DER REST VOM MÄRZ

Die Tage nach der Rede verliefen still.

Zu still.

Aber schon wenige Tage später hieß es, wir sollten uns die russischen Pässe holen.

Wir wussten nicht einmal, wo.

Wir fragten herum, auch Slavik.

„Ist das jetzt notwendig?“

„Warum so schnell? Es hat doch geheißen, ihr könnt die ukrainischen behalten, wenn ihr wollt. Aksjonow selbst hat es gesagt. Ganz offiziell.“

Slavik winkte ab.

„Das war gestern.“

Dann wurde er ernster.

„Seid nicht dumm. Mama bekommt eine zusätzliche Pension, und Probleme werden auch vermieden.“

Er bot an, sich darum zu kümmern.

Wir berieten uns, riefen Freunde an, fragten nach und merkten schnell, dass es wohl besser war, es zu tun. Ob Natascha und Babuschka ihre ukrainischen Pässe behalten konnten? Ja, hieß es. Das gehe.

Probleme wollten wir nicht.

Zwei Stunden später stand Slavik wieder vor der Tür. Mit Formularen.

„Und du?“, fragte er mich.

Ich lachte ihn an.

„Bist du verrückt?“

Dann hielt ich inne.

„Geht das überhaupt?“

Erst da schien ihm selbst aufzufallen, was er mir gerade angeboten hatte. Er nahm sein Telefon und rief jemanden an.

„Ja“, sagte er danach. „Geht.“

„Als Österreicher?“

„Ja.“

Ich war baff.

Natascha und Babuschka berieten sich. Ich hielt mich zurück. Es war ihr Land, ihre Erfahrung mit Behörden, ihre Art zu erkennen, wann etwas freiwillig war und wann es nur so genannt wurde. In diesem Moment vertraute ich ihrem Instinkt mehr als meinem.

Sie unterschrieben.

Slavik nahm die Formulare mit.

Fünf Tage später kam er wieder.

Mit den fertigen Pässen.

Sogar die Fotos waren bereits darin. Woher sie die hatten, fragte niemand.

Natascha und Babuschka schlugen die roten Pässe auf und betrachteten sie. So sahen sie also aus. Ein paar Sekunden vielleicht. Dann klappten sie sie wieder zu.

Die neuen Pässe verschwanden in einer Schublade.

Die ukrainischen lagen woanders.

Ich bemerkte es, sagte aber nichts und begleitete Slavik zur Tür.

Erst später begriff ich, wie eigenartig das alles gewesen war. Russland betrachtete die dauerhaft auf der Krim lebenden ukrainischen Staatsbürger nun grundsätzlich als russische Staatsbürger. Wer das nicht wollte, musste selbst tätig werden und erklären, die ukrainische Staatsbürgerschaft behalten zu wollen.

Wer Russe werden wollte, musste zunächst nichts tun.

Wer Ukrainer bleiben wollte, musste handeln.

Man sprach von Wahlfreiheit. Aber schon die Richtung des Verfahrens sagte einiges darüber aus, welche Wahl erwartet wurde.

Für uns waren die Fragen ohnehin längst praktisch geworden. Welche Dokumente würden Natascha und die Kinder brauchen? Was würde mit Eigentum, Konten, Firma und Versicherungen geschehen? Welche Papiere würden morgen überhaupt noch gelten?

Fragen, die wenige Wochen zuvor absurd geklungen hätten, gehörten nun zum Frühstück.

Was in Moskau mit Unterschriften besiegelt worden war, wurde auf der Krim vollzogen. Nicht mehr nur mit großen Reden und Fernsehbildern, sondern an Kasernentoren und Fahnenmasten, in Amtsstuben, Banken und Schulen.

Plötzlich standen auch belarussische Verkaufsstände herum. Strickwaren, Honig, Verkäufer in Nationaltracht.

Hier?

Auf der Krim?

