DIE PROVOKATION
Im Grunde genommen ist die Ukraine eine Provokation. Nicht nur für Russland. Vielleicht sogar für uns. Nicht weil sie provoziert, sondern weil sie etwas tut, das in dem Bild, das wir uns von ihr gemacht haben, lange nicht vorgesehen war: Sie besteht auf sich selbst.
Ein souveränes Land, das bis heute erstaunlich oft wie eine ehemalige russische Provinz wahrgenommen wird, erklärt, dass es keine sein will. Ein Land, dessen Geschichte immer wieder über die Geschichte eines anderen Landes erzählt wird, beansprucht eine eigene. Ein Land, dem von außen erklärt wird, wohin es kulturell, historisch und geopolitisch gehört, antwortet irgendwann, dass es das selbst entscheiden will.
Schon das Bild der Provinz ist historisch schiefer, als wir gewöhnlich wahrnehmen. Die Ukrainische Sowjetrepublik gehörte 1922 zu den Gründungsrepubliken der Sowjetunion und 1945 zu den Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen. Ihre tatsächliche Souveränität innerhalb der Sowjetunion war stark eingeschränkt, Moskau war das Zentrum der Macht. Aber die Ukraine war eben keine russische Provinz, sondern eine Unionsrepublik eines gemeinsamen Staates.
Vielleicht vergessen wir gerade das besonders leicht: Die Sowjetunion war nicht Russland.
In der Erinnerung verschmolzen beide dennoch immer stärker. Die anderen Republiken erschienen daneben leicht als verlorene Teile eines russischen Raumes. So konnte aus ukrainischer Unabhängigkeit beinahe Abtrünnigkeit werden und aus einem souveränen Staat etwas, dessen Eigenständigkeit bis heute erklärt werden muss.
Ich kannte dieses Bild lange vorher. Die Ukraine, das war Tschernobyl, Korruption, Oligarchen, Prostitution, Armut, Mafia. Irgendetwas Sowjetisches, nur heruntergekommener. Ein riesiges Land irgendwo zwischen Russland und Europa, dessen Eigenständigkeit man zwar anerkannte, dessen Geschichte und Politik man aber erstaunlich häufig über Moskau erklärte.
Dazu kam ein älteres Bild. Das der Strohhütten, der endlosen Felder, des Bauernvolkes am Rand Europas. Rückständig vielleicht, ein wenig unberechenbar. Ein widerspenstiges Volk, das sich durch seine Geschichte hindurch immer wieder gegen jene Ordnung stemmt, in die andere es längst eingeordnet haben.
Und doch hatte ich eine andere Ukraine erlebt. Eine, die diesem Bild immer wieder widersprach. Im Intellekt ihrer Menschen, in ihrem Willen, in ihrer Fähigkeit zu produzieren, zu improvisieren und zu organisieren. Nicht als Gegenbild einer vollkommenen Ukraine, denn die gab es ebenso wenig wie den vollkommenen Staat anderswo. Korruption, schlechte Verwaltung, politische Willkür und das postsowjetische Erbe waren real. Aber ebenso real war etwas, das in unserem Bild von diesem Land erstaunlich wenig Platz hatte: eine moderne Gesellschaft, die arbeitete, gründete, produzierte, dachte und organisierte und dazu nicht weniger fähig war als anderswo.
Das alte Bild blieb trotzdem bestehen.
Vielleicht ist genau das das Merkwürdige an solchen Bildern: Sie überleben die Wirklichkeit, die ihnen widerspricht.
Tschernobyl zeigt, wie ein solches Bild entsteht. Der Reaktor stand in der Ukraine. Doch 1986 war das Kraftwerk Teil der Sowjetunion, sein Reaktortyp und die politischen Strukturen hinter der Katastrophe waren sowjetisch. Der Ort blieb bei der Ukraine hängen. Das System dahinter verschwand.
Ähnlich verhält es sich mit Korruption, informellen Beziehungen und dem Misstrauen gegenüber Institutionen. Vieles davon war schon vor der Unabhängigkeit vorhanden und prägte den gesamten postsowjetischen Raum. Ukrainische Regierungen tragen dennoch Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen. Das Erbe erklärt. Es entschuldigt nicht.
Merkwürdig ist, wie sich dieses Erbe gegen das Land verwenden lässt, das sich aus ihm herauszuarbeiten versucht. Du bist korrupt, also noch nicht europäisch. Du bist instabil, also brauchst du Russland. Du hast russischsprachige Bürger, also bist du nicht wirklich getrennt. Du hast eine gemeinsame Geschichte, also kann deine eigene nicht eigen sein.
