RICHTIG UND VERNÜNFTIG

Ich habe in Russland und der Ukraine früh gelernt, dass es einen Unterschied zwischen richtig und vernünftig geben kann. Richtig war, sich an die Regeln zu halten. Vernünftig war es nicht immer.

Wer von der Miliz angehalten wurde, konnte darauf bestehen, nichts falsch gemacht zu haben. Man konnte diskutieren, nach dem Grund fragen, vielleicht sogar nach einer Vorschrift. Oder man konnte irgendwann fragen:

Skolka?

Wie viel?

Damit war die Sache häufig schneller erledigt.

Das war Korruption. Natürlich war es das. Aber vielleicht ist Korruption nur der besonders verdichtete Ausdruck von etwas, das viel weiter reicht. Denn was ist Korruption im Alltag anderes als der Versuch, sich außerhalb einer allgemeinen Regel einen persönlichen Vorteil zu verschaffen?

Man kann das als Notwehr verstehen. Manchmal war es das vermutlich auch. Wo Regeln nicht schützen, sucht man einen anderen Weg. Doch dafür begegnete mir dieses Verhalten zu häufig auch dort, wo es gar keiner Notwehr bedurfte.

Das Geld für den Polizisten war nur die offensichtlichste Form. Man kannte jemanden, der jemanden kannte. Man telefonierte, fragte, fand einen Weg. Po blatu. Über Beziehungen. Wer das konnte, galt nicht unbedingt als korrupt. Oft galt er einfach als jemand, der wusste, wie das Leben funktionierte.

Molodjez.

Gut gemacht.

Irgendwann war die Umgehung nicht mehr nur Notwehr. Sie konnte sich wie ein kleiner Sieg anfühlen. Nicht die Regel hatte sich durchgesetzt, sondern ich gegen die Regel. Aus Anpassung begann eine Haltung zu werden.

Der Dumme war nicht derjenige, der die Regel umging. Der Dumme war derjenige, der glaubte, die Regel allein würde ihm helfen.

Damals hätte ich das nicht so beschrieben. Ich sah nur, dass es funktionierte.

Vielleicht lag darin etwas Tieferes. Man besaß einen Pass, aber daraus entstand noch kein Bürger. Der Staat war etwas, in dem man lebte, nicht unbedingt etwas, dem gegenüber man sich verpflichtet fühlte. Und vermutlich galt das auch umgekehrt. Man erwartete von ihm keine Verlässlichkeit und schuldete ihm deshalb auch keine.

Man war nicht staatenlos. Aber vielleicht ein wenig bürgerlos.

Bürger zu sein bedeutet schließlich auch, eine Regel dann anzuerkennen, wenn sie im konkreten Fall gegen den eigenen Vorteil gerichtet ist. Nicht aus Unterwerfung, sondern weil dieselbe Regel morgen mich schützen soll. Wo dieses Vertrauen fehlt, wird der Verzicht auf den eigenen Vorteil schnell zur Dummheit.

Und Vertrauen war ohnehin eine knappe Ressource. Niemand traute dem Staat wirklich, aber auch untereinander reichte Vertrauen häufig nur bis zum eigenen Kreis. Familie, Freunde, Bekannte – dort wusste man, woran man war. Außerhalb davon wurde Vorsicht vernünftig.

Auch das hatte eine Geschichte. Ein Staat, in dem Denunziation über Jahrzehnte nicht nur möglich, sondern zeitweise erwünscht und belohnt gewesen war, hinterlässt mehr als Akten. Er hinterlässt die Erfahrung, dass der Nachbar, der Kollege oder selbst ein Bekannter nicht unbedingt nur Nachbar, Kollege oder Bekannter sein musste. Man musste nicht selbst denunziert worden sein, um zu lernen, dass Vertrauen einen Preis haben konnte.

Das verschwand nicht einfach mit der Sowjetunion. Solche Erfahrungen, auch jene des Mangels, halten sich länger als die Institutionen, die sie hervorgebracht haben. Man lernte, wem man etwas sagte, wem besser nicht und auf wen man sich verlassen konnte. Das Allgemeine blieb unsicher, der eigene Kreis wurde umso wichtiger.

