12. MÄRZ
Natascha und ich gingen früh hinaus. Der Hund bestand auf seiner Runde, und wir verbanden sie mit den nötigen Einkäufen für die kommenden Tage. Es war kalt. Nicht nur draußen. Auch in uns hatte sich eine Kälte festgesetzt, die nichts mehr mit der Jahreszeit zu tun hatte.
Auf den Straßen lag eine merkwürdige Leere. Die Häuser standen wie immer, Autos fuhren, Menschen gingen ihren Weg. Und doch war alles verschoben. Man ging nicht mehr miteinander, sondern aneinander vorbei. Kein Wort zu viel, kein Blick zu lang. Über der Stadt lag eine Müdigkeit, die nicht vom Schlafmangel kam – eine Erschöpfung aus Vorsicht.
Und dann, mitten in dieser Gedrücktheit, etwas, das uns lächeln ließ.
Auf einem Balkon im zweiten Stock hingen zwei Handtücher zum Trocknen.
Blau. Gelb.
Kein Banner, kein Ruf, keine Geste für Kameras – nur Stoff. Ein leises, trotziges Bekenntnis.
Widerstand in Baumwolle.
Auch einige Taxifahrer, oft Tataren, hatten kleine ukrainische Flaggen in ihren Autos. Unauffällig, fast schüchtern, aber sichtbar. Mut, der nicht schrie.
Wir erzählten es zu Hause weiter, als wäre es ein kleines Wunder. Als Beweis, dass nicht alles verloren war.
Später hörten wir anderes. Gerüchte. Dass eine Wohnung beinahe gestürmt worden sei. Dass ein Mädchen geschlagen worden sei, nur weil sie eine Kette mit ukrainischen Symbolen getragen hatte. Ob es stimmte, wussten wir nicht. Aber allein die Vorstellung genügte. Angst braucht keine Beweise.
Was wir selbst sahen, war eindeutiger.
Ein Mädchen, kaum sechzehn, mitten in der Stadt. Die ukrainische Flagge hatte sie sich um die Schultern gelegt wie einen Mantel. Männer kamen auf sie zu. Stießen sie. Zerrten sie weg.
Niemand griff ein.
Kein Wort. Kein Schritt.
Solche Szenen wurden häufiger.
Der Gedanke kam zunächst fern, wie ein Echo aus einem anderen Jahrhundert. Und doch ließ er sich nicht mehr wegschieben. Ging es jetzt los? Nicht mit einem Schlag. Nicht mit Panzern auf den Straßen. Sondern mit Verschiebungen. Mit Markierungen im Kopf. Mit Blicken, die länger haften blieben. Mit der Frage, welches Zeichen man noch tragen durfte und welches besser nicht.
Man musste 1938 nicht aussprechen, um an 1938 zu denken.
Mir wurde angst und bang. Die Luft war elektrisch, gespannt wie vor einem Gewitter. Worte reichten, um Misstrauen zu säen. Ein Blick konnte kippen. Ein Gerücht, ein falscher Satz, ein Schuss zur falschen Zeit – und etwas hätte sich entzünden können, das niemand mehr kontrollierte.
Doch statt eines Ausbruchs senkte sich etwas anderes über den Tag.
Stille.
Keine Erleichterung. Eher ein Innehalten. Wie vor dem nächsten Schritt.
Zu Hause kochten wir, telefonierten, suchten weiter nach einem Plan. Nach etwas, das man Schritt für Schritt erledigen konnte, als ließe sich dieses übergestülpte Labyrinth durch Disziplin bezwingen.
„Ruhe halten“, hieß die Devise.
Also hielten wir Ruhe.
Doch diese Ruhe war brüchig. Durchlöchert von Meldungen, Stimmen und Entscheidungen, die sich tropfenweise in das Bewusstsein fraßen.
Seit gestern lag die Unabhängigkeitserklärung der Krim und Sewastopols auf dem Tisch. Sollte das Referendum entsprechend ausgehen, wollten sie sich für unabhängig erklären und anschließend Russland um Aufnahme ersuchen.
Vier Tage noch.
Vier Tage bis zu einer Abstimmung, deren Ergebnis für jene, die jetzt die Macht auf der Krim hatten, offenbar längst feststand.
Aus Kiew hieß es, die ukrainische Führung werde keine militärische Großkonfrontation auf der Krim beginnen. Was immer die Gründe dafür waren – für uns klang es wie die Bestätigung dessen, was wir längst ahnten: Von dort würde keine Armee kommen.
Ich wusste nicht einmal, ob ich mir wünschte, dass sie käme.
Was dann?
