder diese Zahlen.
Wieder ein Referendum.
Wieder der Volkswille.
Ich hörte die Ergebnisse und dachte unwillkürlich an den 16. März.
Nicht weil alles identisch gewesen wäre. Das war es nicht. Aber die Sprache war dieselbe geworden, und manches Bild kam mir vor, als hätte ich es erst gestern gesehen.
Auf der Krim bereitete man sich währenddessen auf einen anderen Jahrestag vor.
Den 18. Mai.
Siebzig Jahre zuvor, am 18. Mai 1944, hatte die sowjetische Führung mit der Deportation der Krimtataren begonnen. Ganze Familien waren in Güterwagen verladen und nach Zentralasien gebracht worden. Für die Krimtataren war dieses Datum keine historische Fußnote. Die Deportation lebte in den Familien weiter.
Ausgerechnet zum siebzigsten Jahrestag schränkten die neuen Behörden die öffentlichen Versammlungen ein. Die große traditionelle Gedenkveranstaltung im Zentrum Simferopols konnte nicht wie gewohnt stattfinden.
Trotzdem kamen die Menschen.
Tausende versammelten sich am Stadtrand von Simferopol. Polizei war präsent, über der Versammlung kreisten Hubschrauber. Ich sah die Bilder und dachte an Mustafa Dschemilew.
Er durfte nicht einmal mehr auf die Krim.
Als Kind hatte Stalin ihn mit seiner Familie von hier deportieren lassen. Siebzig Jahre später verbot ihm die neue russische Macht die Rückkehr.
Manchmal braucht Geschichte keine Erklärung.
Ein Papier genügt.
In diesen Wochen bemerkten wir die Veränderungen auch dort, wo sie uns näher kamen als jede Nachrichtensendung.
In der Schule.
Dort hingen nun Bilder Putins.
Ich weiß noch, wie ich eines davon sah. Es war nichts Spektakuläres. Ein Porträt an einer Wand. Kein Soldat stand daneben, niemand hielt eine Rede.
Putin.
In der Schule unserer Kinder.
Vielleicht traf mich gerade die Selbstverständlichkeit daran. Noch wenige Monate zuvor wäre dieses Bild dort undenkbar gewesen. Jetzt hing es an der Wand, als hätte es schon immer dort gehangen.
Auch über Lehrpläne und Schulbücher wurde gesprochen. Das russische Bildungssystem sollte übernommen werden, neue Standards würden kommen. Auf dem Papier blieb Ukrainisch eine der Staatssprachen der Krim. Was daraus im Schulalltag werden würde, wusste noch niemand.
Für Stella und Benno waren diese Dinge wahrscheinlich anders als für uns. Kinder nehmen Veränderungen hin, wenn Erwachsene ihnen sagen, dass dies nun eben so sei. Eine andere Fahne, ein anderes Wappen, ein anderes Porträt an der Wand.
Sie mussten trotzdem ihre Aufgaben machen.
Am 22. Mai kamen die Nachrichten aus Wolnowacha. Bei einem Angriff auf einen ukrainischen Kontrollpunkt wurden zahlreiche Soldaten getötet. Wieder Bilder von ausgebrannten Fahrzeugen, Leichen, Männern mit Waffen.
Der Krieg war nicht mehr zu übersehen.
Drei Tage später, am 25. Mai, wählte die Ukraine einen neuen Präsidenten.
Auf der Krim fand diese Wahl nicht statt.
Noch bei der letzten ukrainischen Präsidentschaftswahl hatten hier Wahllokale geöffnet, Wahlkommissionen gearbeitet, Menschen ihre Stimmen abgegeben. Jetzt wählte ein Land seinen Präsidenten, zu dem wir nach ukrainischem und internationalem Recht weiterhin gehörten, während wir selbst von dieser Wahl abgeschnitten waren.
Petro Poroschenko gewann bereits im ersten Wahlgang.
Ich sah die Ergebnisse im Fernsehen.
