14. MÄRZ

Noch zwei Tage bis zum Referendum.

Der Tag begann wie so viele in diesen Wochen: mit dieser merkwürdigen Mischung aus Anspannung und Routine. Menschen gingen einkaufen, Busse fuhren, auf dem Markt wurde gefeilscht, als hinge das Leben davon ab – und vielleicht tat es das inzwischen auch. Über allem lag eine Schwere. Gespräche wurden kürzer, Blicke länger, und selbst zwischen Nachbarn, die sich seit Jahren kannten, konnte ein beiläufiger Satz plötzlich zu einem Bekenntnis werden.

Kinder wurden zur Schule gebracht, Busse kamen und gingen, die Sonne schien. Trotzdem bewegte man sich vorsichtiger durch die Stadt. Man überlegte, mit wem man sprach und was man sagte.

Von den russischen Soldaten hieß es inzwischen, es seien mehr als zwanzigtausend auf der Halbinsel. Ob die Zahl stimmte, wusste niemand von uns. Aber niemand fragte mehr, ob russische Soldaten da waren. Man fragte nur noch, wie viele.

Man sah sie nicht überall, doch ihre Anwesenheit bestimmte längst den Alltag. Kontrollpunkte, Militärfahrzeuge, blockierte Kasernen, Männer ohne Abzeichen. Die ukrainischen Soldaten saßen vielerorts hinter ihren Zäunen und warteten.

Auch in Simferopol.

Am Vormittag kam die Meldung, dass sogenannte Selbstverteidigungskräfte vor einem ukrainischen Treibstofflager zusammengezogen worden seien. Bewaffnete Männer, hieß es, einige mit automatischen Waffen, andere mit Knüppeln oder Baseballschlägern.

Die ukrainischen Soldaten dort seien unbewaffnet.

Ich blieb an diesem Wort hängen.

Unbewaffnet.

Soldaten.

Es war eine dieser Absurditäten, an die man sich inzwischen beinahe gewöhnt hatte. Eine Armee saß in ihren eigenen Kasernen und durfte nicht schießen, während draußen Männer standen, von denen offiziell kaum jemand sagen wollte, wer sie eigentlich waren.

Vielleicht war genau das die Strategie: nicht kämpfen, sondern so nahe kommen und so lange bleiben, bis der andere irgendwann aufgab.

Gleichzeitig kamen Nachrichten aus Donezk. Am Abend zuvor waren dort eine proukrainische und eine prorussische Demonstration aufeinandergetroffen. Wir sahen Menschen, die aufeinander einschlugen, und erfuhren, dass ein junger Mann erstochen worden war.

Dmytro Tschernjawskyj.

Zweiundzwanzig Jahre alt.

Ich blieb an seinem Alter hängen.

Bis dahin hatten wir fast nur auf die Krim geschaut, auf unsere Straßen, unsere Flughäfen und Kasernen. Jetzt sahen wir nach Osten.

Donezk war weit weg.

Aber plötzlich nicht mehr weit genug.

Auch aus Kiew kamen Nachrichten. Das Parlament hatte die Nationalgarde neu geschaffen. Sie sollte unter anderem die öffentliche Ordnung sichern und die Streitkräfte bei der Verteidigung des Landes unterstützen.

Die Ukraine begann sich auf ihre Verteidigung vorzubereiten, während hier auf der Krim ukrainische Soldaten hinter ihren Zäunen saßen und warteten.

Dieser Gegensatz ließ mich nicht los.

Dann geschah auf der Krim etwas, das in all den Bildern von Soldaten, Fahnen und jubelnden Menschen beinahe unterging.

Entlang der Straßen stellten sich Menschen auf.

Nicht nur in Simferopol. Auch zwischen Simferopol und Bachtschissarai, bei Dschankoj und in anderen Teilen der Halbinsel bildeten sich lange Reihen. Krimtataren standen dort, Ukrainer und andere, die das Referendum ablehnten. Sie hielten ukrainische und krimtatarische Fahnen, Transparente gegen den Krieg und für die territoriale Einheit der Ukraine.

Eine Menschenkette. Riesig und lang.

Zehntausende.

Keine Waffen. Keine Absperrungen. Menschen am Straßenrand.

Autos fuhren an ihnen vorbei. Manche hupten.

Zwei Tage vor dem Referendum zeigte sich noch einmal eine andere Krim als jene, die im russischen Fernsehen bereits entschieden hatte, wohin sie gehörte.

Sie war da.

Man musste nur hinsehen.

Am Nachmittag kam ein Bekannter vorbei. Einfach auf einen Kaffee, so, wie sich Menschen trafen, die seit Jahren über das Geschäft miteinander verbunden waren.