Ukrainische gegen russische Soldaten? Hier? Zwischen unseren Häusern, auf unseren Straßen?
Allein der Gedanke war absurd.
Und gleichzeitig war da dieses Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein.
Kurz darauf die nächste Meldung. Der Flugverkehr werde eingeschränkt. Bis nach dem Referendum sollten Verbindungen zum ukrainischen Festland weitgehend ausgesetzt werden. Man wolle verhindern, dass „Provokateure“ auf die Halbinsel gelangten.
Provokateure.
Wieder so ein Wort.
Niemand musste erklären, wer damit gemeint war.
Nur Stunden später wurden Verbindungen vom Flughafen Simferopol gestrichen. Flüge nach Kiew fielen aus, internationale Verbindungen wurden eingeschränkt. Dimitry hatte es wohl noch geschafft.
Stunde um Stunde schien die Halbinsel ein Stück weiter vom Rest des Landes abzurücken.
Die Linien wurden enger.
Nicht mit Panzern.
Mit Sätzen.
Dann kamen die Zahlen.
Siebenundvierzig Einrichtungen des ukrainischen Grenzschutzes seien inzwischen blockiert, besetzt oder außer Betrieb gesetzt worden, hiess es. Dienststellen, Kontrollpunkte, technische Beobachtungsposten, der Flughafen von Simferopol, die Fährverbindung von Kertsch.
Siebenundvierzig.
Ich versuchte mir vorzustellen, was diese Zahl eigentlich bedeutete.
Man hatte nicht irgendwo einen Schlagbaum übernommen. Man nahm der Ukraine Stück für Stück die Möglichkeit, ihre eigene Grenze auf der Krim zu kontrollieren.
Und während wir uns am Morgen noch über zwei blau-gelbe Handtücher auf einem Balkon gefreut hatten, kamen über Kertsch russische Militärfahrzeuge auf die Halbinsel. Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes waren seit Ende Februar bereits weit über hundert registriert worden – Lastwagen, gepanzerte Fahrzeuge, militärisches Gerät.
Sogar von Grad-Raketenwerfern war die Rede.
Ich las die Meldung zweimal.
Raketenwerfer.
Wozu brauchte man Raketenwerfer, wenn man angeblich nur die Bevölkerung schützen wollte?
Wozu Soldaten ohne Abzeichen? Wozu Straßensperren? Wozu besetzte Flughäfen? Wozu die Kontrolle der Grenzen?
Und vor allem: Schutz vor wem?
Am selben Tag kam wenigstens eine Nachricht, die zunächst wie eine gute klang.
Zwei Euromaidan-Aktivistinnen, Oleksandra Rjasanzewa und Kateryna Butko, waren wieder frei. Sie waren drei Tage zuvor an einem Kontrollpunkt auf der Krim verschleppt worden.
Wieder frei.
Ich blieb an diesen beiden Worten hängen.
Früher hätte die Nachricht gelautet, dass zwei Frauen nach Hause gekommen waren. Jetzt war es eine Nachricht, dass zwei Menschen nicht mehr verschwunden waren.
Und die eigentliche Frage blieb:
Warum hatte man sie überhaupt verschleppt?
Auch von Journalisten kamen immer mehr Meldungen. Sie wurden angehalten, bedroht, ihre Ausrüstung wurde beschlagnahmt. Manche durften nicht weiterfahren. Wer eine Kamera trug, konnte plötzlich verdächtig sein.
Eine Wirklichkeit, die nicht gefilmt wurde, ließ sich leichter erklären.
Am Abend folgte eine Meldung der nächsten.
Selbst Ivan Šimonović, der Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten Nationen, kam nicht auf die Krim. Die neuen Machthaber ließen ausrichten, seine Sicherheit könne nicht gewährleistet werden.
Ich musste darüber fast lachen.
Nicht weil es komisch war.
Sie kontrollierten das Parlament. Sie kontrollierten Straßen und Flughäfen. Bewaffnete Männer standen an den Zufahrten. Ukrainische Einrichtungen wurden blockiert.
Aber ausgerechnet die Sicherheit eines UN-Diplomaten konnten sie nicht gewährleisten.
Man begann, diese Sprache zu verstehen.
Auch die OSZE-Beobachter waren mehrfach an Straßensperren gestoppt worden. Bewaffnete Männer hatten ihnen den Weg versperrt und mit Schusswaffen gedroht.
Unbewaffnete internationale Beobachter.
Ich fragte mich, was sie hätten sehen können, das so gefährlich war.
Vielleicht sollten sie einfach gar nichts sehen.
