Im Nebenraum, hinter einem Tresen, entdeckten wir eine Frau um die fünfzig. Sie fuhr erschrocken hoch, als Galina sie weckte. Ah, Ausländer. Das hieß: Pässe abgeben, Formulare ausfüllen, 100 USD pro Zimmer. Und die Frage: Tee aufs Zimmer?
Das Ganze wirkte absurd. Herabfallender Putz, blau bemalte Wände, Steckdosen mit Klebeband, zwei alte Sessel mit Plüsch, ein Tresen, von Schrauben zusammengehalten.
Während Galina die Formulare ausfüllte – russisch konnte da jeder, englisch niemand –, hörte ich dumpf ein landendes Flugzeug. Nur 500 Meter entfernt, wurde mir klar. „Nachts landen hier kaum Flüge“, beruhigte uns die Managerin.
Wir erhielten zwei Karten mit der Bitte, uns im zwölften Stock zu melden. Höflich bedankten wir uns und machten uns auf den Weg. Am Lift ein Schild: Außer Betrieb. Gut organisiert. So stiegen wir – wie nach einem Hundertmeterlauf – mit Gepäck hinauf.
Oben empfing uns ein langer, schmaler Korridor. Roter Teppichläufer, weiß gestrichene Türen links und rechts. Mittendrin, am Tisch neben rotem Telefon und Buch: die Druschina, die Aufseherin. Sie hatte schon telefoniert.
Eine Siebzigjährige in Hauspantoffeln watschelte mit zwei Schlüsseln auf uns zu und deutete: links, rechts. Ich nahm das rechte Zimmer. Christian und Galina das linke.
Ich schloss die Tür – und der Riegel fiel ab. Das Schloss hielt immerhin. Der Vorraum war so klein, dass meine Koffer kaum Platz fanden. Kein Kasten. Rechts: das Bad, drei mal drei Meter, mit frei liegenden Leitungen und rostigen Hähnen. Alles bis zur Decke hellgrün verfliest, einige fehlten. Dusche ohne Vorhang, Abfluss mitten im Raum. Daneben: ein separates WC – fast Luxus.
Links: der Hauptraum. Gut 30 Quadratmeter, abgewetztes Parkett, riesige weiße Holzfenster mit Blick auf Laternen und Flugzeuge. Ein alter Schrank, drei Meter lang, daneben ein übergroßer Röhrenfernseher.
Mein Bett: ein altes Stahlbett, weiß, dutzendmal lackiert. Daneben ein Nachtkästchen, ein dickes Sofa, ein kleiner Tisch mit Glasaschenbecher und rotem Wählscheibentelefon. Erleuchtet vom vierarmigen Luster – leidenschaftliches Design.
Ich packte meinen Koffer, legte Kleidung in den Schrank und wollte duschen. Ich drehte den mit rotem Nagellack markierten Hahn. Nichts. Dann rumpeln, gluckern, Rohre vibrierten, heiße Luft zischte heraus. Plopp. Ich schloss den Hahn.
Der vergilbte Spiegel zeigte mir mein erschrockenes Gesicht. Der zweite Hahn: absolute Stille. Ich zog mich wieder an und genoss stattdessen die Wärme im Zimmer.
Die Heizkörper waren alte Stahlrohre, dick wie ein Handgelenk, verbunden mit riesigen Leitungen. Russischer Schweiß und Sanitärtechnik. Aber heiß – sehr heiß. Das offene Fenster zeigte: minus 26 Grad draußen.
Der Fernseher brauchte drei Minuten, zeigte Jelzin in einer Rede. Andere Programme gab es nicht. Ich schaltete ab.
Meinen Pass und das Geld legte ich unter das Kopfkissen, Koffer vor die Tür. Dann schlief ich ein.
Um zwei Uhr früh glaubte ich, ein Erdbeben zu erleben. Ein Flugzeug – besser: ein russisches Flugzeug, wieder eine Iljuschin –, so laut, dass man es nach Europa gar nicht ließ, landete direkt neben meinem Fenster. Die Mauern vibrierten, die Scheiben zitterten. Zweimal geschah das noch, jeweils im Stundentakt. Und irgendwie begann ich Russland zu verstehen: Man gewöhnt sich an alles, wenn auch langsam.
Endlich im Schlaf, fuhr ich plötzlich hoch, wie gestochen. Mit ohrenbetäubender Lautstärke erklang die russische Hymne. 80 Dezibel. Ich riss Pass und Geld an mich, verstand nicht, was passierte. Doch nichts geschah – außer dass die Hymne lief.
Hastig stand ich auf, folgte dem Klang. Unter meinem Bett: ein Lautsprecher. Und Kakerlaken. Kein Schalter. Nur ein Kabel entlang der hölzernen Fußleiste. Ich schob Bett, Kästchen, Stuhl. Immer lief die Hymne. Bis ich den Stecker fand, lose in der Wand. Es war das Radio. Das russische Radio.
Ich dachte: Ich bin im Krieg. Es war sechs Uhr. Frontfeuer an allen Ecken. Erst drei Zigaretten beruhigten mich, ehe das Telefon klingelte. Eine Frauenstimme, englisch, bot mir alles an – dreimal, jedes Mal wie abgesprochen. Preis: 100 Dollar. Ich legte auf. Fertig.
Ich rückte die Möbel zurecht – und widmete mich meinen Mitbewohnern. Kakerlaken. Vier Teller, vier Deckel, randvoll mit Cola, unter die Bettfüße gestellt. Kein Tier sollte mein Bett erklimmen. Und tatsächlich: Ich schlief ein.
Gegen zehn Uhr, als wieder das „Erdbeben“ einsetzte, wachte ich auf. Zeit für die Dusche. Ich drehte den Hahn für Kaltwasser – nichts außer Quietschen. Vor dem rot markierten Hahn hatte ich Respekt. Ich riskierte es. Heraus schoss kochend heißes Wasser. Braun, aber kochend. Langsam wurde es klarer. Doch wie damit waschen?
Ich stopfte ein Handtuch in den Abfluss mitten im Bad, ließ es volllaufen und wartete zehn Minuten. Dann hockte ich mich wie ein Vogel ins Becken und wusch mich. „Nichts ist schwer, wenn man nur will“, rief ich laut in mich hinein. Der Triumph, die russische Technik überlistet zu haben, schwoll in mir an. Nichts konnte mich mehr erschüttern.
Aber Fragen blieben: Wie lebt das einfache Volk, wenn dies schon das Ausländerhotel ist?
Wie konnte ein Land Raketen und Satelliten in den Weltraum schicken – wenn hier Straßen, Wasser, Strom, das Einfachste fehlten?
Wie konnte man ein Volk so leben lassen – trotz Gold, Uran, Öl, Gas, Diamanten, Kohle, Eisen, Schwarzerde?
Wie konnte die sagenumwobene „russische Seele“ so fallen, dass jeder jeden hasste?
Wie konnte man angesichts von 150 Millionen Menschen, mit Ausbildung – wenn auch russisch, wenn auch einseitig – so viel zulassen?
Hieß es nicht immer: Der Mensch, der Bürger an erster Stelle?
Wenn alles dem Volk gehörte – wie viel hatte es am Pokertisch verspielt?