FASCHISTOID?
Manchmal verrät die Darstellung eines Feindes mehr über eine Gesellschaft als die Darstellung ihrer Helden. Man sieht es an ihren Denkmälern, in ihren Filmen, selbst an den Uniformen, die sie dem Feind gibt. Der Held zeigt, was eine Gesellschaft von sich behauptet. Der Feind zeigt mitunter, was sie für mächtig hält.
Denn ein Feind muss nicht nur verachtet werden. Er muss eine Gestalt bekommen. Man gibt ihm ein Gesicht, eine Haltung, eine Welt. Man zeigt, wie er lebt, wie er handelt, wie seine Macht aussieht. Und manchmal geschieht dabei etwas Merkwürdiges: Der Feind bleibt böse, aber seine Macht beginnt zu faszinieren.
Filme über den Krieg gab es in der Sowjetunion genug. Filme über den Feind ebenso. Einer davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: die Fernsehserie Siebzehn Augenblicke des Frühlings, eine der erfolgreichsten und auch künstlerisch bemerkenswertesten Produktionen der Sowjetunion. Ihr Held, bekannt unter seinem deutschen Namen Max Otto von Stirlitz, ist in Wahrheit der sowjetische Geheimdienstoffizier Maxim Issajew. Als hochrangiger SS-Offizier getarnt, arbeitet er 1945 mitten im Machtapparat des nationalsozialistischen Deutschland. Er sitzt mit dessen Funktionären an einem Tisch, bewegt sich durch ihre Büros und Korridore, trägt ihre Uniform und kennt ihre Regeln – und bleibt doch der sowjetische Held im Zentrum des Feindes.
Natürlich war die Serie keine Hommage an Hitlerdeutschland. Stirlitz war Sowjetbürger, Geheimdienstoffizier, Held. Und doch hatte dieses Deutschland, durch das er sich bewegte, etwas merkwürdig Anziehendes. Die Uniformen, die Ordnung, die Macht, die Männer in großen Büros, die schwarzen Wagen, die Hierarchien, die Kälte.
Der Feind war böse. Aber er war nicht klein. Er durfte es auch gar nicht sein. Denn die Sowjetunion hatte ein Problem mit ihrem besiegten Feind: Sie brauchte ihn groß. Ein schwaches Deutschland hätte einen kleineren Sieg bedeutet. Ein verbrecherisches, mächtiges, beinahe unbezwingbares Deutschland dagegen machte aus seinem Bezwinger etwas noch Größeres.
Die Überhöhung des Feindes wurde Teil der eigenen Überhöhung.
Vielleicht blieb deshalb auch etwas von seinen Formen hängen. Nicht seine Ideologie. Das wäre zu einfach. Aber manches Verhältnis zur Macht war erstaunlich vertraut: große Büros, lange Korridore, Uniformen, Hierarchien, Männer, die Befehle geben, und Männer, die sie ausführen. Der Einzelne verschwindet hinter seiner Funktion, die Funktion hinter der Institution und die Institution hinter einem höheren Auftrag.
Nicht weil beide Systeme dasselbe waren. Sondern weil Macht manchmal ähnliche Formen findet.
Diese Ähnlichkeit der Inszenierung beweist noch keine Gleichheit der Systeme. Interessanter ist, ob ein Staat den historischen Feind so sehr außerhalb seiner selbst verortet, dass er die eigenen Methoden nicht mehr mit demselben Maßstab prüft.
Die Sowjetunion hatte die Gleichheit ihrer Völker verkündet. Internationalismus gehörte zu ihrem Selbstverständnis. Herkunft sollte überwunden, der Mensch zum Sowjetmenschen werden. Die Wirklichkeit war widersprüchlicher. Juden waren keineswegs grundsätzlich von Bildung, Wissenschaft, Militär oder Partei ausgeschlossen. Und doch konnte ihre Herkunft besonders in späteren Jahrzehnten zu einer unsichtbaren Grenze werden. Der Eintrag der Nationalität im Pass konnte plötzlich mehr bedeuten als Ausbildung, Leistung oder Loyalität.
Andere traf es unmittelbarer. Tschetschenen und Inguschen wurden unter Stalin kollektiv deportiert. Die Krimtataren ebenfalls. Ganze Bevölkerungen konnten unter Verdacht geraten, nicht aufgrund dessen, was der einzelne Mensch getan hatte, sondern aufgrund dessen, welcher Gruppe er zugerechnet wurde.
Das macht die Sowjetunion nicht zu Hitlerdeutschland. Die nationalsozialistische Rassenideologie und ihr Vernichtungsprogramm waren etwas anderes. Wer diese Unterschiede verwischt, erklärt am Ende gar nichts. Aber vielleicht muss man auch gar nicht nach Gleichheit suchen. Interessanter ist etwas Elementareres: der Gedanke, dass der Einzelne nicht nur danach beurteilt wird, was er tut, sondern danach, wer er ist. Zu welchem Volk er gehört. Welche Herkunft in seinem Pass steht. Ob seine Gruppe als zuverlässig oder unzuverlässig, nah oder fremd gilt.