Das geplante Referendum war international längst umstritten. Eine reguläre OSZE-Wahlbeobachtung würde es nicht geben. Aus Kiew und aus dem Westen hieß es, die Abstimmung widerspreche der ukrainischen Verfassung und könne unter diesen Bedingungen nicht als rechtmäßig anerkannt werden.
Hier bereitete man sie trotzdem weiter vor.
Spät am Abend zeigte das Fernsehen Bilder aus Washington.
Obama neben Jazenjuk.
Auf dem Rednerpult, in blauen Lettern:
Stand with Ukraine.
Große Worte.
Sie wirkten fern, beinahe abstrakt. Wie eine Durchsage aus einem anderen Leben.
Hier verschoben sich Grenzen nicht auf Karten, sondern in Köpfen, Häusern und Straßenzügen. Und jeder Tag trug ein Stück dazu bei.
Aus dem Radio peitschten Parolen, das Fernsehen trug sie mit einem Lächeln weiter – so geschickt verpackt, dass Manipulation nicht mehr wie Lüge wirkte, sondern wie Wahrheit.
Ich weiß nicht warum, aber ich musste an einen Sketch denken, den ich Monate zuvor gesehen hatte. Zwei russische Wissenschaftler arbeiteten für das Militär und erfanden – noch zu Breschnew-Zeiten – das Mobiltelefon.
Das Militär reagierte empört.
Wozu das?
Soll die ganze Welt sehen, dass wir keine Kabel mehr produzieren?
Der Witz hatte damals funktioniert.
Jetzt nicht mehr.
Damals war es Komik. Jetzt klang es wie ein Kommentar zur Wirklichkeit.
Wer den Hörer hob, um ins Ausland zu sprechen, tat es inzwischen mit der stillen Gewissheit, möglicherweise nicht allein auf der Leitung zu sein.
Nicht abgehört zu werden war kein Recht mehr.
Es war Glück.
Formularende
13. MÄRZ
Ich dachte noch an den Flughafen. Daran, dass er jetzt praktisch abgeschnitten war, und daran, ob wir etwas verpasst hatten.
Eine Chance vielleicht.
Aber es gab ja noch die Züge. Und das Auto.
Dann sah ich auf den Kalender.
Noch drei Tage bis zum Referendum.
Die Telefonate wurden weniger.
Und obwohl der Frühling anklopfte – mit Sonne, mit Licht, mit dem Versprechen von Leben –, fühlten wir uns nicht leichter. Eher schwerer. Als läge etwas Unsichtbares auf der Brust und drückte langsam nach unten.
Gespräche auf der Straße waren mühsam geworden. Es gab nur noch Schwarz oder Weiß, Freund oder Feind. Wer versuchte, dazwischen zu sprechen, wurde gezwungen, Farbe zu bekennen – notfalls gegen den eigenen Willen. Selbst Schweigen konnte bereits als Antwort verstanden werden.
Trotzdem fuhren wir zur Messe für Garten und Hof. Unsere Teilnahme lief seit Tagen, ein Mitarbeiter war bereits dort gewesen – heute wollten wir selbst hin. Sehen, hören, verstehen. Uns erzählen lassen, wie es draußen klang.
Wir trafen Asan mitten in einer kleinen Gruppe von Kunden.
Gedüngt werden musste schließlich trotzdem.
Die nächste Saison kam, ob mit oder ohne Politik. Der Natur war es gleichgültig, wer über sie herrschte.
Dieses Geschäft hatten wir über Jahre parallel aufgebaut. Ein vollständig biologischer Dünger, so rein, dass man ihn hätte essen können. Drei Jahre lang waren wir von Betrieb zu Betrieb gefahren, hatten Versuche gezeigt, Ergebnisse dokumentiert, Vertrauen aufgebaut. Wir hatten Zeit investiert. Geld. Glauben. In gewisser Weise alles auf eine Karte gesetzt.
Am Ende wurden wir ausgezeichnet. Bis hin zu einer offiziellen Versammlung unter Leitung des Agrarministers, der unser Produkt als den „besten Dünger seit Jahrzehnten“ bezeichnete. Im Wein- und Obstbau schlug es ein wie eine Bombe – eine Innovation aus der Nanotechnologie, prämiert mit Gold, gefeiert in Fachpresse und Fernsehen.
Gerade dadurch hatten sich Türen geöffnet, von denen wir zuvor nur geträumt hatten. Wir schlossen Verträge mit Betrieben, die mehr als zweitausend Hektar Obstplantagen bewirtschafteten. Vereinbarungen von einem Gewicht, das man sonst nur aus Präsentationen kannte.
Auch mit Massandra war alles unterschrieben.
Ein Name von weltweitem Klang. Ein Partner, der unser Produkt auf eine andere Ebene gehoben hätte.