„Ich mach zu“, sagte er gleich zu Beginn.

Er sah mich nicht an.

„In zwei Wochen ist Schluss. Alle meine Kunden sind auf der anderen Seite. Wenn die Grenzen zugehen, kann ich es vergessen.“

Er sprach weder laut noch wütend. Ein Mann um die fünfzig, Sohn eines russischen Offiziers, Geschäftsmann – und Ukrainer aus Überzeugung.

„Du glaubst wirklich, es wird so schlimm?“, fragte ich.

„Ich weiß es“, sagte er ruhig. „Wenn man logisch denkt, ist das unausweichlich. Keine Anerkennung, keine Verträge, kein Geldfluss. Sanktionen. Isolation.“

Er deutete mit der Hand nach draußen.

„Und das hier wird wie Transnistrien. Ein schwarzes Loch.“

Dann lächelte er schief.

„Kennst du Das Leben des Brian? Die Szene mit den Römern?“

Ich nickte.

„Ihr seid alle Individuen!“

Er machte eine kleine Pause.

„Und alle rufen: Ja, wir sind alle Individuen!“

Er lachte kurz.

„Frei wählen darf jeder. Solange er das Richtige ankreuzt.“

Dann wurde er wieder ernst.

„Und das Schlimmste ist nicht einmal Russland selbst“, sagte er. „Es sind die, die im Auftrag handeln. Banditen mit Bühne. Russland gibt ihnen Deckung, Geld, Waffen – und sie liefern das hier fertig verpackt nach Moskau.“

Er beugte sich vor.

„Man kann es nicht aufhalten. Man kann nur entscheiden, wie man damit lebt.“

Dann schwieg er kurz.

„Oder ob man bleibt.“

Der Satz traf mich.

Bis dahin waren Bleiben und Gehen Gedanken gewesen, Möglichkeiten, die man hin und her schob, ohne sie wirklich zu Ende zu denken. Jetzt saß ein Mann vor mir, der seine Entscheidung bereits getroffen hatte.

Er machte zu.

Nicht irgendwann.

In zwei Wochen.

Am Abend liefen wieder die Nachrichten. Die Gesichter auf dem Bildschirm versicherten sich gegenseitig, alles entspreche dem Willen des Volkes. Aksjonow sprach mit jener Sicherheit, die mich inzwischen mehr beunruhigte als jede Drohung. Das Referendum war noch zwei Tage entfernt, aber wenn man ihm zuhörte, klang es, als müsse eigentlich gar nichts mehr entschieden werden.

Natascha machte mit den Kindern Hausübungen und übersetzte Texte, wie sie es oft tat. Eine Art Ordnung gegen das Außen.

Dann kam die Meldung über drei verschwundene Aktivisten.

Sie waren am Abend zuvor von Sewastopol nach Simferopol gefahren. Gegen halb zwölf hatte man sie noch in Simferopol gesehen. Dann hatte Lukjantschenko angerufen.

Drei Fahrzeuge verfolgten sie.

Es werde geschossen.

Sie wollten versuchen, das Büro des Medschlis zu erreichen.

Danach brach der Kontakt ab.

Ihre Telefone konnten später in der Nähe des Militärkommissariats in Simferopol geortet werden. Bewaffnete Männer ohne Abzeichen bewachten das Gebäude. Sie bestritten, die drei dort festzuhalten.

Ich dachte an die Menschen, die tagsüber an den Straßen gestanden hatten.

An ihre Fahnen und Transparente.

An diese lange Kette quer durch eine Halbinsel, die angeblich bereits entschieden hatte.

Und irgendwo in derselben Stadt waren drei Menschen verschwunden.

Ich saß noch eine Weile vor dem Fernseher, obwohl ich längst nicht mehr richtig hinsah.

Der Bekannte hatte am Nachmittag gesagt, man könne nur entscheiden, wie man damit lebe. Oder ob man bleibt.

Zum ersten Mal begann ich zu verstehen, dass auch wir diese Entscheidung würden treffen müssen.

15. MÄRZ

Es überraschte uns. Nicht der Besuch an sich, sondern der Moment.

Tamara und Sergej standen plötzlich vor unserer Tür. Unangekündigt. Früh am Vormittag, mitten im März. Sonst kamen sie im August, wenn die Sonne alles leichter machte und Gespräche sich in Wärme auflösten. Jetzt wirkten sie wie Abgesandte einer anderen Welt. Mit einer Botschaft, die sie nicht erst formulieren mussten.