Aus Zugehörigkeit wird Eigenschaft. Aus Eigenschaft wird Verdacht. Aus Verdacht wird Hierarchie. Und irgendwann erscheint es selbstverständlich, dass nicht für alle dasselbe gilt.
Darin liegt ein bemerkenswerter Widerspruch. Die Sowjetunion war antifaschistisch. Internationalistisch. Ein Staat der nach außen verkündeten Völkerfreundschaft. Sie definierte sich geradezu durch den Gegensatz zu Nationalismus und Rassismus. Und trotzdem konnte sie ganze Völker deportieren. Trotzdem konnte sie Menschen nach Nationalität registrieren. Trotzdem konnte Herkunft darüber entscheiden, wer als zuverlässig und wer als verdächtig galt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht, ob die Sowjetunion faschistisch war. Sie war es nicht. Die interessantere Frage ist, was Antifaschismus bedeutet, wenn er den Feind sehr genau erkennt, aber die eigenen Formen von Macht nicht mehr mit demselben Maßstab prüft.
Dieser Widerspruch reicht bis in die Gegenwart. Russland begründet seinen Krieg gegen die Ukraine unter anderem mit dem Kampf gegen angebliche Neonazis. „Entnazifizierung“ wurde von der russischen Führung selbst zum erklärten Kriegsziel gemacht. Das Wort ist nicht zufällig gewählt. Der Faschist ist in der russischen Erinnerung nicht irgendein Gegner. Er ist der absolute Gegner. Wer ihn besiegt, steht auf der richtigen Seite der Geschichte. Wer gegen ihn kämpft, trägt die moralische Rechtfertigung seines Kampfes bereits in der Bezeichnung des Gegners.
Wir sind wieder die Antifaschisten. Also müssen die anderen die Faschisten sein.
Vielleicht liegt genau darin die entscheidende Verschiebung. Antifaschismus ist dann nicht länger Maßstab. Er wird Identität. Und eine Identität muss sich nicht täglich beweisen. Man besitzt sie. Wer Antifaschist ist, weil er zu den historisch Richtigen gehört, muss sich nicht mehr fragen, ob sein eigenes Handeln diesem Anspruch entspricht.
Man behält das Wort Antifaschismus und verliert seine prüfende Funktion. Man erinnert sich an die Opfer und verherrlicht das Opfer. Man verurteilt Unterwerfung und fordert Unterordnung. Man verurteilt die Einteilung von Menschen nach ihrer Herkunft und spricht wieder über Völker, als hätten sie einen gemeinsamen Charakter oder eine gemeinsame Schuld.
Auf der Krim irritierte mich weniger eine historische Parallele als eine wiedererkennbare Methode. Eine Grenze wird als Fehler erzählt, die Verbindung zu einem anderen Staat als verletztes Recht. Dieser Staat erklärt, er müsse Menschen schützen, Geschichte korrigieren und ihnen die Entscheidung ermöglichen.
1938 gehörte genau diese Sprache zum Instrumentarium, mit dem Hitler die Sudetenfrage internationalisierte. Es gab Konflikte und Beschwerden der Sudetendeutschen. Gerade das machte die Sache politisch verwendbar. Denn Propaganda ist am wirkungsvollsten, wenn sie nicht alles erfinden muss. Aus einem Problem wurde eine Ungerechtigkeit, aus der Ungerechtigkeit eine nationale Frage, aus der nationalen Frage eine historische Verpflichtung und aus der historischen Verpflichtung schließlich ein territorialer Anspruch.
Mich erinnert die Krim daran. Auch dort war Geschichte überall: 1954, Chruschtschow, die russische Bevölkerung, Sewastopol, die Schwarzmeerflotte, russische Sprache, russische Kultur und schließlich die Vorstellung, etwas müsse zurückkehren, weil es eigentlich immer zu Russland gehört habe.
Das Entscheidende daran ist nicht, ob jedes einzelne Argument falsch war. Gerade darin liegt die Gefahr dieser Technologie. Es können reale Erinnerungen darin stecken, reale Bindungen, reale Fehler der Vergangenheit, reale Ängste, vielleicht sogar reales Unrecht. Aber aus der Existenz eines historischen Unrechts folgt noch kein Recht, ein neues zu schaffen. Und aus Erinnerung folgt kein Eigentum.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem Geschichte ihre Funktion verändert. Sie erklärt die Gegenwart nicht mehr. Sie stellt Forderungen an sie. Das war einmal unseres. Diese Menschen gehören eigentlich zu uns. Diese Grenze war ein Fehler. Diese Entscheidung war ungerecht. Also muss sie korrigiert werden.