Mich wunderte weniger, dass sie da waren, als wie schnell niemand mehr fragte, was eigentlich geschehen war. Man nahm das Neue zur Kenntnis und begann, sich darin einzurichten.

Vielleicht blieb auch gar nichts anderes übrig.

Was sich hinter den Kulissen abspielte, wusste ich nicht. Ich wollte es auch nicht wissen. Ich zog mich zurück und versuchte zu begreifen, was das alles für uns bedeuten konnte. Für die Firma, die Kunden, unsere Verbindungen, unsere Dokumente, unser Leben.

Auch meine Freunde waren stiller geworden. Jeder rechnete für sich. Nur eines schien allen klar: Geschäfte würden von nun an anders laufen. Nach anderen Regeln, mit anderen Behörden, anderem Geld und anderen Leuten, die entschieden, was erlaubt war und was nicht.

Wenn ich nicht mehr weiterwusste, schaltete ich den Fernseher ein. Vielleicht suchte ich dort sogar nach noch mehr Tragödien, nach etwas, an dem ich meine eigenen Gedanken festmachen konnte.

Am 19. März wurde das Hauptquartier der ukrainischen Marine in Sewastopol gestürmt und besetzt. Russische Flaggen wurden gehisst, ukrainische Offiziere abgeführt oder vor die Entscheidung gestellt, wem sie künftig dienen wollten. Was sich in den Wochen zuvor langsam zusammengezogen hatte, löste sich nun mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf.

In den folgenden Tagen wiederholten sich die Bilder an anderen Orten. Bewaffnete Männer vor Kasernen, Verhandlungen an Toren, ukrainische Fahnen, die eingeholt wurden. Manche Soldaten wechselten die Seite, andere weigerten sich. Manche warteten auf Befehle aus Kiew, die lange nicht kamen oder nichts mehr änderten.

Wenn ich heute davon erzähle, fehlt etwas. Nicht das, was auf den Bildern zu sehen war. Sondern was sie mit einem machten, wenn man selbst dort lebte.

Im Fernsehen sprach man von einem geordneten Übergang.

Worte wie Watte um eine offene Wunde.

Spät am Abend kam ein Anruf. Ob wir nicht kurzfristig bei einer Gartenmesse in Alushta einspringen wollten. Ein Platz sei frei geworden, drei Tage nur. Sie wären froh, uns dabeizuhaben.

Ich sagte sofort zu.

Natascha und ich würden fahren. Vierzig Minuten von Simferopol entfernt. Andere Menschen, andere Gespräche, Pflanzen, Gartengeräte, Kunden. Drei Tage etwas anderes sehen.

Zumindest redete ich mir das ein.

Am 20. März ratifizierte die russische Staatsduma den Beitrittsvertrag, einen Tag später folgte der Föderationsrat. Putin setzte die notwendigen Unterschriften darunter. Was wenige Tage zuvor noch als Selbstbestimmung bezeichnet worden war, wurde nun russisches Recht.

Auf der Krim brauchte es dafür kaum noch Erklärungen.

Die Fahnen waren da. Die Soldaten waren da. Die neuen Herren waren da.

Das Verstörende war, dass der Alltag nicht aufhörte. Geschäfte öffneten, Busse fuhren, Kinder gingen zur Schule. Menschen standen auf Märkten und verglichen Preise. Nur die Zeichen änderten sich. An Gebäuden erschienen russische Wappen, in Ämtern neue Formulare. Der Rubel war nun offizielles Zahlungsmittel neben der Hrywnja und tauchte immer häufiger auf. Dieselben Menschen saßen hinter denselben Schreibtischen und erklärten nun eine andere Ordnung.

Man nannte es Integration.

Dann begann die Messe.

Für ein paar Stunden funktionierte die Ablenkung sogar. Menschen blieben an unserem Stand stehen, stellten Fragen, sprachen über Gärten, Pflanzen, Preise. Dinge, die noch vor wenigen Wochen selbstverständlich gewesen wären.

