16. MÄRZ. Sonntag. Simferopol. Tag des Referendums.
Wir waren früh wach, ohne es zu wollen. Der Schlaf war flach gewesen, unruhig, wie ein Film, der immer wieder von vorn beginnt. Gedanken liefen im Kreis, Bilder der letzten Wochen mischten sich mit Vermutungen über diesen Tag. Müde, beinahe benommen, begannen wir den Morgen.
„Ich will es mit eigenen Augen sehen“, sagte ich schließlich.
Es war keine richtige Entscheidung, eher ein Drang. Ich musste hinaus, musste sehen, was sie aus diesem Tag machten.
„Was soll schon passieren.“
Der Satz galt mehr mir selbst als Natascha. Er klang trotzig, nicht beruhigend.
Ich ging los, den Kragen hochgestellt, vielleicht trotzig, vielleicht mutig, wahrscheinlich beides. Zunächst wirkte alles wie an einem gewöhnlichen Sonntag. Ein paar alte Frauen gingen mit Einkaufstaschen über die Straße, irgendwo trottete ein Hund über den Asphalt, vereinzelte Passanten kamen mir entgegen und sahen aneinander vorbei.
Doch je näher ich dem Zentrum kam, desto deutlicher veränderte sich das Bild. Nicht durch die Menschen, sondern durch ihr Fehlen.
Stattdessen standen an den Straßen Stände mit Flaggen und Lautsprechern auf improvisierten Podesten. Männer mit Armbinden rauchten an Kreuzungen und beobachteten die Vorübergehenden, Milizen in Tarnuniformen lehnten an Hauswänden, an manchen Straßenecken standen schwer bewaffnete Soldaten ohne Abzeichen. Ihre Präsenz war nicht laut, sie musste es auch nicht sein. Sie war einfach da, still und allgegenwärtig.
Mich ergriff ein Gefühl der Fremdheit. Das war nicht mehr die Stadt, die ich kannte. An diesem Tag war sie mir entzogen, als wäre ich an einem vertrauten Ort ausgesetzt worden, der plötzlich anderen gehörte.
Der Wind pfiff durch die Straßen und trieb Papier und Müll vor sich her. Hin und wieder heulte ein Fahrzeug der Miliz mit Martinshorn um einen Kreisverkehr, nicht aus Eile, sondern beinahe wie ein Zeichen: Wir sind hier. Heute wir.
An großen Wänden klebten Plakate: Gemeinsam mit Russland.
Warum so wenige?, fragte ich mich immer wieder. Wo waren die Menschen, wo der Andrang, das Gedränge, die Unruhe, die man bei einer Entscheidung erwarten würde, die angeblich das Schicksal einer ganzen Halbinsel besiegeln sollte?
Stattdessen sah ich viel Leere und eine Ordnung, die bereits gesetzt schien.
Erst nach einiger Zeit tauchten kleine Gruppen auf, später dünne Schlangen vor einzelnen Wahllokalen. Männer mittleren Alters, Rentner, Frauen mit Papieren in der Hand. Doch selbst dort, wo Menschen warteten, spürte ich wenig von jener Aufbruchsstimmung, die man bei einer historischen Entscheidung vielleicht erwartet hätte. Es war kein Volksfest. Eher eine eigentümliche, gedrückte Ruhe, fast wie vor einem Begräbnis.
Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, selten ein Bus, doch wenn Busse kamen, dann manchmal gleich mehrere hintereinander. Stimmenkarussel. Natürlich war Sonntag. Trotzdem wunderte mich, wie wenig los war. Selbst vor der Hauptpost am Salgir, einem der großen Wahllokale der Stadt, standen nur wenige Menschen. Auch vor dem Musiktheater, wo ich viel mehr erwartet hätte, herrschte eine beinahe gespenstische Leere.
Es wunderte mich und gab mir gegen jede Vernunft einen Funken Hoffnung. Vielleicht gingen tatsächlich viel weniger hin, als uns seit Tagen eingeredet wurde.
Vor manchen Schulen standen mehr Menschen. Einige trugen Fahnen, andere Blumen. Ich hörte eine alte Frau sagen: „Wir haben lange genug gewartet.“ Andere redeten leiser. Ein Satz blieb mir hängen: „Man weiß ja nicht, wer zusieht.“
Auf der Straße lag ein zusammengeknülltes Papier. Als ich näherkam, erkannte ich einen Stimmzettel. Zwei Möglichkeiten standen darauf, auf Russisch, Ukrainisch und Krimtatarisch:
1. Sind Sie für eine Wiedervereinigung der Krim mit Russland mit den Rechten eines Subjekts der Russischen Föderation?
2. Sind Sie für die Wiederherstellung der Gültigkeit der Verfassung der Republik Krim von 1992 und für einen Status der Krim als Teil der Ukraine?
Ich las die beiden Fragen noch einmal langsam durch. Die erste sprach von „Wiedervereinigung“, als habe es eine natürliche Einheit gegeben, die man nur wiederherstellen müsse. Ein Wort, das nach Heimat klang. Die zweite versprach die Rückkehr zu einer Verfassung von 1992.
Und wer kannte die schon oder noch?