Darin liegt ein scheinbarer Widerspruch: wenig allgemeines Vertrauen und zugleich starke persönliche Netzwerke. Aber womöglich bedingt das eine das andere. Wenn ich der Institution nicht traue, brauche ich jemanden, dem ich traue. Wenn die Regel mein Problem nicht löst, brauche ich jemanden, der es kann.

Blat war deshalb mehr als eine praktische Abkürzung. Es war eine Antwort auf Misstrauen.

Aber Misstrauen bleibt nicht folgenlos. Wer oft genug erlebt, dass Regeln nicht schützen, Anstand keinen Vorteil bringt und derjenige weiterkommt, der weiß, wie die Dinge wirklich laufen, entwickelt irgendwann Zynismus. Nicht unbedingt als Charakterfehler. Zunächst vielleicht ebenfalls als Selbstschutz.

Man weiß durchaus, was richtig wäre. Man hält nur denjenigen für naiv, der danach handelt.

Der Zyniker muss die Moral nicht bestreiten. Es genügt, wenn er nicht mehr an ihre praktische Bedeutung glaubt. Er kennt die Regel, vielleicht sogar ihren Sinn, aber er kennt eben auch das Leben. Irgendwann wird dieses Wissen zu einer Form von Überlegenheit. Der andere glaubt noch daran. Ich weiß es besser.

Nun wird nicht mehr nur die Regel umgangen. Der Glaube an sie wird lächerlich.

Wenn eine Gesellschaft lange genug erfährt, dass allgemeine Regeln wenig schützen, wächst nicht nur das Misstrauen gegen sie. Es wächst auch die Fähigkeit, ohne sie auszukommen. Man lernt die Abkürzungen, kennt die richtigen Menschen, weiß, wann Geld hilft, wann Schweigen hilft und wann man besser zugreift.

Was heute verfügbar ist, nehme ich heute. Was allen gehört, gehört im Zweifel niemandem. Was eine Regel verbietet, lässt sich vielleicht umgehen. Was eine Institution nicht leistet, organisiere ich privat. Und wenn sich dabei ein Vorteil ergibt, wäre es beinahe unvernünftig, ihn nicht zu nutzen.

Ich musste dabei oft an den nach Hause getragenen Ziegelstein denken. Er lag irgendwo auf einer Baustelle. Niemand schien ihn gerade zu brauchen, also nahm man ihn mit. Nur einen Ziegelstein. Was sollte daran schon sein? Vielleicht konnte man ihn gebrauchen. Morgen war er womöglich ohnehin weg.

Das war keine Korruption. Aber vielleicht war es dieselbe Logik.

Warum sollte ich den Ziegelstein für eine Allgemeinheit liegen lassen, von der ich nicht erwarte, dass sie morgen etwas für mich liegen lässt? Warum sollte ich auf eine Institution vertrauen, wenn ich einen Menschen kenne, der mein Problem schneller lösen kann? Warum sollte ich auf Gleichbehandlung bestehen, wenn Ungleichbehandlung diesmal mir hilft?

Der eigene Vorteil ist konkret. Das Gemeinsame bleibt abstrakt.

Gerade deshalb greift es zu kurz, Korruption nur als Krankheit eines Systems zu betrachten. Sie ist auch Ausdruck eines Verhältnisses zum Gemeinsamen. Nicht jeder Regelbruch ist Korruption. Aber vieles folgt derselben Logik: Ich verlasse die allgemeine Regel, sobald der private Weg für mich günstiger ist.

Hier liegt eine Grenze, die leichter überschritten wird, als man zunächst glaubt. Denn wenn die allgemeine Regel nicht mehr die letzte Instanz ist, müssen Konflikte irgendwann anders entschieden werden.

Zunächst genügt der Bekannte. Dann vielleicht Geld. Dann Rang.

Rang musste sichtbar sein. Das erklärt etwas von jener eigentümlichen Bedeutung des Teuren, die mir immer wieder auffiel. Das große Auto, die Uhr, die Wohnung, der aufwendig gedeckte Tisch waren nicht bloß Konsum. Sie konnten Insignien sein. Sie zeigten nicht nur: Ich habe Geld.

Sie sagten: Ich bin jemand.