Irgendwo lief ein Radio.

Am 24. März hörte ich dort die Nachricht: Der amtierende Präsident Oleksandr Turtschynow hatte den Abzug der ukrainischen Streitkräfte von der Krim angeordnet.

Mitten auf einer Gartenmesse.

Zwischen Pflanzen, Stimmen und Kunden.

Ich wusste nicht, was ich dabei empfinden sollte. Erleichterung vielleicht, weil nicht noch mehr Menschen sterben sollten. Wut, weil ein Staat seine Soldaten aus einem Gebiet zurückholen musste, das weiterhin zu diesem Staat gehörte. Vor allem aber dieses Gefühl, das mich seit Tagen begleitete: dass etwas vor unseren Augen verschwand und wir nichts dagegen tun konnten.

Am Abend zu Hause kamen die Bilder.

Die Soldaten gingen nicht alle an diesem Tag. Der Abzug dauerte. Einige Einheiten hielten noch aus, andere wurden geräumt oder übernommen. Aber mit der Entscheidung aus Kiew war klar, wohin es ging.

Die Ukraine zog sich zurück.

Nicht auf einer Landkarte.

Vor unseren Augen.

Einen Tag später verlor auch der ukrainische Verteidigungsminister sein Amt. Ihor Tenjuch hatte seinen Rücktritt angeboten; das Parlament entließ ihn und bestimmte einen Nachfolger. Er war nicht einmal einen Monat Verteidigungsminister gewesen.

Ich nahm es nur noch zur Kenntnis.

Es geschah inzwischen zu viel, zu schnell.

Am selben Tag stand ich mit Babuschka auf der Post in einer langen Schlange. Natascha war bereits in Alushta.

Die Pensionen wurden in Rubel ausgezahlt.

Ich weiß noch, wie voll es war. Alte Menschen warteten mit ihren Papieren und rückten langsam nach vorne. Hinter dem Schalter lagen Bündel frischer Rubelscheine. So neu, dass manche sie zwischen den Fingern rieben und sich fragten, ob sie überhaupt echt seien. Hinter dem Tresen standen Säcke voll davon.

Pass vorlegen.

Name auf der Liste.

Unterschrift.

Geld.

Babuschka bekam zehntausend Rubel.

Warum genau zehntausend, wusste ich nicht.

Ich weiß nur noch, dass es zehntausend waren.

Sie hielt die neuen Scheine in der Hand und betrachtete sie. Bargeld brauchten wir ohnehin. Mit den Karten funktionierte vieles nicht mehr.

Wochenlang hatten Menschen von Russland gesprochen. Von höheren Pensionen, besseren Löhnen, Stabilität, davon, dass es den Leuten besser gehen würde.

Nun lag etwas von diesem Versprechen auf Babuschkas Handfläche.

Und es war echt.

Das machte es nicht einfacher. Vielleicht machte gerade das alles schwieriger.

Denn während auf der Post frische Rubel ausgegeben wurden, sahen wir im Fernsehen die ukrainischen Soldaten, die ihre Kasernen verließen.

Das eine Land zahlte bereits die Pension.

Die Soldaten des anderen gingen.

Am 27. März kam eine Nachricht aus New York.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte über die territoriale Integrität der Ukraine abgestimmt. Hundert Staaten stimmten für die Resolution, elf dagegen, achtundfünfzig enthielten sich. Das Referendum vom 16. März könne keine Grundlage für eine Veränderung des Status der Krim bilden; eine solche Veränderung solle international nicht anerkannt werden.

Hundert zu elf.

Ich las die Zahlen mehrmals.

Die Welt hatte also doch nicht geschwiegen.

Hundert Staaten.

Und trotzdem stand ich in Simferopol und sah russische Fahnen.

Man konnte recht haben und trotzdem verlieren.

Auf der Krim änderte die Abstimmung in New York nichts.