Wie eine Nebelgranate wirkte dies für mich. Kryptisch und doppelte Falle. Selbst das Papier wirkte wie im Keller gedruckt.
Beide Antworten blickten zurück, beide versprachen eine Form von Rückkehr. Was fehlte, war das Offensichtlichste: die Möglichkeit, einfach zu bleiben, was man bis gestern gewesen war. Kein Anschluss an Russland, keine Rückkehr zur Verfassung von 1992, sondern schlicht die bestehende Autonome Republik Krim innerhalb der Ukraine.
Diese Antwort gab es nicht.
Ich besuchte drei Wahllokale im Zentrum, solche, die ich aus früheren Präsidentenwahlen kannte. Am Eingang wurde kontrolliert, doch ich wurde offenbar als einer der ihren wahrgenommen. Ich trug eine billige schwarze Jacke und eine Sporthose, sprach Russisch ohne Akzent und fiel nicht weiter auf.
Drinnen sah ich wenig von jener historischen Entscheidung, von der seit Tagen gesprochen wurde. Es waren Menschen da, natürlich, vor allem Ältere, einige Frauen zogen ihre Männer mit sich. Junge Leute sah ich kaum, Tataren überhaupt nicht. Die durchsichtigen Wahlurnen wirkten auf mich erstaunlich leer, obwohl der Tag bereits weit fortgeschritten war.
Ich versuchte abzuschätzen, wie viele Menschen hier gewesen sein konnten. Ein Drittel? Vielleicht mehr. Ich wusste es nicht. Aber achtzig Prozent konnte ich mir nach dem, was ich sah, kaum vorstellen. Vielleicht täuschte ich mich, vielleicht waren andere Wahllokale voll gewesen, vielleicht waren die Menschen am Morgen gekommen oder würden erst später kommen.
Ich wusste nur, was ich sah, und es passte nicht zu dem Bild, das uns seit Tagen angekündigt worden war.
Am späten Nachmittag kam ich nach Hause. Ich erzählte Natascha und Babuschka, was ich gesehen hatte, und zeigte ihnen den Wahlzettel, vorsichtig, beinahe entschuldigend, als könnte mein Eindruck völlig falsch oder bedeutungslos sein.
Dann schalteten wir die Fernseher ein. Nicht aus Interesse, sondern weil wir wissen wollten, wie sie diesen Tag erzählen würden.
Und sie erzählten ihn tatsächlich anders.
Die Krim stimme heute über ihre Zukunft ab, sagte ein Moderator mit einer Stimme, in der kein Zweifel lag. Die Wahlbeteiligung sei hoch, die Stimmung ausgezeichnet, in Simferopol und Sewastopol herrsche Volksfestatmosphäre. Dazu liefen Bilder von Kindern mit Ballons, Frauen mit Blumen und Männern, die lächelnd ihre Stimmzettel in die Urnen warfen.
Ich sah keine Milizen, keine Soldaten, kaum eine leere Straße. Nichts von jenem Wind, der Papier über den Asphalt getrieben hatte. Nur das sorgfältig ausgewählte Bild einer freien und fröhlichen Entscheidung.
Die ukrainischen Sender zeigten beinahe das Gegenteil: Straßensperren, bewaffnete Männer, Soldaten ohne Hoheitszeichen. Politiker sprachen von einer Farce und einer Abstimmung unter Besatzung.
Dann hörten wir vom Boykott der Krimtataren. Der Medschlis hatte dazu aufgerufen, nicht an der Abstimmung teilzunehmen, und offenbar waren viele tatsächlich zu Hause geblieben. Sofort musste ich an meine Wahllokale denken. Kaum Junge, keine Tataren. Jetzt wusste ich zumindest, warum mir eine ganze Bevölkerungsgruppe dort praktisch nicht begegnet war.
Auf unseren Bildschirmen liefen zwei Wirklichkeiten nebeneinander. Moskau zeigte den Jubel, Kiew die Besatzung, und wir saßen genau dazwischen. Keine der beiden Wirklichkeiten zeigte alles. Beide wählten ihre Bilder. Aber draußen hatte ich etwas gesehen, das in beiden Darstellungen kaum vorkam: die Abwesenheit der Menschen, die nicht gekommen waren.
Am Abend kamen die ersten Zahlen. Mehr als neunzig Prozent sollten für Russland gestimmt haben, bei einer Beteiligung, die angeblich weit über achtzig Prozent lag.
Ich starrte auf den Bildschirm und dachte an die leeren Straßen, an die Urnen, an die wenigen Menschen vor der Hauptpost und an die Tataren, die gar nicht erst gekommen waren. Vielleicht hatte ich nur die falschen Wahllokale gesehen. Aber so sehr, dachte ich, konnte ich mich doch nicht getäuscht haben.
Dann kamen die Jubelbilder. Feuerwerk wurde gezündet, Autos hupten, Menschen stießen mit Sekt an. Ich zog mich in mein Arbeitszimmer zurück, während Babuschka und Natascha auf dem Sofa saßen. Hier konnte ich rauchen, hier konnte ich mich irgendwie festhalten.
Hier war Simferopol, dort war Kiew. Zwei Welten, die an diesem Tag aufgehört hatten, einander zu verstehen.