Wo die allgemeine Regel nicht zuverlässig schützt, kann sichtbarer Status selbst Schutz bieten. Wer erkennbar jemand war, wurde anders behandelt. Er musste weniger erklären, weniger warten, weniger bitten. Das teure Auto transportierte nicht nur einen Menschen. Es transportierte Rang.

Die Uhr zeigte nicht nur die Zeit. Sie zeigte, mit wem man es zu tun hatte.

Auch das konnte vernünftig sein.

Und wo Rang nicht genügte, blieb Macht.

Vielleicht beginnt hier auch eine Form von Aggression, die von außen leicht nur als Grobheit erscheint. Wer nicht darauf vertraut, dass eine Regel, eine Institution oder ein anderer Mensch ihn schützt, muss zeigen, dass er sich selbst schützen kann. Härte wird präventiv. Lieber einmal zu hart auftreten als einmal zu schwach. Lieber den anderen zurückdrängen, bevor er mich zurückdrängt.

Aggression kann dann als Selbstverteidigung empfunden werden, noch bevor überhaupt jemand angegriffen hat.

Darin steckt eine schreckliche Vernunft.

Irgendwann wusste man gar nicht mehr, wer eigentlich angefangen hatte. Jeder verteidigte sich. Und jeder konnte erklären, warum.

Damit ist Gewalt noch lange nicht zwangsläufig. Korruption ist keine Gewalt, Zynismus ist keine Gewalt, ein großes Auto schon gar nicht. Aber die Dinge berühren sich dort, wo dasselbe Prinzip gilt: Nicht die allgemeine Regel entscheidet zwischen uns, sondern die Mittel, über die wir verfügen.

Der eine hat Beziehungen. Der andere Geld. Ein Dritter Rang. Wer Macht hat, braucht weniger davon.

Und wer schließlich Gewalt besitzt, braucht vielleicht gar keinen anderen Weg mehr.

Damit verändert sich auch das Verhältnis zur Macht. Sie erscheint nicht mehr nur als etwas, das begrenzt werden muss. Sie wird selbst zum Argument. Wer sich durchsetzen kann, beweist gerade dadurch, dass mit ihm zu rechnen ist.

Hier beginnt vielleicht jener Fatalismus, der mir so oft begegnete. Nicht nur der Satz, dass man ohnehin nichts ändern könne. Sondern eine tiefere Gewöhnung daran, dass die Welt nun einmal so funktioniert: Der Stärkere setzt sich durch. Der Schwächere arrangiert sich. Die Regel hilft dem, der sie durchsetzen kann. Und wer das nicht versteht, ist selbst schuld.

Fatalismus wird dadurch noch nicht zu Faschismus. Aber er kann ihm den Boden bereiten.

Denn Faschismus braucht nicht nur Gewalt. Er braucht auch eine Vorstellung von Ordnung, in der Stärke höher bewertet wird als Begrenzung, Durchsetzung höher als Recht und Zugehörigkeit höher als die gleiche Regel für alle. Wo lange genug erfahren wurde, dass Regeln verhandelbar und Machtverhältnisse wirklich sind, muss dieser Übergang nicht mehr als vollständiger Bruch erscheinen.

Die Gewalt kommt dann nicht unbedingt von außen in eine intakte Ordnung. Sie übernimmt eine Logik, die im Kleinen längst vertraut ist.

Das klingt rückblickend größer, als es sich damals anfühlte. Im Alltag waren es keine politischen Theorien. Es waren kleine Entscheidungen. Man zahlte. Man rief jemanden an. Man zeigte, wer man war. Man wurde laut. Man schwieg. Man arrangierte sich.

Man tat, was vernünftig war.

Gerade deshalb bemerkte man kaum, was sich daraus zusammensetzte.

Und gerade deshalb kann ein Interesse entstehen, diese Ordnung zu erhalten. Denn wer gelernt hat, außerhalb der Regeln zurechtzukommen, profitiert nicht unbedingt davon, wenn sie plötzlich funktionieren. Eine Regel, die tatsächlich für alle gilt, schließt auch die eigene Abkürzung. Der Bekannte kann nicht mehr helfen. Der Beamte darf nicht mehr. Der Polizist verhandelt nicht. Beziehungen verlieren ihren besonderen Wert. Rang schützt weniger. Das teure Auto bleibt ein teures Auto.

