DER MÖGLICHE VORTEIL

Eigentlich sind unsere Interessen leicht zu durchschauen. Selbst unsere Motive sind häufig erkennbar, die Strategien fassbar, auch wenn wir sie selbst nicht als solche wahrnehmen. Vieles ist erlerntes Verhalten.

Schwieriger wird es, wenn tief vergrabene Emotionen im Spiel des Lebens die Oberhand gewinnen. Vor allem dann, wenn die Realität uns einholt und wir beginnen, uns vor uns selbst zu verteidigen.

Es geht erstaunlich oft um Vorteile. Um wirkliche Vorteile, mögliche Vorteile und manchmal nur um das, was wir für einen Vorteil halten wollen.

Vielleicht ist das kleine Verhalten dabei besonders aufschlussreich, weil wir den Mechanismus dort noch erkennen können.

Da war zum Beispiel diese Münze, die wir zu Hause gefunden hatten. Hundert Jahre altes Geld.

„Stell sie ins Internet“, sagte ich. „Wer weiß, vielleicht gibt es Leute, die kyrillisches Geld sammeln.“

„Ja, aber um wie viel soll ich sie verkaufen? Ich möchte ja auch nichts verlieren. Wer weiß, vielleicht ist sie viel Geld wert.“

Das Interessante war nicht die Münze. Oder der Geldschein. Das Interessante war die sofort entstandene Angst, einen möglichen Vorteil nicht vollständig auszuschöpfen. Vielleicht war sie einen Euro wert, vielleicht fünf, vielleicht zwanzig. Aber plötzlich schien es notwendig, das herauszufinden.

Die Zeit, die man dafür aufwenden musste, war wahrscheinlich mehr wert als alles, was mit dieser Münze zu gewinnen gewesen wäre.

Trotzdem beschäftigt man sich mit ihr.

Nicht der Gewinn treibt uns an, sondern die Vorstellung, einen Gewinn übersehen zu können. Nicht übervorteilt zu werden wird wichtiger als die Frage, ob überhaupt etwas von Bedeutung auf dem Spiel steht.

Und genau darin machen wir uns kleiner. Wir messen nicht mehr den Wert dessen, was wir gewinnen können, sondern den Schmerz dessen, was uns vielleicht entgehen könnte.

Der mögliche Verlust eines Vorteils bekommt mehr Macht über uns als der Vorteil selbst.

Auf Politik übertragen wird dieser kleine Mechanismus interessant. Nicht weil Politik wie der Verkauf einer alten Münze funktioniert. Aber weil auch Verhandlung voraussetzt, dass ein möglicher Gewinn gegen einen möglichen Verlust abgewogen wird. Was bin ich bereit abzugeben, um etwas anderes zu erhalten? Worauf kann ich verzichten? Was ist dem anderen wichtiger als mir? Wo liegt jener Punkt, an dem beide Seiten mit weniger nach Hause gehen, als sie wollten, aber mit mehr, als sie ohne Einigung hätten?

Das nennen wir Verhandlung.

Aber was geschieht, wenn eine Seite an diesem Tausch gar nicht teilnehmen will?

Wenn sie nicht fragt, was sie geben muss, um etwas zu erhalten, sondern erklärt, was sie erhalten wird? Wenn aus einem Angebot eine Forderung und aus einer Forderung ein Ultimatum wird?

Dann verändert sich etwas Grundsätzliches. Trotzdem verwenden wir weiterhin dasselbe Wort.

Man müsse verhandeln, heißt es. Man müsse den Krieg beenden. Irgendwann müsse jeder Krieg am Verhandlungstisch enden.

Das klingt vernünftig. Vielleicht zu vernünftig.

Denn bevor wir darüber sprechen, was jemand abgeben soll, müssten wir eine andere Frage stellen: Was ist eine Verhandlung wert, wenn eine Seite den Preis nicht für sich selbst, sondern für den anderen festlegt?

Vielleicht beginnt genau hier wieder die Geschichte mit der alten Münze. Nur unter umgekehrten Vorzeichen. Wir fürchten nicht mehr, einen möglichen Vorteil zu verlieren. Wir fürchten die Kosten, die entstehen, wenn wir auf unserem bisherigen Maßstab bestehen.

Und plötzlich erscheint das Nachgeben als Gewinn. Nicht weil wir etwas bekommen hätten. Sondern weil wir hoffen, dass es danach nicht noch teurer wird.