Draußen wurde es immer lauter. Feuerwerk, hupende Autos, Fahnen an Fenstern. Irgendwo hatte ein Konzert begonnen, dessen Lärm bis zu uns drang. Männer umarmten sich auf der Straße, Frauen weinten, alte Männer mit Orden an grauen Mänteln schrien ihre Freude hinaus. Andere schwenkten russische Fahnen und riefen immer wieder Russland. Wer waren die?
Ich stand am Fenster und sah ihnen zu. Sitzen konnte ich nicht mehr. Es fühlte sich an, als hätte jemand den Boden unter uns ausgetauscht. Das Wetter war dasselbe, die Häuser standen noch an ihrem Platz, die Menschen sprachen dieselbe Sprache wie gestern, und doch war alles anders.
Ich versuchte zu verstehen, was ich da eigentlich sah. Natürlich waren nicht alle auf der Straße. Das wusste ich inzwischen. Die Tataren fehlten, andere waren zu Hause geblieben, manche hatten Angst, manche wollten mit diesem Tag nichts zu tun haben.
Aber diejenigen, die draußen standen, jubelten wirklich.
Das durfte ich mir ebenso wenig wegreden wie die leeren Wahllokale.
Vielleicht lag genau darin das Verstörende. Es brauchte nicht alle. Es brauchte genügend Menschen, genügend Fahnen und genügend Kameras, um aus einer militärisch geschaffenen Tatsache das Bild einer Heimkehr entstehen zu lassen. Und für einen Teil der Menschen war es tatsächlich eine Heimkehr.
Für manche bedeutete Russland Sicherheit, für andere Erinnerung, für wieder andere die Rückkehr in eine Zeit, in der Moskau das Zentrum gewesen war und sie selbst Teil von etwas Größerem. Die Sowjetunion war für sie nicht nur ein Staat gewesen. Sie war ihre Kindheit und Jugend, ein Teil ihres Lebens, vielleicht auch eine Zeit, in der die Welt für sie übersichtlicher gewesen war.
Jetzt versprach ihnen jemand, etwas davon zurückzugeben. Nicht als Zukunft, sondern als Rückkehr.
Während ich aus dem Fenster sah, musste ich plötzlich an Österreich denken, an jene Bilder von 1938, die ich seit meiner Schulzeit kannte: Menschen an den Straßenrändern, Fahnen, Jubel, erhobene Arme.
Natürlich war das hier nicht dasselbe. Die Geschichte war eine andere, die Zeit eine andere, die Voraussetzungen waren andere. Aber zum ersten Mal verstand ich etwas, das mir an diesen alten Bildern immer fremd geblieben war: den Jubel.
Nicht die politischen Abläufe verstand ich plötzlich besser, sondern die Menschen am Straßenrand. Menschen konnten eine bereits vollzogene Gewalt als Erlösung oder Heimkehr erleben. Sie konnten jubeln, weil ihnen jemand versprach, wieder Teil von etwas Größerem zu sein.
Das erschreckte mich mehr als die Fahnen.
Gewalt und Begeisterung schlossen einander offenbar nicht aus. Eine Annexion musste nicht gegen den sichtbaren Willen aller stattfinden. Es genügte, dass genügend Menschen sie begrüßten, dass die Kameras ihren Jubel einfingen und dieser Jubel später wie Zustimmung aussah.
Vielleicht sogar wie Recht.
Nicht nur Grenzen hatten sich an diesem Tag verschoben, sondern auch Begriffe. Worte, die gestern noch gegolten hatten – Verfassung, Vertrag, Grenze, Souveränität, Versprechen – klangen plötzlich anders. Ich ertappte mich dabei, Nachrichten mit zusammengekniffenen Augen zu sehen, als müsste ich jedes Wort durch ein Sieb aus Misstrauen filtern.
Das Gefährlichste an diesem Tag war für mich deshalb nicht nur, was geschah, sondern wie schnell aus etwas Undenkbarem etwas scheinbar Selbstverständliches geworden war.
Am Abend schaltete ich Westi Nedeli ein. Ich wollte hören, wie Dmitri Kisseljow diesen Tag rahmen würde.
Dann fiel ein Satz, der mich traf wie ein Schlag:
„Russland ist das einzige Land der Welt, das die USA in radioaktiven Staub verwandeln kann.“
Ich sah Natascha an. Kisseljow sagte es im russischen Staatsfernsehen mit einer Selbstverständlichkeit, die mich fror. Ausgerechnet an diesem Tag, während draußen Menschen den Anschluss an Russland feierten.
Vielleicht war der Satz vor allem an Washington gerichtet: Mischt euch nicht ein. Russland besitzt Atomwaffen und ist bereit, euch daran zu erinnern.
Doch ich dachte an die Ukraine, an jenes Land, das nach dem Zerfall der Sowjetunion auf die auf seinem Territorium verbliebenen Atomwaffen verzichtet hatte. Ich dachte an das Budapester Memorandum und an die Zusicherung, seine bestehenden Grenzen und seine territoriale Integrität zu respektieren.
