MOSKAU UND DIE ERSTEN SCHRITTE
Ich war gerade aus London zurück, als mich mein Chef kurz und sachlich informierte: zwei Wochen Dienstreise. Russland und die Ukraine. Im November 94.
Unsere Sekretärin, die sonst die Routen plante, drückte mir zu meinem Erstaunen Pass, Visa und Tickets in die Hand – ehe es schon Richtung Flughafen ging.
Mein Chef, im Kundenkreis hoch angesehen, weil er die letzten Jahre mehrfach im Osten war, instruierte mich über Details der Reise. Er mahnte zu Geduld und Aufmerksamkeit.
Im Anflug auf Moskau konnte ich erste Blicke durch die Seitenscheiben erhaschen: Grau und grau. Ohne Lichter, ohne Empfang. Moskau im Schatten des Abends.
Die trostlose Halle, gestützt durch riesige Mauern, durchbrochen von schwarzen Scheiben. Auf der Stiege trafen wir auf den Pulk des vorher gelandeten Fluges.
Ich dachte, ich könnte dem berüchtigten Scheremetjewo trotzen. Aber nein. Sehr schnell war man eingenommen von diesem Monument.
Gut 400 Menschen fügten sich in die Masse, die sich nur langsam zur Passkontrolle bewegte. Der strenge Geruch – ein Gemisch aus Schweiß, Kerosin, Urin, Parfüm und Desinfektionsmittel – umfasste bald jeden.
Jeder, der auf der Stiege mit Handgepäck stand, wirkte erschrocken und erhaben zugleich. In den Wortfetzen, die ich auffing, hörte ich dutzendfach: „Das gäbe es bei uns nicht.“
Ein dumpfes Gefühl des Ausgeliefertseins breitete sich aus. Es war, als sei der Flughafen bewusst so erschaffen: um zu beeindrucken, um zu erniedrigen.
Der Eindruck entstand, dass Ausländer nicht willkommen waren. Zeugen des Verfalls unerwünscht. Als Sieger eines nicht geführten Krieges sollten wir die Ruinen erklimmen – und teuer dafür zahlen.
Die Gesichter verrieten es. Die tiefen Risse der Gesellschaft, des Nullsummenspiels, des verdeckten Verfalls wurden mit Arroganz übertüncht. Das Treffen mit dem Klassenfeind, die eingeimpfte Angst, erschien wie ein Treppenwitz.
Jedes Klischee bestätigte sich. Und jedes widerlegte sich später.
Wie ein altes Foto mit vergilbten Farben wirkte das alles. Selbst die Putzfrau, die den hellen Marmor aufwischte, wurde von zwei Uniformierten begleitet – mit Holzstock und AK-48. Kein Schild: Achtung Boden nass. Hier steckte die Armee das Revier ab.
Nach einer Stunde erreichte man die untere Stiege. Endlich: Passkontrolle. Fremd wirkende Uniformen, gelangweilte, aber strenge Gesichter. Gepäckaufnahme. Nach drei Stunden entlassen.
Doch kaum draußen, stürzten Leute auf uns zu. Rubel, Valuta, Wohnungen, Frauen – alles im Angebot. Sie griffen nach den Koffern, als wäre man Gast, um nichts müsse man sich kümmern. Erst bei meiner dritten Ablehnung, die Stimme bereits hart, begriffen sie und wandten sich dem Nächsten zu. Ich stellte mich mit dem Gepäck neben eine Säule und wartete auf meinen Chef. Fünf Minuten.
Silberfarbene Schrägen aus den Siebzigern, Bars wie ausgestellt, Marmor an den Wänden, abgewetzte Sitze, auf die man sich nicht setzen wollte.
Männer in schwarzen Lederjacken wechselten Valuta, kauften, verkauften. Farben schrien: zu grell, zu dunkel. Alles wirkte provisorisch.
Eine Bar namens Chicago. Ein alter russischer Röhrenfernseher. Schmuddelige Holzsessel. Papirossi-Rauch.
Alte Pensionisten bettelten, während bullige Männer mit Goldketten und vier Bodyguards durch die Halle marschierten. Uniformierte lehnten an den Wänden.
Die Frauen waren aufgeputzt, wie zum Trotz. Man hörte sie, bevor man sie sah: hochhackige Schuhe, Schritte, die Raum nahmen. Gepflegt, hübsch. Selten allein.