Warum also verweigert man überhaupt eine Verhandlung, zumindest scheinbar?

Wir sind ja bereit, aber.

Vielleicht weil eine Verhandlung etwas voraussetzt, das selbstverständlich klingt und es nicht ist: Beide Seiten müssen zumindest grundsätzlich glauben, dass sie durch eine Einigung besser dastehen können als ohne sie.

Was aber, wenn sich dieser Maßstab verschiebt?

Wenn der eigene Vorteil nicht mehr nur daran gemessen wird, was man selbst gewinnt, sondern auch daran, was der andere nicht bekommt?

Dann kann eine Einigung den eigenen Schaden verringern und trotzdem wie eine Niederlage erscheinen.

Man nimmt den eigenen Schaden in Kauf, solange der andere ebenfalls verliert.

Und irgendwann genügt selbst das nicht mehr. Der andere soll nicht nur verlieren. Er soll in dasselbe Spiel eintreten. Er soll reagieren. Er soll sich auf den Maßstab einlassen, den man selbst gesetzt hat.

Dann wird nicht mehr gerechnet: Was gewinne ich?

Sondern: Wer verliert mehr?

Man beharrt. Man wartet. Man stellt Bedingungen, von denen man weiß, dass der andere sie nicht annehmen kann, und nennt die eigene Bereitschaft trotzdem Verhandlungsbereitschaft.

Wir sind ja bereit, aber.

Damit wird Zeit selbst zum Instrument. Man setzt auf Erschöpfung, auf Gewöhnung, auf die walzende Katastrophe des Täglichen. Auf den Punkt, an dem der andere nicht mehr fragt, was vernünftig wäre, sondern was ihm überhaupt noch bleibt.

Vielleicht liegt darin eine besonders wirksame Form der Macht. Man drängt den anderen zu einer Reaktion, die man anschließend gegen ihn verwenden kann.

Es ist eine stille Herausforderung: Kommt. Holt mich doch.

Denn wenn ihr kommt, wenn ihr Gewalt mit Gewalt beantwortet, kann ich den Anfang hinter dem Ende verschwinden lassen.

Dann kann ich sagen: Ihr wart genauso.

Durchbrechen lässt sich diese Logik nicht einfach durch Nachgeben. Auch nicht zwingend durch Gewaltlosigkeit. Entscheidend ist etwas anderes: die Trennung von Notwendigkeit und Identität.

Ich kann mich wehren, ohne deshalb zu werden wie du. Meine Handlung wird durch ihren Zweck und ihre Grenzen bestimmt, nicht durch deine.

Gefährlicher wird die Gewalt dort, wo sie nicht nur Gegenwehr hervorruft, sondern dem Angegriffenen ihren Maßstab aufzwingt.

Die Logik wird deshalb nicht durchbrochen, indem man auf Gegenwehr verzichtet. Man durchbricht sie, indem man dem Gegner verweigert, zu bestimmen, wer man durch die Gegenwehr wird.

Doch genau hier beginnt die andere Seite der Degradation.

Wer sich selbst aus einer gemeinsamen Ordnung herausnimmt, wer sich über sie stellt, kann immer schwerer zurück. Denn Verhandlung würde nun bedeuten, den anderen wieder als Gegenüber anzuerkennen. Nachgeben würde nicht nur einen materiellen Verlust bedeuten. Es würde bedeuten, die eigene Stellung, die eigene Erzählung und vielleicht sogar die bisherigen Opfer neu bewerten zu müssen.

Das Merkwürdige ist, dass die Bindung dadurch stärker werden kann, je weniger noch zu gewinnen ist.

Solange man weitermacht, können die bisherigen Verluste noch einen Zweck haben. Noch kann das Ziel erreicht werden. Noch kann sich herausstellen, dass der Preis notwendig war.

Erst das Aufhören droht offenzulegen, dass manches davon vergeblich gewesen sein könnte.

Also macht man weiter.

Der mögliche Vorteil, mit dem alles begann, ist längst verschwunden. Aber sein Verlust darf nicht eingestanden werden.

Vielleicht ist das die eigentliche Degradation.

Nicht dass wir verlieren.

Sondern dass wir irgendwann lieber weiter verlieren, als uns einzugestehen, dass es nichts mehr zu gewinnen gibt.