Mehr blieb uns nicht.
Am nächsten Tag begann die Schlacht um den Flughafen von Donezk. Kampfflugzeuge und Hubschrauber wurden eingesetzt, am Boden wurde geschossen. Ein moderner internationaler Flughafen, erst für die Fußball-Europameisterschaft 2012 ausgebaut, wurde innerhalb weniger Stunden zum Schlachtfeld.
Ich kannte diese Bilder aus keinem normalen Leben.
Und doch wurden sie normal.
Vielleicht war das die gefährlichste Veränderung überhaupt.
Gegen Ende des Monats verschwand auf der Krim noch etwas.
Die Hrywnja.
Seit März hatte sie neben dem Rubel weiter existiert. Man konnte noch mit dem vertrauten Geld bezahlen, obwohl überall bereits russische Rubel auftauchten. Ursprünglich sollte diese Übergangszeit länger dauern, doch sie wurde verkürzt.
Ab dem 1. Juni sollte auf der Krim nur noch der Rubel gesetzliches Zahlungsmittel sein.
Damit verschwand etwas, das uns unser ganzes Leben hier begleitet hatte. Preise, Gehälter, Rechnungen, Ersparnisse – alles musste neu gerechnet werden.
Es war nur Geld.
Und natürlich war es nicht nur Geld.
Im Februar hatten sich die Fahnen verändert. Im März kamen die russischen Gesetze und die Moskauer Zeit. Im April folgten Pässe, Verfassungen, Behörden und Formulare. Nun verschwand auch die ukrainische Währung aus unserem Alltag.
Und noch immer schien die Sonne.
Die Krim bereitete sich auf den Sommer vor. Hotels warteten auf Gäste, Händler auf Kunden, Vermieter auf Touristen. Das Meer wurde wärmer. An manchen Tagen konnte man beinahe vergessen, was in den vergangenen drei Monaten geschehen war.
Dann sah man ein russisches Kennzeichen.
Eine neue Fahne.
Putins Bild in der Schule.
Oder man schaltete den Fernseher ein und sah Donezk.
Im Radio meldete man Sommerwetter und ruhige See.
Die Halbinsel lag in der Sonne, als wäre nichts geschehen.
JUNI
Der Juni begann mit zwei Geräuschen, die sich nicht vertrugen: dem Donner der Flugzeuge über Luhansk und dem Rauschen des Meeres auf der Krim.
Eigentlich hätte jetzt der Sommer beginnen sollen.
Die Sonne stand hoch, das Meer wurde wärmer, die Promenaden füllten sich langsam. Sonnenschirme wurden aufgestellt, Cafés öffneten ihre Terrassen, Hotels warteten auf Gäste. Alles sah danach aus, als könne die Krim einfach dort weitermachen, wo sie im vergangenen Sommer aufgehört hatte.
Aber es war nicht derselbe Sommer.
Die ukrainischen Gäste, die über Jahre einen großen Teil der Saison ausgemacht hatten, fehlten oder zögerten. Dafür kamen russische Kennzeichen, Reisebusse, Menschen, die über die Fähre von Kertsch auf die Halbinsel gelangten. Die Verbindung nach Russland war umständlich, die Fähren wurden zum Nadelöhr, und trotzdem sollte alles normal aussehen.
Sommer auf der Krim.
Nur eben in Russland.
Am 2. Juni kamen die Bilder aus Luhansk. Das Gebäude der Gebietsverwaltung wurde getroffen. Explosionen, Rauch, zerborstene Fenster, Tote auf dem Platz und im Gebäude. Russische Sender zeigten die Aufnahmen immer wieder und sprachen von einem Angriff der ukrainischen Luftwaffe auf die eigene Bevölkerung.
Wir saßen auf der Krim und sahen zu.
Wenige Monate zuvor hätte Luhansk für mich vor allem eine Stadt im Osten der Ukraine bedeutet. Jetzt gehörte es zu einer neuen Geografie, die sich jeden Abend auf dem Bildschirm vor uns ausbreitete.