Und nun stand alles auf der Kippe.
Nicht wegen der Qualität.
Nicht wegen der Nachfrage.
Wegen einer Grenze.
Unsere Lizenz galt ausschließlich für die Ukraine. Zehn Jahre. Klar begrenzt. Gestern war die Krim Teil dieses Marktes gewesen. Was sie in wenigen Tagen sein würde, wusste niemand.
Eine neue Lizenz für Russland zu beantragen, kam für uns nicht in Frage. Nicht nur wegen der Kosten. Sondern wegen der Strukturen, denen wir uns hätten unterwerfen müssen. Wegen der Abhängigkeiten. Wegen der Bedingungen.
Das war uns beiden klar, ohne dass wir darüber sprechen mussten.
Während draußen eine neue Ordnung vorbereitet wurde, standen wir zwischen Säcken Erde, Prospekten und Menschen, die nach etwas Greifbarem suchten.
Wachstum.
Verlässlichkeit.
Eine Zukunft, die man anfassen konnte.
Asan, fast zwei Meter groß, ein Tatar, stand hinter unserem kleinen Stand, die Hände tief in den Taschen. Zwischen den Säcken mit Dünger lag der Geruch von Erde und Frühling in der Luft.
Er gehörte zu jenen Menschen, denen man Vertrauen schenkt, noch bevor man weiß, wofür. Seriös, aufmerksam, auf jeden Kunden eingestellt. Und zugleich trieb er mich mit seinem Humor regelmäßig in den Wahnsinn. Er konnte zu einem Mädchen gehen und sagen:
„Lass mich dich beschützen – vor allem vor mir.“
Und erstaunlicherweise lachten sie immer.
„Wie läuft’s?“, fragte ich.
Noch während der Satz zwischen uns stand, wusste ich, dass es keine einfache Antwort mehr geben würde.
Er zuckte mit den Schultern.
„Besser als gedacht. Die Leute kaufen. Vielleicht nicht so viel wie letztes Jahr – aber sie kaufen.“
Dann sah er mich an und senkte die Stimme.
„Bargeld ist knapp. Für viele. Für mich auch.“
Ich nickte.
„Reden sie mit dir?“, fragte ich.
Er verzog den Mund.
„Mit mir? Kaum. Mit dir … mit euch – ja. Fast jeder will etwas loswerden, wenn er hört, woher ihr kommt.“
Ich schwieg.
„Manche schimpfen“, fuhr er fort. „Sagen: Ihr werdet schon sehen, was passiert. Als hättet ihr das persönlich beschlossen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Andere bedanken sich. Für eure Haltung. Für die Demonstrationen. Für das, was ihr gesagt habt.“
Sein Blick wanderte zu einem alten Mann, der mühsam einen Sack Dünger auf einen Anhänger zog.
„Die meisten reden aber gar nicht über Politik. Sie sagen nur: Alles wird besser. Meistens sind das die Städter.“
Er sah mir wieder ins Gesicht.
„Die vom Land sind wütender. Die fragen, was das alles soll. Und viele sagen auch, sie gehen gar nicht zum Referendum.“
Er sagte es sachlich. Aber in der Art, wie er den Satz enden ließ, lag kein Trotz.
Nur Müdigkeit.
„Wut ist wenigstens ehrlich“, sagte ich.
Er nickte.
„Und Angst auch. Aber die sagt keiner laut.“
Aus irgendeinem Radio drangen wieder Stimmen über den Stand. Dieselben Sätze, dieselben Behauptungen, immer wieder. Das Radio machte mich wahnsinnig. Es fühlte sich längst nicht mehr an wie Information. Eher wie Beschuss.
Wir schwiegen eine Weile.
Die Sonne stand tief und ließ Metalltische und Plastikplanen glitzern, als wäre alles ganz normal. Zwischen Gesprächen über Dünger und Obstblüte, über Regenwahrscheinlichkeiten und Pflanztermine schob sich immer wieder ein Satz über die Zukunft. Über Russland. Über Kiew.
Nie laut.
Aber immer da.
„In Summe läuft es gut“, sagte Asan schließlich. „Vielleicht glauben manche, es ist das Letzte, was sie noch kaufen können.“
Während ich ihm half, einen Sack auf die Ladefläche eines alten Ladas zu wuchten, dachte ich: Der Handel lief – und das war gut. Wir brauchten das Bargeld dringend.
Aber noch dringender brauchten wir ein Gefühl dafür, ob es überhaupt noch ein Später gab, für das wir planten.