Und nun saßen wir auf der Krim. Russische Soldaten standen auf der Halbinsel, ein Referendum war unter ihrer Präsenz abgehalten worden, und aus Russland kam im Staatsfernsehen die Erinnerung daran, dass dieses Land die Vereinigten Staaten in radioaktiven Staub verwandeln könne.
Nicht einmal die Drohung selbst erschreckte mich am meisten. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgesprochen wurde.
Nur die Knochen schienen noch zu reagieren, wie nach einer Detonation. Der Rest des Körpers war stumm. Im Kopf blieb dieses Schrillen, dieser Alarm.
Mit einem Mal hatte sich die Welt gedreht. Nicht langsam, nicht schleichend, sondern innerhalb weniger Wochen so vollständig, dass ich kaum noch wusste, an welchen Gewissheiten ich mich festhalten sollte.
Wir schalteten den Fernseher aus und sahen einander an. Keiner sagte etwas.
Draußen war es inzwischen still geworden. Der Jubel, die Parolen und die hupenden Autos waren verstummt. Nur der Wind fuhr wieder durch die Straßen.
Und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund.
17. MÄRZ. Der Tag danach.
Der Morgen war kälter als die Tage zuvor.
Vielleicht lag es am Wind, der durch die Gassen fegte. Vielleicht an der Leere nach dem Lärm der Nacht.
Kein Feuerwerk mehr, keine hupenden Autos, keine tanzenden Menschenmengen. Nur vereinzelt hingen Fahnen aus den Fenstern – ausgebleicht, schwer, vom Wind müde gezogen. Keine Geste mehr. Nur ein Rest.
Die Stadt war in ihren Alltag zurückgefallen, und doch war nichts mehr alltäglich.
Im Fernsehen liefen Sondersendungen.
„Das Volk hat gesprochen.“
„Rückkehr in die Heimat.“
„Die historische Gerechtigkeit ist wiederhergestellt.“
Auf allen Kanälen dieselben Worte, dieselbe Tonlage, dieselbe Ruhe. Als hätte jemand die Wirklichkeit neu getaktet und den Taktstock Moskau in die Hand gedrückt. Wörter, die klangen, als hätten sie Jahrzehnte darauf gewartet, endlich gesagt werden zu dürfen.
Am Vormittag wurden die offiziellen Zahlen wieder und wieder genannt: 96,77 Prozent für den Anschluss an Russland. 83,1 Prozent Wahlbeteiligung.
Zahlen, so glatt, dass sie nichts mehr erklärten.
Es war entschieden. Punkt. Ich musste lachen.
Im Fernsehen sprach man von internationaler Anerkennung und zeigte Delegationen aus Österreich, Frankreich, Serbien und Italien. Männer in Anzügen, Frauen mit Klemmbrettern, die vor den Kameras erklärten, sie hätten keine wesentlichen Unregelmäßigkeiten festgestellt.
Offizielle internationale Wahlbeobachter waren sie nicht, auch wenn die Bilder diesen Eindruck vermittelten. Die OSZE hatte keine Beobachter entsandt. Was blieb, waren ausländische Abgeordnete, Aktivisten und ehemalige Politiker ohne Mandat einer anerkannten internationalen Beobachterorganisation.
Aber sie lieferten den Satz, der noch fehlte.
Ausländische Stimmen. Wohl gesetzt. Zustimmend.
Ich konnte nicht begreifen, wie man sich dafür hergab. Wie man angesichts bewaffneter Männer, eingeschränkter Medien und einer Abstimmung unter diesen Bedingungen erklärte, alles sei fair verlaufen. Geordnet. Demokratisch.
Es war nicht einmal die plumpe Lüge, die mich verstörte. Es war die brauchbare Verzerrung. Aus Bildern, Zahlen und Stimmen entstand etwas, das wie Legitimität aussehen sollte.
Kein Überfall. Keine Besetzung.
Eine Entscheidung.
Bestätigt. Abgenommen.
Am Vormittag trat das Parlament zusammen und erklärte die Krim für unabhängig. „Republik Krim“ nannte sie sich nun. Noch am selben Tag stellte sie den Antrag auf Aufnahme in die Russische Föderation.
Unabhängigkeit war kein Ziel.
Sie war eine Zwischenstation.
Vor dem Gebäude des Parlaments standen einige hundert Menschen. Fahnen, Kameras, Gesang. Ein älterer Mann küsste die Trikolore. Eine Frau hielt ein Schild hoch:
„Wir sind zurück.“
Andere gingen vorbei, Taschen mit Brot und Gemüse in den Händen, Kinder an der Seite. Für sie war der 17. März kein Feiertag. Kinder mussten zur Schule, Menschen zur Arbeit, irgendjemand musste einkaufen.
Ich ging durch die Stadt und suchte nach etwas Vertrautem. Einem Geruch, einem Geräusch, einem Ton. Doch selbst die Stimmen schienen anders zu klingen.
Ein Verkäufer auf dem Markt lächelte und sagte:
„Jetzt ist alles gut. Jetzt sind wir wieder zu Hause.“
Ich wusste nicht, ob er es glaubte oder ob man das jetzt einfach sagte.
Der Mann, der mir seit Jahren Zwiebeln verkaufte, beugte sich leicht zu mir herüber. Fast entschuldigend.
