DER KOMPASS
Es ist verblüffend und zugleich katastrophal zu beobachten, wie sich weltweit nicht nur ein Gefühl der Ohnmacht ausbreitet, sondern etwas, das schwerer zu benennen ist: Degradation. Politiker erscheinen scheinbar aus dem Nichts, stellen populäre, manchmal offensichtlich widersprüchliche Forderungen und gewinnen damit Wahlen. Argumente verschwinden hinter Losungen. Tatsachen werden nicht mehr widerlegt, sondern durch andere Tatsachen ersetzt. Was gestern noch behauptet wurde, kann morgen bedeutungslos sein. Der Widerspruch schadet nicht einmal mehr.
Wir suchen dafür ständig nach Ursachen. Wirtschaftliche Unsicherheit, Globalisierung, Migration, soziale Medien, Abstiegsangst, der Verlust gemeinsamer Werte, die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit. Für alles gibt es eine Erklärung. Vielleicht erklären wir aber zu viel. Vielleicht ist Degradation nicht nur die Folge einer Krise. Vielleicht ist sie auch eine Methode der Macht.
Macht hatte immer ein Problem: Sie musste sich rechtfertigen. Ein König brauchte Gott, eine Partei eine Ideologie, eine Demokratie Mehrheiten. Selbst eine Diktatur musste erklären, weshalb gerade sie notwendig war. Doch jede Rechtfertigung schafft eine Abhängigkeit. Wer Wohlstand verspricht, kann am Wohlstand gemessen werden. Wer Gerechtigkeit verspricht, an Gerechtigkeit. Wer sich auf eine Ideologie beruft, muss zumindest den Anschein erwecken, nach ihren Regeln zu handeln.
Für Macht wäre etwas anderes bequemer: eine Gefolgschaft, die nicht mehr fragt, ob eine Behauptung richtig ist, sondern von wem sie stammt. Dann kann gestern etwas unmöglich und heute notwendig sein. Der Gegner kann gleichzeitig lächerlich schwach und existenziell gefährlich erscheinen. Eine Institution kann respektiert werden, solange sie richtig entscheidet, und korrupt sein, sobald sie widerspricht. Von außen wirkt das absurd. Aber innerhalb des Systems erfüllt es eine Funktion. Denn es geht nicht mehr nur um die Behauptung. Es geht um Zugehörigkeit.
Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen Unterwerfung und Degradation. Ein Mensch kann schweigen und dennoch wissen, dass etwas falsch ist. Er kann gehorchen, weil er Angst hat. Er kann einen Satz wiederholen, den er für Unsinn hält, weil er weiß, was geschieht, wenn er es nicht tut. Sein Verhalten ist unterworfen. Sein Urteil muss es noch nicht sein.
Degradation beginnt einen Schritt später. Sie beginnt dort, wo nicht mehr nur das Verhalten angepasst wird, sondern der Maßstab selbst. Nicht die Handlung bestimmt mehr das Urteil. Die Zugehörigkeit bestimmt das Urteil über die Handlung.
Damit bekommt Degradation eine andere Bedeutung. Sie ist nicht einfach Zustimmung, Schweigen oder Gehorsam und schon gar nicht eine Bewegung nach rechts oder links. Entscheidend ist etwas anderes: Gelange ich von meinem Urteil zu meiner politischen Position oder von meiner politischen Zugehörigkeit zu meinem Urteil? Am Anfang kann Unterwerfung stehen. Am Ende kann Zustimmung stehen. Dazwischen liegt die Degradation.
Der autoritäre Staat sagt: Gehorche. Der totalitäre Staat verlangt mehr: Glaube. Noch wirksamer wird Macht, wenn sie irgendwann keines von beiden ausdrücklich verlangen muss. Der Mensch übernimmt die Arbeit selbst. Er sucht die Argumente, erklärt die Widersprüche und passt seine früheren Überzeugungen der neuen Position an. Schließlich empfindet er diese Anpassung nicht mehr als Unterwerfung.
Vielleicht liegt darin das Sektenhafte. Eine Sekte muss ihren Mitgliedern nicht jeden Gedanken vorschreiben. Es genügt, einen Raum zu schaffen, innerhalb dessen bestimmte Gedanken selbstverständlich und andere beinahe undenkbar werden. Der Zweifel bedroht dann nicht mehr nur eine Behauptung. Er bedroht die Zugehörigkeit.