Vielleicht liegt darin der entscheidende Unterschied zwischen einem anderen und einem abtrünnigen Staat. Der Andere darf anders sein. Der Abtrünnige muss erklärt werden. Warum will er weg? Wer hat ihn beeinflusst? Wer hat ihn aufgehetzt? Wer steckt dahinter?
Die einfachste Antwort wird dabei erstaunlich schwer vorstellbar: Vielleicht will er einfach nicht mehr dazugehören.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Provokation der Ukraine für Russland. Nicht zuerst in der NATO, nicht zuerst im Westen, sondern in ihrer Eigenständigkeit. Denn eine souveräne Ukraine stellt eine unangenehme Frage: Wenn Russen und Ukrainer tatsächlich so untrennbar miteinander verbunden sind, weshalb muss diese Verbindung dann durch politischen Druck, Annexion und schließlich Krieg verteidigt werden?
Eine Zusammengehörigkeit, die nur durch Zwang erhalten werden kann, widerlegt ihren eigenen Anspruch.
Aber vielleicht provoziert die Ukraine auch uns. Denn auch außerhalb Russlands haben wir sie lange innerhalb einer stillen Hierarchie betrachtet. Russland war groß. Russland hatte Atomwaffen, Öl und Gas, eine große Literatur, eine große Geschichte, eine große Armee und einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Daneben lag die Ukraine: kleiner, ärmer, politisch instabiler, schwerer einzuordnen und für viele erst dann wirklich interessant, wenn sie für Russland interessant wurde.
Größe erzeugt Bedeutung, Macht erzeugt Aufmerksamkeit, und irgendwann beginnen wir beides mit Berechtigung zu verwechseln.
Dem Großen gestehen wir Interessen zu. Der Kleine stellt Forderungen.
Russland hat Sicherheitsbedürfnisse, während die Ukraine Befürchtungen hat. Russland besitzt eine Einflusssphäre, während die Ukraine sich ihr entziehen möchte. Das eine klingt nach geopolitischer Realität, das andere nach einem Wunsch, der an dieser Realität gemessen werden muss.
Schon die Sprache verteilt Gewicht.
Und dann geschieht etwas, das diese Ordnung stört. Das kleinere Land widersetzt sich. Es weigert sich, die Rolle anzunehmen, die ihm zugedacht wurde. Es besteht darauf, nicht Objekt der Geschichte eines anderen zu sein, sondern Subjekt der eigenen.
Vielleicht steckt deshalb im alten Bild vom widerspenstigen Bauernvolk mehr als Herablassung. Es enthält eine Erwartung. Der Kleine soll vernünftig sein. Er soll seine Lage erkennen, die Kräfteverhältnisse verstehen, Kompromisse schließen und akzeptieren, was nicht zu ändern ist. Vor allem soll er nicht verlangen, dass andere für seine Prinzipien einen Preis bezahlen.
Aber genau das tut die Ukraine. Sie verlangt Unterstützung und zwingt damit andere, sich zu fragen, was die eigenen Bekenntnisse tatsächlich wert sind. Ob Grenzen etwas bedeuten. Verträge. Souveränität. Selbstbestimmung.
Solange solche Begriffe nichts kosten, sind sie leicht zu verteidigen. Schwieriger wird es, wenn jemand verlangt, aus ihnen Konsequenzen zu ziehen.
Zu oft hatte ich es gehört: Sie muss doch. Sie soll doch abgeben. Irgendwann muss sie doch vernünftig sein. Territorium abgeben, auf die Krim verzichten, den Donbass aufgeben, einen Kompromiss schließen, Frieden machen.
Ich verstand die Logik dahinter. Sie ist nicht einmal zynisch. Menschen sterben. Städte werden zerstört. Millionen haben ihre Heimat verloren. Jeder weitere Kriegstag hat einen Preis, und wer diesen Preis nicht selbst bezahlt, sollte vorsichtig damit sein, anderen Durchhalteparolen zuzurufen.
Nur ist diese Rechnung unvollständig.
Sie berechnet den Preis des Widerstands und nennt ihn Realität. Aber sie berechnet nicht den Preis der Unterwerfung.
Vielleicht ist das nur die Hälfte der Strecke, die man im Denken zurücklegen muss.