„Lieber mit ihnen als gegen sie“, sagte er.
Dann, nach einer kurzen Pause:
„Und sie sind ja schon hier.“
Er lachte kurz. Trocken. Ohne Freude.
„Ich kenne die Russen. Urody. Bastarde. Berserker.“
Ich sah ihn an, überrascht von der Härte. Er bemerkte es und fügte beinahe sachlich hinzu:
„Ich war mit ihnen in Afghanistan. Da lernst du, wer sie sind.“
Er zuckte mit den Schultern, als sei damit alles gesagt.
Damals erschien mir diese Gewissheit überzogen. Persönliche Erfahrung konnte täuschen. Aber sein Satz blieb mir.
Lieber mit ihnen als gegen sie.
In der Stadt selbst war die Veränderung kaum sichtbar und doch überall. Aus den Fernsehern kamen längst Moskauer Stimmen. Was wenige Tage zuvor noch wie ein Eingriff in den Alltag gewirkt hatte, begann bereits Alltag zu werden.
Auf den Straßen patrouillierten Männer ohne Abzeichen – gestern noch „Selbstverteidigung“, heute bereits Ordnungsmacht. An manchen Gebäuden verschwanden ukrainische Zeichen, anderswo tauchten neue auf. Leise. Zielstrebig. Als müsste man sich nur daran gewöhnen.
An den Bushaltestellen sprachen die Menschen gedämpfter und wählten ihre Worte wie durch ein Sieb. Manchmal lächelten die Bewaffneten. Manchmal nicht. Es war ein Lächeln, das man nicht erwidern wollte.
Dann kamen die nächsten Nachrichten.
Der Rubel sollte offizielles Zahlungsmittel werden, zunächst neben der Hrywnja. Banken, Behörden, Löhne, Preise – alles würde sich verändern. Nicht auf einmal. Schritt für Schritt.
Und selbst die Zeit sollte eine andere werden.
Aksjonow kündigte an, die Krim werde Ende März die Uhren auf Moskauer Zeit umstellen.
Ich blieb an diesem Satz hängen.
Die Uhren.
Es waren nur Zeiger. Eine Stunde, die man verschob. Ein Handgriff an einer Armbanduhr, ein Knopfdruck am Wecker, eine Einstellung am Telefon. Eigentlich nichts.
Und gerade deshalb war es so gewaltig.
Man konnte eine Fahne austauschen. Ein Schild abschrauben. Einen Pass ersetzen. Geld wechseln. Aber nun sollte selbst die Stunde, nach der wir aufstanden, arbeiteten, die Kinder zur Schule brachten und abends zu Bett gingen, nach Moskau gehen.
Nicht irgendwann.
Nicht abstrakt.
Auf unseren Uhren.
Eine Stunde vor.
Moskauer Zeit.
Als ließe sich ein Land auch dadurch verschieben, dass man seine Menschen früher aufstehen lässt.
Die ukrainische Zeit begann zu verschwinden.
Nicht als Metapher.
Auf dem Zifferblatt.
Am Nachmittag traf ich Suleyman am Rand der Stadt. Ich brachte ihm Ware; wir standen am Zaun vor seinem Haus und sahen in den grauen Himmel.
„Die Ukraine war nicht immer gut zu uns“, sagte er ruhig. „Aber sie war auch nicht schlecht. Sie ließ uns in Ruhe. Sie wollte uns nicht ändern.“
Dann sah er mich an.
„Wir vertrauten Kiew mehr als Moskau. Denn dort wussten wir, wie sie handeln. Wie sie denken.“
Ich nickte und schwieg.
Für ihn war es eine schlichte Wahrheit. Für mich fiel in diesem Satz vieles zusammen, was ich in diesen Tagen nicht zu ordnen vermochte.
Da trat ein Mann zu uns. Schmächtig, Hornbrille, wie aus einer anderen Zeit gefallen. Einer, der nicht lächelte – vielleicht, weil sonst die Goldzähne sichtbar geworden wären, die seine Armut ebenso verrieten wie seinen Stolz.
Fast beiläufig sagte er:
„Wir haben die Krim zurück.“
„Von wem?“, fragte ich.
Er sah mich irritiert an, dann beinahe selbstzufrieden.
„Was heißt von wem – von Russland.“
Suleyman spürte, wie sich meine Wut staute, und legte mir beruhigend die Hand auf den Arm. Eine einfache Geste, fast bittend: Lass es. Er ist nur der Nachbar.
„Bitte, was heißt zurück?“, fuhr es mir dennoch heraus. „Beginnt eure Geschichte erst dort, wo ihr sie zu zählen beginnt? Vor Russland gab es hier das Krim-Khanat. Jahrhunderte Geschichte.“
Erst da bemerkte ich, wie Suleyman die Augenbrauen hob und mich prüfend ansah. Nicht tadelnd, nur aufmerksam. In seinem Blick lag eine stille Frage: Willst du das hier wirklich austragen, vor seinem Haus?
Ich verstand.
„Es tut mir leid“, sagte ich leise und entschuldigte mich für mein Temperament.
Suleyman lächelte entschuldigend zu seinem Nachbarn hinüber.