In Russland lässt sich besonders deutlich beobachten, wohin ein solcher Mechanismus führen kann. Nicht weil Russland ihn erfunden hätte und nicht weil Russen dafür besonders empfänglich wären. Russland ist interessant, weil dort über lange Zeit sichtbar wurde, wie weit Macht kommen kann, wenn sie sich von der Notwendigkeit befreit, sich durch eine überprüfbare Wirklichkeit legitimieren zu lassen.
Putin musste dafür keine neue kommunistische Ideologie schaffen. Er brauchte überhaupt keine geschlossene Ideologie. Vielleicht ist genau das entscheidend. Die Sowjetunion hatte eine. Auch sie war voller Widersprüche und wurde der Wirklichkeit immer wieder angepasst. Aber sie erhob zumindest den Anspruch auf ein zusammenhängendes Weltbild. Der Kommunismus versprach eine Gesellschaft, die erst noch entstehen sollte. Die Gegenwart mochte schlecht sein, die Versorgung mangelhaft, die Freiheit eingeschränkt. Die Legitimation lag vor einem. Morgen sollte besser sein als heute.
Der Putinismus braucht diesen Anspruch kaum noch. Zarismus, Sowjetunion, orthodoxes Christentum, Stalin, Kapitalismus, der Sieg über den Nationalsozialismus, russischer Imperialismus und der Kampf gegen Imperialismus können nebeneinanderstehen. Was historisch oder ideologisch nicht zusammenpasst, muss nicht aufgelöst werden. Es muss nur nützlich sein.
Damit bekommt die Vergangenheit eine andere Funktion. Sie wird zum Steinbruch. Peter der Große kann nützlich sein. Stalin kann nützlich sein. Der Große Vaterländische Krieg kann nützlich sein. Die Kiewer Rus kann nützlich sein. Die Krim kann nützlich sein. Man nimmt heraus, was man gerade braucht.
Dann ist auch Putins Essay über die historische Einheit von Russen und Ukrainern nicht deshalb interessant, weil Putin in der Vergangenheit lebt. Interessant ist, was mit Geschichte geschieht, sobald Macht sie benutzt. Aus Geschichte wird Anspruch, aus Anspruch wird Recht, aus Recht wird Notwendigkeit und aus Notwendigkeit schließlich Handlung.
Die Sowjetunion legitimierte sich durch eine gemeinsame Zukunft. Der Putinismus legitimiert sich zunehmend durch eine gemeinsame Vergangenheit.
Und doch gibt es eine Kontinuität, die tiefer liegt als die Ideologie. Russland wechselte im vergangenen Jahrhundert seine Begründungen von Macht radikaler als deren Richtung. Zar, Orthodoxie und Reich verschwanden. An ihre Stelle traten Partei, Revolution und kommunistische Zukunft. Später verschwanden auch diese wieder. Aber die Vorstellung von der Vertikale erwies sich als erstaunlich widerstandsfähig: das Zentrum über der Provinz, der Staat über dem Einzelnen, die große Aufgabe über dem individuellen Leben.
Der Kommunismus wollte mit der alten Ordnung brechen, und in vielem tat er es tatsächlich. Die frühe Sowjetunion förderte nicht-russische Sprachen und Eliten, schuf nationale Republiken und erklärte das alte Imperium für überwunden. Später entstanden wieder Zentrum und Peripherie, Privileg und Abhängigkeit, politische Hierarchie und eine immer stärkere Stellung Moskaus. Die Sowjetunion begann mit dem Versprechen, Hierarchien zu zerstören, und schuf neue.
Auch das Privileg verschwand nicht. Es veränderte seine Form. Wo Eigentum und Preise nicht verteilen durften, verteilte Zugang: Wohnung, Stellung, Ausbildung, Versorgung, Reise, Karriere. Nähe zur Macht wurde selbst zu einer Währung.
Vielleicht war der Kommunismus in Russland deshalb Bruch und Fortsetzung zugleich. Auch die Forderung an den Menschen blieb merkwürdig vertraut. Er sollte verzichten, ertragen, dienen und sich, wenn es notwendig war, opfern. Nicht mehr für Zar, Gott und Vaterland, sondern für Partei, Klasse und Zukunft. Macht hatte damit etwas Entscheidendes erreicht. Sie musste das Opfer nicht nur verlangen. Sie konnte es zur Tugend erklären.
