UROD
Heute ist wieder so ein Tag. Saporischschja, Dnipro, Odesa, Kyjiw. Namen, die für mich keine Punkte auf einer Landkarte sind, sondern Städte, in denen Menschen aufstehen, Kaffee trinken, ihre Kinder wecken, zur Arbeit fahren, Brot holen, streiten, sich versöhnen und am Morgen sagen: Bis heute Abend.
Und dann kommen die Raketen. Die Drohnen. Mitten in die Stadt. Mitten in das Sirenengeheul.
Ich sehe die Einschläge, den Staub, die Splitter, Beton, Glas und Metall. Manchmal gibt es diese Sekunden davor, in denen die Sirene längst läuft und die Menschen warten. Irgendwo schreibt jemand auf dem Telefon, dass etwas in der Luft ist. Man hört, schaut, wartet. Und dann steht für einen Augenblick die Luft, bevor sie selbst zur Gewalt wird, Fenster aus den Rahmen reißt, Türen durch Zimmer wirft und eine Wand auf den Menschen drückt, der eben noch dahinterstand.
Danach kommt diese verwerfliche Stille mitten in der Stadt. Erst dann die Schreie. Wie Wellen. Einer zuerst, dann mehrere, dann wieder diese merkwürdige Stille dazwischen, in der irgendwo eine Alarmanlage heult, Wasser aus einem geborstenen Rohr läuft oder ein Telefon klingelt. Vielleicht ruft dort gerade jemand an, der noch nicht weiß, dass niemand mehr abheben wird, während wenige Meter weiter die Flammen vernichten, was der Einschlag übriggelassen hat.
Und dann beginnt die Arbeit. Das Löschen, Graben, Tragen, Suchen, Rufen. Menschen müssen zählen, verpacken, identifizieren. Es sind so ordentliche Wörter für etwas, für das es eigentlich keine Ordnung mehr gibt. Irgendjemand muss einen Reißverschluss schließen, irgendjemand eine Nummer schreiben, irgendjemand muss später einem Menschen sagen, dass man gefunden hat, wonach er seit Stunden gesucht hat.
Ich sehe Sanitäter über einem Kind. Sie drücken auf seinen Brustkorb, wieder und wieder, mit jener mechanischen Entschlossenheit, die keine Verzweiflung kennen darf, solange noch irgendeine Möglichkeit besteht. Der kleine Körper bewegt sich unter ihren Händen. Noch einmal. Noch einmal. Bis irgendwann nur noch dieses letzte Röcheln kommt und danach nichts mehr.
Wie schreibt man den nächsten Satz?
Vielleicht sollte dort eine leere Seite stehen.
Aber der Krieg lässt keine leeren Seiten zu. Am nächsten Morgen gibt es neue Bilder. Ein Kind tanzt. Dort, wo einmal ein Bein war, trägt es eine Prothese. Natürlich könnte man darin Hoffnung sehen, Lebenswillen, vielleicht sogar einen kleinen Sieg über den Krieg. Ich kann es nicht. Ich sehe zuerst ein Kind, das lernen musste, mit einer Prothese zu tanzen, weil irgendwo Erwachsene beschlossen hatten, dass ihre Vorstellungen von Geschichte, Macht und Grenzen wichtiger waren als die Unversehrtheit dieses Kindes.
Es tanzt trotzdem.
Dieses trotzdem ist zu einem der grausamsten Wörter dieses Krieges geworden. Menschen heiraten trotzdem, Kinder gehen zur Schule trotzdem, Cafés öffnen trotzdem, Züge fahren trotzdem, Frauen schminken sich trotzdem, Männer erzählen schlechte Witze trotzdem. Aber auch die Züge werden angegriffen, die Bahnhöfe, die Energieversorgung, die Häuser, beinahe alles, so scheint es. Und nachts liegen Familien auf den Bahnsteigen der Metro, auf Decken und Jacken, Kinder zwischen Taschen, alte Menschen an Säulen gelehnt, Hunde unter den Bänken. Eine Metrostation wurde gebaut, damit Menschen von einem Teil ihrer Stadt in einen anderen gelangen. Jetzt schlafen sie dort, weil der Boden tief genug ist, um vielleicht nicht zu sterben.
Vielleicht.
Mehr verspricht ihnen diese Nacht nicht.
Ich kenne dieses Land. Dreiundzwanzig Jahre meines Lebens. Ich kenne seine Straßen, seine Bahnhöfe, seine Wohnungen, seine schlechten Gehsteige und diese Küchen, in denen viel zu lange geredet und noch später gegessen wurde. Manchmal erkenne ich auf diesen Bildern einen Ort, und das ist schlimmer, weil aus dem Krieg plötzlich etwas anderes wird. Da war ich. Da standen Häuser. Da lebten Menschen. Und die, die ich kannte.