Denn eines hat die Ukraine vielen von uns voraus: die Erfahrung dessen, was russische Herrschaft bedeuten kann.
Für uns ist die Frage nach Gebietsabtretungen leicht eine Frage auf der Landkarte. Wo verläuft die Linie? Welche Gebiete sind militärisch noch erreichbar? Welche Sicherheitsgarantien wären möglich? Was wäre ein realistischer Kompromiss?
Für Menschen, die diese Herrschaft erlebt haben, kann hinter derselben Linie etwas anderes liegen. Nicht nur ein anderer Grenzverlauf, sondern ein anderes Verhältnis zwischen Staat und Mensch, zwischen Macht und Recht, zwischen Gehorsam und Freiheit.
Das ist inzwischen nicht einmal mehr nur historische Erinnerung. In den besetzten Gebieten lässt sich beobachten, was ein Herrschaftswechsel konkret bedeuten kann: anderes Recht, andere Lehrpläne, andere Loyalitäten und enger werdende Grenzen dessen, was gesagt und gelebt werden darf.
Damit wird aus einer Linie auf der Landkarte ein Lebensraum, in dem plötzlich ein anderer entscheidet.
Und das verändert die Rechnung. Denn dann lautet die Alternative nicht mehr einfach Krieg oder Frieden. Sie kann auch lauten: Widerstand oder Unterwerfung.
Selbst das Wort Frieden bekommt dadurch eine andere Bedeutung. Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Schüssen. Es kommt darauf an, was danach geschieht, wer danach bestimmt, welches Recht gilt, wer sprechen darf, wer bleiben kann und wer gehen muss.
Vielleicht beurteilen wir den ukrainischen Widerstand deshalb von außen anders. Wir sehen vor allem, was seine Fortsetzung kostet. Die Ukraine sieht zusätzlich, was sein Ende unter bestimmten Bedingungen kosten könnte.
Das eine steht jeden Abend in unseren Nachrichten.
Das andere steckt in ihrer Erfahrung.
Und damit wird die Forderung „Sie sollen doch abgeben“ komplizierter. Denn wer sie ausspricht, fordert nicht nur den Verzicht auf einige Flächen einer Landkarte. Er verlangt möglicherweise von anderen Menschen, einen Preis zu akzeptieren, den er selbst nicht bezahlen muss.
Hier wird die Rechnung asymmetrisch. Wir berechnen den Preis des Widerstands genau, weil wir ihn mittragen sollen. Den Preis einer Unterwerfung nehmen wir leichter aus der Rechnung, weil andere ihn tragen werden.
Dann verändert sich die Sprache. Aus Standhaftigkeit wird Sturheit, aus Beharrlichkeit Unvernunft. Der Angegriffene soll die Kräfteverhältnisse anerkennen und akzeptieren, was nicht mehr zu ändern sei. Vielleicht sogar kapitulieren, ohne dass wir dieses Wort benutzen.
Kapitulation klingt hässlich. Kompromiss klingt vernünftig. Realismus klingt erwachsen. Frieden klingt moralisch unangreifbar. Aber Wörter ändern nicht notwendig, was geschieht. Ob ein Vorschlag Frieden bringt und unter welchen Bedingungen, muss gerade deshalb geprüft werden.
Souveränität gilt. Selbstbestimmung gilt. Freiheit gilt. Wenn ihre Verteidigung teuer wird, verlangen wir plötzlich vom Schwächeren, den Verlust hinzunehmen. Macht schafft Tatsachen, und Vernunft bekommt die Aufgabe, sie nachträglich erträglich zu machen.
Das führt zurück zu den Bildern, mit denen alles begann. Zur Provinz, zum Bauernvolk, zu Tschernobyl, Korruption und Oligarchen. Diese Bilder haben die Wirklichkeit überlebt, die ihnen widerspricht. Während wir noch darüber diskutieren, wie die Ukraine sein sollte, besteht sie darauf, selbst zu bestimmen, was sie ist.
Darin liegt ihre Provokation. Russland muss sein Bild von ihr verteidigen. Wir müssen unseres überprüfen. Die Ukraine zwingt uns nicht, unsere Werte neu zu erfinden. Sie zwingt uns zu entscheiden, ob sie auch dann gelten, wenn ihre Verteidigung etwas kostet.
Vielleicht beginnt genau dort die Degradation: wenn nicht mehr der eigene Maßstab, sondern sein Preis darüber entscheidet, für wen er gilt.