Eine wirkliche Reform hätte deshalb einen merkwürdigen Preis. Sie würde nicht nur Korruption beseitigen. Sie würde erworbenes informelles Wissen entwerten. Derjenige, der gestern wusste, wie man an der Schlange vorbeikommt, müsste sich morgen hinten anstellen. Er verlöre nicht nur einen Vorteil. In seiner eigenen Wahrnehmung wäre er vielleicht sogar weniger wert.

Das erklärt etwas von jener Beharrlichkeit, die ich so oft beobachtete: Wir sind eben so. Bei uns funktioniert es eben so.

Das war nicht immer nur Resignation. Es konnte auch Verteidigung sein. Und selbst der Zynismus war dabei nützlich. Wer behauptet, alle seien korrupt, alle Politiker würden stehlen und überall gehe es letztlich nur um Macht, muss nicht mehr darüber sprechen, ob eine andere Ordnung möglich wäre.

Der Zynismus schützt vor Enttäuschung.

Und das Bestehende gleich mit.

Vielleicht erklärt das einen Teil jener schwer fassbaren Loyalität zum Russki Mir. Sie muss nicht unbedingt Loyalität zu einem Staat sein. Vielleicht ist sie auch Loyalität zu einer vertrauten Ordnung: zu einer Welt, deren offizielle Regeln man nicht unbedingt respektiert, deren tatsächliche Regeln man aber kennt.

Dann endet diese Vertrautheit nicht notwendig an einer Staatsgrenze. Wo dieselben Codes verstanden werden, kann auch dieselbe Vorstellung davon bestehen, wie die Dinge nun einmal funktionieren. Vielleicht liegt darin ein Teil der Anziehungskraft des Russki Mir: Das Bekannte soll das Fremde ersetzen – selbst wenn das Bekannte schlechter funktioniert.

Das könnte auch einen Teil der erstaunlichen politischen Dauer dieses Systems erklären. Man muss Putin nicht lieben. Man muss nicht einmal glauben, was im Fernsehen erzählt wird. Es genügt, dass eine Ordnung bestehen bleibt, deren wirkliche Regeln man kennt – einschließlich der Wege, ihre offiziellen Regeln zu umgehen.

Vielleicht liegt der Fehler darin, Putin und die russische Gesellschaft als zwei getrennte Dinge zu betrachten. Als wäre da auf der einen Seite ein Herrscher und auf der anderen ein Volk, dem seine Ordnung auferlegt wurde.

Putin kam nicht aus dem Nichts. Er war anschlussfähig. Beziehungen statt Institutionen, sichtbarer Rang, Stärke als Argument, Misstrauen und Zynismus – er erfand diese Welt nicht. Er gab vielem von dem, was vorhanden war, eine politische Form.

Dann wirkte diese Form zurück.

Das System veränderte die Gesellschaft, aus der es entstanden war. Was vorher Anpassung gewesen war, konnte zur Haltung werden. Stärke wurde nicht nur erwartet, sondern inszeniert. Misstrauen bestätigte neues Misstrauen. Der Zynismus erwies sich als brauchbar.

Putin wurde so zum verdichteten Ausdruck einer Gesellschaft, die sich unter ihm zugleich weiter veränderte.

Unter Putin musste der Bürgerlose nicht zum Bürger werden. Er konnte bleiben, was er war.

Oben wurde der Staat immer stärker, unten blieben unzählige private Wege durch ihn hindurch. Der Staat verlangte Loyalität, wenn er sie brauchte. Im Alltag blieb vieles verhandelbar.

So entstand ein merkwürdiges Gleichgewicht. Man beklagte das System und benutzte es. Man litt unter seinen Regeln und profitierte von ihrer Durchlässigkeit. Man wusste, dass vieles falsch war, und hatte trotzdem ein persönliches Interesse daran, dass nicht alles richtig wurde.

Die entscheidende Frage lautete nicht mehr: Was ist erlaubt?

Sondern: Gibt es einen Weg für mich?

Solange die Antwort Ja lautete, konnte ein schlechtes System erstaunlich lange vernünftig erscheinen.

