17 DIFFUSION

In meinem Gedächtnis blieb dieses Gespräch haften. Nicht als Analyse, sondern als Eindruck: dass es Menschen gab, die sehr genau hinsahen, lange bevor es nötig schien. Die verstanden, dass Geschichte nicht plötzlich geschieht, sondern vorbereitet wird – leise, über Jahre.

Andere, denen ich später begegnete – Schweißer, Verkäufer, Taxifahrer – dachten oft ganz anders. Nicht dumm, nicht gleichgültig. Aber schnell. Zu schnell. Antworten lagen bereit, noch bevor Fragen ausgesprochen waren. Man sprach in festen Wendungen, wiederholte, was man gehört hatte, was sich bewährt hatte, was beruhigte.

Ich begann zu begreifen, dass darin eine Kraft lag – und zugleich eine Gefahr. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Gewöhnung.
Wer sich einmal für ein Bild der Welt entschieden hatte, hielt daran fest. Nicht aus Überzeugung allein, eher aus Selbstschutz. Zweifel waren anstrengend, Abweichung riskant. Gefährlich wurde es, wenn viele dasselbe Bild teilten. Dann reichte schon der Ansatz einer anderen Meinung, um als Angriff zu gelten. Man lernte schnell, wo man besser schwieg.

Als Ausländer hatte ich dabei ein Privileg. Man behandelte mich als Gast, ließ mir Spielraum, schützte mich sogar, wenn ich unbedacht war, widersprach oder Themen berührte, die untereinander vermieden wurden. Zwischen Einheimischen jedoch konnte es rau werden. Offen, manchmal gnadenlos. Und doch gab es ein einfaches Ventil: Man entzog sich. Man sprach nicht mehr miteinander. Schweigen wurde zur Lösung. Wer nicht sprach, machte keinen Ärger. Und wer keinen Ärger machte, blieb unversehrt.

Nach ein paar Stunden Plauderei bat uns Robert ins Nebenzimmer zum Essen. Kiewer Koteletts, Soljanka. Auch hier kam er rasch zurück auf die Ukraine. Die neuen Gesetze, sagte er, seien Ausdruck einer neu ausgerichteten Wertegemeinschaft – absichtlich vage formuliert, ständig geändert.

„Warum verbietet man Ausländern Grundbesitz?“, fragte er in den Raum. „Aus Angst vor Einfluss? Vor Ausverkauf? Das sind Scheinargumente.“
Er zählte ruhig auf: Das Land sei riesig. Nicht jeder könne oder wolle kaufen. Und außerdem, fügte er hinzu, verlange ohnehin jeder Dritte nach einem Chasjain – nach einem Herrn, einem, der Verantwortung übernehme.

Auch die Währung kam zur Sprache. Der Kubowanez, dieses merkwürdige Geld, das fast wie Spielgeld wirkte.
Über Krawtschuk hingegen sprach er mit Respekt. Ein Präsident, eher zufällig ins Amt geraten, vor einem Trümmerfeld stehend. Man dürfe nicht vergessen, sagte Robert, was da zu leisten gewesen sei: Ein Land, das vollständig neu organisiert werden musste. Zu hundert Prozent. Alles.

Reform, meinte er, sei ein missverstandenes Wort. In Wahrheit gehe es immer um dasselbe: um Neuverteilung. Er sprach von seinen Arbeitern, von Löhnen, die er gern erhöhen würde. Doch höhere Löhne bedeuteten höhere Gewinne. Und wer hohe Gewinne machte, geriet schnell ins Blickfeld – als verdächtig, als feindlich, als Beute. Oft nicht für den Staat, sondern für andere.

„Es liegt also im Interesse des Staates?“, fragte ich.
„Natürlich“, erwiderte er. „Wir müssen mit allen Tricks operieren, die wir haben. Obschem, kak segda – wie immer halt.“
Als er schließlich zum Aufbruch mahnte – der Flughafen lag weit, die Straßen waren schlecht –, übergab er uns noch eine Mappe. Darin ein Auftrag für Autoersatzteile. Dazu die Vereinbarung, nach Österreich zu kommen, um sie dort abzuholen und montieren zu lassen.

Ich wollte schon einwenden, was wir mit Ersatzteilen für seinen Volvo sollten. Doch Christian stupste mich an und brachte mich zum Schweigen.

Erst Tage später, beim Durcharbeiten der Liste, begriff ich den Umfang: fast fünfzigtausend Dollar. Man musste helfen. Wer mit diesen Leuten arbeitete, brauchte auch Verständnis füreinander. In der Ukraine wäre es deutlich teurer gewesen – ganz abgesehen davon, dass man diese Menge dort gar nicht so schnell bekommen hätte. Der Aufenthalt in Österreich war mit dem Preis der Teile de facto abgegolten. Und er schuf nebenbei etwas, das wichtiger war als jede Rechnung: Zeit. Nähe. Vertrauen.

Wir verabschiedeten uns an der Tür. Der Fahrer öffnete den Wagen, und wir fuhren hinaus nach Borispol, gut zehn Kilometer außerhalb von Kiew. Dort trennten wir uns auch von Galina.

Später saßen wir im zweiten Stock der Wartehalle. Zoll und Passkontrolle lagen hinter uns. Es blieb nur noch das Warten auf den Flug.

Ich hatte das Gefühl, in ein System geblickt zu haben, das sich selbst genügte. Abgeschlossen, vorsichtig, misstrauisch. Wer darin lebte, lernte früh, nicht zu weit zu fragen. Nicht alles zu sehen. Vielleicht war genau das der Preis für Stabilität. Und vielleicht auch seine größte Schwäche.

Als der Aufruf kam und wir die Stufen der Maschine hinaufgingen, schlug mir Kaffeeduft entgegen. Etwas Alltägliches. Sauber. Warm.
Er traf mich unerwartet. So sehr, dass mir für einen Moment fast die Tränen kamen.

Die Stewardessen sahen uns an. Nicht neugierig, nicht freundlich. Eher so, als wüssten sie, woher wir kamen. Als hätten sie Mitgefühl.

Im Flieger setzte Leere ein. Ich war müde von den Eindrücken, von Moskau bis hier. Natascha aber vermisste ich bereits. Etwas Neues war da. Ein Ziehen im Bauch.

Drei Monate später war ich in Odessa. Zwei Monate danach in Donezk.
Dann auch in anderen Städten.
Und jeweils bei und mit Natascha.