Und irgendwo, Hunderte Kilometer entfernt, hat jemand entschieden, dass genau dorthin etwas fliegen soll. Jemand hat Koordinaten eingegeben, jemand einen Befehl gegeben, jemand einen Knopf gedrückt. So viele Menschen waren notwendig, damit diese Rakete fliegen konnte, und jeder einzelne Vorgang für sich war wahrscheinlich banal. Eine Zahl, eine Unterschrift, ein Handgriff, ein Befehl.
Am Ende fliegt Hass in Eisen.
Und während er fliegt, hört man von dort, man habe diesen Krieg nie angefangen. Zivile Opfer gebe es nicht oder sie seien die Schuld der anderen. Man hört, was die Ukrainer seien, was mit ihnen geschehen müsse, was man ihnen noch beibringen müsse. Als genügte es nicht, Hass in Eisen zu schicken. Man muss auch noch erklären, weshalb derjenige, auf den er niedergeht, ihn verdient hat.
Vielleicht ist das eine der vollkommensten Formen der Degradation: Der Mensch muss den Menschen nicht einmal mehr sehen, den er tötet. Er sieht Koordinaten, ein Ziel, ein Objekt, einen Punkt auf einem Bildschirm. Aber dort unten ist kein Punkt. Dort sitzt ein alter Mann in seiner Küche. Dort schläft ein Kind. Dort wartet jemand darauf, dass die Waschmaschine fertig wird. Dort liegt ein Paar im Bett. Dort schreibt jemand eine Nachricht. Dort hat jemand vor einer Minute noch gelacht.
Danach müssen andere kommen und das Ergebnis dieser Koordinaten aus dem Schutt holen.
Du aber bist nicht da. Du musst den Staub nicht schlucken, das Blut nicht riechen, die Schreie nicht hören. Du musst nicht auf den Brustkorb dieses Kindes drücken und irgendwann entscheiden, wann du aufhörst. Du musst niemanden identifizieren, nichts zählen, nichts verpacken und keinen Reißverschluss schließen.
Du warst weit genug entfernt.
Vielleicht ist es gerade diese Entfernung, die mich so wütend macht. Zwischen demjenigen, der entscheidet, und demjenigen, dessen Körper die Entscheidung trifft, liegen Hunderte Kilometer, Bildschirme, Befehle und Technik. Man kann töten, ohne die Folgen sehen zu müssen, und danach die großen Worte benutzen: Stärke, Vaterland, Geschichte und Sieg.
Ich merke, wie mich dabei Wut überkommt, und an solchen Tagen möchte ich sie nicht analysieren. Ich möchte nichts über Peter den Großen hören, nichts über NATO, nichts über 1991, nichts über Sicherheitsinteressen, Einflusssphären oder historische Kränkungen. Vielleicht kränkt sich besonders leicht, was von einem so hohen Bild seiner selbst lebt.
Aber nicht vor diesem Schutt. Nicht vor diesem Kind. Nicht vor Menschen, die nachts auf dem Boden einer Metrostation liegen und hoffen, dass über ihnen am Morgen noch ihre Wohnung steht. Denn nichts davon hebt einen Betonbrocken hoch. Nichts davon gibt einem Kind sein Bein zurück. Nichts davon bringt einen Menschen zurück.
Wie konntet ihr das tun?
Nicht: Wie konnte Russland das tun?
Wie konntet ihr das tun?
Menschen.
Das ist vielleicht das Unerträglichste daran. Menschen haben es getan.
Ihr habt gewusst, was eine Rakete mit einem Haus macht. Ihr habt gewusst, was Splitter mit einem Körper machen. Ihr habt gewusst, dass unter diesen Dächern Menschen schlafen, dass dort Kinder sind, und ihr habt es trotzdem getan.
In solchen Augenblicken suche ich nach all den Worten, mit denen ich seit Jahren versuche zu begreifen: Macht, Propaganda, Imperium, Kränkung, Gehorsam, Angst, Degradation. Aber keines reicht mehr. Nicht weil es keine Erklärungen gäbe, sondern weil keine davon groß genug ist für die Schreie.
Irgendwann bleiben nur noch Laute. Etwas kommt aus einem heraus, dass kein Gedanke mehr ist, kein Essay, keine Analyse, nicht einmal ein Satz.
Urod.
Und doch habe ich während dieses Krieges bei den Ukrainern etwas beobachtet, das mich beinahe ebenso beschäftigt. Einen Hass, für den Hass vielleicht das falsche Wort ist. Er ist gewaltig, manchmal erschreckend, und trotzdem fehlt ihm etwas, das ich mit Hass immer verbunden hatte: der Wunsch, den konkreten Menschen vor sich leiden zu sehen.
Vielleicht ist es ein defensiver Hass.
Wenn der russische Soldat gefangen vor einem sitzt, wenn aus der Uniform plötzlich wieder ein Gesicht wird, geschieht etwas Merkwürdiges. Man gibt ihm Wasser, versorgt seine Wunden, gibt ihm etwas zu essen oder eine Zigarette. Dort sitzt dann nicht Russland. Dort sitzt ein Mensch. Vielleicht ein verängstigter Junge, vielleicht ein Familienvater, vielleicht einer, der selbst nicht mehr weiß, warum er hier ist.