Slowjansk.
Kramatorsk.
Donezk.
Luhansk.
Orte wurden zu Fronten.
Am 6. Juni standen Putin und Petro Poroschenko in Frankreich beinahe nebeneinander. Die Staats- und Regierungschefs gedachten des siebzigsten Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie. Putin und Poroschenko sprachen kurz miteinander.
Ein seltsames Bild.
Während in der Ukraine gekämpft wurde, standen der russische Präsident und der Mann, der am folgenden Tag Präsident der Ukraine werden sollte, bei einer Gedenkfeier für einen Krieg, der seit fast siebzig Jahren vorbei war.
Am 7. Juni wurde Poroschenko in Kiew vereidigt.
Ich hörte seine Rede. Er sprach von Frieden, von Einheit, von der Krim und vom Donbas. Die Ukraine hatte wieder einen gewählten Präsidenten.
Nur wir hatten ihn nicht gewählt.
Auf der Krim begann unterdessen der erste Sommer unter russischer Herrschaft. Die Hrywnja war verschwunden, bezahlt wurde in Rubel. Russische Telefonnummern, russische Behörden, russische Kennzeichen und russische Dokumente wurden immer selbstverständlicher. Vieles, was im März noch fremd ausgesehen hatte, begann sich bereits in den Alltag einzufügen.
Auch in der Schule ging die Veränderung weiter.
Das Schuljahr war zu Ende, doch für das nächste wurde bereits vieles neu geordnet. Russische Bildungsstandards sollten übernommen werden, neue Schulbücher kommen, Lehrer mussten sich auf andere Vorgaben einstellen. Ukrainisch war auf dem Papier weiterhin eine Staatssprache der Krim. Aber Papier und Alltag waren zwei verschiedene Dinge geworden.
Im Mai hatten wir die ersten Putin-Porträts in der Schule gesehen.
Jetzt war das Schuljahr vorbei.
Im Herbst würden die Kinder in eine Schule zurückkehren, die zwar noch im selben Gebäude stand, aber nicht mehr dieselbe sein würde.
Am 12. Juni feierte die Krim zum ersten Mal den Russland-Tag als Teil der Russischen Föderation.
Noch ein Feiertag, den es für uns früher nicht gegeben hatte.
In Sewastopol wurde gefeiert, russische Fahnen hingen in den Straßen, Veranstaltungen und Konzerte gehörten zum Programm. Der Kalender begann sich ebenso zu verändern wie zuvor die Uhren.
Das Neue kam nicht mehr mit Soldaten.
Es kam als Feiertag.
Zwei Tage später meldeten die Nachrichten neunundvierzig Tote.
In der Nacht zum 14. Juni war eine ukrainische Il-76 beim Landeanflug auf den Flughafen von Luhansk abgeschossen worden. An Bord waren vierzig Soldaten und neun Besatzungsmitglieder. Niemand überlebte.
Neunundvierzig Menschen in einer Nacht.
Ich merkte, wie Zahlen inzwischen eine andere Bedeutung bekamen. Im Februar hatten wir noch jeden einzelnen Toten auf dem Maidan wahrgenommen. Namen, Gesichter, Kerzen. Jetzt kamen Zahlen aus dem Osten, zehn, zwanzig, vierzig, und am nächsten Tag neue.
Der Krieg begann, seine eigene Maßeinheit zu schaffen.
Am 16. Juni stellte Russland die Gaslieferungen an die Ukraine ein. Gazprom verlangte Vorauszahlung, Moskau sprach von Schulden, Kiew von politischem Druck. Europa sorgte sich um den Transit.
Früher hätte eine solche Nachricht wahrscheinlich tagelang die Schlagzeilen bestimmt.
Jetzt lief sie zwischen Meldungen über Tote, Kämpfe und besetzte Städte.
Auch daran merkte man, wie weit wir gekommen waren.