Die Tage gingen weiter.

Dann kam der 29. März.

Am Abend wurde am Bahnhof von Simferopol die große Uhr auf Moskauer Zeit gestellt. Öffentlich, sichtbar für jeden. Live übertragen.

Ich musste an die Ankündigung von Aksjonow denken.

Selbst die Zeit.

Wir hatten darüber gesprochen, beinahe ungläubig, als sei es nur noch eine weitere jener administrativen Veränderungen, die täglich auf uns einprasselten. Aber nun stand sie dort, groß über dem Bahnhof.

Die Uhr.

Ein Bahnhof lebt von der Zeit. Von Abfahrten und Ankünften, Minuten und Verspätungen. Von der Gewissheit, dass eine Zahl für alle dasselbe bedeutet.

Und nun zeigte auch diese Uhr nach Moskau.

In der Nacht geschah es dann überall.

Die Krim wechselte auf Moskauer Zeit.

Um zwei Uhr wurden die Uhren auf vier Uhr vorgestellt.

Zwei Stunden auf einmal.

Eine davon wäre in dieser Nacht ohnehin verschwunden. Es war die Nacht der Umstellung auf die Sommerzeit.

Die andere war neu.

Die gehörte Moskau.

Vielleicht ist das der Grund, warum mir bis heute nur diese eine Stunde in Erinnerung geblieben ist. Nicht der Sprung von zwei auf vier, sondern die Stunde, die danach zusätzlich zwischen uns und der Zeit lag, nach der wir bisher gelebt hatten.

Ich stellte meine Uhr um.

Es war ein lächerlich kleiner Handgriff. Ein paar Knöpfe, ein paar Zahlen, mehr nicht. Und doch blieb ich einen Moment sitzen und sah auf das Display.

Wir wohnten noch in derselben Wohnung. Draußen standen dieselben Häuser. Die Straßen führten dorthin, wohin sie gestern geführt hatten. Der Salgir floss durch dieselbe Stadt.

Aber unsere Uhren gingen jetzt nach Moskau.

Da begriff ich, wie vollständig eine Annexion werden konnte.

Sie nahm nicht nur Land. Sie nahm Fahnen von den Masten und Soldaten aus ihren Kasernen. Sie änderte Geld, Gesetze und Zuständigkeiten. Sie drang in Schulen, Ämter, Banken und schließlich bis auf den Nachttisch vor.

Bis in den Wecker.

Am nächsten Morgen standen wir nach Moskauer Zeit auf. Die Kinder gingen nach Moskauer Zeit zur Schule, die Geschäfte öffneten nach Moskauer Zeit.

Und irgendwo weit entfernt in Moskau war es dieselbe Stunde wie bei uns.

Die Sonne ging auf wie zuvor.

Nur unsere Zeit war eine andere geworden.

Am 31. März begann Moskau schließlich auch jene Verträge abzuräumen, die die russische Schwarzmeerflotte noch mit der Ukraine verbunden hatten. Putin leitete die Aufkündigung der entsprechenden russisch-ukrainischen Vereinbarungen ein. Was noch Wochen zuvor Gegenstand von Verträgen zwischen zwei Staaten gewesen war, erschien aus russischer Sicht nun überflüssig. Wozu einen Stützpunkt in einem anderen Land pachten, wenn man das Land um den Stützpunkt bereits zum eigenen erklärt hatte?

So endete der März.

Nicht mit einem Schuss.

Nicht mit einer Rede.

Nicht mit Feuerwerk.

Sondern mit etwas viel Alltäglicherem.

Wir stellten die Uhren um.

Und lebten von da an nach Moskauer Zeit.

APRIL

Der April kam ohne Frühling, obwohl die Sonne kräftig schien.

Nach den Fahnen, den Soldaten und den Unterschriften kamen die Formulare.