Das ist keine Gleichsetzung von Kommunismus und politischer Rechten und noch weniger von Kommunismus und Nationalsozialismus. Ideologien können fundamental verschieden sein und dennoch ähnliche Techniken der Unterordnung hervorbringen. Entscheidend ist hier nicht, ob man sie nachträglich links oder rechts nennt. Entscheidend ist die Richtung der Macht. Der Kommunismus verstand sich als links, versprach Gleichheit, Emanzipation und die Überwindung von Klassen. Doch die Macht, die daraus entstand, bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung: nicht zur Befreiung des Einzelnen, sondern zu seiner Unterordnung unter Partei, Staat und ein behauptetes größeres Ganzes. Das Paradox liegt nicht darin, dass der Kommunismus „eigentlich rechts“ gewesen wäre. Es liegt darin, dass eine Ideologie der Befreiung eine Machtordnung hervorbringen konnte, deren Ideal wieder Gehorsam, Opfer und Unterordnung war.
Doch vielleicht kommt etwas Zweites hinzu. Politische Größe trägt möglicherweise eine besondere Verletzlichkeit in sich. Eine Großmacht ist nicht nur groß, weil sie viel Land, viele Menschen, wirtschaftliche oder militärische Macht besitzt. Größe kann zu einer Vorstellung davon werden, welchen Platz man in der Welt einzunehmen habe. Wer sich für groß hält, erwartet irgendwann, als groß behandelt zu werden.
Dann verändert sich die Bedeutung von Begrenzung. Ein verlorenes Einflussgebiet ist nicht mehr nur ein verlorenes Einflussgebiet. Eine ehemalige Provinz, die ihren eigenen Weg geht, ist nicht einfach ein anderer Staat. Ein Nachbar, der sich einem anderen Bündnis zuwendet, trifft nicht nur eine politische Entscheidung. Alles kann als Herabsetzung empfunden werden.
Je größer die Vorstellung von der eigenen Bedeutung, desto größer wird die Fläche, auf der man sich verletzt fühlen kann.
Es genügt dann nicht mehr, stark zu sein. Andere müssen diese Stärke anerkennen. Sie müssen verstehen, dass einem aufgrund der eigenen Geschichte, Größe oder Opfer ein besonderer Platz zusteht. Größe wird paradox. Sie macht mächtig und verletzlich zugleich.
Wer historische Größe beansprucht, kann beinahe überall Verlust entdecken. Vielleicht erklärt das, weshalb die Vergangenheit für solche Systeme so nützlich ist. Sie liefert eine Rechnung, die niemals abgeschlossen werden kann. Früher gehörte uns mehr. Früher fürchtete man uns mehr. Früher respektierte man uns mehr. Irgendetwas wurde verloren, genommen, verraten oder verschenkt. Die Gegenwart steht dann ständig in der Schuld der Vergangenheit. Und Macht kann versprechen, diese Rechnung zu begleichen.
Dafür braucht es keine geschlossene Ideologie mehr. Es genügt der Glaube an das eigene Wir: Wir wurden betrogen. Wir wurden gedemütigt. Wir werden bedroht. Wir waren groß. Wir sind groß. Wir werden wieder groß sein.
Auch Propaganda bekommt damit eine andere Funktion. Vielleicht erwarten wir zu viel, wenn wir sie daran messen, ob jede einzelne Behauptung geglaubt wird. Sie muss nicht erreichen, dass alle Geschichten für wahr gehalten werden. Es genügt, wenn sie dieselbe emotionale Richtung haben.
Gerade die Sowjetunion macht das Paradox sichtbar. Jeder wusste, dass es Propaganda gab. Man kannte die Losungen, die geschönten Erfolge, die erfundenen Feinde, die Sprache, in der die Wirklichkeit zurechtgebogen wurde. Man lernte, zwischen den Zeilen zu lesen, und hielt sich gerade deshalb für schwer täuschbar.
Und dann glaubte man erneut.
Nicht unbedingt jede Geschichte. Nicht jede Zahl, nicht jedes Bild, nicht jede Behauptung. Aber wieder die Richtung. Wieder das Gefühl, bedroht zu sein. Wieder die Vorstellung, dass draußen Feinde stehen, dass das eigene Land umzingelt wird, dass Härte notwendig ist und Zweifel den Gegnern nützt.
Vielleicht liegt die eigentliche Leistung von Propaganda deshalb nicht darin, Menschen eine Lüge glauben zu lassen. Sie besteht darin, ihnen so viele verschiedene Geschichten anzubieten, bis sie dieselbe Empfindung für wahr halten.
