05 DIFFUSION

Unser Auftreten wirkte wie eine Besonderheit. Man nahm es sofort wahr – wohl auch wegen unserer Kleidung. Im modischen Anzug waren wir völlig fehl am Platz, angesichts der Arbeiter, die hämmernd und schweißend Metall bearbeiteten.

Skeptische Blicke hoben sich, müde Augen musterten uns. Ausgelaugt. Trostlos. Kein Lächeln. Keine hastige Bewegung. Alles wirkte behäbig.
Einige kochten Tee. Andere lasen. Wieder andere hinkten zu Maschinen aus den fünfziger Jahren, aus denen Öl tropfte.

Schwere Brückenkräne hingen im Raum. Im Lichtband fehlten Scheiben, ersetzt durch Kartons, andere einfach weiß übermalt. Provisorische Bohlen als Absperrungen hielten Schüttmassen zurück.
Der Betonboden: dunkel, ölig, fast schwarz, voller Löcher. Der Weg durch die Halle ergab sich wie von selbst.

Ein Meister gesellte sich zu uns, eskortierte uns, beantwortete höflich nebensächliche Fragen – Fragen, die man stellen musste, um überhaupt Konversation zu haben.
Ich fragte nach Mengen. In einer Ecke lagen Kupferabfälle. „Hundert Kilo pro Schicht“, antwortete er. Ich rechnete hoch: drei Tonnen im Monat. Vielleicht ein Anfang, dachte ich.

Ob er noch mehr habe? Verwundert führte er mich hinaus. Dort lagen, so weit ich schätzen konnte, dreißig bis fünfzig Tonnen.
„Das ist ja von einem Jahr!“, entfuhr es mir. Ich bat ihn, mir ein Angebot zu schicken. Nie wieder hörte ich von dieser Firma.

Der Betrieb wirkte nicht gewachsen, Stück für Stück verändert. Nein. Er war geschaffen und fertig – ein Betrieb von vielen. Seine Aufgabe: verwaltet werden. Plan statt Bedarf.

Die nächsten Tage erlebten wir im Großen dasselbe. Ein Betrieb im Osten, einer im Westen, einer fünfzig Kilometer weiter. Es machte müde.
Nur die Fahrten gaben mir Gelegenheit, das Land etwas kennenzulernen. Das war der Verdienst, das Positive – Besuch für Besuch.

Wir aßen in diesen Tagen in verschiedenen Restaurants, die Galina für uns auswählte. Stets bekamen wir Menüs, stets mussten wir nachfragen, ob die gewählten Speisen auch vorhanden waren.

Eines Abends, in einem Restaurant, bemerkte ein Gast unser deutsches Gespräch. Er stand auf, trat an den Tisch und fragte, ob er sich setzen dürfe. Er sei in Deutschland stationiert gewesen, vielleicht könne er uns helfen.
Er wirkte sympathisch. Ich war froh, nicht nur Galinas Themen hören zu müssen.

Er fragte, wie lange wir schon da seien. Als er erfuhr, dass wir erst seit Tagen hier wären, im Intourist-Hotel, über Moskau nach Russland gekommen – da leuchtete er auf: „Ah, Maskwa!“ Wiederholend, ehrfürchtig, fast erhaben.
„Moskau ist Moskau“, sagte er. „Nicht zu vergleichen mit Jekaterinburg. Hier ist der Ural. Andere Leute, andere Sitten. Nicht dieses Hochprotzige. Hier ist es gemütlicher. Und hier kann man noch Geschäfte machen. Moskau ist ein Staat im Staat.“

Schnell rief er den Ober und bestellte Wodka. Wir winkten höflich ab – ablehnen konnten wir es nicht. Galina warf etwas ein, er beruhigte sie, und ehe wir uns versahen, standen Flasche und Gemüse auf dem Tisch.
50 Gramm – soviel wie ein kräftiger Schluck. Eins, zwei, drei. Jedes Mal dazu eine Salzgurke – „das sei besser“. Nach drei Stunden: drei Flaschen leer. Und wir hatten einen neuen Freund. Einen, mit dem wir sogar Deutsch reden konnten. Galina war sauer. Ich hoch erfreut.

Viktor Aleksejewitsch Stroganoff hieß er. Major der Armee, mit 46 schon in Pension. Ein Name wie aus einem russischen Roman. Er wirkte älter – wie so viele in Russland –, aber die Augen glänzten.

Seine Firma machte in Sicherheitstechnik, bewachte wichtige Personen, handelte auch mit Metall. Und er erzählte uns seine Geschichte.
Als 1989 die Mauer fiel, hatte er mit Freunden 200 Tonnen Kupferschrott gekauft – für 2.000 Dollar. Ein Werk, das Löhne nicht mehr zahlen konnte, war froh, ihn loszuwerden. Weitere 100 Dollar pro Waggon zahlte er fürs Verladen – russische Breitspur, ein Entschluss noch aus Zarenzeiten.

Mit 500 Dollar bestach er die Zöllner, die nicht wussten, welche Gesetze noch galten. Exportlizenzen waren schnell ausgefüllt. Drei Waggons gingen nach Deutschland. Dort kassierte er 200.000 Dollar – bei dem Kupferkurs der LME kein Wunder. Das Geschäft machte er dreimal, erzählte er. Bis die Beamten gierig wurden und 5.000 Dollar Schmiergeld verlangten. Nicht schlecht, dachte ich. Frühes Huhn frisst Korn.

Viktor beeindruckte mich. Ich wollte mehr von ihm hören. Vor allem: Geschäfte machen. Doch irgendwann winkte er ab – als habe er schon zu viel erzählt – und wechselte das Thema. Er schimpfte über Politik, über Moskau, über Verrat, über Gorbatschow.

Ich erklärte ihm, dass wir uns erst ein Bild machen wollten – aber Gorbatschow bei uns einen riesigen Ruf genieße. Wir liebten ihn. Schließlich war er es, der alles geöffnet hatte. So saßen wir heute hier.

Wie naiv wir wirklich waren, begriff ich an diesem Tag zum ersten Mal. Schon mit wenigen Wortfetzen zeichnete er ein Bild, das nicht in unseres passte: wie dumm der Westen doch sei, alles zu glauben.

Schnell verstanden wir, dass es heikel war, darüber zu diskutieren. Wir wechselten die Themen, ließen die Zeit vergehen, bis die Teller leer waren. Dann verabschiedeten wir uns langsam von ihm.