VERANTWORTUNG
Verantwortung ist ein starkes Wort.
Vor allem dann, wenn sie nicht nur gegenüber anderen gelten soll, sondern gegenüber sich selbst.
Das setzt voraus, dass wir Regeln nicht bloß erlernen und befolgen. Wir müssen sie auf uns selbst beziehen und in einen inneren Kompass übersetzen, in Werte, die auch dann gelten, wenn ihre Anwendung unbequem wird.
Denn das eigene Erleben wird schnell zum Maßstab. Besonders die erfahrene Ungerechtigkeit. Aus ihr entsteht leicht eine Umkehr der Regel: Wenn die anderen sich nicht daran halten, warum sollte ich es tun?
Der andere hat angefangen. Der Westen hat es auch getan. Die anderen lügen ebenfalls. Dort gibt es auch Korruption. Warum also sollten ausgerechnet wir anders handeln?
Verantwortung wird damit nicht widerlegt. Sie wird verglichen. Und im Vergleich beginnt sich ihr Geltungsbereich zu verändern.
Ich habe diese Bewegung in Russland oft erlebt. Gleichzeitig begegnete mir dort etwas scheinbar Gegenteiliges: ein erstaunlich ausgeprägter Anspruch, Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die weit außerhalb des eigenen Lebens lagen. Für die Ukraine, für die Krim, für Russen außerhalb Russlands, für die russische Sprache, für die Geschichte, für den Sieg der Großväter, für die moralische Verfassung Europas und für einen Westen, der angeblich nicht mehr weiß, was richtig und falsch ist.
Man wusste, was andere Völker tun sollten, welche Geschichte sie anzuerkennen hatten, zu wem sie gehörten und manchmal sogar, was für sie gut sei.
Verantwortung gab es also durchaus.
Nur merkwürdig verteilt.
Denn gleichzeitig konnte dieselbe Verantwortung dort erstaunlich schnell enden, wo das eigene Gemeinwesen begann. Die kaputte Straße war Sache der Verwaltung. Die Korruption Sache der Beamten. Die Willkür Sache der Polizei. Die Politik Sache des Kremls. Der Krieg Sache der Armee. Was konnte man schon tun?
Nach oben wurde Verantwortung abgegeben. Nach außen wurde sie beansprucht.
Vielleicht beginnt die eigentliche Schwierigkeit von Verantwortung genau dort, wo ich guten Grund hätte zu sagen: Das geht mich nichts an.
Und trotzdem stehen bleibe.
Denn sofort stellt sich die nächste Frage: Wer ist dieser andere? Das eigene Kind, die Familie, der Nachbar, einer von uns, ein Fremder? Und wer entscheidet, wann seine Not uns noch etwas angeht?
Vielleicht führt diese Frage direkt zur Identität. Unser innerer Kompass entsteht schließlich nicht im luftleeren Raum. Wir übernehmen Vorstellungen von richtig und falsch, von Pflicht und Verantwortung. Von unseren Eltern, unserer Umgebung, unserer Religion, unserem Land.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Habe ich eine Identität?
Sondern: Erlaubt mir meine Identität noch, ihr selbst zu widersprechen?
Kann ich sagen: Ich bin Russe – und Russland tut Unrecht? Kann ich sagen: Das ist mein Land – und gerade deshalb trage ich Verantwortung für das, was in seinem Namen geschieht? Kann ich die eigene Seite mit demselben Maßstab beurteilen, den ich an andere anlege? Oder muss ich, sobald ich Russland verteidige, auch verteidigen, was Russland tut?
Vielleicht verläuft genau dort eine Grenze zwischen Identität und Degradation.
Denn moralische Maßstäbe verlieren ihren Wert nicht erst, wenn wir sie aufgeben. Sie verlieren ihn auch, wenn wir sie selektiv anwenden.
Korruption ist verwerflich – in der Ukraine. Propaganda ist gefährlich – im Westen. Nationalismus ist bedrohlich – bei den anderen. Ein Angriff ist ein Verbrechen – solange nicht wir angreifen. Zivile Opfer sind unerträglich – solange es unsere Toten sind.
Plötzlich besitzen wir noch alle Werte. Wir haben für jeden von ihnen ein Wort. Wir berufen uns auf Gerechtigkeit, Frieden, Wahrheit, Familie, Religion und Menschenwürde.
Nur ihr Geltungsbereich verändert sich.
Wo eine gemeinsame Zukunft ihre Bindungskraft verliert, kann Zugehörigkeit umso wichtiger werden. Religion, Nation, Sprache, Familie, Sieg und Opfer geben Identität. Aber Zugehörigkeit zieht eine Grenze. Sie unterscheidet zwischen denen, die dazugehören, und denen, die draußen stehen.
Und vielleicht folgt irgendwann auch unsere Moral dieser Grenze.
Vielleicht endet Verantwortung gar nicht.
Vielleicht wird sie selektiv.
Der Mensch fühlt sich verantwortlich gegenüber seiner Familie, seinem Land, seiner Geschichte, seiner Religion, seinen Soldaten, seinen Toten. Problematisch wird es dort, wo dieser Kreis zugleich bestimmt, wem gegenüber Verantwortung nicht mehr gilt.
Der Krieg muss dann nicht einmal als Widerspruch zum eigenen moralischen System erscheinen. Denn dieses System gilt weiterhin.
Nur nicht mehr für alle.
Der Gegner ist nicht mehr der Nächste. Er wird zur Bedrohung dessen, wofür man Verantwortung empfindet. Ihm gegenüber gelten andere Regeln. Was innerhalb der eigenen Gemeinschaft ein Verbrechen wäre, bekommt außerhalb von ihr einen anderen Namen: Notwendigkeit, Verteidigung, historisches Recht, Pflicht.
Die Tat kann dieselbe bleiben.
Nur ihr Name wechselt mit der Zugehörigkeit.
Vielleicht ist das die gefährlichste Form moralischer Degradation. Nicht die Gesellschaft ohne Werte. Nicht der Mensch ohne Gewissen. Sondern der Mensch, der seine Werte behält und zugleich gelernt hat, wem gegenüber sie nicht mehr gelten.
Verantwortung verschwindet nicht. Sie wird verteilt. Großzügig nach außen, wenn es darum geht, über andere zu bestimmen. Sparsam nach innen, wenn es darum geht, für das Eigene einzustehen. Und schließlich erbarmungslos selektiv, wenn entschieden wird, wer überhaupt noch Anspruch auf unsere Moral hat.
Wer den Kreis seiner Verantwortung eng zieht, muss dafür nicht aufhören, sich für einen anständigen Menschen zu halten. Vielleicht liegt darin die Verstörung: Die moralischen Wörter bleiben, während ihre Anwendung von der Zugehörigkeit abhängt.