„Er ist Ausländer.“
„Passt schon“, meinte der andere und zuckte mit den Schultern.
Suleyman öffnete das Gartentor und begleitete mich bis zum Auto.
„Du hast schon recht“, sagte er und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Aber man muss aufpassen, was man sagt.“
Dann umarmte er mich. Fest, beinahe brüderlich.
Als ich nach Hause kam, liefen wieder die Nachrichten. Am Abend erkannte Wladimir Putin die „Republik Krim“ als unabhängigen Staat an.
Damit war auch diese Zwischenstation beinahe schon vorbei.
Am nächsten Tag sollte in Moskau unterschrieben werden.
Als die Sonne unterging, wurde vereinzelt wieder Feuerwerk abgeschossen. Nicht so laut und ausgelassen wie am Tag zuvor. Eher pflichtschuldig, routiniert, als gehöre es nun dazu. Ich stand am Fenster und hörte die dumpfen Schläge in der Ferne.
Vielleicht war genau das die neue Normalität.
Keine Panzer, die durch unsere Straße rollten. Keine Sirenen. Keine Explosionen. Die Kinder würden am nächsten Morgen wieder aufstehen, wir würden frühstücken, jemand würde Brot kaufen, jemand zur Arbeit fahren.
Und bald würden wir dafür die Uhren verstellen.
Zu Hause war es ruhig. Wir bewegten uns umeinander wie Menschen, die sich kaum zu berühren wagten. Jeder bei sich, jeder gefangen in Gedanken, die sich nicht aussprechen ließen.
Wir hatten gewusst, wie dieses Referendum ausgehen würde.
Und trotzdem waren wir überrascht.
Nicht vom Ergebnis.
Von der Dreistigkeit. Von den Zahlen. Von der Geschwindigkeit, mit der aus einer Besetzung eine Entscheidung und aus einer Entscheidung eine neue Wirklichkeit geworden war.
Am Morgen hatte die Krim noch zur Ukraine gehört. Dann war sie unabhängig. Am Abend hatte Russland diese Unabhängigkeit anerkannt. Am nächsten Tag sollte in Moskau unterschrieben werden.
Und selbst die Uhren würden bald anders gehen.
Moskauer Zeit.
Da begriff ich langsam, was mich an diesem Tag so verstörte. Es war nicht nur, dass uns etwas genommen worden war.
Uns war die Zukunft verweigert worden.
Die Vergangenheit blieb als Zuflucht.
Kurz bevor ich schlafen ging, bemerkte ich, dass mein Handy stummgeschaltet war. Ich nahm es in die Hand und sah auf die entgangenen Anrufe.
Drei.
Nur drei.
Ich sah noch einmal hin.
Es waren unsere engsten Freunde.
Sonst niemand.
Kein weiterer Anruf. Keine Nachricht, an die ich mich erinnere. Nach all dem Lärm, den Fahnen, den Reden, den Zahlen, dem Feuerwerk war da plötzlich nichts mehr.
Ich legte das Handy neben mich.
Mir schien, als schwiege die ganze Welt.
18 MÄRZ. Die Anerkennung in Moskau.
Wir standen früh auf. An Schlaf war nicht zu denken. Zu aufgewühlt war alles. Nur die Kinder und Babuschka schliefen noch, als gehörten sie einer anderen Welt an – einer, die noch nicht wusste, was geschehen war.
Natascha und ich saßen beim Frühstück. Zuerst schweigend, dann redend, vorsichtig, beinahe tastend. Wir sprachen nicht von Flucht. Aber sie lag zwischen uns wie ein Gedanke, den man nicht berührt, weil er sofort Wirklichkeit werden könnte.
Würden wir bleiben? Uns fügen? Oder war dies der Moment, in dem man ein Leben zurücklässt, ohne zu wissen, ob man je zurückkehren kann?
So seltsam es klingt: Wir begannen zu rechnen. Was blieb, was war möglich, was mussten wir tun? Wir skizzierten Szenarien, verwarfen sie wieder, suchten nach Wegen, die wir selbst noch nicht kannten.
Planung als Notwehr.
Da kam Benno verschlafen zu uns an den Tisch. Er setzte sich einfach dazu und sah uns an.
„Werden wir jetzt Russen?“
Natascha und ich sahen einander an.
Sie strich ihm über den Kopf.
„Nein“, sagte sie leise. „Niemals.“
Ich stand auf und sagte, ich würde noch einmal zur Bank fahren, versuchen, einen Termin „oben“ zu bekommen. Danach wollte ich zum Leninplatz. Ich wollte sehen, wie sich die Stadt an diesem Tag zeigte.
Draußen begann Simferopol zu erwachen.
Russische Fahnen hingen inzwischen überall, nicht mehr nur an Regierungsgebäuden, sondern an Balkonen, Haltestellen und Kiosken. Auf dem Leninplatz kündigten Lautsprecher für den Mittag eine historische Rede an. Bühnen waren aufgebaut, Bildschirme installiert, Lautsprecherboxen gestapelt.
Man versprach ein Fest.
Gegen Mittag füllte sich der Platz. Händler verkauften St.-Georgs-Bänder und Porträts Putins, Kinder schwenkten Fahnen, Männer standen in kleinen Gruppen zusammen. Musik spielte, Autohupen waren zu hören. Fremde redeten miteinander, lachten, fotografierten sich vor den neuen Farben.