Was im März noch nach Besetzung ausgesehen hatte, bekam nun Schalter, Stempel und Öffnungszeiten. Banken mussten sich auf neue Regeln einstellen, Behörden auf russisches Recht, Beamte auf neue Zuständigkeiten. Es wurde registriert, übertragen, umgeschrieben.

Man nannte es Übergang.

Für uns fühlte es sich anders an.

Ein Staat wurde gelöscht, Zeile für Zeile.

Und während auf der Krim die neue Ordnung einzog, erschienen im Fernsehen Bilder aus dem Osten der Ukraine.

Am 6. April wurden in Donezk, Luhansk und Charkiw Verwaltungsgebäude besetzt. Russische Fahnen hingen an Fassaden, Menschen drängten durch Eingänge, Barrikaden entstanden. Einen Tag später wurde in Donezk eine „Volksrepublik“ ausgerufen.

Ich saß vor dem Fernseher und hatte das Gefühl, etwas schon einmal gesehen zu haben.

Bewaffnete Männer. Besetzte Gebäude. Russische Fahnen. Menschen, die plötzlich im Namen eines ganzen Gebietes sprachen.

Nur diesmal war es nicht Simferopol.

„Das geht weiter“, sagte ich zu Natascha.

Sie antwortete nicht.

Wir sahen zu.

Die Bilder waren ähnlich. Und gerade deshalb waren sie für uns nicht mehr dieselben. Im Februar hatten wir auf der Krim noch versucht zu verstehen, was ein besetztes Parlament, Männer ohne Abzeichen und russische Fahnen bedeuteten.

Jetzt wussten wir, wie schnell aus solchen Bildern Wirklichkeit werden konnte.

Auf der Krim selbst war die Wirklichkeit inzwischen alltäglicher geworden.

Formulare, Registrierungen, neue Zuständigkeiten. Fragen nach Dokumenten, Eigentum, Konten, Firma und Versicherungen gehörten inzwischen zu unserem Leben. Was wenige Wochen zuvor mit bewaffneten Männern vor Gebäuden begonnen hatte, wurde nun von Menschen hinter Schreibtischen weitergeführt.

Am 11. April bekam die neue Ordnung ihre Verfassung.

Das Krim-Parlament verabschiedete eine Verfassung der „Republik Krim“ als Teil der Russischen Föderation. Auf dem Papier blieben Russisch, Ukrainisch und Krimtatarisch Staatssprachen.

Drei Sprachen.

Auch Ukrainisch.

Ich las es und musste beinahe lächeln.

Papier war geduldig geworden.

Entscheidend war längst nicht mehr nur, was irgendwo geschrieben stand, sondern was in den Ämtern gesprochen wurde, welche Dokumente akzeptiert wurden, welche Sender man empfangen konnte und welche Fahne über einem Gebäude hing.

Die Verfassung bestätigte auf Papier, was draußen längst sichtbar war.

Nach russischem Recht gehörten wir nun zu Russland.

Nach ukrainischem Recht zur Ukraine.

International wurde die Annexion nicht anerkannt.

Und wenn ich aus dem Fenster sah, waren die russischen Fahnen trotzdem da.

Dann kam Slowjansk.

Am 12. April besetzten bewaffnete Männer Polizeigebäude und andere Einrichtungen. Wieder sahen wir Barrikaden, Waffen und russische Fahnen. Wieder war von „Selbstverteidigung“ die Rede, von Menschen, die sich angeblich selbst erhoben hätten.

Diesmal sah ich genauer hin.

Das ungläubige Staunen, mit dem ich im Februar auf die Bilder der Krim gesehen hatte, war verschwunden. Wir wussten inzwischen, wie schnell ein besetztes Gebäude mehr werden konnte als ein besetztes Gebäude.

Am folgenden Tag kündigte Kiew eine „Antiterroroperation“ an.

Moskau sprach von Gewalt gegen das eigene Volk.

Worte wurden wieder zu Frontlinien.