Am 20. Juni verkündete Poroschenko einen einseitigen Waffenstillstand. Sieben Tage sollten die Waffen schweigen. Es war Teil eines Friedensplans, ein Versuch, Verhandlungen möglich zu machen.
Wir hörten das Wort Frieden inzwischen mit Vorsicht.
Zu oft hatte in den vergangenen Monaten etwas einen Namen getragen, der mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatte.
Auf der Krim begannen die Schulferien. Familien fuhren ans Meer, Kinder liefen über die Promenaden, Eis wurde verkauft, Musik kam aus offenen Cafés. An manchen Tagen sah die Halbinsel tatsächlich wieder aus wie die Krim, die wir seit Jahren kannten.
Gerade das machte es so merkwürdig.
Man konnte morgens schwimmen gehen und abends im Fernsehen einen Krieg sehen.
Man konnte mit den Kindern essen gehen, während wenige hundert Kilometer entfernt Menschen in Kellern saßen.
Und man gewöhnte sich daran.
Nicht vollständig. Nicht wirklich.
Aber genug, um am nächsten Morgen wieder aufzustehen.
Dann kam der 27. Juni.
Poroschenko war in Brüssel.
Die Ukraine unterzeichnete den noch ausstehenden wirtschaftlichen Teil des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union.
Ich sah die Bilder und musste an den November denken.
An dieses verdammte Abkommen.
Daran hatte alles begonnen.
Janukowytsch hatte sich geweigert, es zu unterschreiben. Menschen waren auf den Maidan gegangen. Zuerst einige Hundert, dann Tausende, schließlich Hunderttausende. Studenten waren zusammengeschlagen worden. Barrikaden waren entstanden. Menschen waren gestorben. Janukowytsch war geflohen.
Dann war die Krim gekommen.
Unser Parlament.
Die Männer ohne Abzeichen.
Das Referendum.
Russland.
Und danach Donezk, Luhansk, Slowjansk.
Sieben Monate.
Mehr war nicht vergangen.
Und nun saß Petro Poroschenko in Brüssel und setzte seine Unterschrift unter genau jenes Abkommen, dessen Nichtunterzeichnung alles ins Rollen gebracht hatte.
Ich sah auf den Fernseher.
Da war sie.
Eine Unterschrift.
Mehr nicht.
Natürlich wusste ich, dass es so einfach nicht war. Kein Krieg beginnt wegen eines Stücks Papier, keine Revolution wegen einer einzigen Unterschrift. Zu viel hatte sich vorher aufgestaut, zu viele Interessen, Ängste und Hoffnungen hatten ineinandergegriffen.
Trotzdem bekam ich diesen Gedanken nicht aus dem Kopf.
Dafür?
Für diese Unterschrift?
Sie lag nun auf dem Papier.
Janukowytsch war fort.
Menschen waren tot.
Die Krim war annektiert.
Im Donbas wurde geschossen.
Und das Abkommen war unterschrieben.
Der Waffenstillstand wurde noch einmal bis zum 30. Juni verlängert.
Auf der Krim ging der Sommer weiter.
Die Tage waren heiß geworden. Das Meer war warm genug für die Kinder, die Abende lang. Auf den Straßen hörte man immer häufiger Stimmen aus Russland. Manche Hotels hatten Gäste, andere warteten. Die Saison war da, nur anders, als wir sie kannten.
Am Abend des 30. Juni lief der Waffenstillstand aus.
Noch wurde nicht wieder überall geschossen.
Noch war diese kleine Frist nicht ganz vorbei.
Ich stand am Fenster und dachte daran, wie schnell sich unsere Maßstäbe verschoben hatten. Ein paar Tage ohne große Kämpfe galten inzwischen schon als Hoffnung.
Draußen war Sommer.
Das Meer lag ruhig unter dem Abendhimmel.
Am nächsten Morgen würde Juli sein.
Und der Krieg weitergehen.