Dann können sie sich sogar widersprechen. Der Gegner ist schwach und zugleich übermächtig. Das eigene Land will Frieden und muss trotzdem Krieg führen. Grenzen sind unantastbar, außer die Geschichte verlangt ihre Korrektur. Logisch passt das nicht zusammen. Emotional sehr wohl. Jede Aussage bestätigt dasselbe Gefühl: Wir haben recht. Wir sind bedroht. Wir sind besonders.
Darin liegt die eigentliche Verletzlichkeit dieser Größe: das Schwanken zwischen Überlegenheit und Bedrohung. Wir sind stärker als die anderen und zugleich ständig von ihnen bedroht. Wir sind historisch überlegen und zugleich Opfer der Geschichte. Eine in sich ruhende Größe müsste sich ihrer Größe nicht ständig versichern. Eine unsichere Größe schon.
Diese Mechanismen sind nicht auf Russland beschränkt. Das bedeutet nicht, Staaten oder Politiker gleichzusetzen. Ihre politischen Systeme, Institutionen und Möglichkeiten können sich fundamental unterscheiden. Interessant ist die wiederkehrende Mechanik: die große Losung, die verlorene Größe, der Feind, die angeblich korrumpierten Institutionen, die Medien, denen nicht zu trauen sei, und schließlich die Person, die behauptet, unmittelbar für das eigentliche Volk zu sprechen.
Vielleicht erleben wir deshalb nicht einfach die Rückkehr der großen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts. Vielleicht erleben wir ihre Entbehrlichkeit. Macht muss nicht mehr erklären, wie die Welt einmal aussehen soll. Es genügt zunehmend, wenn sie bestimmt, wer zu uns gehört, wer gegen uns steht und wem geglaubt werden darf.
Eine Losung muss dafür nicht einmal realistisch sein. Zunächst irritiert sie. Dann wird sie wiederholt. Anhänger beginnen, Gründe dafür zu finden. Gegner widersprechen. Experten diskutieren Voraussetzungen und Möglichkeiten. Medien greifen sie auf. Irgendwann steht nicht mehr die ursprüngliche Frage im Raum, ob man das überhaupt wollen sollte. Man diskutiert bereits darüber, wie es geschehen könnte. Die Losung hat den Raum des Denkbaren verschoben.
Das allein ist noch keine Degradation. Politik muss Grenzen des Denkbaren verschieben können. Entscheidend ist, was danach mit dem eigenen Urteil geschieht. Man erfährt zuerst, was die eigene Seite für richtig hält, und sucht danach die Gründe, weshalb es richtig sein soll.
Irgendwann braucht Macht nicht einmal mehr jede Behauptung glaubwürdig zu machen. Der Mensch sucht selbst nach ihrer Rechtfertigung. Er verteidigt sie, weil er damit seine Seite, seine Gemeinschaft und schließlich seine Vorstellung von sich selbst verteidigt.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem politische Gefolgschaft sektenhaft wird. Nicht weil alle dasselbe glauben. Nicht weil Menschen dumm geworden wären. Und nicht einmal, weil sie belogen werden. Sondern weil der Zweifel seine Richtung geändert hat.
Man zweifelt nicht mehr an der eigenen Seite, wenn die Wirklichkeit ihr widerspricht. Man zweifelt an der Wirklichkeit.
Die entscheidende Grenze liegt dort, wo ein Mensch seinen Maßstab nicht mehr gegen die eigene Seite verteidigt. Was gestern falsch war, bleibt dann nicht falsch, wenn wir es heute tun. Es bekommt einen anderen Namen.
Solange ein Mensch noch fragen kann: Halte ich das wirklich für richtig?, existiert etwas zwischen Macht und Gehorsam. Ein eigener Maßstab. Der Mensch kann zustimmen. Er kann widersprechen. Er kann sich irren. Aber das Urteil gehört noch ihm.
Für Macht ist genau dieser Augenblick gefährlich. Die höchste Form der Unterwerfung wäre deshalb vielleicht nicht erreicht, wenn ein Mensch aufhört zu widersprechen. Ein Schweigender kann innerlich noch frei sein. Sie wäre erreicht, wenn er vergessen hat, dass es einmal etwas gab, dem er hätte widersprechen wollen. Dann hat Macht nicht nur sein Verhalten verändert. Sie hat den Maßstab verändert, mit dem er sein eigenes Verhalten beurteilt.
Vielleicht ist das Degradation.
Aber warum sollte ein Mensch das wollen? Warum sollte er einen eigenen Maßstab aufgeben, wenn ihn niemand dazu zwingt?
Vielleicht weil er nicht nur etwas verliert. Vielleicht bekommt er auch etwas zurück.