Am 17. April trafen sich Vertreter der Ukraine, Russlands, der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union in Genf. Man einigte sich auf Schritte zur Deeskalation, auf die Entwaffnung illegaler bewaffneter Gruppen und die Räumung besetzter Gebäude.

Ich hörte die Nachrichten und dachte an unser Parlament in Simferopol.

Auch dort hatte einmal jemand verlangt, ein besetztes Gebäude zurückzugeben.

Es war erst wenige Wochen her.

Nun saßen Diplomaten an einem Tisch und verhandelten darüber, wie man etwas aufhalten konnte, das längst begonnen hatte.

Auf der Krim liefen unterdessen die Fristen weiter.

Formulare, Registrierungen, Banken, Eigentum.

Es war jene Art von Ruhe, die man mit Stift und Liste herstellt.

Am 18. April endete die Frist, innerhalb derer Bewohner der Krim erklären konnten, die ihnen von Russland zugeschriebene russische Staatsbürgerschaft nicht anzunehmen.

Ein Datum auf einem Formular.

Und dahinter eine Frage, die größer kaum sein konnte:

Wer bist du?

Für viele war die Antwort wahrscheinlich einfach. Für andere nicht. Besonders für die Krimtataren war Russland kein abstrakter Staat, der nun neue Pässe ausgab. In vielen Familien lebte die Erinnerung an 1944 weiter, an Deportation, Verbannung und die jahrzehntelange Verweigerung der Rückkehr.

Wenige Tage später bekam diese Erinnerung plötzlich eine Gegenwart.

Mustafa Dschemilew, jahrzehntelang eine der wichtigsten Stimmen der Krimtataren, wurde darüber informiert, dass ihm die Einreise auf die Krim für fünf Jahre untersagt werde.

Fünf Jahre.

Ausgerechnet ihm.

Als Kind war er mit seiner Familie unter Stalin von der Krim deportiert worden. Jahrzehnte hatte er für das Recht seines Volkes gekämpft, zurückzukehren.

Nun durfte er wieder nicht nach Hause.

Diesmal brauchte es keinen Viehwaggon.

Ein Papier genügte.

Vielleicht zeigte sich darin deutlicher als irgendwo sonst, was sich verändert hatte.

Im März hatte Macht noch Waffen getragen.

Im April trug sie immer häufiger einen Stempel.

Gegen Ende des Monats wurde weiter geregelt, übertragen, registriert und übernommen. Gebäude, Betriebe und Einrichtungen, die wenige Wochen zuvor noch dem ukrainischen Staat gehört hatten, wurden der neuen Ordnung zugeschlagen.

Es war kein spektakulärer Vorgang.

Niemand musste dafür ein Parlament stürmen. Keine Soldaten mussten vor Kameras aufmarschieren. Es brauchte Beschlüsse, Listen, Unterschriften und Stempel.

Während auf der Krim geregelt und übernommen wurde, verschärfte sich im Osten der Ukraine die Lage weiter.

Donezk.

Luhansk.

Slowjansk.

Orte, die vorher einfach Städte gewesen waren, wurden zu Nachrichten.

Auf der Krim blieb es vergleichsweise ruhig.

Das war das Verstörende.

Kein großer Knall. Kein sichtbarer Augenblick, an dem man hätte sagen können: Jetzt ist die alte Ordnung verschwunden.

Sie wurde abgewickelt.

Schalter für Schalter. Akte für Akte. Stempel für Stempel.

Die Straßen sahen noch aus wie immer. Der Salgir floss, die Märkte waren voll, die Kinder gingen zur Schule. Menschen kauften Brot, standen an Haltestellen, stritten über Preise.

Und während bei uns die neue Ordnung immer geräuschloser funktionierte, kamen aus dem Osten immer neue Bilder.

Im März hatten wir gelernt, wie schnell ein Land genommen werden konnte.

Im April sahen wir, dass es damit nicht vorbei war.