08 DIFFUSION

Nizhnyaya Oreanda.

Ich wurde bereits ungeduldig, als wir vor einem großen metallischen Tor hielten. Ein Wächter öffnete es, wir fuhren hinein und hielten in einer Art Park.
Vor uns ein Gebäude: nicht groß, aber breiter als ein gewöhnliches Haus. Sowjetisch-italienischer Stil. Fünf flache Stufen führten hinauf. Eine schwere, wuchtige Tür öffnete sich. Ein Mann um die sechzig, im Trainingsanzug, bat uns herein.

Natascha wies ihre Mitarbeiter an, das Gepäck auf die Zimmer zu bringen, und gesellte sich dann zu uns. Weißer Marmor, roter Teppich, helle, hoch wirkende Wände. Wichtig.

„Willkommen in der Breschnew-Datscha“, erklärte Natascha – fast schmunzelnd, triumphierend. Als hätte nur sie das möglich machen können.
Zuerst hielt ich es für einen Scherz, glaubte, sie wolle uns auf den Arm nehmen. Doch Juri, der Hausgeist, bestätigte es und führte uns zu den Zimmern.

Mir wies er Breschnews Schlafzimmer zu. Unvorstellbar groß, gemessen an der eher bescheidenen Außenfassade. Ein Bett, endlos lang. Zwei Nachtkästchen. Ein Schrank. Sonst nichts – außer einer Tür zum Bad, weiß gefliest. Und Geschichte die mir in die Glieder fuhr.

Jetzt war es mir klar: Natascha war Mafia. Zugang zu solch einem Ort hatten nur sie.

Wir sollten uns beeilen, hieß es. In einer halben Stunde gäbe es Schaschlik. Wir zogen uns zurück – ungläubig, überwältigt. Im riesen Badezimmer stellte ich meine Utensilien ab und öffnete das Fenster. Dahinter: Palmen. Fünf Meter vor mir. Und dahinter das Meer, vom Mond beschienen.

Eine besondere Stille. Meeresrauschen.
Ich fühlte mich erhaben. Ruhig.

Die Luft – jodhaltig, warm – strich über meine Wangen, drang in mich hinein. Fünfzehn, siebzehn Grad. Fast November.
In einem Saal mit offenem Kamin, in dem es bereits knisterte, nahmen wir Platz. Hohe, schwere Wangensofas standen um einen runden Tisch mit geschwungenen Füßen.

Darauf: Weinflaschen, Sekt, Wodka. Beim näheren Hinsehen bemerkte ich, dass die Weine eigens für uns vorbereitet waren – Jahrgänge, die unseren Geburtsjahren entsprachen.
1965 – ich.
1942 – Christian.
1975 – Galina.

Das Schaschlik roch fantastisch. Es verlor sich förmlich in unseren Mündern. Wir tranken den süßen Krimwein mit Freude und mussten mit Juri auch Wodka trinken. Er bekam mir nicht.

Schnell spürte ich, wie Unkontrolliertheit aufstieg – ein Test vielleicht, wie wir uns im Rausch verhielten. Christian und Galina waren schon weiter. Bald zogen sie sich mit Juri zurück.
Natascha blieb. Sie lud mich ein zu einem Spiel in der Ecke, an einem kleinen Tisch.
Der Alkohol war mir schon zu Kopf gestiegen. Ich nahm an, obwohl ich das Spiel gar nicht kannte. Aber: ihr Spiel – meine Regeln.

Jeder gewonnene Zug, so schlug ich vor, bedeutete eine Frage, die nur mit der Wahrheit beantwortet werden durfte.

Wir saßen bis vier Uhr früh, allein im Raum, spielten – und verliebten uns.
Als uns Müdigkeit überfiel und die Wärme der Decke nicht mehr hielt, endete der Abend in einem flüchtigen Kuss auf die Wange.

Ich weiß noch, als wäre es gestern. Ich schlief nur ein paar Stunden – bei offenem Fenster, für mich als Langschläfer ungewohnt – und wachte auf, als wäre ich putzmunter. Voller Kraft, voller Energie.

Ich trat ans Fenster. Palmen. Das Meer – erstmals am Tag.

Farben. Kräftige Farben. Dunkles Blau. Sattes Grün der Wiese, die sich wie ein Teppich bis zum Meer legte. Und diese Luft. Die Luft der Krim.

Ich wusch mich, zog mich an, traf die anderen im Saal. Natascha stieß dazu. Heiterkeit machte sich breit. Man lud uns ein zu frühstücken, ehe Juri uns hinausführte.

Das Geräusch der Kieselsteine unter meinen ersten Schritten – es vermittelte mir das Gefühl, überall zu sein, nur nicht mit dem was ich mir vorgestellt hätte. Oder besser: nicht in der Ukraine. Das war anders. So völlig irreal.
Viele Jahre später, als ich Sotschi, Krasnodar, die Westkarpaten sah, begriff ich erst die landschaftliche Größe und Vielfalt dieser Länder. Und dass wir Europäer nichts davon wussten. Nicht wirklich.

Im Schritt, Juri folgend, bewegten wir uns langsam durch den Park. Palmen, Zypressen, Sträucher, Blumen. Einige Gärtner pflegten den Rasen. Als wir näherkamen, traten sie an den Rand, bildeten ein Spalier – und senkten die Köpfe, während wir vorbeigingen.

Beeindruckend. Aus alter Zeit, als Macht noch Kult, vielleicht Religion war. Wie in eine andere Epoche versetzt. Das Spalier ließ mich nicht los. Aus Filmen kannte ich es. Aber dass Menschen die Köpfe senkten, während man an ihnen vorbeiging – das war, als wäre ich zweihundert Jahre zurückversetzt.

Hatte man da oben so viel Macht?“ Natascha nickte still. „Aber es ist vorbei. Die Menschen sind seit langem tot.“

Wir mussten verstehen: in diesen Park kam kein einfaches Volk. Wer hier war, hatte Macht – oder gewaltige Beziehungen. Vielleicht war genau der, der hier zu Fuß ging, morgen schon Regierungschef.