Am nächsten Tag wollten wir ein Kupferwerk besuchen, bei dem uns Galina vorangemeldet hatte.
Der Weg dorthin glich einer Fahrt durch einen sichtbar gewordenen Verfall. Immer tiefer sank ich in die Sitzbank, mein Lächeln wich schwerem Gemüt. Graue, zerrissene Hausfronten. Hier und da eine Reklame, die kurz aufblitzte. Gebeugte Menschen auf dem Weg zur Arbeit.
Ruckelnde Straßenbahnen, deren Schienen sich unter der Last der Jahre verzogen hatten. Beschlagene Scheiben. Nur selten Gesichter, die wie durch Gucklöcher hinauslugten. Jeder schien in sich selbst vermummt.
Übervolle Stationen. Daneben quadratische Eisentonnen, die den Müll sammelten und Schatten anzogen – Gestalten in schlechter Kleidung, die mit Stöcken darin wühlten.
Plötzlich ragten Äste senkrecht aus der Straße – Hinweise auf Einbrüche, Löcher im Asphalt oder fehlende Kanaldeckel. Schnell verstand ich: Fahrer mussten höllisch aufpassen. Geradeaus fahren im Vertrauen auf Ordnung? Unmöglich. Zigzag, Zentimeterarbeit.
Bei uns wäre solches Fahren sicher ein Zeichen von Trunkenheit. Hier wäre es umgekehrt: Wer geradeaus fuhr, musste betrunken sein.
Die Front des Kupferwerks war so riesig, dass ich meine Einschätzung sofort revidierte.
Die Zufahrt durch mehrere Kontrollposten – sichtbar, aber harmlos, wie schnell zusammengezimmert. Oben, auf dem fünfstöckigen Gebäude, in übergroßen roten Buchstaben: der Name des Werkes. Endlos lang, als wollte er zugleich Zweck, Mitarbeiterzahl, Eigentümer und Kontonummer verraten: „URALLATUNKABELPROMMASHKONFORM“ – oder so ähnlich.
Ein breiter Stiegenaufgang führte uns in eine Halle mit Drehkreuzen. Links und rechts Kontrollposten. Über allem eine grell leuchtende Anzeigetafel: Temperatur, Datum, Zeit. Ein paar Frauen in blassblauer Kleidung wischten den Schmutz und Schnee der Straße weg.
Galina meldete uns bei einem Wächter an. Er kämpfte mit unseren Familiennamen, schrieb in ein Buch, telefonierte. Nach 15 Minuten sollten wir jemandem folgen.
Wir durchquerten lange Korridore: Türen links und rechts, abgetretenes Parkett, kaum Menschen. Schließlich erreichten wir im dritten Stock den Vorraum des Direktors. Dort saßen zwei ältere Damen und eine junge, hübsche, die uns später Tee brachte – wahrscheinlich nur dafür angestellt.
Eine gewisse Peinlichkeit des Wartens machte sich breit. Die Damen tuschelten über uns Ausländer, während wir auf den wenigen Stühlen an der Wand Platz nahmen.
Langsam erfasste ich den Raum: die Einzelheiten, die ich in vielen Jahren und an vielen Orten wiedersehen sollte. Exakt dasselbe. Typisch.
Mehrere, sicher dutzende durchsichtige, doppelpolige Kabel – Telefonleitungen, wie ich begriff – liefen offen über den Putz. Nur von Nägeln gehalten, horizontal und dann wieder vertikal, verschwanden sie in Fuß- und Zierleisten der Türen.
Braun gepolsterte Kastentüren, doppelt, eine in den Raum, eine hinaus, schwarze Griffe. Dicke Heizkörper vor großen Holzfenstern, darin laute Klimaanlagen, die man lieber abstellte. Fensterbänke, auf denen in Nescafé-Dosen alles Mögliche aufbewahrt wurde.
Wählscheiben in weiss. Auf den Schreibtischen Glasplatten – ein Zeichen, dass man bessergestellt war. Graue Papierordner mit Schnüren, die wirkten, als lägen sie seit hundert Jahren dort, nur jeden Monat von rechts nach links geschoben. Die grellen Neonröhren ohne Abdeckung zeigten offen, dass viele schon längst ausgewechselt werden müssten.
Neben der Tür zum „Generaldirektor“ entdeckte ich bei „Technischer Direktor“ eine Art Alarmkontakt im Türfalz. Durch das ständige Öffnen sah ich einen riesigen Tisch entlang der Fensterseite, mit dreißig Sesseln davor, die zu einem quergestellten Tisch führten. Es war klar, wer wo zu sitzen hatte.
Im Sekretariat, wo wir warteten, standen nummerierte Möbel, mit Hand und Lack versehen. Kleine furnierte Tische, Sessel mit rotem Plüsch, mit Holzschnitzereien versehen. Der Parkettboden – abgeschliffen, mit fehlenden Lamellen. Man konnte die Gehwege nachvollziehen. Linoleumstücke verdeckten das Schlimmste. In der Ecke nahe der Heizung war der Boden schwarz.
Nach langem Warten wurden wir weitergeführt – vorbei an der persönlichen Sekretärin des Chefs – in seinen Raum, durch schwere Doppeltüren. Er wirkte riesig.
Wir nahmen Platz am Besprechungstisch für zehn. Unsicher, wie weit entfernt wir vom Direktor sitzen sollten, bis er uns zu sich winkte. Er reichte uns über den Tisch eine schwarze Visitenkarte mit goldenen Lettern – damals Mode, Ausdruck von Macht.
Ein Mann um die fünfzig: weiße Schuhe, verschwitztes Hemd, billiger Nadelstreif. Bullig, aber auch unsicher. Nach höflichem Geplänkel taute er etwas auf, ließ Kaffee, Tee und Schokolade servieren, erzählte von Deutschland, wo er drei Jahre zuvor gewesen war.
Seine Wählstation mit 5 Hörern – klobig, hunderte Tasten, Direktverbindungen – ratterte mehrfach. Fluchend fauchte er die Sekretärin an: man solle ihn gefälligst in Ruhe lassen, wichtige Gäste aus dem Ausland seien hier.
Wir fragten nach den Produkten. Er überreichte uns einen Folder – Fotos aus den 80ern.
Es war absurd: niemand wusste genau voneinander, alle wollten Geschäfte anbahnen, aber keiner wusste, wie und wann. Über Dolmetscher versuchte man, menschlichen Kontakt zu knüpfen. Man musste lernen, anzunehmen, sich einzufügen.
Nach einer Stunde wurden wir eingeladen, die Produktion zu sehen – was einer höflichen Auskomplementierung gleichkam. Der Direktor entschuldigte sich.
Zwei Stockwerke tiefer trafen wir den Stellvertreter. Er stellte sich kurz vor und führte uns, langsam erklärend, durch dunkle, laute Hallen.