Auf der heimischen Bühne ist der Gastgeber zum Gast im eigenen Land geworden. Entscheidend ist nicht allein dieser Rollentausch. Entscheidend ist, dass der Bürger ihn irgendwann nicht mehr als Zumutung empfindet. Dann ist er nicht nur Gast geworden. Er hat vergessen, dass er einmal Gastgeber sein sollte.
Der Staat, den der Bürger geschaffen hat, beginnt sich so zu verhalten, als hätte er den Bürger geschaffen. Das Verhältnis zwischen Dienendem und Bedientem kehrt sich um. Der Bürger geht nicht mehr selbstverständlich davon aus, dass der Staat ihm Rechenschaft schuldet. Er beginnt, sich selbst gegenüber dem Staat zu rechtfertigen.
Doch selbst das muss sich nicht wie ein Verlust anfühlen. Der Bürger kann eigene politische Verfügungsmacht verlieren und sich gleichzeitig mächtiger fühlen, wenn er die Macht des Führers als Erweiterung seiner eigenen empfindet.
Ich selbst habe weniger Macht – aber wir sind mächtiger. Das wir wird zum ER und ich.
Der Gastgeber wird zum Gast und empfindet den neuen Hausherrn trotzdem als Verkörperung seiner selbst. Damit bietet Macht etwas im Austausch an: Teilhabe an vorgestellter Größe. Der Einzelne wird kleiner, aber das Bild, zu dem er gehört, wird größer. Er gibt Verfügungsmacht ab und erhält Bedeutung zurück.
Man unterwirft sich nicht mehr trotz der Macht. Man nimmt an ihr teil, indem man sich ihr unterwirft.
Auch der Alltag beruht auf vorweggenommener Zukunft. Man verlässt sich darauf, dass es weitergeht. Der Kredit nimmt das Morgen vorweg. Auch politisch kann man dieses Vertrauen weitergeben: an jemanden, der dafür zu stehen scheint, dass die Ordnung hält, dass nichts wirklich aus den Fugen gerät, dass am Ende alles seinen Sinn hat. Der Präsident wird zum Bürgen der Permanenz. Nicht weil er das Morgen garantieren könnte, sondern weil man jemanden braucht, der so tut, als könnte er es.
Dazu gehört der Feind. Er muss gar nicht klar erkennbar sein. Im Gegenteil. Das Ausland, die Eliten, die Verräter, die Medien, die Fremden, das System. Der Feind wird groß genug, um die eigene Ohnmacht zu erklären. Und weil er überall ist, kann ihm auch nicht jeder entgegentreten.
Nur einer kann es.
Ich selbst kann nichts dagegen tun. Aber er kann es. Seine Stärke wird zu meiner Stärke, sein Kampf zu meinem Kampf, sein Sieg zu meinem Sieg. Je kleiner der politische Raum wird, in dem der Einzelne sich selbst als Handelnden erlebt, desto größer kann das Bedürfnis nach dem Einen werden, der für ihn handelt.
Und wenn der oben Fehler macht, verzeiht man sie ihm wie sich selbst. Denn sein Fehler ist längst nicht mehr nur seiner. Wer an ihn geglaubt hat, hat auch an das eigene Urteil geglaubt. Ihn infrage zu stellen hieße irgendwann, sich selbst infrage zu stellen. Also wird vergessen, erklärt, entschuldigt.
Je länger man geglaubt hat, desto teurer wird der Zweifel.
Damit schließt sich der Kreis. Niemand muss mehr sagen: Du musst glauben. Es genügt irgendwann: Wir wollen glauben. Dem Einen.
Vielleicht ist gerade deshalb ein Teil dessen, was heute als neue Rechte erscheint, weniger neu, als es scheint. Nicht weil rechts an sich schlecht wäre und nicht weil Nationalität zwangsläufig in Autoritarismus führen müsste. Die Nation kann Freiheit, Solidarität, Demokratie und Verantwortung begründen. Sie kann aber auch etwas anderes anbieten: eine Zugehörigkeit, die dem Einzelnen Größe leiht.
Die verletzte Nation ist dafür besonders geeignet. Du bist nicht allein. Du gehörst zu etwas, das vor dir da war und nach dir bestehen wird. Seine Geschichte ist deine Geschichte, seine Verletzung deine Verletzung, seine Größe ein Teil deiner Größe.
Der Mechanismus ist alt.