Der konkrete Mensch kann wieder Mensch werden.
Der Hass bleibt trotzdem.
Das hat mich lange beschäftigt. Denn wenn er nicht diesen Mann meint, wen meint er dann?
Vielleicht liegt dieser Hass längst auf einer anderen Ebene. Er will nicht mehr zurückschlagen. Er will Abstand. Er will nicht mehr glauben müssen, nicht mehr vertrauen, nicht mehr hören, man sei doch ein Volk, Brüder, beinahe dasselbe. Er ist vielleicht weniger der Wunsch, dem anderen etwas anzutun, als der Wunsch, sich nie wieder von ihm täuschen zu lassen.
Und darin liegt etwas Endgültiges.
Manchmal schien es mir, als wären Menschen und Russen im Inneren beinahe zu zwei Kategorien geworden. Der Gedanke ist erschreckend, vielleicht sogar ungerecht, und doch gehört auch er zu diesem Krieg. Denn sobald ein wirklicher Russe vor einem sitzt, mit einem Gesicht, einem Namen, einer Wunde und seiner Angst, zerfällt diese Kategorie wieder. Der Einzelne darf Mensch sein. Vielleicht war er es sogar immer.
Aber Russland, dieses große Ganze hinter ihm, ist aus der menschlichen Nähe herausgefallen.
Der Hass liegt dort.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb er so schwer zu erklären ist. Einen Gefangenen zu schlagen würde das zerstörte Haus nicht wieder aufbauen. Seine Erniedrigung gäbe einem Kind sein Bein nicht zurück, seine Schmerzen würden keinen Toten auferwecken. Dieser Hass braucht den einzelnen Menschen vor einem gar nicht mehr.
Er braucht Abstand.
Und vielleicht liegt darin etwas, das tiefer reicht als die Wut über diesen Krieg.
Das Gefühl, dass etwas sichtbar geworden ist, das vorher schon da war.
Nicht bei jedem Menschen, nicht in jedem Gespräch und vielleicht nicht einmal bewusst. Aber da war dieses Hohe, dieses Überlegene, dieses ewige Wissen darum, wer der Größere und wer der Kleinere sei, wer Geschichte besitzt und wer lediglich darin vorkommt, wer selbst entscheiden darf und wer dankbar sein sollte, überhaupt dazugehören zu dürfen. Da war dieser große Stolz, die großen Worte, der Sieg, das Imperium, die Fahnen, die Panzer auf den Paraden und diese beinahe pathologische Empfindlichkeit gegenüber jeder wirklichen oder eingebildeten Kränkung.
Man konnte darüber lachen, darüber streiten, es historisch erklären und psychologisch einordnen. Man konnte sagen: Russland eben.
Und dann kamen sie.
Nicht als Metapher und nicht als historische Erinnerung, sondern mit Panzern, Raketen, Bomben und Koordinaten.
Vielleicht liegt darin diese andere Ebene des Hasses, die ich bei Ukrainern zu erkennen glaube. Es ist nicht nur: Ihr habt uns angegriffen, unsere Städte zerstört, unsere Menschen getötet.
Es ist:
Ihr habt euch offenbart.
Ihr habt gezeigt, was hinter all den Worten von Brüderlichkeit, gemeinsamer Geschichte und gemeinsamer Kultur ebenfalls Platz hatte. Dass Bruder vielleicht immer nur so lange Bruder bedeutete, solange der jüngere Bruder akzeptierte, wer der ältere war. Solange er blieb, solange er gehorchte, solange er nicht sagte:
Nein. Ich will anders leben.
Und als er es sagte, kamen die Raketen.
Vielleicht erklärt das auch diesen scheinbaren Widerspruch. Man kann einem russischen Gefangenen Wasser reichen und gleichzeitig das, wofür Russland im eigenen Inneren inzwischen steht, abgrundtief hassen. Der eine Hass braucht den Menschen nicht mehr zu sehen, um ihn zu töten.
Der andere sieht den Menschen – und hält inne.
Vielleicht ist das die letzte Grenze.
Und vielleicht ist selbst Hass dafür das falsche Wort. Es ist Wut, Verachtung, Enttäuschung und Bestätigung zugleich. Vor allem aber ist es der Wunsch nach Distanz. Nach einem Ende. Nach dem Recht, nie wieder Bruder sein zu müssen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Demaskierung dieses Krieges.
Nicht die Gewissheit, Russland nun endlich verstanden zu haben.
Denn vielleicht wäre auch das zu einfach.
Sondern die Tatsache, dass eine Frage zurückbleibt, die vor diesem Krieg noch unerträglich erschienen wäre und heute überhaupt gestellt werden kann:
Was seid ihr geworden?
Oder ist selbst diese Frage schon falsch?
Wart ihr immer schon so?