Und irgendwann verschwindet zwischen diesen Sätzen die entscheidende Frage: Mit welchem Recht?
Die Ungerechtigkeit bekommt dann eine bemerkenswerte Funktion. Sie begrenzt Macht nicht mehr. Sie erlaubt sie. Vielleicht ist das eine der ältesten Technologien politischer Macht überhaupt: nicht zu sagen, ich nehme etwas, weil ich stärker bin, sondern: Ich nehme es, weil mir Unrecht geschehen ist.
Damit wird Macht moralisch aufgeladen. Der Anspruch wird zur Wiedergutmachung. Die Expansion zur Korrektur. Der Eingriff zum Schutz. Und der Widerstand des anderen erscheint plötzlich nicht mehr als Verteidigung seiner eigenen Ordnung, sondern als Fortsetzung des ursprünglichen Unrechts.
Das ist kein Beweis, dass die Krim das Sudetenland wäre. Auch die realen Bindungen und Ängste der Menschen lassen sich nicht mit einer Analogie aus der Welt schaffen. Der Vergleich richtet sich auf den Übergang vom historischen Argument zum territorialen Anspruch. Aus der Existenz eines früheren Unrechts folgt kein Recht, ein neues zu schaffen.
Denn einen Faschisten an seinen Symbolen zu erkennen, ist einfach. Man erkennt das Hakenkreuz, die Uniform, den Namen. Aber erkennt man auch die Methode?
Methoden tragen keine Uniform. Schutz kann einen Eingriff begründen, Zugehörigkeit einen Anspruch, Geschichte eine Forderung. Solche Verfahren sind älter als der Faschismus und keineswegs sein Alleinbesitz. „Faschistoid“ beschreibt hier keine identische Ideologie. Das Wort bezeichnet die Nähe zu einer Vorstellung von Macht, in der Volk, Geschichte und Staat über das Recht des Einzelnen und die Selbstbestimmung anderer gestellt werden.
Diese Vorstellung lebt auch von Bildern. Aufmärsche, Fahnen, Panzer, riesige Plätze und Soldaten in geometrischen Formationen inszenieren die Einheit von Staat, Geschichte, Armee und Volk. Über allem steht der Sieg über den Faschismus. Gerade dieser Sieg kann als moralischer Besitz behandelt werden, der die Gegenwart nicht mehr prüfen muss.
Ein kleines Zeichen dafür ist die Station Kurskaja der Moskauer Metro. Eine Hymnenzeile, die Stalin verherrlichte und im Zuge der Entstalinisierung verschwunden war, wurde 2009 wieder angebracht. Die Verbrechen wurden damit nicht ausdrücklich bestritten. Der Name des Siegers erhielt wieder einen Platz an der Wand. Erinnerung wird gewichtet, und Größe kann schwerer wiegen als das, was sie gekostet hat.
Ähnlich lässt sich der Krieg in eine verbindliche Erzählung einfügen: Früher kämpften wir gegen Faschisten, heute kämpfen wir wieder gegen Faschisten. „Entnazifizierung“, „historische Gerechtigkeit“, „russische Welt“: Solche Wörter ordnen, bevor noch diskutiert wird. Sie geben den Eigenen einen Platz und den anderen auch.
Der Präsident erklärt in dieser Erzählung die Geschichte, den Krieg und die Grenzen dessen, was Russland sein soll. Wer widerspricht, kann als Verräter oder „ausländischer Agent“ erscheinen. Das ist keine Wiederholung des Großen Terrors und keine Gleichsetzung Putins mit Hitler oder Stalin. Es zeigt, wie gefährlich die Verdichtung von Führungsfigur, Volk, Geschichte, Militär und Feind werden kann.
Auch die Ukraine wird darin nicht einfach als anderer Staat wahrgenommen. Ihre Eigenständigkeit muss immer wieder durch den Westen, Nationalisten oder eine falsche Geschichte erklärt werden. Als wäre sie nicht anders, sondern abtrünnig. Macht erscheint dann als Korrektur einer verletzten Ordnung.
Nationalistische und neonazistische Gruppen gibt es in Russland ebenso wie anderswo. Ihre bloße Existenz erklärt noch keinen Staat. Entscheidend ist, ob der Staat solche Vorstellungen begrenzt oder ob ihre Sprache von Größe, Feind und Zugehörigkeit in seine eigene übergeht.
Vielleicht führt das zurück zu Stirlitz. Der Feind war böse, aber mächtig. Man hatte ihn besiegt. Aus dem Sieg folgte jedoch keine Immunität gegen jede Vorstellung von Macht, die am Feind zu erkennen gewesen war.
Der Faschist blieb der andere.
Der absolute Feind verdeckt dann nicht nur den Gegner. Er verdeckt den Spiegel.