Irgendetwas hatte sich verändert.
Nicht nur die Fahnen.
Menschen standen zusammen, die einander wenige Wochen zuvor vermutlich kaum etwas zu sagen gehabt hätten. Manche umarmten sich, andere hielten ihre Handys hoch, als müsse dieser Augenblick festgehalten werden, bevor er wieder verschwinden konnte.
Vielleicht war es Freude.
Bei manchen ganz sicher.
Und doch irritierte mich etwas daran.
Ich kannte diese Krim.
Ich kannte die Russen, die sich Russland zurückwünschten, und jene, denen Russland ziemlich gleichgültig gewesen war. Ukrainer, Tataren, Sowjetnostalgiker und Menschen, die sich überhaupt für keine Nation besonders interessierten. Menschen, die über Kyjiw schimpften, und andere, die über Moskau schimpften. Manche wollten höhere Pensionen, manche bessere Straßen, manche einfach ihre Ruhe.
So war die Krim gewesen.
Nicht einig.
Aber an diesem Tag sah sie plötzlich so aus.
Vielleicht war es das, was mich verstörte. Nicht dass Menschen jubelten. Ihr Jubel war echt. Man sah es in ihren Gesichtern.
Nur wusste ich nicht, ob sie alle über dasselbe jubelten.
Vielleicht musste man das in diesem Augenblick auch gar nicht wissen. Es genügte, nebeneinander zu stehen, dieselbe Fahne zu sehen, dasselbe Lied zu hören, dasselbe Hurra zu rufen.
Für einen Moment konnte daraus etwas entstehen, das größer erschien als all die Unterschiede, die vorher da gewesen waren.
Eine neue Krim.
Oder zumindest das Gefühl davon.
Ich stand daneben und sah zu.
Damals hatte ich noch kein Wort dafür. Ich wusste nur, dass diese Einheit neu war. Und dass ich nicht glaubte, dass sie bleiben würde.
Ich hielt es nicht lange aus.
Ich wollte nach Hause.
Später saßen Natascha und ich auf dem Sofa. Der Fernseher lief, die Kinder spielten im Nebenzimmer, Babuschka räumte in der Küche auf. Ein fast gewöhnlicher Nachmittag, während auf dem Bildschirm etwas geschah, das unser Leben verändern würde.
Putin trat im Georgssaal des Kremls ans Rednerpult.
Goldene Wände, weißer Marmor, Kristalllüster, ernste Gesichter. Er sprach von Selbstbestimmung und Geschichte, von Russland und der Krim, als müsse nichts entschieden, sondern nur etwas wiederhergestellt werden, das immer schon zusammengehört hatte.
Dann kam er auf 1954 zu sprechen.
Auf Chruschtschow.
Die Übergabe der Krim an die Ukrainische Sowjetrepublik sei unter Verletzung der damaligen verfassungsrechtlichen Normen erfolgt. Niemand habe die Menschen auf der Krim gefragt.
Ich sah Natascha an.
Von Verfassung zu sprechen. Unter Kommunisten. Mit dieser Selbstverständlichkeit.
Putin sprach weiter über den Zerfall der Sowjetunion, darüber, wie schnell damals alles gegangen sei. Dann sagte er sinngemäß, Millionen Menschen seien abends in einem Land schlafen gegangen und am nächsten Morgen in einem anderen aufgewacht.
Diesmal sahen Natascha und ich einander lange an.Wir wussten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Denn genau das geschah gerade mit uns.
Wieder.
Man hatte uns nicht gefragt. Wir waren nicht umgezogen, hatten keine Grenze überschritten, kein anderes Land gewählt. Wir saßen auf demselben Sofa, in derselben Wohnung, die Kinder spielten im selben Zimmer.
Nur das Land um uns herum wurde ausgetauscht.
Putin sprach weiter. Über den Westen, über Entscheidungen, die gegen Russland getroffen worden seien, über die NATO-Erweiterung, über Interessen, die Russland habe und die endlich berücksichtigt werden müssten. Die Ereignisse in Kyjiw beschrieb er als Staatsstreich, getragen von Nationalisten, Neonazis, Russophoben und Antisemiten.
Russland, so entstand das Bild, nahm nichts.
Russland reagierte.
Da war sie wieder, diese Umkehr, die uns seit Wochen begleitete.
Nicht Übergriff, sondern Schutz. Nicht Besetzung, sondern Selbstbestimmung. Nicht Aneignung, sondern Rückkehr.
Und vielleicht verstand ich in diesem Moment etwas von dem, was ich draußen gesehen hatte.
Auf dem Platz hatten Menschen gemeinsam gefeiert, obwohl ich nicht wusste, ob sie dasselbe meinten. Hier bekam dieses Gefühl eine Geschichte. Eine Sprache. Einen Anfang und ein Ziel.
Heimkehr.
Ich hörte irgendwann kaum noch auf die einzelnen Sätze. Ich sah auf die Menschen im Saal.