Korruption ist deshalb vielleicht nicht die Ursache dieses Zustands. Eher einer seiner verdichtetsten Ausdrücke, ein kollektiv erlernter Reflex.

Ich erwarte nicht, dass die Regel mich schützt. Also suche ich meinen Vorteil außerhalb der Regel. Und weil ich gelernt habe, ihn dort zu finden, habe ich irgendwann selbst etwas dagegen, dass die Regel zu mächtig wird.

Deshalb misstraue ich dem Begriff Mentalität. Die Russen sind so erklärt fast nichts. Der eine zahlte, der andere nicht. Der eine nahm den Ziegelstein, der andere ließ ihn liegen. Der eine nutzte seine Beziehungen, der andere bestand auf der Regel. Der eine arrangierte sich, der andere widersprach.

Die Frage ist nicht, warum Menschen so sind. Sondern welche Verhältnisse welches Verhalten vernünftig erscheinen lassen – und warum manche sich ihnen trotzdem entziehen.

Dabei ist dieses Land nicht dumm. Im Gegenteil. Es hat enorme intellektuelle Fähigkeiten hervorgebracht und zugleich vieles dafür getan, das Intellektuelle zu lenken, zu disziplinieren oder, sobald es sich nicht einordnen ließ, wie Unkraut zu behandeln.

Vielleicht liegt das eigentliche Problem woanders:

Russland ist nicht intellektuell dumm. Vielleicht aber sozial.

Gerade in den Dörfern konnte man sehen, was das bedeutet. Dort war gegenseitige Abhängigkeit lange eine der letzten funktionierenden sozialen Strukturen. Man brauchte einander. Man tauschte, half, reparierte. Nicht unbedingt aus Zuneigung, sondern weil das Leben ohne den anderen schwerer zu bewältigen war.

Das war noch keine Zivilgesellschaft. Aber es war Gesellschaft.

Als auch diese Wechselbeziehungen verschwanden, verlor sie sich beinahe von selbst. Immer häufiger blieb der Einzelne mit seinem kleinen Kreis – und über ihm ein Staat, der umso stärker werden konnte, je weniger zwischen beiden bestand.

Das ist es, was ich mit sozial dumm meine. Nicht einen Mangel an Intelligenz, sondern die Unfähigkeit einer Ordnung, den Wert ihrer eigenen menschlichen Beziehungen zu erkennen und zu erhalten. Ein Land kann Ingenieure, Wissenschaftler, Musiker und Schriftsteller hervorbringen und gleichzeitig ganze Regionen so behandeln, als seien die Menschen darin austauschbar.

Eine Gesellschaft kann ungeheuer reich sein und sich trotzdem selbst verarmen. Sie verlernt, Gemeinschaft zu sein und sich gegenseitig zu tragen.

Menschen zu beherrschen hingegen hat diese Ordnung nie verlernt.

Veränderung beginnt deshalb vielleicht nicht dort, wo plötzlich bessere Menschen auftauchen. Sondern dort, wo es für den Einzelnen vernünftiger wird, Bürger zu sein. Wo Vertrauen außerhalb der Familie und des eigenen Kreises kein Leichtsinn mehr ist. Wo man nicht aggressiv sein muss, um nicht schwach zu erscheinen. Wo die Uhr wieder nur die Zeit zeigen darf. Wo der persönliche Vorteil außerhalb der Regel weniger wert ist als die Sicherheit innerhalb der Regel.

Dann wären richtig und vernünftig vielleicht wieder dasselbe.

Vielleicht wird gerade deshalb eine Gesellschaft zur Bedrohung, die versucht, diesen Weg zu gehen. Nicht weil ihre Menschen besser wären. Nicht weil dort Korruption plötzlich verschwunden wäre. Sondern weil sie eine andere Antwort auf dieselbe Erfahrung versucht: Regeln einzufordern, Institutionen zu verändern und aus Bewohnern Bürger zu machen.

Das Gefährliche daran ist nicht, dass sie gegen das alte System kämpft.

Sondern dass sie zeigt, dass es auch anders gehen könnte.

Bis dahin bleibt eine merkwürdig freiwillige Degradation. Man könnte Regeneration versuchen, vielleicht sogar Emanzipation.

Aber vernünftiger erscheint es, sich einzurichten.

Man tut eben, was man kann.