Ich war sprachlos.
Höflich versuchte ich Zeit zu gewinnen. So schnell ginge das nicht. Und 175.000 in bar – die hatten wir nicht.
„Eine Anzahlung reicht,“ lächelte er. „Sie sind doch seriöse Kaufleute. Man wird Ihnen vertrauen.“
Himmel, dachte ich mir, wo bin ich hier?
Am Ende gelang es uns, ihn zu überzeugen, Kopien der Unterlagen an Natascha in Simferopol zu geben. Sie würde sie uns weiterleiten. Dann könnten wir mit unseren Kunden sprechen. Transportfragen. Details.
Er nickte. Wünschte uns eine gute Heimfahrt.
Christian und ich sahen uns an. „Was war das jetzt?“
Hätte mir zehn Jahre zuvor jemand erzählt, dass man in Sewastopol real ein russisches Kriegsschiff – wenn auch im Schrottzustand – kaufen könne, ich hätte ihm die Adresse eines befreundeten Psychiaters gegeben.Galina warf trocken ein: „Wir haben gar nicht gefragt, ob es russisch oder ukrainisch war.“
Richtig, dachte ich. Aber Schrott bleibt Schrott. „Der Verkäufer ist jedenfalls Ukrainer.“
„Weißt du das bestimmt?“ fragte Galina.
Mir war das zu viel. Ich musste mich neu ordnen.
Es ging ja nicht darum, dass mir jemand Opium anbot. Es ging darum, dass der einst eingetrichterte Klassenfeind nun in einer Lage war, Kriegsschiffe zu verkaufen oder zu wollen, vielleicht auch müssen.
Wahrscheinlich ganz normal: Schiffe werden alt, man verschrottet sie. Oder verkauft sie als Schrott. Auch wir in Österreich bekamen regelmäßig Angebote – russische Dampfloks, gleich 20, 30 Stück auf einmal. Aber die Abhol- und Vertragsbedingungen waren so abenteuerlich, dass ich die Finger davon ließ.
Hier jedoch: Kriegsmaterial. Schrott, ja. Aber verkauft. An Ausländer. Nicht im eigenen Land, sondern an wildfremde Leute. In einer gesperrten Stadt.
Morgen, dachte ich, hole ich mir ein U-Boot. Übermorgen einen Panzer. Vielleicht schon nicht mehr Schrott. Und dann beginne ich eine Revolution.
Ich musste mich beruhigen. Wusste nicht warum.
Also schlug ich vor, noch ein wenig durch die Stadt zu gehen. Drei Stunden spazierten wir. So kamen wir nah an Häuserfronten, die sonst tabu waren.
Die Oper, direkt am Meer. Das Haus der Offiziere. Die Promenade.
Überall Uniformen. Autos mit schwarzen Nummernschildern – Militär. Matrosen mit eingehängten Mädchen, stolz wie zur Schau gestellt. Andere marschierten im Gleichschritt.
Kleine Bars am Ufer, dekoriert mit Seefahrtssymbolen, lockten uns hinein. Drinnen Wärme. Tee. Kaffee.
Das Radio spielte. Worte verstand ich nicht. Aber die Themen begriff ich im Herzen: Krieg. Sehnsucht. Liebe. Das Meer.
Die Dunkelheit griff um sich. Am Kai blinkten die Lichter der Schiffe, schwankend im Wasser. Ein paar Boote tuckerten herein, banden sich fest, die Kapitäne verschwanden in die Bars.
Wir brachen bald auf, zurück in unsere Herberge. Das Panoramamuseum war bereits geschlossen – Natascha rang mir das Versprechen ab, es irgendwann nachzuholen. Im Auto schlief ich ein.
Am nächsten Morgen wartete ein Treffen, das Natascha organisiert hatte: ein Lieferant aus Odessa. Oleg hieß er, und tatsächlich kam er pünktlich um elf.
Er sprach viel, aber nicht zur Sache. Nach einer halben Stunde schlug er vor, hinauszugehen – bessere Luft. Wir folgten ihm. Doch er führte uns zu seinem 5er BMW. Da dämmerte mir: Hier sollte geredet werden.
„Wieso?“, fragte ich Natascha leise. „Man kann alles abhören“, flüsterte sie zurück.
Also quetschten wir uns hinein. Christian warf Galina ein paar flapsige Worte zu, sie blieb draußen. Natascha und ich nahmen hinten Platz. Die Scheiben beschlugen schnell, niemand konnte uns mehr sehen.
Es ging um Garantien. Um Zahlungen. Wieder um Garantien. Wir erklärten ihm Akkreditive, Übertragbarkeit, alles im Detail. Doch er kam immer wieder auf seinen Punkt zurück: Er sei nur Vermittler. Er wolle 15 Dollar pro Tonne.
„Oho“, dachte ich, „das ist schnell verdient.“ Oleg gab sich als Spezialist. Nur er habe die Verbindungen. Die Ware sei bereit. In zehn Tagen schiffbar. 125.000 Tonnen.
Mir kam das viel vor. Zu viel. Ich wurde skeptisch.
Drei Stunden saßen wir im Auto. Am Ende stellten wir mit der Hand eine Vermittlungsprovision aus – ohne zu wissen, was überhaupt Sache war. Typisch: schwer zu erkennen, wer Eigentümer war, wie die Strukturen liefen, wer wirklich etwas in der Hand hatte.
Ich hatte das Gefühl, mit Leuten zu tun zu haben, die zwar ein paar Namen kannten – aber keine Vorstellung, um was es wirklich ging. Alles würde schon „irgendwie funktionieren“. Hauptsache, das Geld floss. Gerade die Logistik machte mir Sorgen. In diesem Land konnte alles passieren. Ich hatte Geschichten gehört: Schiffe voll beladen, bezahlt – und am nächsten Hafen noch einmal verkauft. Über Nacht entzogene Lizenzen. Firmen, die daran zerbrachen.
Also beschlossen wir: Erst Unterlagen. Stahlqualitäten, Spezifikationen, chemische Analysen. Mit Chargennummern. Erst dann ließe sich die russische GOST-Norm mit der europäischen vergleichen. Erst dann konnte man Preise einschätzen.
Das gefiel Oleg. Oder er tat so. Jedenfalls willigte er ein – wohl auch, weil wir versprachen, bald nach Odessa zu kommen.
Vierzig Zigaretten später stiegen wir aus. Die frische Meeresluft fühlte sich wie eine Sauerstoffdusche an.
Ich sah Oleg nie wieder. Und ich habe in all den Jahren kein einziges Kilo Stahl verkauft.