Natascha und ich sprachen noch mit einigen vertrauten Kunden. Mit Natascha redete man gern. Sie hatte diese seltene Gabe, Menschen zum Sprechen zu bringen – selbst dann, wenn sie längst beschlossen hatten zu schweigen.
Auch der Dekan der Universität war gekommen, begleitet von einigen Professoren. Wir kannten uns, man sprach miteinander, aber anders als früher. Freundlich, beinahe beiläufig, und doch schien jeder Satz einen Augenblick länger geprüft zu werden, bevor man ihn aussprach.
Niemand sagte zu viel.
Vielleicht war das inzwischen das Auffälligste: Nicht was die Menschen sagten, sondern was sie wegließen.
Als wir schließlich zusammenpackten und nach Hause fuhren, sahen wir am Rand der Straße eine kleine Gruppe Frauen.
Ich nahm sie zunächst kaum wahr.
Ein paar Frauen. Einige hielten weiße Plakate vor sich. Seltsam war nur, dass nichts darauf stand.
Dann waren wir schon vorbei.
„Hast du das gesehen?“, fragte ich.
Natascha drehte sich noch einmal um.
„Ja.“
Mehr sagten wir nicht.
Erst am Abend sahen wir die Bilder im Internet. Frauen in Simferopol, schweigend nebeneinander. Über den Mündern blaues Klebeband. In den Händen leere Plakate.
Kein Wort darauf.
Es brauchte auch keines.
In einer Stadt, in der inzwischen jedes Wort gefährlich werden konnte, genügte plötzlich ein leeres Blatt.
Dann ein kurzer Schwenk nach Kiew.
Die Werchowna Rada hatte die Nationalgarde wiedererrichtet. Bis zu sechzigtausend Mann sollten ihr angehören können. Freiwillige meldeten sich, die Ukraine begann, sich auf etwas vorzubereiten, dessen Ausmaß noch niemand kannte.
Ich sah die Bilder und hatte für einen Moment das Gefühl, ein anderes Land zu betrachten.
Kiew bereitete sich darauf vor, die Ukraine zu verteidigen.
Wir saßen auf der Krim und wussten nicht einmal mehr, wie lange wir noch zu dieser Ukraine gehören würden.
Dann war Kiew wieder weg.
Die Nachrichten kehrten zurück nach Simferopol.
Jurij Meshkov erschien auf dem Bildschirm.
Er war am Vortag aus Moskau auf die Krim zurückgekehrt und gab nun seine angekündigte Pressekonferenz.
Ich kannte ihn kaum.
Babuschka sehr wohl.
Sie sah zum Fernseher und lachte kurz, halb verächtlich.
„Der hat uns noch gefehlt.“
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Der Idiot.“
Ich fragte, wer das sei.
Der erste – und einzige – Präsident der Krim, erklärte sie mir.
Meshkov war 1994 gewählt worden, in einer Zeit, in der auf der Krim schon einmal offen über eine engere Bindung an Russland gestritten worden war. Ein Jahr später hatte Kiew die damalige Krim-Verfassung aufgehoben und das Präsidentenamt abgeschafft. Meshkov war nach Russland gegangen. 2011 war er noch einmal zurückgekehrt und anschließend aus der Ukraine ausgewiesen worden.
Und jetzt saß er wieder vor Kameras in Simferopol.
Er erklärte, er habe seinen Eid als Präsident der Krim niemals abgelegt und sei bereit, die Halbinsel wieder zu führen.
Ich sah zu Babuschka.
Sie winkte nur ab.
Für sie war Meshkov kein Gespenst aus einem Geschichtsbuch. Sie erinnerte sich an ihn.
Ich nicht.
Vielleicht machte gerade das den Unterschied.
Für mich war das alles neu. Russische Soldaten ohne Abzeichen. Ein Referendum. Eine Unabhängigkeitserklärung. Die Frage, ob die Krim bald zu Russland gehören würde.
Für andere kamen mit diesen Tagen auch alte Namen zurück.
Alte Streitigkeiten.
Alte Vorstellungen.
Und nun sogar alte Männer.
Später am Abend kam noch eine Meldung.
Drei Aktivisten wurden vermisst.
Oleksij Hryzenko, Natalija Lukjantschenko und Serhij Suprun waren von Sewastopol nach Simferopol gefahren. Am späten Abend hatten sie noch telefoniert. Sie würden verfolgt, hieß es. Mehrere Autos seien hinter ihnen.
Dann Schüsse.
Dann brach die Verbindung ab.
Ich saß da und dachte an die beiden Frauen, über deren Freilassung wir uns erst gestern gefreut hatten.
Wieder frei.
So hatten die Worte gelautet.
Heute verschwanden die Nächsten.