KRIM – DIE ANKUNFT AUF DER KRIM.
Es war bereits dunkel, gegen sieben Uhr, als wir landeten. Simferopol. Krim.
Der Flug hatte zwei Stunden Verspätung. Ich hoffte, dass man auf uns wartete und uns abholte.
Das langsame, endlose Ruckeln zur Parkposition erklärte sich durch die weite Entfernung von der Piste zum Terminal, wie ich durchs Fenster sah. Die Spannung – das baldige Treffen – spannte sich wie ein Bogen immer weiter.
Von Simferopol wusste ich kaum etwas, nur dass es die Hauptstadt der Krim war. Und von der Krim selbst? Krimsekt, Jalta-Konferenz, Sewastopol. Mehr nicht.
Ohne große Erwartung, die Bilder der letzten Tage noch im Kopf, schritt ich die Gangway hinunter – und war erstaunt über die milde, warme Luft. Sie umgab mich wie ein Schleier, fast liebevoll.
Unten angekommen folgten wir der Menge in Richtung Terminal. Ein Bau, eher Provinzflughafen, wirkte, als habe er ewig so dagestanden.
Die Passkontrolle verlief ohne Probleme. Das Gepäck ratterte auf einem antiquiert wirkenden Band heran. Der Zoll winkte uns durch – wir kamen ja aus Moskau.
Nach 1.500 Kilometern Flug bat ich Galina, nach Kaffee zu sehen. Unser Treffen am Flughafen war offenbar geplatzt. Kein Schild, niemand wartete.
Galina brachte schließlich löslichen Kaffee. Entsetzlich. Aber die Kopfschmerztablette musste herunter. Mit Kaffee wirkte sie schneller.
Ich wollte gerade eine Zigarette rauchen – oben, im kleinen Café, das wie eine trostlose Terrasse ohne Gäste wirkte. Da rief man uns.
Natascha erschien – sofort erkannte ich sie nach ihrer Beschreibung. Mit ihr drei, vier Männer, die sich regelrecht auf uns stürzten.
Sie war etwa 25, trug große, dicke Brillen, schulterlanges blondes Haar, einen Herbstmantel – unpassend für die milde Luft, die ich inzwischen gewohnt war. Mit kurzen Handbewegungen und Sätzen organisierte sie noch etwas auf der Stiege, dann stieg sie hinauf und begrüßte uns auf Deutsch. Galina warf ihr sofort einen skeptischen Blick zu – prüfend, ob Konkurrenz drohe.
Die Männer nahmen unsere Koffer, baten uns in die wartenden Autos. Kaffee und Tee standen bereit, in Thermosflaschen. Nicht schlecht, dachte ich, und musste über Charme und Organisationstalent schmunzeln. Es nahm mich ein.
Ein schwarzer Mercedes und ein Lada warteten. Die Chauffeure öffneten die Türen. Natascha schlug vor, Christian und die Dolmetscherin im Mercedes fahren zu lassen – „ihrem Stand entsprechend“. Ich könne ja bei ihr mitfahren.
Nach 15 Minuten erreichten wir Simferopol. Der Mercedes voraus, wir hinterher. Das Plaudern mit Natascha fiel mir leicht.
Doch als wir Simferopol wieder verließen, wurde ich stutzig. Christian im Mercedes vor uns, wir mittendrin in der Ukraine. Er hatte mich schon gewarnt: Wer Deutsch sprach, wer Fremdsprachen beherrschte, sei sicher mit der Mafia verbunden.
Natascha bemerkte meine Unruhe. Sie kündigte mir eine Überraschung an – bat aber um Geduld. Wir rauchten, sie schenkte mir Kaffee ein. Kein Tropfen ging daneben – dank der erstaunlich guten Straßen.
Das Mondlicht beleuchtete eine breite, gepflegte Trasse. Nach 20 Minuten spürte ich, wie wir Höhe gewannen. Die Ohren wurden taub. Serpentinen. Rechts von mir eine großartige Hügellandschaft mit viel Wald – ungewohnt nach den letzten Tagen.
Natascha erzählte: von einer Steilküste, von 700 Metern Höhe, von den Krimtataren, von Jalta, von dieser Straße, die unter Hitler gebaut worden sei, und von der längsten Trolleybuslinie der Welt. Ich erkannte die Oberleitungen im Licht.
Oben, am Bergpass, hielt uns ein Kontrollposten auf. Doch der Fahrer aus dem Mercedes stieg aus, zeigte etwas, und der Offizier salutierte. Sekunden nur.
Kaum zwei, drei Kilometer weiter – bergab – löste sich der Nebel. Und ein Bild öffnete sich, das ich nie vergessen werde:
Das Schwarze Meer.
Majestätisch, ruhig, erhaben zog sich die Küste vor uns – wie die Kontur einer Skulptur, seidenweich.
Der Mond lag darüber wie ein Wächter. Er spiegelte sich in der Schwärze des Meeres, zog einen silbernen Streifen bis zum Horizont. Das Wasser wirkte still, fast unbewegt, und doch funkelte jede kleine Welle.
Die Häuser am Hang – verstreut, mit einzelnen Lichtern – schimmerten wie Perlenketten, sorgsam aufgefädelt. Es war, als hätte jemand sie eigens dorthin gelegt, nur für diesen Anblick.
Am Horizont stieg ein Bergmassiv auf, schwer und gewaltig, das sich ins Meer drängte.
„Ayu-Dag“, sagte Natascha leise, die meinen Blicken folgte. „Der Bärenberg.“
Und sie begann zu erzählen: Einst habe hier ein gewaltiger Bär gelebt. Er verliebte sich in eine schöne Frau, doch sie erwiderte seine Liebe nicht. Aus Trauer setzte er sich ans Meer, blickte hinaus – und erstarrte zu Stein. So entstand dieser Berg. Andere sagen, der Bär habe das Meer leertrinken wollen und sei dafür von den Göttern versteinert worden. Natascha lächelte dabei – ein Augenzwinkern inmitten der Legende.
Ich traute meinen Augen nicht. So schön.
Instinktiv öffnete ich das Wagenfenster, atmete tief. Salz, Feuchtigkeit, ein Hauch von Erde – alles mischte sich in der Luft. Ich wollte es mit allen Sinnen aufnehmen. Natascha bemerkte es, sah zu mir herüber und lächelte verständnisvoll. Ich schaute rechts. Ich schaute links. Ich roch das Meer. Ich hörte den Wind in den Weinbergen. Ich fühlte die feuchte angenehmne Luft wie Wärme auf meiner Haut und umfing mich mit aller Kraft.
Ich lebte.
Die Serpentinen – so lang, so gewunden wie nie zuvor – ließen mich nicht sattsehen. Weinberge breiteten sich an den Hängen aus, scharf gezeichnet im weißen Licht, flankiert von Zypressen, die wie stille Wächter standen.
Die Straße schien sich eigens zu winden, um mir alles zu zeigen.
Ortschaften glitten vorbei. Alushta blieb mir im Gedächtnis – auch in lateinischen Buchstaben beschildert. Nach einer halben Stunde erreichten wir Jalta. Ich glaubte schon, hier würden wir Halt machen.
Doch der Mercedes vor uns hielt Abstand, bog ab – weg von Jalta. Fragend blickte ich Natascha an. Sie antwortete nur mit einem stillen Lächeln, wie nur sie es kann.
Die Luft, die durchs Fenster hereinströmte, wurde immer intensiver. Als riefe selbst Lavendel noch in der Nacht. Und ich dachte: Man kann alles bauen – Flughäfen, Häuser, Länder.
Aber diese Landschaft nicht!