Dann der Drang: Toilette. Keine Schilder. Jeder half sich selbst.
Ein Milizionär verstand mein Englisch nicht. Also tanzte ich meinen Bedarf. Er winkte links, dann geradeaus. Schild. Tür zu. Weiter.
Noch ein Milizionär. Diesmal mit Waffe. Er deutete nach rechts. Wieder ein Schild. Ich riss die Tür auf – Kreischen. Frauen. Ich knallte sie zu.
Der Mann mit der Waffe stand hinter mir, jetzt im Anschlag. Ich erklärte alles. Er deutete zu verschwinden. Ich lief.
Schließlich sah ich Männer hastig in einen Tunnel laufen und erleichtert zurückkommen. Das musste es sein.
Ein silbernes Drehkreuz. Eine gelangweilte Frau im blauen Häuschen rief: „50 Rubel.“ Ich verstand nichts. Sie zeigte mit Fingern: zahlen. Ich hatte nur einen 10-Dollar-Schein. Sie grinste breit.
Hinter dem Drehkreuz: Toiletten mit in Fliesen eingelassenen Keramiktassen. Italienische Klosetts. Der Riegel ausgeleiert, kaum haltend.
Links und rechts wilde Geräusche. Aber der Druck der Wartenden ließ keinen Aufschub. Ich tat es. Zog die Kette. Entschwand aus dem fensterlosen Raum.
Galina, unsere Dolmetscherin, war eingetroffen. Christian stellte sie mir vor. Um die 45, schlank, nicht besonders hübsch, veraltet gekleidet, stark geschminkt. Sie sprach Englisch. Gut sogar. 25 Dollar am Tag – vernünftig.
Christian kannte sie von früher, man konnte ihr vertrauen.
Neben ihr der Fahrer, der sofort unser Gepäck nahm und uns hinausbegleitete. Taxifahrer boten Dienste an, ich schwieg. Schließlich stieg ich in die schwarze Wolga.
Ein riesiges Auto, scheinbar für acht. Und es erinnerte mich an amerikanische Wagen aus den 50ern. Schnell entwichen wir nach den Schlagbäumen dem Flughafen und fuhren Richtung Zentrum. Im Radio lief ein für uns unverständlicher Text; mit wodkabetäubter Stimme bellte Garik Sukatschjow ein Lied, das uns erschauern ließ. Wenn es einen russischen Joe Cocker gibt, dann ihn. Der Fahrer sang im Geist jedes Wort mit, zupfte an seiner schwarzen Kappe und rauchte vor sich hin.
Auf engen, dann wieder riesenbreiten Straßen glitten wir an steinernen Fassaden vorbei. Grau auf Grau, ohne Kanten, ohne Leuchten. Die Häuser standen wie Kulissen aus einer anderen Zeit: schwer, massiv, abweisend. Säulen trugen nichts. Türen wirkten zu groß für Menschen. Fenster lagen tief, dunkel, blind.
Der Asphalt war stumpf und verschluckte das Licht. Laternen setzten keine Akzente, sie hielten Dunkelheit nur notdürftig in Schach. Fassaden reihten sich wie erstarrte Gesichter, glatt, verschlossen, ohne Ausdruck. Alles schien gebaut, um zu dauern, nicht um zu leben.
Je weiter wir fuhren, desto mehr löste sich die Stadt in Fläche auf. Breite Schneisen, dann wieder Verengungen. Kein Rhythmus, kein Zentrum – nur Masse. Zehnspurige Straßen trugen uns durch eine Dunkelheit, die Linien und Farben auslöschte. Am Ende blieb nichts als Größe, Schwere, Grau.
Irgendwann, nach gefühlten Stunden, hielten wir in einer Seitenstraße. Die Tür eines fünfstöckigen Hauses öffnete sich. Spärlich beleuchtete Podeste; im zweiten Stock – bei uns wäre es der erste – wartete eine Wohnung. Galina sprach kurz mit dem Eigentümer, der gleich verschwand. Der Fahrer brachte das Gepäck, wir sollten uns ein Zimmer aussuchen.
Es sei billiger als ein Hotel, sagte Galina. Außerdem dürften Ausländer praktisch nur ins Intourist-Hotel; Anmeldung und Buchung seien ein Hürdenlauf. Hier: 100 USD für die ganze Nacht – billig.