2019 verließ ich die Ukraine – und doch bin ich mit ihr bis heute verwachsen: aus Liebe, aus Nähe, aus einer Verbundenheit, die sich nicht löst.
Ich habe diese Jahre von innen erlebt. Aus Wohnungen und Küchen, aus Gesprächen mit Nachbarn, aus flackernden Bildern im Fernsehen und aus Gerüchten, die schneller waren als die Nachrichten. Ich sah, wie sich Welten trennten, oft leise, fast unmerklich.
Es ist ein Nebeneinander geblieben: Schatten und Birken, Kiew und Krim, Daten und Stimmen, Angst und Alltag. Busse mit alten Filmen – und Fahnen, die über Nacht die Städte überzogen.
Ich schreibe, weil Erinnerung vergeht, wenn man sie nicht festhält. Weil sie sonst verweht. Und weil es kaum ein anderes Land gibt, dessen Wirklichkeit es mehr verdient, erzählt zu werden.
Als ich 1996 auf die Krim kam, war vieles schon in Bewegung. Nicht sichtbar auf den ersten Blick, eher in den Rändern: in Gesprächen, die abbrachen, in Blicken, die auswichen, in einer Unruhe, die keinen Namen hatte.
Man sprach von Aufbruch. Von Öffnung. Von einer neuen Zeit.
Und doch blieb vieles, wie es war – nur anders verteilt.
Es gab diese frühen Jahre, in denen alles möglich schien. Verträge entstanden schnell, manchmal auf Servietten, manchmal im Vorbeigehen. Bars wurden zu Treffpunkten, Hotels zu Übergangszonen. Menschen kamen, weil sie etwas suchten – oder weil sie glaubten, etwas finden zu können.
Man sah ein Land, das sich neu erfand.
Und man sah ein Bild davon.
Die Krim wurde mein Ort – mild, grün, gemischt. Tataren, Russen, Ukrainer, Armenier, Griechen lebten, handelten, überlebten. Auf den Märkten wechselten Waren aus Istanbul den Besitzer; Preise kippten, Hände wechselten, Zusagen galten bis zum nächsten Blick.
Alles war möglich.
Und alles hatte einen Preis.
Ich kam als Europäer, mit einem Fuß im Gewohnten, mit dem anderen in einer Welt, die sich erst formte. Ich hielt mich an Regeln, die ich kannte. Hier galten andere.
Nicht sichtbar. Aber spürbar.
Warum ich blieb? Weil ich mich verliebt hatte. Was als Probe begann, „nur ein paar Monate“, wurde zu Jahren, zu Familie, zu Einkommen. Aus dem Vorübergehenden wurde ein Leben.
Natascha – später meine Frau – war mein Fixpunkt: deutschsprachig, voller Ideen, neugierig wie ich.
„Krieg und Frieden“ habe ich nie gelesen. Zu sehr in sich selbst verstrickt. Und Frieden heißt dort nicht Frieden. Wojna i mir.
Mir ist Welt und Frieden zugleich.
Doch Frieden blieb eine Behauptung.
Ein paar Tage nach der Wahl Poroschenkos, 2014, nach der Annexion, stand ich unten an der Stiege zu meiner Wohnung, eine Zigarette im Blick auf den kleinen Vorgarten.
Schreib es auf, dachte ich. Jetzt. Beginn.
Mach die Farben zu Schwarzweiß, damit die Linien wieder sichtbar werden.
Schreiben als Suche nach Klarheit.
Als Versuch, Fragmente zu ordnen.
So wurde ich Zeuge.
Und Zeugen müssen reden.
Steigen Sie ein in diesen, meinen Zug mit der Nummer 1994–2019. Vorn die Lok – mein Anfang. Dahinter die Waggons, jeder ein Mikrokosmos. Manche fahren die ganze Strecke, andere nur ein Stück.
Dazwischen: nichts. Oder ein Abenteuer.
Wer weiterliest, folgt Spuren, die sich überlagern, verliert einfache Antworten und gewinnt Zusammenhänge. Denn nichts stand für sich. Alles hing zusammen – Schichten aus Entscheidungen, Zeichen, Zufällen.
Und vieles davon reicht weiter zurück, länger, als wir damals glaubten.