Wir überquerten eine Brücke – und mussten warten.
Ein Zug aus Kiew fuhr durch. Lang. Gut zwanzig Waggons. Vorn eine russische Lok, kantig, schwer, voller Kraft.
Eine Straße bog links ab.
Oben auf einem Hügel ein kleines Kloster, das sich die Sicht aufs Meer erkämpft hatte.
Die Inkerman-Hügel – weißer Kalkstein, derselbe, mit dem Livadia gebaut war. Dort, so erzählte man, gebe es bis heute tausend Höhlen, in denen man sich im Krieg versteckt hatte – und die jetzt noch als Lager dienten.
Rechts davon: das Meer. Von Kränen umrahmt.
Aber alles wirkte schwach. Alte Farbe, Rost. Hier fehlte etwas, dort etwas. Die Kräne standen einfach da, keiner bewegte sich. Ein paar kleine Boote. Ein paar Schiffe. So, als hätte man sie vergessen.
Und überall: Schrott. Öl, das ins Meer sickerte.
Nachdem der Zug endlich weitergezogen war, bogen wir nach rechts. Die Bucht lag nur selten offen, meist verdeckte sie der Zug, der noch immer neben uns rollte.
Dann aber, als auch der letzte Waggon vorbei war, sah ich plötzlich mein erstes U-Boot. Mein erstes überhaupt.
Reflexartig hob ich die Kamera – klick. „Lass das!“ rief Slavik erschrocken.
Das Boot wirkte kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Schwarz. Matt. In der Achse leicht schräg im Wasser. Auf dem Turm: die russische Flagge, das Wappen. Aber kein Mensch war zu sehen. Niemand stand daneben, niemand an Deck. Es lag da – reglos. Wie ein alter Wal, der den Kopf unter Wasser hält. Nicht spektakulär. Und doch ein Bild, das blieb.
Die Straße stieg an. Von oben hätte man aufs Meer blicken können, doch hüfthohe Steinmauern versperrten die Sicht. Nur hin und wieder stand jemand am Rand, starrte hinaus.
Dann Kurven. Einfahrtsstraßen. Schließlich die Stadt.
Herrschaftliche Häuser, Museen. Alles wirkte sauber. Selbst die Straßenbahn – voll mit Matrosen – schien ein eigenes Bild von Ordnung.
Immer tiefer gruben sich unsere Autos ins Zentrum. Häuserfronten, drei bis vier Etagen, aber viele mit Pracht: Säulen, Fassaden. Kraft. Reichtum. Vielleicht auch Macht. Und doch: Sewastopol wirkte nicht freundlich. Eher wie eine Stadt, die überlebt hatte – und deren Trotz noch in den Fenstern hing.
Denkmäler. Russische Fahnen. Vereinzelte Zeichen.
Dann ein großer Platz. Wir hielten knapp an einer Kolonnade wie eine Bühne. Schneeweiß, streng, und doch einladend. Zwischen den Säulen fiel der Blick auf die Stufen, die hinab zum Meer führten – als ginge man direkt in ein anderes Bild.
Ein Streifen Blau, das Glitzern des Wassers, der Geruch von Salz in der Luft. Mehr zeigte sich nicht. Doch gerade dieser Ausschnitt verriet alles: Stadt und Meer, Geschichte und Sehnsucht. Ein kurzer Blick – und doch größer, als man halten konnte. Das spürte man. Einer mehr verrät, das hier mehr war als nur Säulen und ein Blick aufs Meer.
Ein leichter Regen setzte ein. Kühler Wind zog vom Meer herauf, als wir mit einer gewissen Ehrfurcht die Säulen passierten. Vor uns öffnete sich eine breite Marmortreppe, viele Stufen hinunter zum Wasser.
Unten dann: die Schiffe. Russische und ukrainische Flotte.
Es waren nicht viele. Vielleicht zehn. Ich hatte mehr erwartet vom berühmten Sewastopol. Die Größe beeindruckte, ja. Aber das Grau, der Zustand – nichts daran wirkte wirklich mächtig. An manchen Masten flatterten Flaggen, deren Symbole ich nicht verstand. An anderen hing nichts.
Ein paar Fischer saßen unten auf Hockern. Sie warfen ihre Angeln aus, als hätten sie sich längst mit den Eisenkolossen arrangiert.
Plötzlich – Geräusch von rechts. Schrauben, Plätschern. Ein Horn, laut, schrill, als bliese man die Lungen der Kompressoren leer.
Ein Kriegsschiff tauchte auf. Seitlich dicke Abschussrohre, vorne Geschütze. Auf der Reling Matrosen: weiße Hemden, schwarze Kappen. Aufgestellt wie zur Parade. Niemand rührte sich. Nicht die Fischer. Nicht die paar Passanten.
Ich starrte. Das Schiff war länger, als ich zunächst begreifen konnte. Keine Musik. Kein Rum-tam-tam. Kein großes Auslaufen. Es fuhr einfach. Still. Ernst. Bedrohlich. Mir wurde kalt.
Als es in die lange Bucht glitt und schließlich verschwand, ergriff Natascha das Wort. „Kommen wir. Unser Treffen wartet, gleich um die Ecke.“
Zu Fuß stapften wir am zurück wo sich am Platz Ministerien reihten. Grauem gelbe Fassaden zeigten sich mit schwarzen Schildern. Schließlich standen wir vor einem unscheinbaren Gebäude.
Drinnen empfing uns ein älterer Mann, gemütlich, freundlich. Er führte uns in sein Kabinett: ein paar Stühle, ein kleiner Tisch, ein metallener Safe. Alles abgenutzt, verbraucht, schäbig.
Wir tauschten Karten. Er hörte zu, lächelte – und stellte seine Frage:
„Hätten Sie vielleicht Interesse an einem U Boot?“
Nicht groß, sagte er. „So 1.250 Tonnen. Eine alte Fregatte. Oder Korvette. Mit Kupfer. Aluminium. Speziellem Stahl.“
Er zog ein vergilbtes Papier hervor: eine Liste mit 250 Positionen. Alles aufgeschlüsselt.
Sogar die Geschütze. Pläne. Schnitte. Details.
Als wäre es ein Ersatzteillager.
Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Auf vieles war ich eingestellt – nur nicht auf das hier. Also ließ ich ihn reden.
Exportlizenzen, sagte er, wären reine Formsache. Waffensysteme abgebaut, nautische Komponenten entfernt, Funk sowieso. Im Grunde plausibel. Und sogar hochinteressant – man wusste, was man einkaufen konnte.
Aber: wie transportieren? Abschleppen? „Sehr richtig,“ erwiderte er. Dann nannte er den Preis.
175.000 Dollar. Bar. „Aber ganz offiziell.“