Europa hat versucht, nationale Zugehörigkeit durch etwas Zusätzliches zu ergänzen: Recht, Institutionen, gemeinsame Regeln, eine europäische Identität. Das ist nicht wenig. Aber Institutionen erzeugen nicht automatisch Zugehörigkeit. Recht kann schützen. Regeln können ordnen. Verträge können verbinden. Ein Wir entsteht daraus nicht zwangsläufig.
Wo diese Differenz übersehen wird, kann das alte Angebot zurückkehren. Nicht mit den alten Uniformen, nicht mit denselben Worten und nicht mit denselben Zielen. Aber mit einer vertrauten Mechanik: Wir. Die anderen. Unsere Geschichte. Unsere Verletzung. Unsere Größe. Und schließlich der Eine, der dieses Wir verkörpert.
Vielleicht ist diese Rechte deshalb weniger neu, als sie erscheint. Sie hat keinen neuen Menschen erfunden. Sie hat einen alten Mechanismus wiederentdeckt. Man muss für etwas nicht mehr einstehen. Es genügt, dahinterzustehen. Das eine verlangt einen eigenen Maßstab. Das andere nur eine Seite.
Und plötzlich wird auch das verhandelbar, was eben noch diesen Maßstab ausmachte. Freiheit. Selbstbestimmung. Recht. Die Vorstellung, dass der Angegriffene nicht deshalb nachgeben muss, weil der Angreifer stärker ist. Man hat diese Dinge nicht nur für richtig gehalten. Man hat sie Werte genannt und aus ihnen einen Teil des eigenen Selbstverständnisses gewonnen.
Dann werden sie unbequem.
Während anderswo Menschen ums Überleben kämpfen, fordert man von ihnen den Kompromiss. Man nennt ihn Vernunft, Realismus oder Frieden. Doch manchmal verbirgt sich dahinter etwas Einfacheres: Sie sollen aufgeben, damit wir uns nicht länger mit der Frage beschäftigen müssen, was unsere eigenen Maßstäbe von uns verlangen.
Vielleicht sollen sie sich mit etwas abfinden, mit dem wir uns selbst längst abgefunden haben: dass der Stärkere am Ende bekommt, was der Schwächere nicht verteidigen kann.
Vielleicht liegt auch darin eine Form der Degradation. Die Verschiebung des eigenen Maßstabs genügt nicht mehr. Man erklärt den neuen Maßstab zur Vernunft für andere. Wer noch widersteht, erscheint plötzlich nicht standhaft, sondern uneinsichtig. Wer nicht nachgibt, gefährdet den Frieden. Und wer sich nicht unterwerfen will, soll sich dafür rechtfertigen.
Der Widerspruch fällt kaum noch auf. Gestern galt es als moralisch, dem Angegriffenen beizustehen. Heute soll ausgerechnet der Angegriffene beweisen, dass sein Widerstand vernünftig ist.
Man macht die eigene Resignation zur Moral des anderen. Es genügt nicht, die eigenen Werte verloren zu haben. Auch der andere soll seine verlieren. Solange er an ihnen festhält, erinnert er uns daran, was wir selbst aufgegeben haben.
Das ist keine Gleichsetzung von Kommunismus und politischer Rechten und noch weniger von Kommunismus und Nationalsozialismus. Ideologien können fundamental verschieden sein und dennoch ähnliche Techniken der Unterordnung hervorbringen. Entscheidend ist hier nicht, ob man sie nachträglich links oder rechts nennt. Entscheidend ist die Richtung der Macht. Paradoxerweise behauptete das System, links zu sein, und organisierte Macht doch nach rechts: nach oben, zur Autorität, zur Ordnung, zum Gehorsam.
Bemerkenswert ist jedoch weniger dieser Widerspruch als die Geschwindigkeit, mit der Degradation einsetzen kann, sobald sie Entlastung verspricht. Es ist anstrengend, selbst zu urteilen. Es ist anstrengend, Widersprüche auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Maßstab gegen die Mehrheit zu verteidigen. Die Unterordnung nimmt diese Last ab. Plötzlich muss man nicht mehr entscheiden, was richtig ist. Man muss nur noch wissen, was gilt.
Vielleicht liegt gerade darin ihre Verführungskraft. Degradation wird nicht unbedingt als Verlust erlebt. Im ersten Augenblick kann sie sich wie Erleichterung anfühlen. Man gibt etwas von sich ab – Zweifel, Verantwortung, Gewissen –, und erhält dafür Gewissheit, Zugehörigkeit und Richtung. Erst später zeigt sich, was man tatsächlich abgegeben hat: nicht nur die Freiheit zu entscheiden, sondern den eigenen Maßstab.