Tamara trug, wie immer, makelloses Weiß. Ein Kleid ohne Schatten, auffallend, fast demonstrativ. Sie war die Tochter eines Kreml-Chefarztes, bestens vernetzt und bis weit nach oben im Moskauer Machtmilieu verankert. Tamara war nie eine Frau der Zufälle gewesen. Wenn sie unangekündigt kam, dann kam sie mit Absicht.

Sergej trug Jeans. Unauffällig. Er lächelte dieses höfliche, kontrollierte Lächeln, das ich aus den Fluren der Universität kannte – aus jener Zeit, als er noch geglaubt hatte, Natascha gewinnen zu können. Jetzt stand er an Tamaras Seite wie ein Zeuge. Nicht wie ein Freund.

Wir baten sie herein. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht, weil wir wissen wollten, wie tief der Graben inzwischen war.

Wir Männer zogen uns zunächst auf den Balkon zurück und rauchten. Drinnen hörten wir gedämpfte Stimmen. Satzfragmente über Geschichte, Sicherheit, Zukunft. Jasmintee. Das leise Klirren von Löffeln. Der Versuch, Ordnung in ein Gespräch zu rühren, das längst keines mehr war.

Als wir zurückkamen, setzten wir uns an den Tisch. Doch das, was uns früher verbunden hatte, war nur noch Kulisse. Frau gegen Frau. Mann gegen Mann. Und dazwischen ein Riss, der mit jedem Satz breiter wurde.

Tamara sprach von Heimkehr. Von Schicksal. Von einer Seele, die man nicht teilen könne. Sie sprach ruhig, mit einer Gewissheit, gegen die Argumente kaum noch etwas ausrichten konnten.

Natascha hörte zu. Zuerst still. Dann immer aufrechter. Bis aus dem Schweigen Worte wurden. Präzise. Schneidend. Unverrückbar.

Sie sprach von Verträgen, die Russland selbst unterzeichnet hatte. Von anerkannten Grenzen. Von Entscheidungen, die nicht das Werk eines Einzelnen gewesen waren, sondern ganzer Gremien.

„Was soll das alles hier?“, fragte sie schließlich.

„Ihr könnt doch nicht so tun, als sei das ein Irrtum gewesen. Als hätte Chruschtschow betrunken ein Stück Land verschenkt. Das ganze Politbüro stand dahinter. Und ihr wart einverstanden.“

Sie hielt kurz inne.

„Und jetzt, Jahrzehnte später, erklärt ihr die Vergangenheit für ungültig, nur weil euch die Gegenwart nicht passt?“

Sergej schwieg. Dann sagte er leise, fast sachlich, man habe damals getan, was nötig gewesen sei. Russland sei schwach gewesen. Verträge seien Worte – und Worte gälten nur, solange man sie verteidigen könne. Politik, sagte er, sei Bewegung. Und Bewegung lasse sich nicht einfrieren.

Es war kein lauter Satz, kein aggressiver. Und genau deshalb veränderte er alles.

„Dann geht es also nur darum, dass ihr stark genug seid, es euch zu nehmen“, sagte Natascha.

„Nicht um Recht. Nicht um Geschichte. Nur um Macht.“

Sergej sah sie lange an. In seinem Blick lag etwas wie Bedauern. Oder vielleicht nur der Rest einer Erinnerung an eine Nähe, die nicht mehr existierte.

Die Uhr tickte laut. Niemand sprach.

Wir wussten, dass wir uns in diesem Moment weiter voneinander entfernt hatten als in all den Jahren zuvor. Nicht durch Streit. Sondern durch Klarheit.

Dann vibrierte Tamaras Handy auf dem Tisch. Schrill in dieser Stille. Sie sah auf das Display, und ihre Miene veränderte sich.

„Wir müssen los“, sagte sie.

Keine Erklärung.

„Dringend.“

Sie standen auf, fast hastig. Umarmungen gab es keine mehr. Nur knappe Gesten, wie man sie Fremden schuldet. Dann fiel die Tür ins Schloss.

Wir blieben einen Moment im Flur stehen. Es war nichts mehr zu sagen.

Und wir wussten: Nicht nur dieses Gespräch war vorbei.

Etwas Größeres war zerbrochen.

Wir räumten den Tisch ab, beide schweigend. Hin und wieder sahen wir einander an, fragend, ohne eine Frage zu stellen. Die Kinder kamen dazu und aßen den restlichen Kuchen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Babuschka gefiel das.

„Esst“, sagte sie.

In ihrer Stimme lag etwas aus einer anderen Zeit. Einer, in der Hunger real gewesen war und man nie wusste, ob es morgen etwas geben würde.

Morgen also sollte es so weit sein.