Die Kamera schwenkte über Reihen von Ministern, Abgeordneten, Generälen und Geistlichen. Patriarchen, Rabbiner, Muftis, Bischöfe. Dazwischen die Gesichter der politischen Macht. Manche lächelten, andere blickten unbewegt nach vorn.
Alles hatte etwas Feierliches, beinahe Sakrales.
„Es ist eine Messe“, sagte ich leise. „Keine Politik.“
Natascha nickte.
Dann traten die Männer der Krim nach vorn.
Sergej Aksjonow. Wladimir Konstantinow. Alexei Tschalyj aus Sewastopol.
Noch vor wenigen Wochen waren es Namen aus unserer regionalen Politik gewesen. Jetzt standen sie im Georgssaal des Kremls neben dem Präsidenten Russlands und sollten über die Zukunft von mehr als zwei Millionen Menschen unterschreiben.
Kein ukrainischer Vertreter.
Keiner von denen, die nicht zugestimmt hatten. Nur „Sieger“.
Als die Verträge unterzeichnet wurden, erhob sich der Saal. Applaus brandete auf. Menschen klatschten, umarmten sich, manche hatten Tränen in den Augen.
„Russland! Russland!“, wurde gerufen.
Dasselbe Hurra.
Jetzt aus Moskau.
Ich sah auf die Federstriche.
So wenig brauchte es am Ende.
Ein paar Unterschriften.
Das ist kein Vertrag, dachte ich. Das ist ein Sakrament.
Draußen wurde gefeiert. Wir hörten es durch die Fenster.
Dasselbe Fest, das ich wenige Stunden zuvor auf dem Leninplatz gesehen hatte, ging weiter. Nur saßen wir jetzt auf der anderen Seite der Fensterscheibe.
Drinnen blieben wir sitzen.
Und rechneten weiter.
Nicht mit Zahlen, sondern mit Möglichkeiten. Mit Wegen. Mit Auswegen.
Am Morgen hatten wir noch vermieden, das Wort auszusprechen.
Gehen.
Jetzt lag es offen zwischen uns.
An diesem Tag klingelte bei uns kaum das Telefon. Einmal rief Ludmilla an, Nataschas Tante. Sie wollte wissen, wie es uns ging und wo wir standen. Doch bevor sie zu dieser eigentlichen Frage kam, erzählte sie, wie ruhig doch alles geblieben sei, wie besonnen die Menschen reagiert hätten und dass es nun keinen Grund mehr zur Sorge gebe.
„Jetzt wird es aufwärtsgehen“, sagte sie. „Das Geschäft wird blühen.“
Natascha wich aus. Sie sprach vom Garten, fragte nach den Kindern, nach Alltäglichem.
Sie wusste, warum.
Auch Ludmillas Familie war verstrickt. Andrey bei der Miliz, Volodymyr Kapitän bei der Marine. Jedes falsche Wort hätte genügt, um aus einem Gespräch zwischen Verwandten etwas anderes zu machen.
Als Natascha auflegte, schwieg sie lange.
„Es gefällt mir nicht“, sagte sie schließlich. „Wir stehen auf zwei Seiten.“
Es war ein Satz, der nicht nur sie und ihre Tante meinte.
Noch wenige Stunden zuvor hatte ich auf dem Leninplatz eine Stadt gesehen, die für einen Moment aussah, als gäbe es nur noch eine Seite.
Jetzt verlief die Grenze durch eine Familie.
Vielleicht war sie nie verschwunden. Vielleicht hatte der Jubel sie nur für einen Augenblick unsichtbar gemacht.
Der andere Anruf erreichte mich in zwei Etappen.
Schon am Mittag hatte mich ein Bekannter gewarnt.
„Dein Name ist aufgetaucht. Pass auf dich auf.“
Ich tat es ab.
Gerede, dachte ich. Eines dieser Gerüchte, die in solchen Zeiten entstehen, sich verbreiten und irgendwann wieder verschwinden.
Doch am Abend klingelte das Telefon erneut. Die Stimme am anderen Ende war ruhig. Zu ruhig. Sachlich. Gerade das machte sie bedrohlich.
Man sagte mir, dass man uns Zeit gebe. Nicht viel, aber genug. Und dass wir sie nutzen sollten.
Kein Geschrei. Kein ausgesprochenes Ultimatum. Nur diese wenigen Sätze, vorgetragen wie eine Mitteilung über etwas, das längst entschieden war.
Ich hielt das Telefon in der Hand und spürte, wie meine Finger feucht wurden.
Am Morgen hatten Natascha und ich darüber gesprochen, ob wir vielleicht gehen müssten.
Jetzt mussten wir.
Bald.
Sehr bald.
Draußen wurde noch immer gefeiert.
Menschen sangen, Fahnen wehten, irgendwo hupten Autos. Für sie hatte an diesem Tag etwas begonnen.
Für uns begann etwas zu enden.
Und während ich am Fenster stand und den Lärm hörte, dachte ich an Stella.
Frisch verliebt. Zum ersten Mal.
Wie erklärt man seiner Tochter, dass alles, was für sie eben noch Zukunft war, plötzlich keine mehr ist?
Wie erklärt man einem Menschen, dass er gehen muss – nicht, weil er etwas getan hat, sondern weil er geblieben ist?