Das Referendum.

Keine drei Wochen waren vergangen, seit die ersten grünen Männchen aufgetaucht waren. Lautlos. Gesichtslos. Wie aus Nebel geschnitten. Inzwischen standen sie an Flughäfen, Kasernen, Straßen und Stützpunkten, und die Abstimmung, die über die Zukunft der Krim entscheiden sollte, fand unter ihren Gewehren statt.

Natascha und ich fühlten uns verraten, übernommen – nicht nur mit Waffen, sondern mit der Behauptung, alles geschehe freiwillig.

Wie es die anderen empfanden, wussten wir nicht. Viele sprachen nicht mehr offen. Gespräche brachen ab, sobald jemand dazukam. Gesichter gaben nichts preis, Blicke wichen aus, als könne Schweigen schützen.

Am Nachmittag kamen neue Nachrichten.

Das ukrainische Parlament in Kiew hatte die Befugnisse des Krim-Parlaments vorzeitig beendet. Juristisch, so hieß es, existierte jenes Parlament, das für morgen die Abstimmung angesetzt hatte, damit nicht mehr.

Hier änderte das nichts.

Die Plakate blieben hängen. Die Wahllokale wurden vorbereitet. Morgen würde abgestimmt werden.

Dann kamen Meldungen aus dem Norden. Bewaffnete Kräfte waren bei Strilkowe auf die Arabat-Nehrung vorgedrungen, bereits jenseits der administrativen Grenze der Krim. Es ging um eine Gasstation. Um sechzig, vielleicht achtzig Bewaffnete war die Rede, um Hubschrauber, um russische Soldaten oder Selbstverteidigungskräfte – je nachdem, wem man zuhörte.

Plötzlich stand eine andere Frage im Raum.

Wenn sie die Krim nahmen – wo hörte es auf?

Auch aus Donezk kamen Bilder. Wieder russische Fahnen, wieder Tausende Menschen auf den Straßen. Sie verlangten ein Referendum, Föderalisierung, Russisch als Staatssprache und die Freilassung des selbsternannten „Volksgouverneurs“ Pawlo Gubarew. Menschen zogen zum Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes.

Die Krim war nicht mehr allein.

Vielleicht war sie nur der Anfang.

Und während wir versuchten zu verstehen, was in unserem eigenen Land geschah, wurde in New York über uns abgestimmt. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen lag eine Resolution auf dem Tisch, die das Referendum auf der Krim nicht anerkennen wollte.

Dreizehn Staaten stimmten dafür.

China enthielt sich.

Russland legte sein Veto ein.

Damit war auch das erledigt.

Draußen peitschte der Wind gegen die Fenster. Äste schlugen an die Scheiben. Auf den Straßen flatterten die Plakate für die morgige Abstimmung.

Es fühlte sich nicht an wie ein Referendum.

Es fühlte sich an wie eine Kriegserklärung, nur dass niemand sie ausgesprochen hatte.

Trotzdem hielten wir an einem Rest Hoffnung fest. Viele – das wussten wir aus Gesprächen – hatten nicht vor, zur Abstimmung zu gehen. Schon gar nicht wollten sie irgendwo erfasst oder fotografiert werden. Niemand wollte sein Gesicht zeigen.

Gleichzeitig hörten wir andere Geschichten. Von Beamten und Beschäftigten, auf die Druck ausgeübt werde. Von Menschen, die erscheinen sollten. Es hieß, Busse würden eingesetzt, Menschen von einem Ort zum anderen gebracht. Was davon stimmte und was Gerücht war, konnten wir nicht mehr unterscheiden.

Vielleicht, dachten wir, würde sich alles als Farce erweisen.

Vielleicht würden die Wahllokale leer bleiben.

Vielleicht würde die Beteiligung so gering sein, dass niemand dieses Ergebnis ernst nehmen konnte.

An solche Gedanken klammerten wir uns.

Am späten Abend kam noch eine Meldung aus Simferopol.

Bewaffnete Männer waren in das Hotel Moskva eingedrungen, eines jener Hotels, in denen die vielen ausländischen Journalisten untergebracht waren, die wegen des Referendums auf die Krim gekommen waren. Männer mit Sturmgewehren und Masken sperrten Stockwerke ab. Journalisten wurden kontrolliert, Speicherkarten abgenommen. Danach hieß es, es habe sich um eine Übung gehandelt. Oder um die Suche nach einem Bewaffneten. Oder um einen falschen Alarm.

Niemand wusste mehr, welche Erklärung eigentlich gelten sollte.

Natascha und ich sahen uns die Bilder an.

Morgen sollte die Krim entscheiden.

Naiv.